Wir alle schweben hier unten

„We all float down here“ (Pennywise der Clown aus Stephen Kings „It“ (Es))

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In den 60er Jahren unterschieden die Londoner Mods zwischen den „Faces“ (gut angezogenen Typen wie sie selber) und den „Haddocks“ (allen anderen). Heute gibt es den Slang-Begriff „Faces“ nicht mehr, dafür haben wir aber „Facebook“, wo wir ständig interessante Dinge erfahren können, z.B. was unsere Freunde gerade bei McDonalds gegessen haben, wie oft sie heute schon auf dem Klo waren oder wie ihr neuer Godlfisch heißt.

Musiker lieben Facebook, denn es erfüllt genau die Kriterien, die man als Musiker wie ein Fisch das Wasser benötigt: ein bisschen Selbstdarstellung („kommt alle heute: ich spiele ein Konzert in Castrop Rauxel!!! Es wird obercool! Yo! Es gibt übrigens noch ganz viele Karten (hüstel, kicher)“), ein bisschen Angeberei („gerade fertig geworden: mein Magnum Opus, das Oratorium „Yes we can“ für Chor, Kinderchor, Laienchor, 3 Blasorchester, Solisten, Orchester und Fernorchester nach einem Text von Barrack Obama, Uraufführung durch die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, danach 500 Aufführungen in 500 Städten. Wünscht mir viel Erfolg, ihr Loser!“), ein bisschen Kuscheln und Liebhaben („Deine neue CD ist wirklich so toll, ich höre sie die ganze Zeit!“) und Bewältigung von Heimweh („Ich spiele gerade einen Soloabend in Christchurch auf Tour in Neuseeland – ist hier denn vielleicht jemand, den ich kenne??? Bitte???? Irgendjemand????????“) kombiniert mit ein bisschen Networking und Arbeitskontakten („Ich habe gesehen, Du hast ein Stück für Tuba und elektronisch modifizierte Blockflöte geschrieben – kannst Du uns das für mein Harfen/Klarinette-Duo umschreiben?“).

Nicht das wir uns falsch verstehen – ich mag mich in obigen Zeilen darüber lustig machen, bin aber natürlich genauso der Scheiße verfallen wie ihr alle auch (oder zumindest die meisten von euch). Was daran liegt, dass tatsächlich inzwischen viele berufliche Kontaktanknüpfungen über Facebook laufen und man quasi gezwungen ist, dort immer wieder vorbeizuschauen. Abgesehen davon ist es manchmal wirklich hochinteressant, was Freunde aus aller Wert täglich berichten, gerade aus fernen Ländern, von denen man in den Nachrichten nicht oft hört. So ist es für mich zum Beispiel stets eine Freude, von Kollegen aus Südostasien zu hören – die netterweise auch untereinander stets auf Englisch kommunizieren wegen des dort vorherrschenden babylonischen Sprachenwirrwarrs. Und mein Freund Tim Severloh aus Berlin wiederum schreibt z.B. manchmal so herrlich schnurrige Alltagsbetrachtungen- und beschreibungen, dass es absolut an Max Goldt heranreicht.

Mein Freund Karlheinz

Würde Facebook nun „Pinnwand“ heißen, und man würde es als eine Art offenes Forum für sowohl enge Freunde als auch entferntere Kontakte nutzen, wäre ja alles in Ordnung, aber leider muss man ja ständig mit dem Begriff „Freund“ operieren, was natürlich einer gewissen Hybris nicht entbehrt, wenn man einige dieser Freunde oft gar nicht erkennen würde, würden sie einem auf der Straße begegnen (was nicht heißen muss, dass sie nicht nett sind).

In der letzten Zeit könnte „Facebook“ aber auch „Ghostbook“ heißen, denn es kommen Anfragen aus dem – schauder – Jenseits!!!

Simon Detel machte mich gerade (per Facebook natürlich) auf dieses relativ neue Phänomen aufmerksam, das ich selber aber natürlich auch schon erlebt habe. So bekam er z.B. Freundesanfragen von sowohl György Ligeti (verstorben 2006) wie auch Karlheinz Stockhausen (gestorben 2007). Da sagt man natürlich nicht direkt nein, denn wer will die beiden nicht zum Freund haben? Und bei good old Karlheinz könnte man ja sogar fast glauben, dass er irgendwie vom Sirius aus noch Kontakt zu uns armen Erdenmenschen sucht. Allerdings: Karlheinz, nur 39 Freunde???? Klar, Du warst zu Lebzeiten nicht der Einfachsten einer, und Deine berüchtigten 9/11-Kommentare haben ja zum Teil sogar Deine eigenen Kinder entfremdet, aber es waren doch schon ein paar mehr, die Dich mochten, nicht nur Deine beiden Frauen, oder?
Toll finde ich aber, dass Du Dich posthum mit John Cage (gestorben 1992) versöhnt hat, ihr wart ja zu Lebzeiten jetzt nicht direkt enge Freunde. Seltsam wiederum Deine Freundschaft mit Benjamin Britten – euch beide will man ja nun weder ästhetisch noch menschlich irgendwie geistig zusammenbringen, aber Facemund tut Wahrheit kund, oder?

