75 Jahre Münchener Abkommen – tapsige Münchener Musikhochschule, Copy&Paste-Klassenkämpfer

Dies wird kein Gedächtnisartikel. Oder doch? Nein, es geht um Gegenwärtiges. Vielleicht Politisches. Eher um Befindlichkeiten. Zu einem Zeitpunkt, wo Verschwörungstheorien von um ihr Recht betrogenen extremen Standpunkten herumgeistern. Angefangen von Petitionsaufrufen aus dem Anhängerumfeld der am Wahlabend zum 18. Bundestag an der 5%-Hürde gescheitertenAfD um eine mögliche Neuwahl. Oder viel unspektakulärer die Probleme einer antifaschistisches Kunstaktion namens „Klassenkampf statt Weltkrieg“. Mit rechten Verschwörungstheoretikern verbindet sie veritable Kriegsangst: die einen erwarten Grippeepidemien aus China samt Atomkriegsszenarien, die Linken zitieren Vergleiche von Jean-Claude Juncker von 2013 mit 1913 in Bezug auf krisenhafte Instabilitäten, einem 1. Weltkrieg trotz mächtiger Verzahnungen der damaligen Weltwirtschaft.

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Ich wurde auf die Klassenkämpfer nach einem recht unterhaltsamen Kinobesuch (Dampfnudelblues) im Filmtheater am Sendlinger Tor aufmerksam. Aus dem Kino wankend weiche ich im schmalen Bereich zwischen dem Kino und dem U-Bahn-Eingang schwankenden Wiesn-Besuchern und bulligen Security-Mitarbeitern eines dank der spätabendlichen warmen Temperaturen gut besuchten Freiluftlokals aus. Warum tummeln sich auf dem nicht zu engen Vorplatz des Sendlinger Tores alle Passanten in dieser schmalen Gasse? Ich gehe auf die andere Seite, die erheblich dunkler als das illuminierte Lokal- und Kinoeck ist, beziehungsweise durch kleine LKWs dort die Platzbeleuchtung geschluckt wird. Es sind Militärfahrzeuge, die aus Beständen der NVA stammen könnten. Oder gar aus militärischen Beständen aus der Zeit des 2. Weltkriegs? Auf den Ladeflächen der insgesamt fünf Fahrzeuge stehen Tafeln mit den fünf Worten der Parole „Klassen-Kampf-Statt-Welt-Krieg“.

Interessant ist allerdings das Kleingedruckte auf weissen DinA 4 Zetteln und weiteren Tafeln an den Wagentüren und den Fahrzeugseitenflächen: es soll eine Art Kreuzfahrt von München nach Prag stattfinden, um an das Münchener Abkommen vor 75 Jahren zu erinnern. Weiter heisst es „Arbeiter solidarisiert Euch“, werden die Schreckgespenster der aktuell sozialisierten Privatschulden der maroden Banken, Flüchtlingspolitik, Einsätze der Bundeswehr, die sich THW, Rotes Kreuz und Co. zu Helfershelfern mache, das Treiben der Treuhandanstalt nach der Wiedervereinigung angemahnt, sollen sich Arbeitenden der „polnischen und tschechischen Republik, der BRD und der alten DDR (!)“ vereinigen, etc. Na ja, ich seufze. Etwas verlassen stehen zwei Menschen, eine mittelalte Frau und ein Hoodie-Jungmann mit vielen Flugblättern vor den LKWs und wollen unbedingt über politische Kunst debattieren.

Ich habe aber irgendwie keine Lust! Denn, ja ich war beim „bösen“ THW in den Neunzigern, arbeitete als studentischer Flüchtlingsbetreuer und war Student der Münchener Musikhochschule. Denn auch meine ehemalige Alma Mater war als Sündenbock auf diesen Blättern benannt: bekannterweise befindet sich diese im ehemaligen Münchener Führerhauptquartier, wurde in ihrem Kaminzimmer das Münchener Abkommen zwischen Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier abgeschlossen, dass den Engländern und Franzosen den berüchtigten Appeasement-Frieden bringen sollte, Deutschland das Sudetenland und letztlich den Untergang der damaligen Tschechoslowakei, als dem letzten Kapitel vor dem tatsächlichen Anfang des 2. Weltkriegs. „Klassenkampf statt Weltkrieg“ wollte am 29.9. dieses Jahres ein Gedenkkonzert mit Musik des von den Nazis umgebrachten deutschsprachigen jüdisch-tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff in den Räumen der Musikhochschule veranstalten. Es ist die Rede vom Vogler-Quartett und dem neuen jüdischen Orchester Dresden als Musiker. Die Musikhochschule selbst hätte aber den Termin aufgrund eigener Veranstaltungen blockiert. Das SPD-Mitglied Klaus Hahnzog, bayerischer Verfassungsrichter, Abgeordneter, hätte zwar beim Kunstminister und der Musikhochschule interveniert und besonders aus dem Ministerium Hinweise erhalten, dass aufgrund des Wahlkampfs, der allerdings zum 29.9.13 ja bereits eine Woche passé wäre, es schwierig sei, eine politische Veranstaltung in der Musikhochschule von Externen durchzuführen.

