Hitlers musikalisches Werk aufgetaucht

Ende letzter Woche tauchte bei Baustellenarbeiten nördlich der zerstörten Berliner Reichskanzlei eine unauffällige, aber große, ja, formschöne Kassette auf. Einbestellte Archäologen des Deutschen Hysterischen Museums identifizierten sehr bald, dass es sich bei dem Inhalt des fein geschnittenen, ja, elegant gehandwerkten Behältnisses um Eigentum von Adolf Hitler handelt: zahlreiche Partituren, Notizbücher mit Melodie-Fragmenten, musikalischen Form-Verläufen und Instrumentations-Ideen. Handschriftenexperten stellten – anhand von Vortragsbezeichnungen – so gut wie zweifelsfrei fest, dass die in der Kassette sich befindenden musikalischen Materialien von Hitler persönlich stammen müssen. Bislang war gänzlich unbekannt, dass Hitler – neben seiner nicht einmal mittelmäßigen malerischen Tätigkeit – auch komponiert hat. Wann, wo und bei wem Hitler das Handwerk des Komponisten erlernte, ist noch ein Rätsel. Musikwissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin vermuten, dass Hitler musikalischer Autodidakt war – und nur wenige Monate möglicherweise bei Emil Nikolaus von Reznicek (1860-1945) Kompositionsstunden nahm. Hinweis habe das Deckblatt von Hitlers Streichquartett Nr. 3 (bereits ohne Angabe einer Tonart!) gegeben, das die Widmung „Emil Niki in Dankbarkeit“ trägt.

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Christian Thielemann (freut sich schon auf die Konzerte mit Hitlers eigenen Werken)

Christian Thielemann (freut sich schon auf die Konzerte mit Hitlers eigenen Werken)

Der SPIEGEL wird ab August das musikalische Werk Hitlers in mehreren Extra-Ausgaben vorstellen. Bis dahin soll auch bereits Musik in Studios aufgenommen und den SPIEGEL-Ausgaben in Form einer Gratis-CD beigelegt werden. In der Kassette wurden immerhin fünf vollendete Sinfonien Hitlers gefunden, darunter auch eine mit „Orgelsinfonie“ überschriebene Orgelsinfonie für Orgel und Sinfonieorchester. Christian Thielemann hat sich als erster Musiker öffentlich zu Hitlers musikalischem Oeuvre bekannt und sich vorgenommen, dessen gesamtes Orchesterwerk mit seiner Sächsischen Staatskapelle einzuspielen.

Claudio Abbado (ist irritiert, aber begeistert)

Claudio Abbado (ist irritiert, aber begeistert)

Hinter den Kulissen der Klassik-Welt scheint es bereits zu heftigsten Kontroversen gekommen zu sein, denn im Gegensatz zu seinem malerischen Vermächtnis glüht – so ein nicht weiter genannter, aber ziemlich alter Professor der HU Berlin – das musikalische Werk Hitlers offenbar vor avantgardistischer Ambition. Hitlers Werke, gerade auch die Kammermusiken, „lodern in ihrer unendlichen Kühnheit“. Jetzt stelle sich die Frage, inwiefern man sich lobend und angeregt über die Musik eines Massenmörders äußern dürfe.

Nikolaus Harnoncourt ("Hitlers Musik ist gerade im Pianissimo berückend zart und zerbrechlich. Und zart!"

Nikolaus Harnoncourt ("Hitlers Musik ist gerade im Pianissimo berückend zart und zerbrechlich. Und zart!"

Hitler habe Anfang der 1920er Jahre das Komponieren allerdings sehr zurückstellen müssen („wegen anderer Verpflichtungen“) – und nur noch gelegentlich Noten zu Papier gebracht. In seiner – teilweise sehr emotionalen Musik – habe Hitler alle damals zur Verfügung stehenden kompositorischen Mittel ausgereizt, kreativst mit seriellen Ansätzen experimentiert und sogar früheste elektronische Instrumente verwendet. Man müsse, so heißt es weiter, Hitler im Grunde als einen „Vater der Neuen Musik“ ansehen, der schon früh die „Ursuppe des musikalisch-avantgardistischen Denkens vorgekocht (…)“ habe.

