Ins Kühle. Nass.

„fort ist fort“ (aus „Szene 10: Traum (3) Katja, Chor (+1 Bariton als Alter Ego Roberts“)

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Wo?

Was?

Wo bin ich?

Hat da jemand etwas gesagt?

Geiz ist geil, heißt es immer beim Mediamarkt. Oder nur noch „geil ist geil„, seit kurzem. Ist das dasselbe wie „fort ist fort“? Wer hat das eigentlich gerade gesungen? Gesungen? Häh?

Ich schaue mich um. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist das langsame Abdunkeln des Saales. Ein Saal, ich befinde mich in einem Saal. Die Muffathalle München. Um mich herum lauter Menschen, die ich scheinbar kenne, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Wie bin ich hierher gekommen? Ich höre nur langsame, grummelnde Klänge, tiefe Klarinettentöne. Eine Frauenstimme singt zäh eiernd aus der Ferne: „Ich habe dir gesagt – ich will nicht. Ich habe dir gesagt – komm nicht her“.

Ok, ok. Ganz ruhig bleiben. Meint die mich, diese Frau? Was soll das alles? Ich muss versuchen, die Fakten zusammenzusetzen, herauszufinden wer ich bin, woher ich komme, wohin ich gehe. Wollen wir das nicht alle? Ist es diese Sinnsuche, die uns antreibt, uns muffelnd in Muffathallen treibt? Vorne sitzt nun ein Mann, vor einem riesigen Rollo, und singt – unendlich langsam, in winzigen verschobenen, auf der Stelle tretenden Intervallen, die nirgendwohin gehen und nirgendwoher kommen. Was singt er? „Alles was hell ist, ist friedlich, freundlich“.

Ok, aber es ist doch gar nicht hell, es ist saudunkel. Dunkelheit = Bedeutung. Zumindest im Theater.

„Das Zimmer hier – alles, was hell ist – wohnlich alles – ein warmes Leuchten – ausgezeichnet“.
Dieser hagere Mann da vorne mag sein Hotelzimmer also, das habe ich schon mal verstanden. Das ist wohl der Sinn der „Szene 2: Hotelzimmer, Robert“. Woher ich das weiß, dass dies eine Szene ist, und dass diese Szene so heißt? Vor mir sitzt jemand, am Mischpult, der hat eine Partitur, da steht das gerade drin. Alle ca. 20 Sekunden blättert eine Seite um, das scheint das Grundtempo des Stückes zu sein, ein Tempo, das sich nie ändert, langsam, beharrlich ist. Seitengeschwindigkeit: 20 Sekunden.

Aber eigentlich ist das Zimmer des Mannes ja nur eine Wand mit einem riesigen Rollo. Es ist die Behauptung eines Zimmers, was immer besser klingt, als wenn man einfach ein Zimmer zeigt. Kaum denke ich das, macht er das riesige Rollo auf. Die Bühne erweitert sich zu einem surrealen Raum wie die „Black Lodge“ aus Twin Peaks. Eine Hotellobby? In der Mitte ist ein großer Fischtank, wie diese Fischtanks in diesen chinesischen Restaurants, die angeblich immer ein Code für die chinesische Mafia sind.
Links auf der Bühne sitzt scheinbar das Ensemble Modern und jemand dirigiert, aber man kann die kaum erkennen, nur die weißen Fliegen, die sie anhaben. In dem Rest des Raumes sitzen ein paar Gestalten in Anzügen, die irgendwie langsam herumlaufen, mal von links nach rechts, dann von rechts nach links. Auf jeden Fall langsam. Erhaben mäandernd. Wie die Musik.

Ganz ruhig bleiben. Anscheinend bin ich irgendwo, wo etwas aufgeführt wird. Aber wo ist meine Zeit geblieben? Schaute ich auf die Uhr, ich würde sie nicht finden, die Zeit. Es könnte jetzt halb neun sein, und das Stück – STÜCK?? – hätte gerade angefangen, aber es könnte auch halbelf sein, oder halbzwölf, oder halbeins, und es würde sich genauso anfühlen. Doch halt: ich habe etwas zwischen den Händen, ein Programmheft, dass mir eben noch der liebe Karl Beckers von der Biennale in die Hand gedrückt hat.

Anscheinend befinde ich mich nicht mitten in einem surrealen Traum, sondern in „Wasser“, der 3. großen Premiere der 13. Münchener Biennale. Oder ist es die 13. große Premiere der 3. Biennale? Ich weiß nichts mehr, alles verschwimmt.Wie bin ich hierhergekommen? Was mache ich eigentlich hier? Ich weiß es immer noch nicht.

