Rettet uns vor der SWR-Fusionsverwaltung! Eine polemische Analyse der Polemik des Verwaltungschefs von Oertzen

„Stuttgart – Es geschah im Jahr 2012, da wurde ein neues Wort geboren: der Wutbürger.“ So beginnt das neueste Märchen, das der Verwaltungschef des SWR Viktor von Oertzen am 21.6.12 in der Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung zur geplanten Fusion von „Radio-Sinfonieorchester Stuttgart“ und „SWR Sinfonieorchester Baden-Baden Freiburg“ zu erzählen versucht. Dass es sich genau um diese beiden Klangkörper seines Senders handelt, erfährt der Zuhörer dieses Märchens erst im Vierten Absatz. Ein gestandenes Grimm-Märchen führt seine Hauptprotagonisten in der Regel im ersten, zweiten Absatz ein. So räsonniert sich der administrative Mythenerfinder vom Wutbürger, zu Radio– und Orchesterrettern, und zieht seinen ersten Schluss: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann sich vor Rettern fast selber nicht mehr retten.“ Man sehe und staune, unser Erzähler ist selbst nicht zu retten. Hätte er doch lieber so angefangen: Es war einmal zu einer Zeit, als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg moralisch und kulturell in Schutt und Asche lag. Um dies zu bekämpfen errichtete man neue öffentlich-rechtliche Sendeanstalten, die unserem Lande demokratische Sitten in Journalismus, Bildung und Kultur wieder ins Gedächtnis rufen sollten. So entstanden oftmals pro Sendeanstalt mindestens zwei Orchester, eines für die leichte Muse und die Gebrauchsmusik, eines für die klassische Sinfonik und wie im Falle des SWF Sinfonieorchesters Baden-Baden sogar für Neue Musik, wobei diesem Beispiel mehr oder minder ausgeprägt etliche Sender folgten. Etc.

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Zugegeben verfährt Viktor von Oertzen sinngemäß. Er widersteht aber nicht der Versuchung, gleich Geschichtsklitterung zu betreiben. Er behauptet, die Gründung des ehemaligen SWF und des SDR wären allein Linien zu verdanken, an denen „die Panzer der Befreier nach dem Zweiten Weltkrieg zum Stehen gekommen waren (…)“ und verkennt dabei die reale Existenz zweier Bundesländer Baden und Württemberg, die sich zwar bald fusionierten, zu Zeiten ihrer eigenen Existenz aber auch eigene Sendeanstalten leisteten, so sehr man immer schon bemüht gewesen sein mag, ebenfalls diese von vornherein zusammenzufassen. Denkt man an den NWDR, könnte man sogar ein Beispiel eines später zerfallenen Senders anführen. Dies mag anhand der Ländergrößen als Gegenbeispiel durchaus schwer vermittelbar sein, zeigt aber immerhin die Denkbarkeit des puren Gegenteils zu Fusion: disversifizierende Aufspaltung.

Im Moment der endlich erfolgenden Erwähnung seines Themas, der beiden zu fusionierenden Orchester des SWR im vierten Absatz, könnte der Artikel eine urplötzlich neue Wendung erhalten, die Nachricht, dass eben nicht fusioniert würde: „Der SWR ist schlicht stolz auf seine Orchester. Jeder würde diese Orchester gerne erhalten wollen.“ Aber heute sei nicht gestern folgt postwendend! Ja, das wollen wir doch stark hoffen. Leben wir doch nach Kriegsverbrechen und Zerstörung, Teilung, Wiederaufbau, Wiedervereinigung doch in einem properen Lande, dem es besser denn je geht! Wir retten sogar bedenkenlos den Euro, können dies uns trotz der immensen Summen leisten, auch wenn wir in NRW bereits bald mehr kulturellen Notstand zu haben scheinen als im seit der Wiedervereinigung an Schliessungen und Fusionen siechendem Mitteldeutschland. Nun spielt der Verwaltungschef aber gnadenlos mit dem Klappergeist der Angst vor Wohlstandsverlust: „Aber 2012 ist nicht 1945.“ Er konstatiert eine Vielfalt an aufgenommener Musik und sieht prompt die Gebührenzahler aufgrund des demographischen Wandels schrumpfen, was selbst die neue Haushaltspauschale nicht ausgleichen können wird. Aber Herr von Oertzen, sind 2012/13/14/15/16 deshalb schlechtere Jahre als 1945 ff.? Gerade als es dem Lande nicht gut ging, gründete man oder wiedererrichtete man Sender und Klangkörper. Drohen uns jetzt schon staatlich ausgegebene Essensmarken wie anno dazumal? Wie gesagt, die Euro-Krise und noch anstehende, unabsehbare Folgen mögen viel kosten. Aber ein ausgebombtes Land sollte dabei nicht drohen. Es sei denn, wir lassen uns mal wieder moralisch und kulturell zerstören, wie durch Schliessungen und Fusionen kultureller Einrichtungen.

