Lachenmann meets Rachmaninoff – Randnotizen zum letzten Konzert der „musica viva“ im Herkulessaal

„Ausklang“ für Klavier und Orchester von Helmut Lachenmann ist ein merkwürdiger Fall. 1984/85 komponiert, ist es mitunter das am ehesten „postmoderne“ Stück seines Komponisten. Dagegen dürfte sich Widerspruch regen! Was allerdings an der Frage, „was ist postmodern“ festzumachen wäre. Klar, Werke Lachenmanns die fremde Konturen klassisch-romantischer und früherer Musik in sich tragen entsprechen der landläufigen Meinung, dass „postmoderne Musik“ generell „alte Musik zitieren“ zu bedeuten habe. Postmodern ist „Ausklang“ im näheren Sinne des Begriffs: nach der Entdeckung, dem Ausbau und der Hochblüte seiner „musique concréte instrumentale“ wie z.B. in „Klangschatten – Mein Saitenspiel“ und „Schwankungen am Rand. Musik für Blech und Saiten“, beides Werke, die das Geräuschhafte klar vor die erkennbar klingende Tonhöhe stellen, also eine eigene Ausprägung von „modern“ im traditionellen Sinne der Avantgarde im Schaffen Lachenmanns einnehmen, wendet sich „Ausklang“ davon wieder ab. Natürlich wird der Katalog der erweiterten Spieltechniken deutlich hörbar und sichtbar eingesetzt. Im Zentrum des Geräuschs sitzt aber meistens die Tonhöhe und ihr Nachhall. Hervorstechend konturiert das Soloklavier mit etlichen Pedaltechniken häufig variativ den titelgebenden Ausklang der einzelnen Akkordtöne. Diese Akkorde sind manchmal so rauschhaft, dass der Geist Rachmaninoffs durch den Konzertsaal zu grüßen scheint. Das Stück wirkt beim reinen Hinhören fünfteilig: der Anfang hat fast schon Anflüge eines Hans Werner Henze der späten Sechziger Jahre. Dies wird bald ins Geräusch ausgedünnt, doch gewinnen klare Tonhöhen darin bald wieder die Oberhand. Es folgen Ausbrüche, die im Obertonflirren der Hochphase des französischen Spektralismus der Siebziger und Achtziger Jahre zuwinken. Darauf dünnt sich die Faktur wieder aus, um doch einen Weg zwischen Anfang und Mitte zu finden. Zuletzt bleibt im abschließenden Klaviersolo sogar ein Durakkord als Endklang in der Luft hängen. Was mag Lachenmann zu solche einer Entfernung von seiner „reinen Lehre“ des strukturierten und klassifizierten Geräuschklangs bewegt haben? Erstaunlich ist, wie sich das Ganze zusammenfügt. Man möchte fast analog zu Bernd Alois Zimmermanns „Kugelgestalt der Zeit“ von der „Kugelgestalt des Klangs“ sprechen. Und hierin liegt das Postmoderne: jederzeit ist jede Möglichkeit der westlichen Musikklangerzeugung verfügbar wie in der Kugelgestalt der Zeit jeder Stil als solcher verfügbar ist. Führt die zeitliche Kugelgestalt zu stilistischen Fremdheiten, krass abgegrenzten oder doch vermischteren Collagen, ist die Kugelgestalt des Klangs von vornherein die Grenzen ihres universellen Materials einreissender. Dies geschieht allerdings diskret, so dass das Gegensätzliche sublimiert wird und das bisher Unverbundene als Neuverbundenes seine Kraft entfalten kann, auch wenn z.B. die spektrale Ebene weniger in reiner Form denn als „Quasi“-Moment zum tragen kam.