Ich lese – Musik: Arnulf Herrmann. Text: Nico Bleutge. Vielleicht wissen die beiden, was ich hier mache.

So viel ist sicher, daran halte ich mich fest. Und am Programmheft, dem verlässlichem Begleiter in mancher Premiere voller Obfuskationen. Ich lausche. Anscheinend befinde ich mich in einer zähen Masse aus Klang, die langsam, unendlich langsam, vierteltönig vor sich hinschwurbelt. Wasser fließt schneller, so viel ist schon einmal sicher.

Jetzt tritt eine Frau auf. Geheimnisvolle Frauen kommen immer gut. Natürlich ist sie – „Katja“ – mit dickem roten Lippenstift geschminkt, so wie alle Frauen in allen Filmen von David Lynch. Ich glaube der steht auf rote Lippenstifte. Sie singt: „Ich sage Dir, schaue mich nicht dauernd an“. Aber was soll ich denn machen, liebe „Katja“? Ich muss Dich doch anschauen, es gibt doch sonst gar nichts zu sehen hier, ist doch alles so dunkel.

Und das alles ist ja auch gar nicht von David Lynch. Regie hat hier Florentine Klepper geführt.
Und die Musik ist nicht von Angelo Badalamenti. Sondern von Arnulf Herrmann. Ein Komponist, bei dem schon der Name wahnsinnig beeindruckend ist. So jemand muss einfach ein Könner sein.
Und unglaublich gekonnt eiert seine geniale Musik so vor sich hin: faszinierend. Edelste Klänge. Alles ist so edel, so wahnsinnig gut gemacht. Arnulf Herrmann versteht sein Handwerk, da sitzt jeder Ton, das ist alles wie abgezirkelt, ganz genau. Beeindruckend.

Was würde man eigentlich besser finden: bewundert werden oder geliebt werden? Nur so eine Frage, die mir durch den Kopf schwebt.

Die Zeit vergeht nicht, sie steht still. Gefroren wie ein Eisblock. Vier der Männer auf der Bühne haben sich inzwischen zu einer Art Quartett auf der Bühne zusammen gefunden. Sie singen (zu der Frau): „tanz doch tanz/ tanz vor uns/ tanz nur tanz/ tanz fort“. Im Libretto steht dann „usw.“, und genau dieses „usw.“ hört man sich dann in Folge 10 Minuten lang an. Dazu gibt es eine unheimliche, abgezirkelte Choreographie. 1 Schritt vor, 2 Schritte zurück. 2 Schritte vor, 1 Schritt zurück. Aber keine großen Schritte! Nein, alles hat hier ein Maß. Deswegen wirken die manchmal verzweifelten Gesten der Protagonisten so seltsam leer, weil sie von nichts in der Musik getragen werden, die Musik bleibt bewusst abstrakt, ein Spiel aus Tönen, ein Spiel aus fahlen Gesten. Kleinen Schritten. Ganz kleinen Vierteltonschritten.

In hundert Jahren wird sich die Mikrotonalität in der Musik so weiterentwickelt haben, dass es nur noch um Tausendsteltöne geht. Ganze Opern finden dann nur noch in der Umspielung eines Hunderdstelcents statt, ewig lang, hin und her, mal hoch, mal runter. 1 Schritt vor, 2 Schritte zurück. 2 Schritte vor, 1 Schritt zurück. So stelle ich mir die Hölle vor. Aber das alles hier soll ja auch eine Art Hölle sein, denn die Schallplatte die wir hören, sie…eiert. „Das Klangbild dieser Szene….ist von einer Schallplatte bestimmt, die sich nicht um ihren Mittelpunkt sondern um ein verrücktes Zentrum dreht.“

Dieses verrückte Zentrum – wo ist es? Ich weiß es nicht. Und so langsam habe ich das Gefühl, dass auch Arnulf Herrmann es nicht weiß. Und weil er es nicht weiß, füllt er diese Leere mit unglaublich exquisitem Klang. Alles ist so…bedeutungschwanger aufgeladen, ich kann es nicht anders beschreiben.
Gäbe es so etwas wie eine Bedeutungsschwangerschaft, dann würde sie hier einen ganzen Kontinent gebären, ach was, ein ganzes Bedeutungsschwangerschaftsuniversum. Und dieses Universum wäre dann auch wieder schwanger vor lauter Bedetung. Universum nach Universum voller Bedeutungsschwangerschaft.

