Viele deutsche Musikhochschulorchester, kaum Pflege spieltechnischer Standardwerke der Neuen Musik

Manchem Blog-Leser bin ich mit meinen Ausfällen gegenüber dem Gedanken „ePlayer“, wie diesen Gedanken des Musikphilosophen Harry Lehmann z.B. ein Gastartikel von Stefan Hetzel hier erläuterte. Wenn ich ein wenig zurückrudere, muss ich zugeben, dass die kompositorische Realität für das Gros von uns heute der Orchesterklang der Soundkarte des heimischen Rechners ist. Ob ein heutiger Komponist nun mit Vorliebe für Elektronische Musik aller Art mit oder ohne Musiker schreibt, ob jemand nur für erweiterte oder „gewöhnliche“ Instrumente komponiert: Wenn er oder sie mit einem Schreibprogramm seine Partituren erstellt, stolpert man immer wieder über die engen oder weiten Möglichkeiten der Soundkarte. Wer das Glück hat für mehr Instrumente oder Spezialensembles der Neuen Musik zu schreiben, hört im Schreibprozess oder später live mehr oder weniger doch nur wieder Kammermusik. Die wenigen, die nicht nur für Jugendorchester komponieren dürfen, lassen sich insgeheim – so unterstelle ich es ihnen – ihre Orchestermusik gerne auch mal von ihrem Rechner am Schreibtisch vordudeln, um unter jenen suboptimalen Bedingungen ihre instrumentale Klangfantasie zu überprüfen.

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Andererseits wird Live-Musik wiederum selbst in begrenztem Masse zum Bestandteil einer Rechner-Soundkarte und eines daran angeschlossenen grösseren Verstärkungssystems, wenn die Musiker eines Ensembles durchgängig per Mikrofon abgenommen werden. Unelegant ausgedrückt: Auf diesem Wege können Komponisten ihren Erfahrungsmangel mit der Instrumentation wie im Speziellen mit unterschätzten erweiterten Spieltechniken per Lautstärkeregler ausgleichen.

Vielleicht liegt dies in den Bedingungen ihrer ehemaligen Studienorte begründet? An Hochschulen mit sehr geringen oder gar nicht vorhandenem Zugang für Kompositionsstudenten zu den Hochschulorchestern gibt es immerhin meistens Ensembles für Neue Musik, mit welchen eingesetzte klassische oder erweiterte Techniken ausprobiert werden können. Wenn Dozenten und Musiker dieser kleinen Ensembles kooperieren und aufgeschlossen sind, regeln sich manche klanglichen Probleme wie von Zauberhand im Vergleich zu den Mühen, so etwas ohne generelle Partiturüberarbeitung in wenigen Proben mit einem grossen Orchester zu schaffen. Grob gesagt: Hochschulen, die Komponisten nur kleine Ensembles an die Hand geben, bringen ausgefeilte Spieltechnikenfreaks hervor, die ganz wenigen Hochschulen, die ihren Kompositionsstudenten mal das Hochschulorchester angedeihen lassen, kreieren eher Komponisten mit Vorlieben für den klassischen Orchestersounds, die sich den erweiterten Spieltechniken nur zögerlich annähern.

Was wäre zu tun? Die Hochschulen müssten durchgehend ihre Kompositionsstudenten an das hauseigene Hochschulorchester heranlassen, oder noch besser, mit Profiorchestern über das gewöhnliche immer zu knapp bemessene Probenzeitkontingent hinaus zusammenbringen. Die Hochschulorchester wiederum müssten noch stärker und permanent mit spieltechnischen Standardwerken der Neuen Musik konfrontiert werden. Zu gut deutsch: Mehr Lachenmann als Henze, eher Griséy als Ligeti. Wer Neue Musik an seinem Hause unterrichtet haben möchte, kann sich nicht nur mit den kleinen Ensembles für Neue Musik begnügen, die tatsächlich sehr oft Enormes für Studentenverhältnisse vollbringen. Nein, der muss seine grossen Orchester mehr in die Pflicht nehmen!