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„Ausklang“ wurde als Abschluss des letzten musica-viva-Konzerts von Pierre-Laurent Aimard und dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Jonathan Nott meisterlich gespielt. Und sollte es auch nicht so meisterlich gewesen sein: das Publikum tobte und zerrte mit seinem Applaus Lachenmann dreimal auf die Bühne! Wer hätte dies vor dreißig Jahren für möglich gehalten. Allerdings fielen die beiden anderen Stücke des Konzerts doch gegen diesen „Schinken“ ein wenig ab. Salvatore Sciarrinos Uraufführung „Giorno velato presso il lago nero“ für Violine und Orchester, unglaublich innig von Carolin Widmann gespielt, brachte Geräusch und Tonhöhe nicht so zusammen wie Lachenmann. Es begann mit seelig-hohen Flageoletts, die sich zwischen zwischen Motiv und Insektengebrumm aufhielten. Eigentlich ein wunderbarer kleiner Kosmos, der vollkommen ausgereicht hätte. Unvermittelt setzte das Orchester dagegen gewöhnliche Klänge. Immerhin verband der Solopart der Geige bald beide Ebenen. Als dann das Orchester wieder seine Klangleere zurückerhielt und Frau Widmann Portamenti und Glissandi aus dem Nichts ins Nichts spielen durfte, wirkte es, als läge man dösend auf einer Wiese und hört von Ferne Fetzen von Kreislermelodien, die aber kaum als solche wahrnehmbar sind, also weniger Musikstück- als Hörspieldramaturgie waltet, in der verschiedene Derivate unverbunden eben jenen „Auf-der-Wiese-Liegen“-Effekt ergeben, als sei es eine „Vertonung“ von Büchners Anfangssätzen aus „Leonce und Lena“: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang.“ Wobei entsetzlich mit wunderschön zu ersetzen wäre. Dieser „graue Tag am schwarzen See“ als Salonstück der Minimalklangästhetik Sciarrinos.

Zwischen beiden Stücken, vor der Pause, wurde das Orchester und seine Holzpulte weggeschoben, blieben nur zwei Metallpulte auf unterster Stufe geschraubt stehen und gaben die Bühne für Teodoro Anzellottis Akkordeon mit Rebecca Saunders Uraufführung „… of waters making moan“ frei. Hier wurden alle erweiterten Spieltechniken des Akkordeons eingesetzt: ballow shaking, Balgatmen, Registerwechsel, etc. Zudem regierte reichliches Clusterspiel auf dem verwendeten auch rechtsseitigen Knopfinstrument anstelle des hier gewöhnlichen Tastaturakkordeons. Das wurde mit weit ausholenden Einschwing- und Ausschwingvorgängen ausgestaltet. So erinnerte es an gefühlige Piazzolla-Anmutungen, die das einfach expressive weit unters Volk bringen. Es überzeugte somit vor allem Anzellottis performative Kraft. Neue Erkenntnisse zu Form oder Tonhöhe konnten nicht gewonnen werden. Anhand des Erfolgs beim Publikum oder den anderen Kritikern von Abendzeitung (Marco Frei) und Klassikinfo (Robert Jungwirth) war mal wieder abzulesen, dass es eigentlich egal wäre, ob Künstler wie die des Abends oder all die Lang Langs oder Kennedys, richtige Töne oder zu Neuer Musik umdeklarierte freigriffige Konfektionsware zum Besten geben: die schreibenden Profis schauen ihnen vor Allem ins Gesicht, versorgen sich mit Stories rund um das Ereignis herum. Hinhören bleibt ihnen aber leider meist versagt, außer man kann bereits Pawlowschisch Erlerntes damit assoziieren. Bis 3.5.13 kann man das Konzert noch als Podcast nachhören.

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16 Antworten

  1. die schreibenden Profis schauen ihnen vor Allem ins Gesicht, versorgen sich mit Stories rund um das Ereignis herum. Hinhören bleibt ihnen aber leider meist versagt, außer man kann bereits Pawlowschisch Erlerntes damit assoziieren.

    EXAKT das habe ich mir beim Lesen von Marco Freis Kritik gedacht! Danke!

  2. Lieber Alexander Strauch,
    natürlich möchte man die Quintessenz Ihrer Kritik im Podcast überprüfen – werde ich auch machen.
    Allein der Gedanke daran, dass ich jetzt ein mp3-File hören werde, dazu über meine Computerbüchsen, lässt mich, nach Ihrer, stilistisch – musikwissenschaftlich kundigen, sowie einfühlsam gestalteten fabelhaften Kritik, davor erschaudern, dass ich zu falchen Resultaten komme.
    Das ist Internet pur – virtuell und alles andere als real.

    Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ihr Text unter die 100 der „best of“ Musikkritik Einzug halten wird; man kann es Ihnen und den Musikliebhabern nur wünschen.
    Was Sie im Eigentlichen geleistet haben, ist, den Leuten klar zu machen, dass das unmittelbare Konzerterlebnis die wahre Musik ist, und alles andere ist ein billiger und abgeschmackter I-Phone-Snapshot.

    Herzlichen Glückwunsch!

  3. bernhard neuhoff sagt:

    Lieber Alexander,
    Deine Kritikerschelte kann ich nur bedingt nachvollziehen. Erhofft Ihr Euch wirklich eine eingehende Werkbeschreibung in ein paar Abendzeitungs-Zeilen? Find ich ehrlich gesagt bissl larmoyant. Für die Neue Musik wäre doch zu wünschen, dass es mehr so engagierte Kritiker gibt wie Marco Frei (auch wenn diesmal seine Kritik für uns vom BR nicht schmeichelhaft war).
    Viele Grüße, Bernhard

  4. mh, lieber bernd – die deftige antwort auf deine mahnenden worte bringt moritz neuester beitrag. zugegeben ist es löblich, dass herr frei die allgemeinen umstände des ggf. unglücklichen probenzeitmanagements aufspiesst. ich frage mich, ob es dann nicht besser wäre, nur das technische zu besprechen. dem widersprechen allerdings solche begriffe wie „schwärend“ und co. was besser sein könnte, muss jeder für sich entscheiden. das problem an jenen worten: sie sind so unendlich austauschbar, versprechen besonderes, das aber so inflationär, dass man sich nicht mal eine vor-rentenmark-semmel für 100 billionen rm dafür kaufen kann. die pflicht zur kürze kenne ich von meinen schreibversuchen für den kulturvollzug. meine rein persönliche erfahrung dabei: ich versuche bei einordnungsproblemen über das zu schreiben, was ich dabei empfinde. hierbei besteht nachgerade die von mir kritisierte gefahar, dass man wieder bekanntes mit unbekannten assoziiert, wie büchner hier mit sciarrino. es beschreibt allerdings genauso eine hörerfahrung, die man nur heutzutage und nicht zu büchners zeiten haben kann – übrigens „zitiert“ sciarrino irgendwo sogar in seinen flageoletts eines anderen werkes klingeltöne – , die stadtgeräusche, welche man am rande eines parks, an der grenze zwischen ruhe und hektik, empfinden kann. es wäre sogar mal eine untersuchung wert, all die liegewiesenstücke der letzten zeit zu katalogisieren. zuletzt hörte ich in weimar auf den frühjahrstagen drei, beim letzten pianopossibilekonzert bei luis a. pena mind. eines. dräuend, schwärend, geräuschhafte stille (ich gab letzterem auch ggf. raum!) klingen nach wortpanoramen für wandteppiche des 30-jährigen krieges oder eben all die klavierwunderkindpubertäten, die wir so zahlreich erleben dürfen. ich sag’s mal so: die münchner feuilletons, und zwar alle, haben in bezug auf neue musik nicht die spur von diskursniveau, welches ihr gebühren würde. oder sagen wir es direkt: was für eine ehre, von gerhard r. koch im brillantesten stil zerpflückt zu werden, wie hülsenfruchtig dagegen sz/az/mm/tz und selbst der br! seit schulz und sergls hinscheiden ein jammertal!!
    gruß,
    astrauch

  5. bernhard neuhoff sagt:

    Moritz Eggerts Glossar ist wirklich sehr hübsch – aber sei mir nicht bös, lieber Alexander, er würde auch auch in Deinen Texten ein paar Steilvorlagen finden. Mag sein, dass es zu viele gutwillige, aber der großen Sache der Neuen Musik nicht gewachsene Journalisten gibt. Besonders schlimm wird es, wenn das Geschwalle von uns „schreibenden Profis“ das Geschwalle Eurer Komponisten-Selbstkommentare paraphrasiert. Insofern: Höchsten Respekt vor dem Diskursniveau von Gerhard R. Koch. Ich fürchte nur, die Neue Musik bräuchte die guten Übersetzer viel dringender als die brillanten Zerpflücker.