In den Folgeabsätzen erklärt uns der wohlbestallte Funkmanager, wie teuer das Land inzwischen geworden sei, wie ein Lieschen-Müller-Vergleich untermauert: „Die Welt um uns herum ist seitdem teurer geworden und wird weiter teurer werden. Jeder spürt das, wenn er etwa tanken geht oder wenn er seine Stromrechnung bezahlt. Selbst wenn selbst ernannte Retter das gerne übersehen: Auch der SWR muss tanken und braucht Strom.“ Nur wenige Zeilen später bricht der Schwabe hervor, der dem badischen Frohsinn den Finanzschäuble an die Wand malt. Erinnern wir uns nicht an das berühmte „spare, spare, Häusle baue“? Herr von Oertzen läßt davon nur das Sparen übrig, will er keine neuen kulturellen Werte mehr schaffen, zumindest erhalten: „Der SWR hat daher einen grundlegenden Einspar- und Umbauprozess beschlossen.“ Er spricht über die gesetzliche Verpflichtung dazu. Wie steht es aber mit der gesetzlichen Verpflichtung zum Kultur- und Bildungsauftrag? Ist das nicht das Wesensmerkmal des öffentlich-rechtlichen Senders? Sollte nicht das zuerst angeführt werden? Der SWR Verwaltungschef macht es anders, dieser originäre Auftrag findet erst am Ende des Artikels Erwähnung, als schliessendes Lippenbekenntnis.

Immer das liebe Geld! Natürlich gibt es den demographischen Wandel, natürlich schrumpfen die Klassikhörer, die humanistisch ausgebildeten Bürger. Aber ist dies ein Grund, um statt Aufbau und Erhalt das Gegenteil von Fusion und Schliessung zu propagieren? Haben die öffentlich-rechtliche Sender nicht viel zu sehr im vorauseilendem Gehorsam ihre Programme im Sinne der kulturellen Bildung selbst unterminiert den Privaten folgend? Manchmal dachte man doch zweitweise, dass die Privaten mit dem ungeliebten Pflichttermin für Alexander Kluge und Co. innovativer eine neuartiges Kulturprogramm pflegten, als die ARD? Verwässern die öffentlich-rechtlichen jetzt nicht sogar ihr Aushängeschild „Arte“? Wo sind all die Sonntagskonzerte, Opernabende, im Prime-TV geblieben, wo sind die berühmten ganzen Stücke hin verschwunden? Trugen und tragen die öffentlich-rechtlichen Sender nicht selbst zum kulturellen und moralischen Verfall bei, in dem sie die sozial-kulturelle Einstellung ihrer treuesten Anhänger auf die Abraumhalde stellen? Und wieder das Geld: Es ist genug Geld da, um teure Grossstadtlagen zu erschaffen, in dem man Bahnflächen freigibt. Es ist genug Geld da, um dritte Start- und Landebahnen in die Welt zu setzen. Es ist genug Geld da, halb Europa zu retten, private Bankschulden zu sozialisieren. Gespart wird aber immer sofort an der Bildung und der von ihr zu vermittelnden Kultur. Was die öffentlich-rechtlichen Sender betrifft: Es ist genug Geld vorhanden, um sämtliche EM-Fussballspiele zu senden, statt sich das kostensparend mit den Privaten zu teilen. Die Werbung verätzt ja sowieso beide Senderichtungen. Aber denken wir an all die public-viewings: Brauchen wir dann wirklich öffentlich-rechtliche Übertragungen in jeden Haushalt? Wären Bezahlsender für solche Events nicht besser. Natürlich beflügelt der Sport. Eine positive Wirkung entfaltet er im Gegensatz zu Kultur und Bildung nur im „selbst machen“! Und der Gemeinschaftseffekt ist dann anders zu bewirken, wie eben gezeigt.