Ein Blick auf eine Auswahl der deutschen Hochschulorchesterlandschaft und ihre Veranstaltungen im Jahr 2012. Die aufgeführten Hochschulen sind zugleich Heimat der mitunter prominentesten Kompositionslehrer. Es werden kaum Werke der Kompositionsklassen durch die hauseigenen Orchester gespielt, es werden genauso jene besagten spieltechnischen Standardwerke der Neuen Musik ausser Acht gelassen. Auch wenn manchmal das Ergebnis hart ausfällt, gibt es an jenen Institutionen immerhin meistens sehr feine Ensembles für Neue Musik. In jenen Fällen präsentiert sich das Verhältnis zwischen hoher Kompositionskunst und Orchesterlehre wie eine nicht mehr schliessbare, auseinanderfallende Schere:

1.) Die Münchener Musikhochschule unterhält unter der Leitung von Ulrich Nicolai ein Hochschulorchester, das im Schnitte alle zwei Monate eine Konzert gibt. Bundesweit einzigartig sind dabei die häufigen Aufführungen von Werken der Kompositionsklassen. Somit werden die Instrumentalstudierenden konsequent Neuer Musik ausgesetzt. Mit Jan Müller-Wieland, Moritz Eggert, Hans-Jürgen von Bose und Isabel Mundry als Lehrer der Komponisten wird garantiert ein weiter Bogen durch allerlei Spieltechniken geschlagen, wenn auch nicht unbedingt durch Alle. Ein Minuspunkt ist, dass Standardwerke der erweiterten Spieltechniken kaum gepflegt werden. Helmut Lachenmann, Brian Ferneyhough (der durchaus für Orchester meisterhaftes schrieb), György Ligeti und mehr bleiben der Kammermusik vorbehalten oder finden alle heiligen Zeiten mal als Sonderprojekte statt.

2.) An der Hamburger Musikhochschule scheint das Hochschulorchester generell zurückhaltender öffentlich aufzutreten. An der ehemaligen Wirkstätte von Alfred Schnittke und György Ligeti spielt die Neue Musik für Orchesterprojekte wohl nur eine untergeordnete Rolle, Werke der beiden Verstorbenen werden ausgespart, weitere Standardwerke der erweiterten Spieltechniken sucht man umsonst. Immerhin ehrte man im Sommersemester nun emeritierten Professor Peter Michael Hamel mit der Aufführung eines seiner Orchesterstücke. Sonst ist es an jener hervorragenden Komponistendozenteneinrichtung im Bezug auf Neue Musik für Orchester eher leise.

3.) In Karlsruhe, immerhin mit Wolfgang Rihm der bekannteste Komponist Neuer Musik als Lehrer, ist kaum etwas auszumachen. Höchstwahrscheinlich wurde da das Hochschulorchester in die Jubelfeiern zu Rihms 60. Geburtstag eingespannt gewesen. Sonst wirbt die PR-Abteilung nur mit einem Projekt im Jahr 2011, das eine Instrumentation der Klaviersonate von Alban Berg auf das Programm setzte. Mehr gibt die dürftige Homepage für eine Orchesterprogrammrecherche nicht her!

4.) Der gestrenge Gegenpol zu Karlsruhe ist die Leipziger Musikhochschule mit ihrem Lehrer C. S. Mahnkopf. Wer sich durch die Seiten der diesjährigen Hochschulorchesterprojekte wühlt, findet ausser einer Aufführung von Bernd Franke nichts an Neuer Musik. Bedenkt man, wie komplex und spieltechnisch avanciert Komponieren dort wohl gelehrt werden dürfte, ist das Unterrichtsniveau im Bezug auf erweiterte Spieltechniken im Orchester diametral.

