Eine Begegnung von Aussen – zum Tode Klaus K. Hüblers

Ich fasse es nicht! Klaus K. Hübler, der für mich radikalste Komponist in München, ist anscheinend vor kurzem gestorben. Und wie es mit ihm bisher immer war, erreichte mich diese Nachricht nicht über Münchner Kreise, sondern nahm ihren Umweg über das Ausland. Pavlos Antoniadis war der erste, der mich darauf aufmerksam machte. Und er hatte davon wohl durch den Blog „The Rambler“ erfahren.

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Ich will nicht viel über Klaus K. Hübler schreiben, da es hierzu wohl Berufenere als mich gibt. Dennoch durchfuhr es mich wie ein Blitz, als ich über sein Hinscheiden lesen musste. Hüblers Musik erreichte mich wie gesagt nicht über München, sondern über das Ausland. In Bamberg verbrachte ich im Internationalen Künstlerhaus meine Zeit 2001/02 mit dem niederländischen Kollegen Eric Verbugt. Er machte mich mit einigen Werken bekannt und war ein glühender Verehrer Hüblers. Eric fing als Gitarrist an und erzählte begeistert über seine Annäherung an „Reißwerk“ (1987) für Gitarre solo.

Mich begeisterte in unseren Gesprächen vor allem das kristalline, zerbrechliche und doch im Geheimnisvollen unglaublich mächtige Werk „Feuerzauber – auch Augenmusik“ (1981) für 3 Flöten, 2 Musiker an einer Harfe und Cello. Sehr schwer zu lesen und zu spielen, zieht es mich mit den sich zufällig ergebenden Zwischengeräuschen und Zwischentönen in Bann, die dann gerade unkontrolliert entstehen, je korrekter man den Notentext umsetzt.

Jemand versuchte einmal Hübler als Synthese von Lachenmann und Ferneyhough zu charakterisieren. Das trifft technisch wohl zu. Beim Anhören und Zusehen enzieht sich Klaus K. Hüblers Musik aber immer noch extremer als die schwierigsten Musiken der beiden Älteren.

Traditionelle Tonhöhenerzeugung mit der linken Hand, unabhängiges Saitenspiel mit der Rechten Hand, Bogendruck, Dynamik wiederum für die Tonhöhenhand, etc., teilt Hübler in seinen Werken für Streichinstrumente auf bis zu 5 Systemen auf wie z.B. im 3. Streichquartett „Dialectische Fantasie“. Das löst die erlernte Koordination des Musikerkörpers vollkommen auf, das lässt die Physis zeitlich und emotional zugleich in mehrere Wormlöcher rutschen.

Das erzeugte Widerstand der Spielerinnen und Spieler, das machte Hüblers Musik nur ganz Wenigen bekannt und zugänglich. Dabei ist hier eine Pluralität und Multidimensionalität Fakt, die die Postmoderne oft verzweifelt mit Allusionsballungen und Zitathäufungen zu erreichen versucht und so doch zu oft nur Sentimentalität quantifiziert.

Doch es gibt statt dem komplexen Hübler auch den reduzierten, metaphysischen: nach seiner radikalen Zeit, die dem 1956 in München geborenen bereits 1977 den Stuttgarter Förderpreis für Komposition nach Studien bei Peter Kiesewetter und Brian Ferneyhough bescherte, ihn auf die wichtigsten Foren den Neuen Musik jener Zeit brachte, verstummte er ab 1989 aufgrund einer schweren Erkrankung und begann erst 6 Jahre später wieder als Komponist zu wirken.

Ähnlich seinem Lehrer Kiesewetter, der immer stärker seine Klangsprache reduzierte, räumte auch Hübler immer mehr seine Musik auf, wovon z.B. „Palimpsest – Konjektionen für Bassflöte“ (2003) zeugt, die ich auf einem Musikfest der MGNM durch die Solistin Carin Levine erleben durfte, da ich nach den Gesprächen mit Verbugt selbst ein Flötensolo schuf, das ganz anders, eher performativ, die Idee des Aufrauhens, Abkratzens von Klang und Zeit in Angriff nahm. Und wieder lernte ich Hübler durch eine externe Nicht-Münchnerin, eben Carin Levine kennen (hier im Beispiel mit Astrid Schmeling).

Wann genau in den letzten Tagen Hübler verstarb, kann ich momentan noch nicht eruieren. Vor 2 Wochen schrieb ich hier erst, dass z.B. die Bayerische Akademie der Schönen Künste Hübler doch noch wohlverdient in ihre Reihen aufnähme. Was ihr mit Kiesewetter noch rechtzeitig gelang, hat sie nun verpasst. Statt sich mit Solidaritätsadressen zu befassen, sollte sie sich endlich den Wichtigsten des Musiklebens widmen und nicht sich beste und radikale Künstler wegsterben lassen. Da müssen wir alle mit uns hart ins Gericht gehen.

Zum letzten Mal Hübler von Aussen nach München kommend durfte ich im Herbst 2017 im Konzert des NKM-Neues Kollektiv München sein Trompetensolo „Finale und kurzes Glück“ aus seinem Krankheitsjahr 1989 durch Paul Hübner aufgeführt erleben und wird am 27.10.18 das Ensemble Neue Musik der Musikhochschule Würzburg mit Robert HP Platz, einem der wichtigsten Hübler-Dirigenten, „riflessi“ mitbringen.

Lieber Klaus Hübler, wir vermissen Dich und hoffentlich suchen wir jetzt endlich vermehrt nach den Zwischentönen.

Klaus K. Hübler (1956-2018)

Alexander Strauch.
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1 Antwort

  1. Hallo Alexander, Hübler ist am Montag in seiner Wohnung gestürzt und starb direkt. Pavlos hat es von mir erfahren, der Blogbeitrag von TRJ ist leider etwas dünn.

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