  6. bernhard neuhoff sagt:

    PS Am allerdringendsten natürlich mehr Musik, die auch nur annähernd das kompositorische Niveau von Lachenmanns Ausklang erreicht. Ich hab nämlich die Liegewiesenstücke so was von satt! (Mist: schon wieder mangelndes Diskursniveau. Muss ich dran arbeiten ;-)

  7. ehrlich, lieber bernd: zu direkt zu sagen, was man denkt, hört, empfindet, ist die bessere übersetzungsleistung als das vermeintlich unverständliche zu be-/ver-schwären. zu sagen, man habe was satt, gefällt mir allemal eher als andersrum. zu den liegewiesenmusiken: das mit dem sciarrino letzten freitag, da stimme ich dir voll zu! es war das reinste vergnügen zu beobachten, wie eine nach der anderen, einer nebst dem seinem nächsten „hörringe“ unter den ohren bekam, hin- und herrutschte, eigentlich im programmheft blättern wollte, was lauter als der podiumsklang gewesen wäre. ich versetzte mich lieber auf eine wiese im englischen garten. so hatte ich doch meinen spass beim salvatore.

    tja, das werkbeschreibungsgeschwalle, da triffst du die zunft ins mark. ein durch und durch begrifflich sauberer text und nicht nur die rettung ins von mir konzedierte wahrnehmungsgedusel, die einhaltung des eingeschlagenen weges, also ein gleichgewicht von inhalt und form, und das für mieses zeilenhonorar und wenig platz – das bleibt um so mehr die pflicht der damen und herren des feuilletons des millionendorfs als das reine lokal-infotainment der kulturredaktionen des süddeutschen verlags. was würden die abdrehen, wenn ein komponist so musikstücklein schriebe, wie sie herumtexten. erstaunlicherweise lieben sie ja bevorzugt musiken, die mit ihrem dikursunvermögen korrelieren sofern sie nicht in kaiserlich-brembecksche-thollungen elogen stricken…

    gruß,
    alexander

  8. bernhard neuhoff sagt:

    Viel Feind, viel Ehr… Für einen Blog ein gutes Motto.
    Aber jetzt ist mein Widerspruchsgeist geweckt. Deswegen noch etwas zu Deiner anregenden, aber meiner Meinung nach falschen These vom postmodernen Lachenmann.
    Ich fürchte, der Begriff wird inhaltsleer, wenn man ihn so ausweitet wie Du. Die Durdreiklänge sind bei Lachenmann nicht postmodern, sondern entsprechen ganz einfach dem Wunsch, nach der radikalen Geräuscherkundung das dialektische Spiel wieder in Gang zu setzen. Wo nur noch Geräusch, ist gar kein Geräusch mehr. Damit das Geräusch wieder „stört“, brauchte es einen Widerpart. So ungefähr sagt er das selbst, und ich höre das auch so.
    Das Spät-Lachenmannsche Dur von „Ausklang“ oder „Serynade“ ist deswegen kein unschuldiges, ahistorisch tonales Material. Sondern da drin sind immer noch die Erfahrungen aufgespeichert, die er in den radikalen Werken der 70er Jahre gewonnen hat. Ungefähr so, wie im strahlenden C-Dur der „Meistersinger“ die Chromatik des „Tristan“ hörbar bleibt. Der scheinbar so altväterliche Kontrapunkt der „Meistersinger“ ist genauso wenig ‚postmodern‘ wie das Dur beim späten Lachenmann. Das Großartige ist, dass da jeweils eine Synthese aus radikal Neuem und Altvertrautem gelingt, ohne dass dabei die Spannung verloren geht.
    Der späte Bartok ist auch so ein Fall: Die Musik für Saiteninstrumente oder das 6. Streichquartett suchen Anschluss an die Tradition, sind verglichen mit den Violinsonaten oder dem 2. Streichquartett viel konzilianter, leichter zu hören, publikumstauglicher – und haben doch künstlerisch den gleichen künstlerischen Rang. Mit Postmoderne hat das nichts zu tun. Eher mit dem beneidenswerten Glück gelingenden Alterns ;-)
    In wirklich postmodernen Werken (wie Berios „Sinfonia“ oder Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“) werden die Kategorien des autonomen Werks und des schöpferischen Autors unterlaufen: Der Autor ist nur noch Relais im Gewebe der Diskurse und Zitate, kein autonomer Schöpfer mehr. Gerade der späte Lachenmann beweist dagegen, wie vital die Kategorien von Werk und Autor immer noch sein können. Statt die Tradition zu zitieren, unterwirft er das aus der Vergangenheit übernommene Material seiner bewundernswert souveränen kompositorischen Virtuosität. Und die hat von ihrer während der radikalen Phase erworbenen Autonomie und inneren Stimmigkeit nichts verloren.