5.) An der Stuttgarter Musikhochschule sollte dies nun unbedingt besser ausfallen. Mit dem Spieltechnik Guru Helmut Lachenmann als ehemaligen Lehrer, seinem Nachfolger Marco Stroppa und weiteren Lehrern mindestens genauso prominent und dicht besetzt, wie die Kompositionsklassen der Münchener Musikhochschule. Dieses Wintersemester steht immerhin Hans Zenders „Schuberts ‚Winterreise‘, eine komponierte Interpretation“ auf dem Programm. Natürlich setzt mein ehemaliger Frankfurter Lehrer hier ab und an auch avanciertere Klangfarben ein. Dennoch bleibt es hinter der eigentlichen kompositorischen Tradition des Hauses ähnlich wie Leipzig zurück.

6.) Die Frankfurter Musikhochschule könnte sich insgesamt exkulpieren, hat sie doch eine enge bildungspolitische Allianz mit dem dortigen Ensemble Modern für das Institut für Neue Musik geschlossen. So würde man zumindest wenige Leuchtturmprojekte des Hochschulorchesters erwarten. Alban Berg war wie wohl auch in Karlsruhe das höchste der Gefühle!

7.) Bleibt ein Blick in die Bundeshauptstadt Berlin. Im Programm des Symphonieorchesters der UdK sucht man ebenfalls lange, bis man auf einen richtigen Klassiker Neuer Musik stösst. Interessanterweise wirbt nur der allgemeine Veranstaltungskalender der UdK für das Konzert mit Ligetis Atmosphères. Die orchestereigene Seite erwähnt nur Schostakowitschs Leningrader Sinfonie, die im selben Konzert im November zur Aufführung kommt. Nun hat das kleine Fach Komposition innerhalb einer riesigen Kunstuniversität nicht die grösste Bedeutung. Allerdings schmückt man sich mit Aribert Reimann (der dort allerdings Liedklassenlehrer war!), Luigi Nono, Friedrich Goldmann, Isang Yun und ist aktuell Walter Zimmermann als einer der wichtigsten Komponisten des Landes dort Professor. Garantiert ist Atmosphères ein Werk, das präzises Einsetzen und richtige Balance einfordert. Der spieltechnische Hammer ist es aber ebenso wenig.

8.) Zuletzt nun ein Blick auf die Veranstaltungen des Hochschulorchesters der „Hochschule für Musik Hanns Eisler“ in Berlin, bundesweit die einzige Musikhochschule, die den Namen eines Komponisten trägt, der sich auch der Neuen Musik zuordnen lässt. Im Februar ein Konzert mit Musik Rihms, Anton Weberns und Mathias Spahlingers. Vom letzteren als spieltechnisch avanciertesten nur ein Ensemblestück, das wohl nicht das gesamte Orchester forderte. Aber immerhin mal was richtig Gewagtes im Vergleich zu den zagenden Projekten der anderen Musikhochschulen. Allerdings scheint man dafür wohl einen Anlass wie eben Rihms Sechzigsten zu benötigen. Desweiteren nur Verklärte Nacht von Schönberg und Ende November wird es „De Snelheit“ von Louis Andriessen geben, was rhythmische Präzision verlangt, aber spieltechnisch auch eher Konfektionsware ist, was es als Werk nicht abwerten soll.

Das Ergebnis ist wenig ermunternd. Neue Musik und ihre Spezialtechniken bleiben bis auf weiteres eine Aufgabe der Feigenblätter „Ensemble für Neue Musik“, die bei weitem nicht alle Instrumentalstudenten durchlaufen. So werden einerseits Komponisten hervorragend in der spieltechnischen Tiefe von Einzelinstrumenten und Kleinbesetzungen ausgebildet, andererseits gegen Null tendierend mit dem Klang eines richtigen Orchesters konfrontiert. Angesichts der Unbildung der Instrumentalstudenten in ihrer Gesamtheit, was jetzt nicht die Enthusiasten Neuer Musik unter ihnen verletzen soll, wenn es um schwierige Neue Musik ist das Ergebnis der Ausserachtlassung jener Standardliteratur und somit das vorgeschobene Totschlagargument für alle Seiten, die studentischen Interpreten erst recht nur selten als Orchester fortgeschrittenen Kompositionsstudenten auszusetzen.

