Schöne Pianistinnen gewinnen immer. Täglich grüßt Pierrot Lunaire. Sommerlochtagebuch (3)

Es ist ja ein Lieblingsthema von mir – die akustische Verwahrlosung der Musik gegenüber ihrer visuellen Präsentation. Heutzutage kann sich kaum noch jemand leisten, keine youtube-Videos von eigenen Stücken reinzustellen, und je spektakulärer diese sind desto besser. Klassische Musiker sind inzwischen unter so einem Schönheitsdruck, dass sich inzwischen schon blutjunge Sängerinnen Gedanken über Brust-OP’s und Botox-Behandlungen machen. Und Martin Stadtfeldt über das permanente Auftragen eines Lippenstifts, da ja sonst sein Fotograf immer nachretuschieren muss.

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Nun hat auch eine wissenschaftliche Studie den Beweis angetreten, dass außen hui auf jeden Fall auch bei Musikwettbewerben nicht nur das wichtigste sondern das ALLERWICHTIGSTE Kriterium ist. Die pikanterweise von einer hübschen chinesischen Pianistin durchgeführte Studie beweist, dass die akkurate Vorhersage ob ein bestimmter Musiker einen Preis gewonnen hat oder nicht am genauesten ist, WENN MAN DEN TON AUSSCHALTET!.
D.h. der musikalische Wert einer Aufführung tritt zurück hinter dem Styling. Zitat:

… for pianists or violinists who toil for countless hours on competition repertoire, the study may be sending a message: go see a stylist or a wardrobe consultant.

Ähnliches sagte mir mal der geschätzte junge Kollege Marko Nikodijevic über die besten Karrierechancen für junge Komponisten. Interessanterweise ist gerade die technische Spielperfektion, die heute bei Wettbewerben Standard ist, letztlich Beweis für die visuelle Dominanz: der offensichtlich „falsche“ Ton stört halt das Bild, am besten sollte die Musik gar nicht so auffallen und man beobachtet einfach von Anfang an die Schönheitsattribute der Performer. Vielleicht sollte man zukünftige Konzertsäle von vornherein zu „Masturbatorien“ umbauen, dann ist das Ganze eine ehrliche und runde Sache.
Trotzdem befällt einen eine gewisse Traurigkeit, dass ein junger Artur Schnabel oder Alfred Brendel heute einfach keine Chance mehr hätte, auch nur einen Blumentopf zu gewinnen, auch wegen der Individualität ihrer Spielweise. Stattdessen: Millionen geklonte Retortenpianisten die aussehen wie Ken und Barbie. In der großen Klassikpeepshow haben sie ihren kleinen Moment, man wirft ein paar Euro ein, sie treten auf, klimpern brav etwas herunter, verbeugen sich und verschwinden wieder.

An dieser Stelle möchte ich an das Buch „Mephisto-Walzer oder der Tanz der Klaviere“ von Hubert Stuppner erinnern (erschienen im con brio-Verlag) von dem hier ein kleiner Auszug zu lesen ist. Schon 1995 empfindet Stuppner – selber Juror z.B. beim Busoni-Wettbewerb – die klassischen Musikwettbewerbe als verkommen und sinnlos, heute, 18 Jahre später, ist es definitiv nicht besser.

Und ja, das Visuelle spielt auch bei anonymen Kompositionswettbewerben eine Rolle. Wenn schon nicht die Komponisten, deren Partituren müssen auf jeden Fall auch ein Modelschaulaufen überstehen, das der Krakelschrift eines Beethoven zum Beispiel nicht den Hauch einer Chance gegeben hätte….

***
A propos Wettbewerbe….

Liebes Pierrot Lunaire Ensemble Wien,
Ich finde euch ja ganz toll, eure Arbeit lobens- und empfehlenswert und so weiter, aber mal ehrlich – müsst ihr wirklich JEDEN TAG auf euren aktuellen Kompositionswettbewerb hinweisen? Und zwar immer auf ein und denselben?

Hier ein Auszug aus meinem Postfach, 15.7. 2013:

Pierrot Lunaire Ensemble Wien
2:57pm Jul 15
PIERROT LUNAIRE INTERNATIONAL COMPOSITION COMPETITION 2014

The Pierrot Lunaire Ensemble Wien announce the PIERROT LUNAIRE INTERNATIONAL COMPOSITION COMPETITION 2014. Composers from all over the world – are invited to present works for the Pierrot Lunaire Ensemble Wien. Created on an initiative of the Pierrot Lunaire Ensemble Wien the Pierrot Lunaire International Composition Competition 2014 will launch its edition during the 2014-2015 seasons.

Prize for the winning Composition:
1. Prize: Euro 5.000, – and minimum three performances by the Pierrot Lunaire Ensemble Wien. during its 2014-2015 international concert tour season. Additionally, the Pierrot Lunaire Ensemble Wien could create a list of pieces which it suggests for performance along with the prize-winning pieces during the 2014-2015 international concert tour season.