Nun stellt Facebook bekanntermaßen automatisch Profile her, skurrilerweise auch von Leuten, die noch nie in ihrem Leben Internet genutzt haben (Wolfgang Rihm) oder eben schon einige Zeit tot sind (Arnold Schönberg). Und da hier diverse Bots am Werk sind, die automatisch Anfragen erstellen, bekommt man durchaus auch mal Freundesanfragen von so aktuellen Zeitgenossen wie Monteverdi oder Johann Sebastian Bach. Und die Bots suchen nach Sichwörtern, die sie dann miteinaner zu verkuppeln versuchen.
So ist zum Beispiel der virtuelle Stockhausen zum Beispiel sowohl mit dem Komponisten Olivier Messiaen (macht Sinn) wie auch dem französischen Produktionsassistenten Olivier Messiaen befreundet, der weder mit Neuer Musik noch mit Stockhausen irgendwas zu tun hat, aber wohl irgendwann mal die virtuelle Freundesanfrage von Messiaen bekam.

Posthum scheinen diese Facebook-Geisterkomponisten auch noch ihre Meinung zu ändern. So ist zum Beispiel der Olivier-Messiaen-Bot keineswegs mit dem Claude-Debussy-Bot befreundet (was man bei einiger Kenntnis des Messiaenschen Werkes eigentlich voraussetzen sollte), sondern dagegen „nur“ mit Joseph Haydn. Und zickig sind sie auch noch: Der Wolfgang Rihm-Bot zum Beispiel beantwortet schon seit einem Jahr meine Freundesanfrage auf Facebook nicht, wogegen ich gerade erst letzte Woche mit dem echten Wolfgang Rihm essen war. Gottseidank hat der echte Wolfgang Rihm gar keinen Computer, sonst wäre ihm das ja am Ende noch peinlich.

Am Ende kann man diesen skurrilen Schattenspielen vielleicht sogar einen tröstlichen Gedanken abgewinnen: Egal wie sehr wir uns jetzt in der Gegenwwart über Ästhetik und die Zukunft der Musik streiten, in irgendeinem Facebook der Zukunft sind wir dann nach unserem Tod versöhnt und wieder lieb miteinander, ja, sogar richtig „befreundet“. Dennoch, irgendwie geht mir dabei das Bild von Pennywise dem Clown nicht aus dem Kopf, wenn er mir erzählt, wie viel Spaß man mit ihm haben kann, würde man ihm nur folgen in sein Reich in den Kanälen unter der Stadt.

Und einen am Ende letztlich nur auffressen will.

Moritz Eggert

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5 Antworten

  1. „… und ich mach mir jetzt erst mal nen leckeren Tomatensalat (mit knobi, bissel Thunfisch, Frühlingszwiebeln und Schafskäse).“ Zitat von meiner Facebook-Seite (vor etwa fünf Minuten) ;-)

  2. Alexander Strauch sagt:

    mehr als gruselig – mein einstand hier ist ein beitrag über den viel zu jung verstorbenen christophe bertrand gewesen. er firmiert auf „rihms profil“ auf fb als „freund“. ich kann mir denken, dass bertrands fb-profil als memento mori weitergepflegt wird. ein wenig seltsam ist es dennoch, das er „freund“ eines lebenden ist, der gar nicht persönlich sein profil anlegte. fühlt sich wie derridasche betrachtungen zu geschlossenen ritterüstungsvisieren an und das esoterische ablauschen jener fernen menschen… danke für diesen erhellenden artikel, lieber moritz ;-)

  3. strieder sagt:

    Ich lebe zwar nur noch in facebook, aber das hier beschriebene Phänomen ist mir noch nie untergekommen :O Mache ich da was richtig oder falsch?

  4. Alexander Strauch sagt:

    @ st., john: mir kam die causa bertrand-rihm auch erst über diesen beitrag moritz‘ unter! immerhin stolperte ich in fb einmal über einen geheimnisvollen györgy ligeti, der kurzzeitig recht aktiv war. statt in hamburg wohnt er oder auch sie, die person die sich dahinter verbirgt, in „cornell“, wohl die cornell-uni. nimmt man die liste der „wichtigen persönlichkeiten“ könnte sich pynchon, kohlhaas oder sonst wer dahinter verstecken. oder jemand der sich hinter pynchon, kohlhaas sowie ligeti verbirgt? oder hinter cornell, pynchon und ligeti? o mein gott, wie ausufernd!!!!!