  9. lieber bernd, du sagst über das verhältnis von komponist und material im postmodernen kontext:“Der Autor ist nur noch Relais im Gewebe der Diskurse und Zitate, kein autonomer Schöpfer mehr.“ dies ist der oft hervorgeholte vorwurf des fehlenden auktorialen gegen komponisten, welche sich postmoderner techniken bedienen. da muss ich dir widersprechen! wenn man ein gewebe von diskurs und zitat baut sind stile, allusionen, zitate auch nichts anderes wie material. genauso wie bei lachenmann sein erfundenes wie längst vorhandenes klangmaterial eben nur material ist. wobei der unterschied zwischen erfinden und/oder aneignen eigentlich auch marginal ist: ein „postmoderner“ muss sich erstmal in den eigentümlichkeiten seiner zur hand genommenen stilistiken auskennen wie sich ein „klangautor“ mit seinem repertoire auskennen muss. dieses repertoire hat er allerdings auch nicht wirklich erfunden, sondern v.a. gesammelt, katalogisiert, struktuiert. dieses trias kann auch ein „postmodern“ schreibender vollziehen. die meisterschaft liegt dann v.a. darin. ob nun stil oder klang, keines von beiden ist besser oder schlechter. oder sagen wir es so: ob b.a. zimmermann oder lachenmann – meister sind sie beide. und wie soll ich sagen: letztlich zitiert sich lachenmann in ausklang irgendwie selbst, tritt hinter seinen zuvor erreichten materialstand eigentlich zurück. allerdings bringt er sein benutztes material eben viel besser in einen spannenden zustand, als dies z.b. dem viel sparsameren sciarrino letzten freitag gelang. wie gesagt: kugelgestalt des klangs, der in all seinen historischen ausformungen in ausklang verfügbar ist. und wie ist es mit klang und stilzitat wie nicht anders mit motiv und melodie? klang und motiv sind allein aufgrund ihres kleineren aggregatszustands sublimer zu behandeln als die viel grösseren brocken zitat und melodie.

  10. bernhard neuhoff sagt:

    Bin absolut d’accord – es ging mir nur um die Abgrenzung zwischen Lachenmann und Postmoderne, ganz ohne Wertung. Tatsächlich ist das emphatisch Werkhafte bei L ja fast schon irgendwie altmodisch. Der glaubt doch tatsächlich, dass man immer noch einfach richtig gut komponieren können müsste, quasi im direkten Wettbewerb mit Mozart, Beethoven und Schönberg ;-) Zum Glück kann er’s. Aber deswegen hab ich noch lange nichts gegen B. A. Zimmermann! Und erst recht nichts gegen Italo Calvino. Siehst Du für Dich das Wort ‚postmodern‘ in Anspruch?

