BR-Klassik-Frequenztausch: Zeitgewinn, ärgerliche Selbstkommentare des BR, sinnloses Entweder-Oder

Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks beschloss am Donnerstag letzter Woche mit 75% Zustimmung die Verschiebung des Sendemediumtausches von BR Klassik und Puls. Die Klassikwelle soll nun statt 2016 erst 2018 nur noch digital über DAB+ und Internet empfangbar sein. Gegen diesen Mediumwechsel, denn er ist nicht ein simpler Frequenztausch, wie manche Berichterstattung sagt, organisierte der Bayerische Musikrat, der Deutsche Kulturrat und die Deutsche Orchestervereinigung sowie etliche diesen nachgeordnete Verbände der Profimusiker und des Laienmusizierens die Petition „BR-Klassik muss bleiben“, die bayernweit immerhin knapp 50.000 Menschen mobilisierte, deutschlandweit wohl an die 60.000. Es ist zwar nicht die Mehrheit der BR-Nutzer, die BR-Klassik hören.

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Aber doch sind es genügend durch alle Alters- und Gehaltsklassen, die trotz bereits heute existierender paralleler Digitalangebote den Klassikfunk vorzugsweise über die klassische UWK-Welle empfangen. Mit der Umstellung auf rein digitale Empfangsmöglichkeiten wird diesen eine Verbesserung der Klangqualität versprochen. Angesichts der heute üblichen Signalkomprimierung auf DAB+ verliert der Sound allerdings eher an Brillanz als dass dies einen Gewinn darstellt. Nun versuchen die deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten seit einigen Jahrzehnten und die Hersteller von digitalen Empfangsgeräten die Hörerschaft insgesamt ins Feld des Digitalen zu locken. Doch bisher blieb die Nutzung wohl weit hinter den Möglichkeiten zurück, wird ausserhalb des BR-Sendegebiets dessen Angebot eher über Internet, Kabel und Satellit genutzt. Wobei die Vergrösserung des Sendegebiets durch DAB+ aktuell eine Augenwischerei ist: ausser in Bayern wird BR-Klassik über diesen Verbreitungsweg nur noch in Berlin zur Verfügung gestellt.

Am Sonntag kommentierte nun der BR selbst im B5-Medienmagazin den beschlossenen Mediumwechsel und seine gleichzeitig beschlossene Verschiebung um zwei Jahre. Eine der grössten Befürchtungen der dort an der Verschiebung geäusserten Kritik ist, dass 2018 das jetzt 2014 junge Hörerpublikum 2018 viel älter als zum ursprünglich anvisierten Tausch im Jahre 2016 sein wird. Denn, um es zu überspitzen, dieses finanziell arme Puls-Publikum wird dann genauso per Alterung wegbrechen wie das besser situierte, aber sehr alte BR-Klassik-Publikum: die einen lernen den BR nicht kennen und die ihn schätzen, sterben über kurz oder lang.

Aber kann man das mit einem Mediumwechsel wirklich aufhalten? Einerseits soll laut Kommentatorin Sissi Pitzer die Klassik digital fit gemacht werden, andererseits ist besonders die Jugend digital affin. Und wird diese eben nicht bisher bestens im digitalen Bereich des BR mit Puls-Internetempfang, Puls-App und Puls-Gastslots am Wochenenden auf der UKW-Welle von B3 bestens versorgt? Im Prinzip ist es die Umkehrung der Argumente der Klassik-Petition: was vom Angebot eines deutschen öffentlich-rechtlichen Senders nur digital verfügbar ist, hat es schwer, darüber hinaus eine Hörerschaft zu finden, die in etwa der von B2 Kultur oder BR-Klassik entspräche. Nur ein klassisch auf UKW verfügbares Programm und digital vernetztes Angebot haben heute überhaupt eine Chance, die Hörerschaft zu erreichen.