2012 hatte es ähnliche Probleme gegeben, endete das ganze zwischen den linken Veranstaltern und der Musikhochschule nach kurzfristigen Vertragskündigungen durch die Hochschule vor dem Amtsgericht, das letztlich den Veranstaltern Einlass in den historischen Nazi-Bau ermöglichte. Nach Darstellung von Hahnzog, der mit seiner Weißen Rose Stiftung unproblematisch Räume der Ludwig-Maximilians-Universität München immer wieder für Gedenkveranstaltungen nutzen kann, ärgert ihn die zögerliche Haltung der Münchener Musikhochschule, die ja in diesem ehemaligen, historisch bedeutendem Führerhauptquartier sitzt. Das Sahnehäubchen auf den Empörungswellen der linken Veranstalter ist ein Symposium der Bayerischen Staatskanzlei und des Tschechischen Zentrums München (Frieden für unsere Zeit?) am 26.9.13 zum Münchener Abkommen, mit eigentlich absolut unverdächtigen Rednern von deutscher wie tschechischer Seite. Ein Dorn im Auge von „Klassenkampf statt Weltkrieg“ ist die Teilnahme von Bernd Posselt, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. Man kann sich über ihn, ein waschechter CSU-Politiker, garantiert wunderbar streiten. Dennoch spricht mit ihm Michaela Marksová-Tominová von der tschechischen sozialdemokratischen Partei. Da diese Veranstaltung erst seit kurzer Zeit beworben wird, derweil die Klassenkämpfer seit knapp einem Jahr im besten sozialistisch triefenden Pathos Statements von Partnern ihrer Stationen auf den Weg nach Prag veröffentlicht, reklamieren die eine Arte „erster Erfinder“ für sich.

Erwin Schulhoff hin, Klaus Hahnzog her: die Veranstalter von „Klassenkampf statt Weltkrieg“ sind durchaus extrem in ihren politischen Ansichten. Mal zitieren sie Urteile der rechtsstaatlichen Gerichte Deutschlands, um sie ein paar Absätze später wieder ziemlich moralisch illegitim zu befinden. Wirklich anstrengend, ähnlich den Rechten, die noch immer das Deutsche Reich als existent betrachten und dies mit Urteilen des bundesrepublikanischen Verfassungsgerichtes zum zuletzt gekippten Wahlrecht begründen. Ich persönlich meine, dass es ziemlich verständlich ist, wenn die Musikhochschule ihren heikle Betriebsstätte nur sehr vorsichtig Externen öffnet. Ich wollte mal ein Konzert schwul-lesbischer Chöre zum Weltaidstag dort veranstalten, mit veritablen Alumni dieser Musikhochschule, und stieß nur auf Granit. Bonmot der Sache war, dass das benachbarte Amerikahaus am Karolinenplatz, was jetzt dort durch die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in seinem Bestand bedroht ist und bereits lange Zeit vor der Musikhochschule im ehemaligen Führerhauptquartier residierte welches vor der Musikhochschule war, bevor sie dahin umzog, mir und meinen Chorleitungskollegen mit Freuden den entsprechenden Raum bot. Von der Seite betrachtet, könnte die Musikhochschule vielleicht mehr Neutralität beweisen, wenn sie die Posse um Posselt und die Klassenkämpfer nicht so überanstrengt gegensteuerte, sich eher wie die Ludwig-Maximilians-Universität verhielte, die sogar mal nachgestellte Erschiessungen von Weisse-Rose-Schauspielern in ihrem Lichthof hinnimmt.

Künstlerischer Organisator und Leiter gerade dieser Hinrichtungsschau war der Librettist meiner Box-Oper „Joe and Max“ über das Verhältnis von Joe Louis und Max Schmeling, der Textentwerfer meiner ersten Oper „Narrow Rooms“ mit Kreuzigung und Showdown von vier US-Schwulen. Er ist garantiert keine Spur weniger politisch als die Klassenkämpfer, zur Zeit verkleidet er sich als bajuwarischer Taliban. Ihm gelang es vor gut fünfzehn Jahren zum 60-jährigen des Münchener Abkommens die Musikhochschule für eine Nachstellung des Abkommens, lange bevor man heute den Begriff Re-Enactement nicht nur für die nostalgische Wiederholung der Schlachten bei Gettysburg oder Waterloo verwendet, zu gewinnen, mit den Schauspielern Hans Brenner, Götz Alsmann und Roger Willemsen, ja, später gewann der sogar die Tschechische Philharmonie für ein Gedenkkonzert. Ich frage mich, ob die Klassenkämpfer nicht billige Nachahmer von Marcus sind?

Aber ich wundere mich auch, warum die Musikhochschule in der direkten Nach-Strauss-Ära offener agierte als heute? Hank zögerte zum Beispiel auch nicht, Strauss und Himmler in einem Puppenspiel in einem Starfighter gemeinsam sitzen zu lassen. Wünschte ich im Edda Moser Artikel schon manche Weltverschwörer auf den Mond geschossen, so sind sich die Klassenkämpfer nicht zu schade, anlässlich ihres Zuges nach Prag unsere Bundeskanzlerin auf eine V2-artige Rakete am Front-LKW zu setzen. Irgendwie geschmacklos, aber vor allem als Kopie von Vorgängeraktionen. Ausserdem fehlt ihnen nicht nur Hanks Fallhöhe, nein, sie reichen weder an den heutigen Hauptvertreter des Re-Enactements Milo Rau noch an die letztlich grenzüberschreitende Veranstaltung von Bayerischer Staatskanzlei und dem Tschechischen Zentrum München heran. Lieber bestellt eine neue Generation von Politkünstlern abgegraste Felder, sät alte Ressentiments und erntet die Ideen der Vorgängergeneration. Sieht man auf diese und die ängstliche Musikhochschule, fühlt man sich eher 1983 als 2013 erinnert.

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