  11. lieber bernd, ich nehme post-post-modern für mich in anspruch – was terminologisch wohl ein quatsch ist. einer meiner lehrer ist als neuer einfacher verschrien, der andere nennt sein komponieren plural, d.h., aus beiden lugte immer wieder ein postmoderner schalk oder theoretiker hervor. momentan interessiert mich dies aber nicht mehr. diese auseinandersetzung ist die der neunziger jahre. die frage ist jetzt, wie wird musik mit der erfahrung der postmoderne und v.a. den heutigen verfügbaren mitteln weitergedacht, sprich, „was erlaubt die digitale allverfügbarkeit an musik mit musik“. da werden früher brav erkennbar gestapelte stile auf einen knopfdruck abgerufen, da benutzt man sogar dezidiert musik, die einem gar nicht gefällt. dies ist aber nicht so sehr das meine! wenn man diese klassischen zuordnungen oder aktuellen selbstzuschreibungen der kollegen weglässt, kann man meiner meinung nach folgendes beobachten: einerseits gibt es das fortführen, extremer machen des postmodernen, dann aber auch das ansetzen an serieller wie geräuschlich orientierter musik, wobei diese beiden formen auch nur eine art benutzung bereits vorhandener stilmittel ist. also de facto ist selbst der rückgriff auf frühen lachenmann, nono, etc. eine fremdstilnutzung wie es die postmoderne mit einem historisch weiteren rahmen vormachte. kann man auch anders sehen – im prinzip verhält sich da die zeit wie falten eines akkordeons. egal wie welchen platz man da einnimmt, man befasst sich mit erscheinungen der klassischen „neuen musik“. das führt zu wiederholungen der konzept- und performancemusik bis hin zur negation der tonhöhe. andererseits ist infolge von ligeti und/oder dem spektralismus das bewusstsein für harmonisches gestalten wieder wichtiger geworden, nicht zu verwechseln mit all den neo-romantischen strömungen. hier sehe ich mich verwurzelt. und suche doch von stück zu stück die auseinandersetzung mit den ausformungen der von mir unter „einerseits“ angerissenen möglichkeiten. der „benutzende“ umgang kann mir gerne als erbe der postmoderne unterstellt werden. die verwurzelung im spektralharmonischen denken, das versucht verschiedenste arten von tonhöhengestaltung unter einen hut zu bekommen, ja, auch dort wo frequenzen bereits ins geräusch hinübergehen, könnte ein ähnlich sublimer materialkosmos sein, wie es lachenmann mit seiner erweiterung des klangkatalogs in die tradition zurück mit ausklang vielleicht bewusst oder unbewusst unternahm – deshalb kann er auch so getrost den faden bis mozart als kollegen spinnen, was übrigens auch feldman tat, der im sinne eines harmonik-bewusstseins bei mir anfangs und immer wieder eine grosse rolle spielte, ohne dass ich feldmanstücke imitiert hätte. da dies alles doch sehr kristallin ist, versuche ich es durch musiktheater, elektronik oder irgendwelche anderen merkwürdigkeiten aufzubrechen. denke ich an eine art reine lehre, dann schwebt mir eine musik vor, die dann allerdings die ebene der heutigen klangerzeugung, sei es elektronisch oder präsent, verlässt: eine musik, besser ein bewusstsein, dass sich aus interferenzen und kombinationstönen erklären liesse. statt überdeutlich zu zitieren würde es z.b. genügen gewisse epochentypische klanglichkeiten gewisser stücke anzureissen oder abstrakter würde der klang wichtig, den nicht zwei instrumente allein erzeugen, sondern der durch sie am/im ohr des zuhörers entsteht. ein beispiel wäre das spielen eines tritonus. die mittlere kleine terz erklingt dann als „kubischer kombinationston“ leicht zeitverzögert, mit einem charakteristischen metrischen nachhinken eine oktave tiefer. soweit müsste allerdings erstmal das hören an sich geschult werden oder braucht es streng strukturelle stückanfänge, die dennoch spannend genug dahinleiten. sehr esoterisch und solipsistisch. es könnte allerdings wirklich einen neuen hörraum erschliessen, bewusst machen – denn er ist ja doch schon immer vorhanden: spielen zwei flöten in sekunden, stört nicht das spielen und dissonieren der beiden töne. es stört der viele oktaven tiefer liegende, unglaublich wackelnde differenzton-/kombinationston. man gibt aber den zu sehenden, agierende flöten die schuld. die kennt man, die sieht man und deshalb hört man sie – einer dieser pawlowschen momente und musikzivilisatorischen prägungen. und so verpasst man ggf. diesen unglaublich wahnsinnigen bass, der eigentlich stört. wie soll ich sagen: wie ich bei lachenmann rachmaninoff, du anderes sublimiert heraushöre, obwohl es doch erstmal klangerweiterung ist und sonst nicht, so wäre der schritt hin zu einer hörerweiterung zu machen. momentan spielt man eben mit der riesendatenbank des bekannten der letzten jahrzehnte und findet auch immer mal neue kombinationen. der nächste utopische schritt wäre eine beschreibung des raumes dazwischen – analog zur ausstehenden beschreibung der dunklen materie? jetzt bin ich aber weit abgekommen. also, ich bin im spekulativen post-post-post-post-post-modern!