So sind in Augen des Kommentars vor allem die privaten bayerischen Verleger, die sich von Puls auf UKW bedroht sehen sollen – aber vor allem an der Rechtmäßigkeit eines Tausches einer Welle aus dem Digitalen ins Analoge zweifeln, wie es der bundesdeutsche Rundfunkstaatsvertrag als höheres Recht im Gegensatz zur bayerischen Landesgesetzgebung verbietet –, die von diesen wie der Musiklobby beeinflussten CSU-Politiker und die nach dieser Meinung von allen Seiten manipulierten Unterzeichnenden der Petition daran schuldig, dass erst 2018 getauscht werden soll. Vielmehr sollte man froh sein, nochmals vier Jahre gewonnen zu haben! Denn die grundlegenden Rezeptionsprobleme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Bild und Ton werden damit nicht gelöst, nicht einmal die Symptome werden verarztet.

Ein wichtiger Baustein der reinen BR-Klassik-Digitalisierung soll eine „digital concerthall“ sein, wie man sie von den Berliner Philharmonikern kennt. Dieses Orchester kann diese sich heutzutage nur Danke eines mächtigen Sponsors leisten. Und wo soll dafür beim BR das Geld herkommen? Die Rundfunkgebühren werden schon stark für den sündteuren Ausbau von DAB+ strapaziert werden. Da wird nicht viel für ein digitales Archiv und dessen Anreicherung mit alten und vor allem neuen Aufnahmen bleiben. Denn jedes Konzert wird im Extremfall eine Aufzeichnung in Bild und Ton darstellen. Bedenkt man den spürbaren Rückzug des BR aus Klassikkonzerten, die nicht seine Orchester und sein Chor produzierten, wird sich der BR dann noch mehr auf seine eigenen Klangkörper konzentrieren und Aufzeichnungen von externen Konzertveranstaltern in Bayern schier unmöglich sein.

In Komponistenkreisen munkelt man an Stammtischen, dass durch den Mediumwechsel letztlich die heute noch passablen GEMA-Einnahmen aus dem noch analogen Funkbereich wegfallen könnten. Irgendwer im Anstaltscontrolling wird schon die Meinung lancieren, dass es sich dann bei der nur noch digitalen Ausstrahlung von Musik lebender und noch nicht 70 Jahre verstorbener Kunstschaffender nur noch um ein einfaches Streaming handelt, wo eine Vergütung im Promillbereich stattfindet. Oder hat sich da schon jemand seitens des BR getraut, Zusicherungen des Erhalts des heutigen Status von sich zu geben? Zuletzt versuchte der BR seine Spacenight auf GEMA-freie Musik umzustellen, interveniert er immer wieder, wenn vom BR aufgenommene und klassisch verlegte Orchesterstücke ausgestrahlt werden sollen, wo neben der GEMA ja noch ordentliche Lizenzgebühren fällig werden. Aber dies ist Kleinklein!

Vielmehr ist und bleibt das Ausspielen der Generationen der Hörer von Klassik und Puls das Machtgeplänkel der Intendanz des BR gegen jegliche Vernunft, hat man sich die Kollegen aus den SWR-Leitungsetagen eben mit seiner Entscheidung so verrannt, dass jetzt nur eine Verschiebung das BR-interne Porzellan vor weiterem Zerschlagen bewahren kann. Vergleicht man die Entstehungsgeschichte z.B. von B3, welcher als Sender mit einem alternativen Jugendprogramm an den Start ging und heute ein „Adult Contemporary Format“-Sender ist, also ein Dudelfunk, wenn man dazu die Definition auf Wikipedia liest, der Hörer zwischen 25 und 49 Jahren mit Rock- und Pop-Oldies und ganz wenigen Neuheiten versorgt. Statt das Wochenendfenster von Puls dort auszubauen, um diese Welle kräftig zu verjüngen, scheint man sich vor dessen mächtiger Redaktion zu fürchten.

