Jerry Lewis‘ Nazi-Clown und andere unvollendete Projekte (Sommerlochtagebuch 2)

Gerade las ich mal wieder über einen der legendären „verschollenen“ Filme der Filmgeschichte: „The Day The Clown Cried“ von Jerry Lewis.
Kennt jemand von euch eigentlich noch Jerry Lewis? Manchmal scheint mir, dass dieser Komiker – einst ein Weltstar – nur noch einer ganz bestimmten verlorenen Generation wie der meinigen bekannt ist, die ihre Zeit noch mit endlosen sonntäglichen Fernsehprogrammen verschwendeten. Und glaubt mir: Jerry Lewis war der f***** OBERKING dieser Zeit.

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Was hat es nun mit diesem Film auf sich? Nun, Jerry Lewis wollte dem damals noch wesentlich zeitnaheren Thema des Holocausts mal auf eine ganz andere Art begegnen, nämlich ein wenig humoristischer halt. Ganz nach dem Motto: Gedichte gehen nach Auschwitz nicht mehr, Kalauer aber gehen immer. So entstand die Idee zu einem Spielfilm, in dem ein Komiker (Clown) den Kindern vorgaukelt, das KZ sei eigentlich nur ein lustiges Spiel und sie damit in dasselbige lockt. Woraufhin er natürlich weinen muss, denn so ganz ok ist eine solche Handlungsweise ja nun wirklich nicht.

Was Jerry Lewis mit diesem Film bezweckte ist bis heute nicht klar. Tatsache ist: der Film wurde fertiggestellt, geschnitten, mit Musik unterlegt und genau einmal vorgeführt – vor ein paar Freunden von Lewis. Und diese rieten ihm sehr schnell, den Film für immer in der Versenkung verschwinden zu lassen, was Lewis dann auch tat. Daher ist der Film bis heute nur vor einer Handvoll Personen gesehen worden. Mythen ranken sich um die absolute Unsäglichkeit des Films. Wie legendär schlecht „The Day The Clown Cried“ nun wirklich ist, werden wir wohl nie erfahren.

Die Kulturgeschichte ist voll von ähnlichen Geschichten. So arbeitete zum Beispiel der für seinen ungeheuren Perfektionismus bekannte Gustave Flaubert jahrelang an „Die Versuchung des heiligen Antonius“ und las dieses Buch dann zwei Freunden vier Tage lang vor, ohne dass sie ihn unterbrechen durften. Diese bedankten sich für diese Ehre damit, dass sie ihm rieten, das Buch umgehend den Flammen des Kaminfeuers zu übergeben. Bis heute weiß man also nicht genau, mit was der heilige Antonius hier denn genau versucht wurde. Mit Absinth? Vielleicht mit ähnlichen Dingen wie zum Beispiel Flaubert selber, der in seinen Briefen gerne offen prahlte, 14-jährige Prostituiertenknaben in Kairo mal so richtig rangenommen zu haben. Was ihn natürlich sofort zum Spitzenkandidaten der Grünen prädestiniert hätte – zumindest in den 08er Jahren. Ich frage mich: was würde heute passieren wenn selbst ein Racker wie Houellebecq offen die Verführung von Minderjährigen zugäbe? Wäre der nicht für immer unten durch? Im vorletzten Jahrhundert dachte man halt anders darüber (und genau dies wird man mal über unsere Zeit sagen).

Kennt ihr solche Geschichten der Selbstzensur aus eurem eigenen Werk? Aus der Neuen Musik? Wer schrieb die weinende Clownsoper der Avantgarde? Manche würden argumentieren, dass Stockhausens „…aus Licht“ auch so eine Art weinende Clownsnummer ist, aber genau dies darf man heute noch nicht sondern erst in 1000 Jahren sagen.

Ich selber kenne auch unvollendete Werke, die wohl auch besser unvollendet blieben. So schleppte ich ein ganzes Jahr lang als Student gigantische Seiten eines schrecklichen Riesenorchestermachwerkes namens „Das Licht am Ende des Tunnels“ mit mir herum. Die Seiten waren so groß, dass ich sie quasi nicht mehr auf meinen Schreibtisch bekam – das Stück nahm kein Ende sondern mäanderte endlos vor sich hin (was auch meine volle Absicht war). Mein lieber Lehrer Killmayer schaute sich das geduldig an bis er irgendwann nur trocken sagte: „Machen Sie doch was anderes“.
Bis heute bin ich ihm für diesen Satz dankbar! Willkommen Versenkung!

A propos: Wem die Handlung „Komiker gaukelt Kindern vor das KZ sei eine Art Spiel“ bekannt vorkommt, der hat natürlich Recht. „Das Leben ist schön“ hieß der mehrfach preisgekrönte und von Kritikern wie Publikum gefeierte Film von Roberto Benigni aus dem Jahre 1997. Ein Vierteljahrhundert später ging die Thematik halt, und die Filmkritik durfte Sätze wie diesen schreiben:

Der als Loblied auf die Kraft der Fantasie und den menschlichen Über-Lebenswillen angelegte Film beginnt als beschwingte Romanze mit märchenhaften Untertönen und endet in einer bitter-absurden Tragödie, in der das Lachen zum schmerzhaften Reflex gefriert.

Es ist natürlich sehr wichtig in deutschen Filmkritiken, dass jegliches Lachen nachträglich zum „schmerzhaften Reflex gefriert“, weil wo kämen wir sonst hin!

In diesem Sinne.

Moritz Eggert

Weil das Originalplakat des Benigni-Films bestimmt urheberrechtlich geschützt ist und die NMZ sonst ganz viel Strafe zahlen muss, habe ich es persönlich abgezeichnet.

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