Deadline for entries: The scores, the registration application and the enclosed documents must be sent December 17th, 2013 (certified by the post office stamp)

Guidelines and application form: www.pierrotlunaire.at

Dann, am 17.7.:

Pierrot Lunaire Ensemble Wien
9:47am Jul 17
PIERROT LUNAIRE INTERNATIONAL COMPOSITION COMPETITION 2014
Composers from all over the world – are invited to present works …..

Dann, am 20.7.:

Pierrot Lunaire Ensemble Wien
9:47am Jul 17
PIERROT LUNAIRE INTERNATIONAL COMPOSITION COMPETITION 2014
Composers from all over the world – are invited to present works …..

Dann, am 22.7.:

Pierrot Lunaire Ensemble Wien
9:47am Jul 17
PIERROT LUNAIRE INTERNATIONAL COMPOSITION COMPETITION 2014
Composers from all over the world – are invited to present works …..

Dann, am 24.7.:

Pierrot Lunaire Ensemble Wien
9:47am Jul 17
PIERROT LUNAIRE INTERNATIONAL COMPOSITION COMPETITION 2014
Composers from all over the world – are invited to present works …..

Dann, völlig überraschend, am 26.7.:

Pierrot Lunaire Ensemble Wien
9:47am Jul 17
PIERROT LUNAIRE INTERNATIONAL COMPOSITION COMPETITION 2014
Composers from all over the world – are invited to present works …..

usw., am 26.7., 3.8., 6.8., 9.8., etc., immer wieder derselbe Text, immer derselbe Wortlaut. Und ich weiß, dass es bis Dezember so weitergehen wird. Und dann wird man natürlich auf euren nächsten Workshop hingewiesen, und zwar jeden Tag, bis er dann endlich stattfindet.

BITTE NICHT!

Inzwischen habe ich meine Studenten schon dutzende Male auf euren Wettbewerb hingewiesen, die wollen aber alle nicht mitmachen, und ich auch nicht, dazu bin ich viel zu desillusioniert, was den Wettbewerbsbetrieb angeht (siehe oben). Und die entscheidende Information, nämlich dass der 17. Dezember das Einsendeschlussdatum für den INTERNATIONALEN PIERROT LUNAIRE WETTBEWERB ist, habe ich inzwischen mitbekommen. Vielmehr, sie hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt, für alle Zeiten. Noch auf meinem Sterbebett werde ich flüstern: „Der Pierrot Lunaire Wettbewerbseinsendeschluss war am…ächz….17. Dezember 2014…..“ und dann natürlich noch hinzufügen: „entweder die Tapete geht oder ich“, denn das sind immer noch die besten letzten Worte aller Zeiten (Oscar Wilde, allerdings wohl mehrere Wochen vor seinem tatsächlichen Tod)

Habt ein Einsehen. Macht euren Wettbewerb und werdet glücklich, aber postet es nicht ständig immer wieder, auf genau denselben Seiten….

In diesem Sinne,

Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. Motitz, einer Deiner besten Artikel hier. Gut dass Du hier eine Lanze für die „häßlichen“ Beethoven-Typen unter uns Komponisten brichst, zu denen ich,
    „häßliches“ Ent… – nein ich muss ja wohl in meinem Alter schon „Enterich“ sagen
    ;-) mich ebenfalls zähle.

    Darauf darf man ruhig stolz sein, gerade wegen des zunehmenden Barbie-Trends!
    Richtig so, dass Du Deine Kompositionsklasse den aufrechten Gang lehrst
    bzw. dass viele davon diesen schon praktizieren.

    @Pierrot Lunaire: An Hand der Anzahl der Aufrufe, doch beim Wettbewerb mit zu machen mag ein gewitzter Komponist, der doch mal auf das große „Wettbewerbslotto“-Los schielt (aber dafür würd ich lieber ne runde tippen morgen, was sind läppische 5.000 Ocken gegen 11 Mio.?) auf die vermutliche Anzahl der bisherigen Einsendungen bzw. der noch fehlenden Einsendungen tippen, damit sich der Wettbewerb (aus den 60 €-Fees der Teilnehmer) selbst finanziere…. Und damit möge der Kandidat dann die statistischen eigenen Chancen errechnen, das ONE WINNER-Ding zu wuppen!

    Also, ich versuch´s: 5000 € : 60 € = 83,33 Komponisten (erforderlich)

    Rundmail (mal x Komponisten) mal 6 E-Mail-Sendungen = y Emails.

    y mal 0,815 = 83,33 – x

    Aus x ist dann die Gewinnchance zu berechnen.

    Ach, äh: die komplexe Mathematische Formel überlasse ich doch lieber Fachleuten.

    Schönen Abend

  2. eine hervorragende Berechnung, Erik! Du bist eindeutig besser in Mathe als ich :-)