Immerhin wäre es mir auch schon einmal passiert, dass ich lieber einen „ePlayer“ als sogar nur ein kleines Ensemble gehabt hätte: Als Teilnehmer der II. Rheinsberger Opernwerkstatt wurde mir zuerst mal ein buntes Ensemble angeboten. Am Ende war es eine erweiterte Pierrot Lunaire Besetzung. Dafür schrieb ich eine oft hoch fiepende Streichermusik, die aber mit Sicherheit in der oberen Lage zu spielen gewesen wäre. Bei einer Präsentation der Vorergebnisse konnte ich nicht anwesend sein und sandte ein auf einfachen Standard-Midisounds basierendes Demo ein, was meinen Librettisten damals vom richtigen „Rumms“ schwärmen ließ. Als ich dann selbst im Sommer dort ankam, wurde das Mini-Ensemble leise heruntergedimmt, da es die sich aufopfernden Sängerinnen wohl zu überfordern schien. Das Ergebnis waren dann leise suchende, hohe Geigen, die sowieso über das eigentlich vollkommen konventionelle Machwerk fluchten. Letztlich wäre eine Aufführung mit weniger Musikern und mehr Midisounds zweckmässiger gewesen. Dies hätte die klassische arbeitenden Opernproduktion wiederum richtig überfordert, so dass mir jede Produktionsweise von Musical-Häusern bessern gefallen hätte, als diese vorgebliche Förderanstalt für junge Komponisten, Sänger und Musiker. Aber solange Dozenten die Hochschulorchester leiten, die sich lieber mit Schostakowitsch, Mahler und Bruckner schmücken, die sie als richtige Dirigenten in der freien Wildbahn wohl kaum dirigieren dürften, statt sich mit Boulez, Xenakis und Lachenmann auseinanderzusetzen, wird es noch öfters eher den „ePlayer-Rumms“ als den „Live-Orchester-Wumms“ geben.

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6 Antworten

  1. Die Conclusio dieses Artikels will mir nicht einleuchten, vor allem nicht, wenn die Recherche lediglich auf „Durchstöbern von Websites“ basiert. Lieber Alexander, bitte setze Dich doch mit den Hochschulen in Verbindung und verfasse erst danach den Artikel. Recherchiere gründlich und lasse vor allem keine Hochschulen unter den Tisch fallen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass hier etwa die Musikhochschule Dresden nicht auftaucht. Vermutlich, weil der Online-Veranstaltungskalender aufgrund der Fülle der Veranstaltungen nur zwei Monate umfasst [aber auch da wäre schon einiges an zeitgenössischer Musik zu finden]. Fakt ist, dass die HfM Dresden sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten sehr intensiv um zeitgenössische Musik kümmert, und damit meine ich nicht einmal die Arbeit im Netzwerk Neue Musik. Es ist eben kein Ergebnis aus der Analyse eines Jahrgangs zu ziehen, sondern es geht um kontinuierliche Arbeit auf verschiedenen Feldern. Dazu zählt die Instrumentalausbildung im Hauptfach (wo ich zuerst ansetzen würde mit Kritik), dann Ensemblespiel, natürlich auch entsprechende Begleitung in Musikgeschichte/Analyse und Aufführungspraxis. Zudem bemüht sich die HfM nicht nur dauerhaft „Klassiker“ der zeitgenössischen Musik ins Orchesterprogramm zu integrieren, sondern ebenso auch Kompositions-Dozenten und -Studenten. Neue Werke werden oft mit Workshops und Begleitveranstaltungen gekoppelt, renommierte Komponisten werden gleich eingeladen, dabei zu sein. Und das geschieht nicht nur mit dem hauseigenen Orchester, es erklären sich darüber hinaus Orchester der Region gerne zur Kooperation bereit, wenn es z.B. um Workshops mit Kompositionsstudenten geht oder außergewöhnliche Gemeinschaftsprojekte (etwa Kammeropern). Zustimmen solltest Du mir auch, wenn ich sage, dass die Praxis für die Hochschulorchester überhaupt nur einen sehr engen zeitlichen und inhaltlichen Rahmen zuläßt. Und in diesem zählt nun einmal das ganze Repertoire, von Haydn bis Xenakis. Nebenbei gibt es auch noch Absolventenkonzerte, die mit integriert werden müssen. Es bleibt also wenig Raum, sich auch zeitlich intensiv mit diesen neuen Werken auseinanderzusetzen und da würde ich sogar sagen, lieber ein Werk weniger und das dafür ausführlich. Die quantitative Auflistung bringt m.A.n. hier wenig.

