Gehört die Reihe „musica viva“ nicht ins normale Abokonzert? Einige Eindrücke vom letzten Wochenende

„Veni, vidi, vici“, so hieß das Stück Georg Friedrich Haas‚ am letzten musica viva Wochenende in München. Nein, der Titel war ein anderer. Dennoch fuhr Haas mit seiner Uraufführung – hier der richtige Titel – „Ich suchte, aber ich fand ihn nicht“ eine gute Ernte ein. Länge, Anspruch und Materialkonsistenz standen in einem guten Verhältnis zueinander. Aber vielleicht war es ein Stück, was mich schlichtweg mehr einnahm als die anderen Kompositionen? Den Rahmen gab die Michaelskirche ab, eine imposante Renaissancekirche der Jesuiten mit einem der größten Tonnengewölbe ihrer Bauzeit nördlich der Alpen, was München mal wieder zur nördlichsten Stadt Italiens werden lässt. Wirklich seltsam: Der Altarraum ist nach Norden ausgerichtet, genauer nach Nordostnord. Im Halbduster der Abenddämmerung um 20 Uhr im Juni hat man den Eindruck einer Kalk- oder Gletscherhöhle.

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Das Konzert war zwar ordentlich besucht, doch wirkte der Bau eher halbleer als halbvoll. Beruhigend die Lockenköpfe des technischen Personals der musica viva im Chorgestühl. Beunruhigend, als der riesige Wolfgang Rihm aus der Sakristei mit Seidenschal geziert die Stufen vom Altarraum in das Auditorium herabsteigt. Das führte sofort zu einer unbequemen Geschäftigkeit der wichtigeren Zuseher. Eigentlich Grund genug, das Weite zu suchen. Aber die Neugier auf Haas hielt mich im Bann.

Der Stücktitel verweist auf das Hohelied. Mir ehemaligen Student Hans Zenders durchaus vertraut, komponierte dieser doch mit „Shir Hashirim“ weite Teile dieser Vorlage als Kantate für Soli, Chor, Elektronik und Orchester, auch immer wieder im Rahmen der musica viva aufgeführt, bereitete das eine gewisse Spannung, wie Haas dies anging. Er wählte ein kleinere Besetzung gut machbar für die musikfabrik unter Emilio Pomarico, keine Liveelektronik, eher Sampling. Und er verwendete keinen Gesang. Bemerkenswert die Trompete und Posaune mit Doppeltrichter, als ob es sich um mikrotonal mensurierte Blechblasinstrumente handeln würde. Haas begann mit einer klaren Setzung, viel ruhiger als das Durchstarten Zenders. Dann bauten sich die für Haas typischen obertonharmonischen Wellen auf, die herauf- und herabkreisen, wie Sinuskurven. Dazu immer wieder glissandierende Oberstimmen von Holzbläsern oder Violinen, chromatische, mikrotonal veränderte Bassabstiege.

Am spannendsten immer wieder stehenbleibende Akkorde, die in Sechsteltönen absinken oder aufsteigen ähnlich einem akustischen Dopplereffekt, was mich mal wieder an Nono denken ließ. Seltsam wirkten besonders die Wege hin und weg zu Moll- und Durklängen. Das ließ mich an extrem zeitlich gedehnte Strecken aus Ruhe vor dem Sturm/Gewitter in Richard Strauss‘ Alpensinfonie denken: Statt einer Windmaschine hörte man das Japsen des Orgelportativs, wurden ratschenähnliche Schlaginstrumente bedient. Gegen Ende wurde ein kurzer, gesampelter Ausschnitt eingespielt, am Ende zweimaliges Ausklingen. Obwohl man Linie, Melos und allgemein eine schärfere Morphologie schon nach fünf Minuten Stückdauer (es ging ca. 25 Minuten) vermisste, hatte das Stück einen eigenartigen Sog.

Nachdem ich im Voraus bereits kurze Schnipsel aus Rihms folgender „Vigilia“ gehört hatte, von Haas aber nachhaltiger als erwartet erfasst war, viel es mir um so leichter, die Kirche zu verlassen, um den Abend im „Signalraum“, in tief unter der Erde liegenden ehemaligen Bierkellern, mit Musik von Thomas Medaowcraft fortzusetzen: Seine Stücke „Weather Forecasting Opera“ und „Cello Piece (A Vanity Press)“ sind natürlich eine leichte Kost im Vergleich zu Haas. Dennoch sind die Fragen zum Mittelmeerwetter, das die Odyssee beeinflusste und das immer noiseartigere Cellostück der bessere Kontrapunkt als weitere geistliche Musik wirklich romantizistischer Natur.