  12. @Alexander Strauch: Die metaphorische Verbindung zwischen musikalischem Spektralismus und Dunkler Materie finde ich ziemlich cool – Gratulation!

  13. Muss auch sagen, gerade Strauchs letzter Kommentar ist von einer Erkenntnistiefe, die man sonst (z.B. in der Zeitung) nur sehr sehr selten findet.
    Bitte mehr davon!

  14. bernhard neuhoff sagt:

    Lieber Alexander,
    das klingt eigentlich eher präfuturistisch als postpostpostpostmodern. Und zendersch – hab ichs richtig rausgelesen? Gibt’s schon Realisationen von Deiner hier skizzierten „lasst uns aufs Ungehörte-aber-immer-Mitklingende horchen“-Musik?

  15. Kleiner Sidestep zu laufenden Diskussion
    („zendersch“ ist ja ein Synonym für vernunftbetont und abwägend)

    Aus Ph. E. Bach: Die wahre Art … , Von den Manieren, § 27:

    „Da also die Manieren nebst der Art sie zu gebrauchen ein ansehnliches zum feinen Geschmacke beytragen; so muß man weder zu veränderlich seyn, und den Augenblick jede neue Manier, es mag sie vorbringen wer nur will, ohne weitere Untersuchung annehmen, noch auch so viel Vorurtheil für sich und seinen Geschmack besitzen, aus Eigensinn gar nichts fremdes annehmen zu wollen. Freylich gehöret allezeit eine scharfe Prüfung vorher, ehe man sich etwas fremdes zueignet, und es ist möglich, daß mit der Zeit durch eingeführte unnatürliche Neuerungen der gute Geschmack eben so rar werden kan, als die Wissenschaft. Indessen muß man doch, ob schon nicht der erste, dennoch auch nicht der letzte in der Nachfolge gewisser neuer Manieren seyn, um nicht aus der Mode zu kommen. Man kehre sich nicht daran, wenn sie anfangs nicht allezeit schmecken wollen. Das neue, so einnehmend es zuweilen ist, so widerwärtig pflegt es uns manchmal zu seyn. Dieser letztere Umstand ist oft ein Beweis von der Güte einer Sache, welche sich in der Folge länger erhält, als andre, die im Anfange allzusehr gefallen. Gemeiniglich werden diese letzteren so strapaziert, daß sie bald zum Eckel werden.“

  16. Willi Vogl sagt:

    @ Alexander Strauch,

    Kompliment für diese hervorragende Kritik! Leider(!) würde dieser Text aus Sicht zumindest der meisten Kulturredakteure von Tageszeitungen eine Themenverfehlung darstellen. Selbst erlebt habe ich Ablehnungen oder Unmutsäußerungen wie „zu wissenschaftlich“, „unsere Leserschaft überfordernd“ oder „nicht genügend in die Perspektive des Amateurhörers reinversetzt“. Als freier Mitarbeiter steht man dann schnell vor Wahl, sich entweder mit mehr oder weniger lobhudelnden Aufzählungen und (un)kritischen Gemeinplätzen zu begnügen oder den spezifischen Bildungsauftrag, den man auch bei einer Tageszeitung einfordern kann, den Kollegen zu überlassen, die für gewöhnlich über die Jahresversammlung des örtlichen Bienenzüchtervereins schreiben. (Womit ich keineswegs sagen möchte, dass Leser aus gut aufbereiteten regional beheimateten Themen keinen Honig saugen können.)

    Ein dritter Weg kann darin bestehen, eine eigenwillige pädagogische Raffinesse zu entwickeln, die etwa besonders seltene Fachbegriffe vermeidet, jedoch auf konkrete und dezidiert dargestellte ästhetische Standpunkte dennoch nicht verzichtet. Wenngleich damit die sprachlichen Herausforderungen größer sind als die musikfachlichen kann man beim Entwurf derart ästhetischer „Elementarisierungen“ ein gewisses Vergnügen finden. Das gibt zwar immer noch keine Garantie, dass die Aussagen von allen Lesern verstanden werden, aber die damit oft humoristisch daherkommende Doppelbödigkeit wirkt volkstümlich, hat einen Unterhaltungswert und erfüllt schon mal das Kriterium der Quote.