Seit Pensionierung des Hörfunkdirektors Johannes Grotzky, der wohl eine starke Stütze von BR-Klassik gewesen sein soll, scheint diese Säule nun um so mehr zu fehlen. Natürlich wird der BR in Zukunft, wie die Anstalt stets beteuert, seine Klassik-Klangkörper mehr promoten müssen als bisher. Daran wird aber ausschliesslich das Fehlen der naturgemäßen Promotion UKW-Welle schuldig sein, welche aktuell noch den Bestand der Orchester und des Chores ohne große Umschweife automatisch bewirbt: Die Mehrheit der Bundesbürger stimmt einem traditionellen Kulturprogramm in Theatern und anderen Institutionen wie dem Rundfunk zu, auch wenn diese jene Angebote niemals nutzen. Wenn, wie oben beschrieben, der rein digitale Erhalt des Klassikprogramms später enorme Mehrkosten verursachen wird, können wir uns auf die nächsten Orchesterfusionspläne einer neuen, profilierungssüchtigen oberen Etage des BR heute schon freuen. Der einzige Weg wird sein, auch die anderen Wellen auf DAB+ umzustellen und die Hörerschaft bei diesem teuren Unterfangen in ihrer Gesamtheit mitzunehmen. Oder schlichtweg besonders Bayern 3 zu erneuern und die alten analogen Verbreitungswege zu fördern und das Internetangebot anstelle des Abenteuers DAB+ auszubauen. Eine Welle aber nur digital oder analog anzubieten, wird weder die eine noch die andere befördern.

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1 Antwort

  1. Kai Ludwig sagt:

    Ärgerlich ist aber auch das Verhalten des Bayerischen Musikrats bzw. (es ist wohl nicht vermeidbar, das so direkt anzugeben) dessen Präsidenten. Da wird sich auf einmal damit einverstanden erklärt, die UKW-Kette an unsere Jugend abzutreten, denn unsere Klassikhörer können sich ja „mit richtigem alternativen Gerät ausstatten“.

    Da erschlägt einen der einstürzende Elfenbeinturm förmlich: Es wird also regelrecht zugegeben, eine Nischengattung zu vertreten. Wohl deshalb, weil man in ihren Rezipienten eine gesellschaftlich tonangebende Elite sieht und daher auch nicht so den Bedarf, im UKW-Radio präsent zu sein. Womit ich mir aber keinesfalls so sicher wäre, wenn ich nur sehe, wie sich der Wind diesbezüglich schon unter den ARD-Hierarchen spürbar gedreht hat.

    Und dann noch das: „Die Umpolung der bestehenden Gerätschaften wird fast immer möglich sein.“ Da hatte sich doch jemand die Mühe gemacht, als Argumentationshilfe mal im Detail aufzuschreiben, wie diese „Umpolung“ aussieht (was es da gibt, sind z.B. tolle Prömpelteile fürs Auto, die außer Radiofreaks kaum jemand wird ernsthaft nutzen wollen). Die Arbeit hätte er sich sparen können. Man fühlt sich da schon in den Rücken gefallen; tut mir leid, das so deutlich sagen zu müssen.

    Ach ja, und von DAB-Marketing braucht man auch garnicht erst zu reden, denn das torpediert der BR mit der geplanten UKW-Aufschaltung von Puls gleich selbst. Da wird auch keine Ministerpräsidentenkonferenz helfen, es sei denn, die kommerziellen Veranstalter sollen entweder dicke Subventionen bekommen (was die EU-Kommission ohnehin als unzulässige Beihilfe unterbinden dürfte; die Erfahrungen der Medienanstalt Berlin-Brandenburg zeigen es) oder aber der kommerzielle Hörfunk wirtschaftlich ins Aus befördert werden (wird keiner wollen, wenn ich sehe, wie Ministerpräsidenten selbst zu nichts weiter als der Inbetriebnahme neuer Sendestudios von Privatsendern persönlich anrücken).

    Was ist eigentlich aus dem Telemedienkonzept mit dem dicken Ausbau des Internetangebots geworden, der das lineare Hörfunkprogramm ohne UKW-Ausstrahlung ohnehin in den Hintergrund rücken würde (was natürlich tunlichst niemand zugeben wird)? Da hörte man zuletzt garnichts mehr von.