Wir feiern Bayern – der Tonkünstlerverband Bayern ohne Musik von Komponistinnen?

Bayern feiert 2018 100 Jahre Freistaat, 200 Jahre Verfassungsstaat. Ja, liebes Restdeutschland, am 8.11.1918 rief Kurt Eisner in München einen Tag vor Philipp Scheidemann in Berlin den „Freistaat“ aus, also die Republik – nicht anderes bedeutet Freistaat. Unter seinen Freunden der Republik finden sich v.a. Männer, aber auch Clara Zetkin oder Sarah Sonja Lerch, die heimliche bayerische Rosa Luxemburg. 2018 nimmt das Bayern zum Anlass, um mit vielfältigen Projekten die beiden Jubiläen zu begehen. Ein Teil davon sind zwei Gesprächskonzerte des bayerischen Tonkünstlervereines (DTKV Bayern), dem als Standesvertretung der professionell tätigen Musikerinnen und Musiker auch Komponistinnen und Komponisten angehörten, man denke an deren häufige Präsenz in den Konzertreihen „Studio für Neue Musik“ der Regionalverbände München und Würzburg. Die Gesprächskonzerte, die nichts mit dem „Studio“ zu tun haben veranstaltet nicht der jeweilige Regionalverband, sondern der Landesverband Bayern des DTKV: am 7.11.18 in Würzburg, am 11.11.18 in München, jeweils zusammen mit den dortigen Musikhochschulen.

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In Würzburg sind Frauen als Musikerinnen angekündigt, ansonsten Lehrende vor Ort, der ehemalige Vorsitzende des Landesverbandes Franz Peter Messmer und der aktuelle Ulrich Nicolai, anwesender Komponist Klaus Hinrich Stahmer. Musik ist dem Flyer gemäß „u.a. von den Würzburger Komponisten Bertold Hummel, Klaus Ospald, Klaushinrich Stahmer, Christoph Wünsch“ annociert. „Dazu Karl Amadeus Hartmann: Klaviersonate »27.April 1945« sowie Auszüge aus Richard Strauss’ »Krämerspiegel«.“

In München ist ein Komponistin als Gesprächsteilnehmerin angekündigt – Dorothea Hofmann – , eine weitere angefragt – Isabel Mundry. Dazu der ehemalige und aktuelle Vorsitzende wie in Würzburg, der Hochschulpräsident Bernd Redmann, der Klavierprofessor Markus Bellheim und der Violinprofessor Ingolf Turban. Der Flyer weiß: „Zur Aufführung kommen durch die renommierten Solisten Markus Bellheim (Klavier) und Ingolf Turban (Violine) u.a. Werke von Max Reger, Richard Strauss, Karl Amadeus Hartmann, Paul Ben Haim, Willhelm Killmayer und Bernd Redmann.“

Screenshot aus beiden Gesprächskonzerten des DTKV Bayern ohne bisher annoncierte Werke von Komponistinnen in Bayern

Nachdem ganzheitlich gesagt wird, dass es im Konzert „sowohl um kompositorische Fragen und stilistische Entwicklungen, als auch um politische und gesellschaftliche Einflüsse, die sich im Musikleben des 20. Jahrhunderts in Bayern bemerkbar machten“, geht, also Kunst nicht allein die krönende Frage ist, vermisst man Werke der bayerischen Komponistinnen, wenn man „politische und gesellschaftliche Einflüsse“ als Themenstellung annimmt. Zudem muss ein Berufsverband ja nicht zu 100% künstlerisch kuratieren, sondern vertritt und sollte Frauen und ihre Anliegen vertreten, was spätestens den Verbänden nach der Grütters-Studie wieder brisant ist: der gender-pay-gap ist immer noch fett.

Nun findet man nicht seit 1918 1:1 Komponistinnen wie Komponisten vertreten. Aber gibt der DTKV nicht eine Reihe heraus namens „Komponisten in Bayern“, wo immerhin auch einige Frauen präsentiert werden, aktuell Gloria Coates zum 80. Geburtstag? Zwar mag nicht jede der dort vertretenen Damen eine antifaschistische Hartmann-Sonate oder einen Straussschen Krämerspiegel komponiert haben. Aber geht man davon aus, dass Richard Strauss eine politisch ambivalente Gestalt war, die in den beiden Konzerten präsent ist, so kann man auch Musik z.B. von Philippine Schick programmieren, die just 1918 ihren Abschluss an der damals gerade noch königlichen Akademie der Tonkunst in München machte, sich zuerst mit dem NS-Regime, Strauss ähnlich, arrangierte, nach dem Krieg noch als wichtige Künstlerin und Lektorin an der Uni München wirkte. Oder Gunild Keetman, von der die schönsten Teile des Orff-Schulwerks stammen. Oder als Beweis des Erreichten an Emanzipation im Jahre Verena Marisa oder eben nachgerade Gloria Coates oder Vivienne Olive? Oder die Wahlbayerin Ruth Zechlin oder die als Mann geborene, zur Frau gewordene Kerstin Thieme?

Nachdem in den Flyern „u.a.“ steht, wäre es doch unter Eindruck dieses Blogs oder aufgrund der hier erwähnten und vielleicht noch viel interessanteren von mir hier ausgelassenen weiblichen Namen möglich, zumindest da umzusteuern? Eine Info-Quelle wäre sonst im Vorfeld auch das Archiv Frau und Musik gewesen, eine späte Info-Quelle ggf. die Diskussionsrunde „Frauen in der Neuen Musik“ am 27.10.18 bei „Antennenglühn“ mit Charlotte Seither (GEMA-AR, Präsidium DMR), Katharina Schmauder (DKV, musica femina), Mary Ellen Kitchens (Vorstand Archiv Frau und Musik) und Andreas Kolb (nmz)? Wie gesagt, nachglühen wäre jetzt, wenn auch sehr spät, noch denkbar, möglich. Und das Fehlen von queeren Komponierenden, ein anderes Kapitel. Denn eine Chance haben wir und die weiblichen Kolleg*innen ja: 2118!

Disclaimer: Auf das Thema stieß ich bei Lektüre all der Veranstaltungen zum bayerischen Jubiläumsjahr. Dass Kolleginnen zwar mitreden, aber nicht gespielt werden, stieß mir rein persönlich auf, da ich als Fachgruppe E-Musik (FEM) stv.Vorsitzender im Dt. Komponistenverband sowie Konzertmacher früher wie aktuell immer wieder tolle Kolleginnen erlebe, ja, eine Komponistin, Isabel Mundry, meine Lehrerin nennen darf, mit Charlotte Seither, Kathrin Denner und Christian Diemer ein Papier der FEM verfassen durfte, etcpp.

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Alexander Strauch

KomponistIn

3 Antworten

  1. Karola sagt:

    Jawoll! Danke für diesen guten Beitrag.

  2. Herr Holle sagt:

    Ja, vielen Dank!
    Ausgerechnet an der Münchner Hochschule wieder das allbekannte Namedropping der eh schon „festgesessenen“ Namen (im Vergleich).

  1. 30. Oktober 2018

    […] Tonkünstlerverband Bayern – Feier 100 Jahre Freistaat ohne Komponistinnen? (nmz.de) […]

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