Daniel Barenboim ("Ja, Hitler war Antisemit, aber seine Musik ist großartig!")

Daniel Barenboim ("Ja, Hitler war Antisemit, aber seine Musik ist großartig!")

Daniel Barenboim, so der SPIEGEL, habe Hitlers Orchesterwerke (darunter expressionistischste sinfonische Dichtungen, die größtenteils deutsche Bauwerke und klassizistische Springbrunnen mit musikalischen Mitteln zu beschreiben suchen) „verstörend genial“ genannt. Barenboim plane, das Gesamtwerk für Orchester, für Solo-Klavier und die gesamte Kammermusik (sofern er es zeitlich schafft) in Deutschland und schließlich auch in Israel aufzuführen. „Dann doch lieber Wagner“ heißt es jedoch mehr als zurückhaltend in der Bethlehemer Morgenpost.

Wilhelm Furtwängler (wusste nichts von Hitlers Oeuvre)

Wilhelm Furtwängler (wusste nichts von Hitlers Oeuvre)

Bereits reagiert hat die Politik auf die mit Hochspannung erwarteten Elektrizitätswerke Hitlers. Volker Kauder (CDU) bekannte sich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zunächst ausweichend zu seiner Wagner- und Bruckner-Liebe – und fügte (nach einigen Gläschen oberösterreichischen Weines) hinzu: „Richtig freuen kann ich mich auf die Uraufführung der Hitler-Sinfonien freilich nicht“, so Kauder, doch „äußerst gespannt und irgendwie so leicht hibbelig“ sei er angesichts der bevorstehenden Uraufführungen des Musikers Hitler schon. „Eine Gesellschaft wie die unsrige muss es aushalten können, dass der größte Massenmörder aller Zeiten ein musikalisches Genie war“, so der ehemalige CDU-Generalsekretär grinsend.

Richard David Precht, der bedeutende Langhaarträger, analysierte dagegen scharfzüngig: „Die Genialität der musikalischen Werke Hitlers wird ein Keil durch unsere Gesellschaft, die wir Bundesrepublik nennen, treiben. Wir werden damit konfrontiert sein, die großartige Musik eines fanatischen Massenmörders entweder gut zu finden oder abzulehnen. Das ist nur zu natürlich. Es ist aber auch gar nicht schlimm, wenn so etwas passiert. Manchmal muss es so einen ‚Keil‘ geben.“ Auf die Frage, warum Hitlers Werke erst jetzt aufgetaucht seien, habe Precht selbst keine Antwort parat: „Warum Hitler seine Kompositionen offenbar nie jemandem gezeigt hat, wird wahrscheinlich eine ungeklärte Frage bleiben. Aber das ist gar nicht schlimm. Es gibt ganz, ganz, ganz viele Dinge, die wir noch nicht wissen!“

Karl Böhm (Wäre er "damals" der größte Interpret der hitlerschen Sinfonik gewesen?)

Karl Böhm (Wäre er "damals" der größte Interpret der hitlerschen Sinfonik gewesen?)

Bei Precht im Bild bin ich dann aus diesem schrecklichen Traum aufgewacht.

[Satire]

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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3 Antworten

  1. Goljadkin sagt:

    Gut, dass am Schluss nochmal „Satire“ druntersteht … (gähn)

  2. Ralf Hentschel sagt:

    Schade, dass nicht Ihr richtiger Name über Ihrem Kommentar steht… (gähn)

  3. Manche Menschen haben einfach zu viel Zeit und eine vermutlich mehr als ausreichende private finanzielle Ausstattung. Da kann es schon passieren, dass die öde und entnervende Langeweile, die die vielen Tage durchzieht (man kann ja nicht immer nur ins Restaurant oder in die Oper gehen, Kartenspielen und am Computer hocken), irgendwie vertrieben werden muss. Man setzt sich hin, überlegt eigentlich nicht viel und fängt an zu schreiben (aha…wieder der Computer!)…und….es kommt einem SO WITZIG vor, was man da geschrieben hat, man kann sich vor Lachen kaum die Tränen abwischen…..ja…ALLE ANDEREN müssen das auch lesen, denn es ist doch so lustig und so…ach…ich weiss nicht…..so toll geeignet für den elektronischen Mülleimer!