  2. Alexander Strauch sagt:

    @ keuk: Danke für Deine Auseinandernahme meines Artikels! Im Prinzip müsste ich Dir bzgl. der Methode meines Vorgehens Recht geben. Wie im Falle der RSH Düsseldorf, schön dass es in Dresden besser zu funktionieren scheint, als an anderen Hochschulen. Aber meine Vorgehensweise hatte einen anderen Ausgangspunkt, als alle gleich grossen Musikhochschulen zu untersuchen. Spitz gesagt, soll Dresden doch eigentlich wie Düsseldorf froh sein, nicht in meinem Topf gelandet zu sein :-) So wie ich einige Kollegen der ehemaligen Dresdner Kompositionsstudenten verfolgen konnte, ist die dortige Ausbildung vorbildlich. Ohne jetzt der dortigen Fakultät zu nahe treten zu wollen, erschien mir von vornherein Leipzig wichtiger, aufgrund des streitsamen und apodiktischer als die Dresdner Lehrer wirkenden Claus Steffen Mahnkopf. Ähnlich wie einige der anderen von mir aufgelisteten Hochschulen interessierte mich dort das Missverhältnis zwischen den doch gewaltig Deutungshoheit beanspruchenden Kompositionsklassen, sei es in ihrer Tradition wie Stuttgart und Hamburg oder in jetziger Lebendigkeit eben Leipzig mit Mahnkopf, und den dortigen Hochschulorchestern, die auffällig einen Bogen um genau diese Gegebenheiten machen und wohl nur sporadisch ihre Programme daran ausrichten. Bedenkt man, wieviel Mittel manche Musikhochschule in ihre Studiengänge an der Kante zwischen „orginär schöpferisch“, wie man es populär wahrnimmt, und „prioritär interpretierend“ investiert, wie z.B. bei Produktionen ihrer Regieabsolventen oder gar Dirigierstudenten reine Profiorchester zur Verfügung stellen, die Kompositionsklassen mit Glück mal an das hauseigene „Ensemble für Neue Musik“ herangelassen werden. Sind es jene deutungshohen Klassen dann nicht ebenso wert? Natürlich kommen Kompositionsstudenten auch sogar mal an Musiktheaterproduktionen für grössere Festivals heran, man denke an die der Münchener Biennale. Doch sind es dann immer Klassenprojekte, derweil sich Regie und Dirgenten einzeln oder maximal zu zweit die Bühne teilen dürfen.

    Natürlich ist das Kontingent der Hochschulorchester knapp bemessen. Guckt man sich dabei z.B. die mehr oder wenig alle zwei Monate stattfindenden Projekte des Münchner Hochschulorchesters an, stellt man fest, dass in fast jedem Konzert Neue Musik entweder durch UAen der Kompositionsklassen und schärfere oder sanftere Etablierte vertreten ist. Es geht also durchaus, den Bogen von Frühklassik bis weit über Xenakis hinaus zu spannen.