Klug argumentiert von Oertzen mit der erfolgreichen Popwelle aus SWF3 und SDR3. Nur verkennt er dabei, dass es sich hierbei nicht um Klangkörper, sondern um Klangwellen handelt: Für die Ausstrahlung des schmalen Mainstreams der Popwelt genügt tatsächlich ein Sender. Das wäre mal ein echter Fusionsgrund für alle dasselbe dudelnden Privatradios. Er erwähnt zudem die aus Fusionen hervorgegangene „Deutsche Radiophilharmonie“. Unbestritten mögen die Musiker dieses Orchesters immenses leisten. Die Bedeutung des ehemaligen SR-Sinfonieorchesters konnten sie aber bisher nicht wiedererlangen. Ein Orchester kann sehr wohl ein Reiseunternehmen sein, um die von ihm versorgte Region mit Live-Konzerten zu bespielen. Dies findet in jenem Radius und grösseren Gastspielen seine Grenzen. Zwischen Kaiserslautern und Saarbrücken liegt sehr wohl kein weiter Weg. Dennoch genug Trennendes, Mühsal schaffendes, um wirklich an der alten Tradition anpacken zu können. Bei einer Fusion von Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und SWR Sinfonieorchester Baden-Baden Freiburg würden die regionale Grenzen bei weitem gesprengt, wäre es im Gegensatz zur Deutschen Radiophilharmonie ein riesenhafter Wanderzirkus. Das erzeugt Unruhe und wird sensible Musiker niemals an den jetzt räumlich besseren Situationen anknüpfen lassen, die Qualität trotz renommierter Dirigenten senken, die Musiker aus ihrem lokalen, eher privaten Wirkungskreis herauslösen, der mitunter durchaus ein wichtiger Multiplikator für von Orchestermitgliedern gut ausgebildete Nachwuchsmusiker ist bis hin zu nur privaten Musikveranstaltungen, auf denen die Musiker aber sehr wohl als hervorragende Mitglieder ihrer Klangkörper wahrgenommen werden.

Richtig hämisch wird es in den Moment, wo Herr von Oertzen alle Radioretter zu GEZ-Schummlern erklärt: „Retter sein ist schick. Schick war es übrigens auch, den GEZ-Beitrag in den letzten Jahren zu boykottieren. Vielleicht sind die Motive all dieser wütenden Retter um uns herum gar nicht so ehrbar, wie sie scheinen.“ Aber da ist er nicht anders masslos, volksfremd, fast schon antidemokratisch wie Michael Kerkloh vom Münchener Flughafen, der das Negativvotum der Münchener Bürger für irrelevant erklärt, das korrekt nach der Massgabe des Gesetzes erfolgte. Bisher unterzeichneten mehr als 25 000 Menschen bei den Orchesterrettern. Das mag nur ein kleiner Teil der vom SWR erreichten Leute sein. Es sind aber doch massgebliche Personen des kulturellen Lebens dabei, treue Zuhörer und viele mehr. Diese Willens- und Sympathiebekundung ist durchaus ernstzunehmen. Überträgt man diese Zahl nun auf die Gesamthörer der SWR-Klassiksendungen, dann dürfte durchaus ein Quorum erreicht sein, was spielend für manches erfolgreiche Bürgerbegehren ausgereicht haben dürfte. Aber nachdem wir SWR-Fans nun mit Schuld am Untergang der beiden Orchester sein sollen, bleibt nur eines festzustellen: Griff er von Oertzen weit in der Historie aus, um beim Ende des Zweiten Weltkriegs zu beginnen, funktioniert im aktuellen Falle seine Geschichtsklitterung nicht. Die Schuld liegt nicht beim Hörerkollektiv, sie pocht alleine in den Köpfen der mutlosen SWR-Verwaltung!

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1 Antwort

  1. „Retter sein ist schick. Schick war es übrigens auch, den GEZ-Beitrag in den letzten Jahren zu boykottieren.“

    Wirklich unterste Schublade der Rhetorik so ein Satz. Genauso geschmacklos als ob man sagte: „Für alternative Energien zu sein ist schick. Schick war es auch 1933, die NSDAP zu wählen.“