Einen Tag später, samstags, dann in das „klassische“ musica viva Konzert im Herkulessaal. Kennt man diese sehr gut besucht, war der Saal doch erheblich leerer als sonst. Rächt sich da die Verschiebung des Hauptkonzerts vom ewigen Freitag der letzten Jahrzehnte? Peter Eötvös schien die BR-Sinfoniker wohl gut im Griff zu haben. Bevor es aber losging, begegnete ich einen der o.g. Lockenköpfe, der mir zwar recht gab, dass ich mit „Vigilia“ kompositorisch streng betrachtet nichts verpasst hätte, mir aber vom Tadel seiner Frau berichtete: „Dem Volk muss man doch auch mal was gönnen“. Ergo, frei nach Marx, Rihm als Opium des Volkes?! Zuerst gab es ein ungarisches Dauerlamento von Ramon Lazkano, „Ilunkor“ für Orchester. Es fing vielgestaltig an, verfing sich dann aber in jenen Gestalten, nervte am Ende mit einem immer wieder unterbrochenen Englisch Horn-Solo, ohne Ende…

Ganz zum Schluss gab es die „Symphonie Fleuve pour cor et orchestre“ von Jorge E. López. Das Solohorn teilten sich Carsten Duffin und François Bastian, Wagnertuben auf den Rängen. Die angekündigte „vollständige Uraufführung“ hätte auch zur Hälfte gereicht. Es gab reichlich lauten Hornsalat, die Orchestermusiker hielten sich in den Spielpausen ihrer Parts mehrheitlich die Ohren zu, in den Proben soll gar jemand durch unvermittelte Lärmattacken richtig heftig gefährdet worden sein. Es gab zwar z.T. grandiose Momente, aber von der Formenklarheit Haas‘ und Medaowcrafts‘ verwöhnt, wünscht man sich solche Uralt-Formexperimente in die Büchse des Vergessens! Neue Musik entschuldigt nicht fehlende Dramaturgie, der ewige Tumor der Zunft. Was soll es!

Um so beeindruckter war ich von Nikolaus Brass‘ Uraufführung „Der Garten“, Musik für Orchester mit 4 Männerstimmen (Neue Vocalsolisten Stuttgart). Eine Mischung aus den biblischen Berichten der das leere Grab findenden Maria Magdalena und des ungläubigen Thomas. Aber es wurde keine Bibelstunde, da der Gesang nur bocca chiusa, a oder o bzw. Pfeifen war. Letzteres habe ich noch nie so ernsthaft und berückend erlebt, wo man sonst oft selbst am Kichern wäre. Hauptsächlich von expressiven, ruhigeren Phasen geprägt, gingen Gesang- und Orchestertutti Hand in Hand. Das klang jetzt nicht neu, war aber erfrischend rund gestaltet, hatte einen wilden Mittelteil, beruhigte sich.

Allgemein betrachtet waren dies alles Stücke, die eher in ein Abokonzert gehörten. Denn Experimente, Infragestellungen waren sie trotz allem Programmheftaplomb nicht. Ausserdem schuf der BR damit eine extreme Konkurrenz mit geistlicher Musik zur Reihe „paradisi gloria“ des hauseigenen Rundfunkorchesters, welches dies leidlich erfolgreicher als die musica viva betreibt. Sollte doch der Tag kommen, wo die Reihe aufgelöst wird und diese leichtere, leider zu lange Neue Musik neben Brahms und Strauss steht, denen sie doch so nahe zu sein scheint? Dies würde die Frage nach der Existenzberechtigung außerhalb einer musealen Idee von Orchestermusik ganz anders beantworten als diese in Experimentform gegossene Nicht-Experimente. Und gerade da es „erfüllende“ Stücke waren, wären sie im Abokonzert besser aufgehoben. Ach ja, nochmals Zender: Letzthin in Saarbrücken fiel mir ein Programm des ehemaligen SR-Orchesters (jetzt die fusionierte Deutsche Radiophilharmonie) in die Hände. Sind das zwar nur noch Gastspiele, Matineen, so werden in diesen Konzerten trotzdem immer neuere und neuste Stücke mit dem „Repertoire“ kombiniert. Ach, Du altes München und Deine Ängstlichkeit der „Wichtigen“.

P.S.: Dennoch wünsche ich mir keinen Ersatz von Orchestern durch ePlayer, aber unbedingt deren Ergänzung und Nebeneinander!!

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1 Antwort

  1. Warum „musica viva“ leerer war als sonst? Bitte einen Blick auf die aktuelle Situation in Polen und Ukraine werfen…und damit meine ich jetzt nicht die politische Situation, sondern runde, rollende Argumente….