    Um es klar zu sagen: Ob man unten bei der instrumentalen Grundausbildung anfängt oder von oben herab die entsprechenden Studiengänge betrachtet, ist mir eigentlich piepschnurzegal. Ich bin kein Wissenschaftler, werde es nie sein und will es auch gar nicht! Analytisch müsste man tatsächlich „sauber“ arbeiten, die Curricula studieren, die Didaktik berücksichtigen. Meine Didaktik, so ich mal unterrichtete ist die „Friss-oder-Stirb-Methode“, anders erging es mir selbst nicht: Entweder ich akzeptierte die Rotstifte meiner Lehrer oder eben nicht, organisierte selbst die Klassenkonzerte oder es gab keine. Nirgends Unterstützung durch Tutoren. Allerdings eben die Chancen, im Kompositionslehrplan annähernd damals verbrieft, mit den grossen Ensembles des Hauses arbeiten zu müssen. Natürlich wäre es ggf. sinnvoller gewesen, behutsam vom Lehrer am Händchen durch den Klostergarten geführt zu werden, beschützt zu werden. So blieb eben das Studieren am Rande der Überforderung, was aber eher der Realität entspricht, als die heutige Verschulung. Das sage ich nun absolut individualistisch, quasi analsyefeindlich.

    Wie man aber an den aufgeführten Beispielen ablesen kann, geht es weniger um den richtigen Weg. Es geht vielmehr um die richtigen Personen, die moralische Einstellung: Ob nun sorgsam zwischen den Dekanen ausgetüftelt oder allein dem Orchester zum Frass ausgesetzt: Wenn der entsprechende Orchesterdozent die Lust, den Mut, die Gelegenheit und die Chuzpe hat, geläufigere oder extremere Neue Musik mit dem üblichen Repertoire zu koppeln, wird es für alle Beteiligten in diese Richtung bildend funktionieren. Wenn nicht, helfen uns die höchsten Ansprüche und Essays unserer kompositorischen Schützenkönige nicht. Ein wenig erinnert mich das an Thomas N. Krüger: Was hilft das Reden schwingen im Elfenbeinturm, wenn z.B. direkt in einer GEMA-Versammlung oder deren Umfeld direkt Politik zu betreiben wäre?

    Dennoch hätte ich weniger küchenweise herangehen können. Das Bildzeitungsniveau zeigt sich dem aufmerksamen Leser allerdings bereits in der pseudo-reisserischen Betitelung…

    Gruß,
    Dein Alexander Strauch

  3. Vermutlich ist es schlicht eine dynamische Geschichte, die – Du sagst es – auch von Personen/Persönlichkeiten geprägt wird, was oftmals zwar den Ruf begründet, aber wenig über die Qualität aussagt. Um den gemeinsamen Nenner zu formulieren: da ist (bundesweit) eine Menge nach oben hin offen. Eine kulturwissenschaftliche Betrachtung bzw. Fortsetzung dieses Themas fände ich durchaus spannend.

  4. Alexander Strauch sagt:

    @keuk: Dem kann ich Gutes anfügen: Nach Deinem Kommentar 1, nach einem weiteren Gespräch mit einem Kollegen, der gleich an 2 HfM litt, den Hinweisen Sanchez-V.s und Reaktionen hier im Hause, werde ich das noch sauberer Recherchieren. Von Hölzchen aufs Stöckchen, äh, ePlayer ins Hochschulland… Weiteres dann woanders!

    Gruß,
    Alexander Strauch

  5. Karin sagt:

    Qualität hängt von den jeweiligen Professoren der Musikhoschule ab und nicht von der Musikhoschule allgemein. Das kann man nicht verallgemeinern. Die Musikhochschule München genießt einen sehr guten Ruf. Wenn man aber an der Musikhochschule in Köln bei Kurt Moll Gesangsunterricht im Hauptfach Gesang bekommen kann dann gibt es doch keine Frage mehr wo man als Sänger mit einer Bassstimme hingehen sollte. Und so ist das eben mit allen Abteilungen. Qualität hängt von Individuen ab und nicht von der Musikhochschule.

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