Ich lausche den Wortgeburten: „dreh dich nicht/ dreh nicht dich/ dreh nicht“. Dazu fließt die Musik, träge wie ein in die Länge gezogenes Hubba Bubba – Kaugummi. 10 Minuten später heißt es dann – vollkommen überraschend für die Zuschauer: „dreh dich nicht/ zu mir um (sic!)/ dreh dich nicht/ um zu mir“. An dieser kleinen Änderung hat Nico Bleutge bestimmt 15 Tage gearbeitet, da bin ich sicher.

Ok, Arnulf, was willst Du mir sagen damit? Um was geht es hier eigentlich?

„in Arnulf Herrmanns Musik und Nico Bleutges Dichtung schält sich eine Geschichte heraus, in der es unter anderem um einen Ich-Verlust geht“

Stimmt. Ich fühle, wie mein Ich langsam verloren geht, wie es immer tiefer rutscht in diesem Stuhl in der Münchener Muffathalle, bei der 54. Aufführung der 187. Musiktheater-Biennale. Es spielt das sagenhafte Ensemble Modern sagenhafte Musik von Arnulf Herrmann, das Libretto dazu schrieb Nico Bleutge (Zitat: „komm doch/ schau doch/ streue/ mich“). Regie führte die wunderbare Florentine Klepper, Kostüme machte die sagenhafte Anna Sofia Tuma, die Bühne machte die einzigartige Adriane Westerbarkey (geiler Name. geil ist geil. sage ich/ doch/ immer.)
Norbert Abels dramaturgte klug, Hartmut Keil dirigierte in kristallener Strenge das fabelhafte Ensemble Modern. Aber das sagte ich schon. Die stehen gerade auf und beugen sich ein wenig nach links. Dann setzen sie sich wieder.

So geht es weiter. Immer weiter. Immer/ weiter.

Kommt/ macht. Hinne. Punkte und Schrägstriche gehören auch zu einer Bedeutungsschwangerschaft, glaube ich. Ich könnte hier ewig so weiterschreiben, in modo di Herrmann, diesem fabelhaften Könner strenger abgezirkelter Klänge einer eiernden Schallplatte um ein fucking verrücktes Zentrum.

Die 4 Männer zupfen übrigens ab und zu mal lange Klaviersaiten, die von der Decke zum Boden gespannt sind. Aber haben sie das nicht schon immer getan? Seit Anbeginn der Zeit? Vielleicht ist unser Leben….“Wasser“ von Arnulf Herrmann, Libretto Nico Bleutge. Wir zupfen. Pling. Plong. Oder besser: pling/ plong.

„Halb lag/ ein/ see/ halb war er fort/ halb lag ein/ see halb/ war er fort/ halb lag ein / see/ halb war das wasser“ (Libretto: Nico Bleutge, Musik: Arnulf Herrmann).

Jetzt wird es irgendwie noch düsterer. Alles ist einer Art Halbglanz. Ab und zu taucht links und rechts jemand auf, meistens ist es …. die geheimnisvolle Katja. Oder die tödliche Doris.

„Wenn die eröffnende Traumszene nach der Mitte der Oper zum zweiten Mal erscheint, mag man einen Neuanfang vermuten, der die Rätsel des ersten Teiles aufdeckt“ (Programmheft). Komisch, ich habe da gar nichts vermutet, denn ich bin schon längst zur Salzsäule erstarrt vor lauter Faszination für die brilliante, sorgfältig konstruierte Musik von…Arnulf Herrmann, Libretto: Nico Bleutge.

„Wasser“, die 567. Premiere der 17886. Musiktheaterbiennale in München.

Ich höre. Ich lausche. So fließt die Zeit dahin. „das warme Wasser aus-ge-zeich-net“. Die 4 Männer haben den einen Mann (es gibt da noch einen anderen Mann, aber der heißt nicht „Mann“ sondern „Tenor“) nun in die Decke eines Hotelbetts gerollt, das – vollkommen/ irre UND Sur.Re.al in der Mitte dieser verfickten Hotellobby steht, die wir nun schon seit über einer Stunde anstarren.
WO IST ANGELO BADALAMENTI, WENN MAN IHN BRAUCHT?????

Plötzlich: eine Überraschung, es kommt Bewegung in die Sache. Lebendigkeit. Echte Emotionen, menschliche Wärme, ein Lachen. Um-/ar-mun./gen! Blumen! Ein vollkommener Bruch mit dem Vorhergehenden, denn: DAS LEBEN IST AUFGETAUCHT IN DIESEM STÜCK! Ich springe auf, begeistert. Wir begeistern uns. Ich juble!

Aber nein, das gehörte ja gar nicht zum Stück.
Es war nur der Schlussapplaus.

Moritz Eggert

halb.voll oder gar voll/halb? "Wasser", bei der 13. Münchener Biennale.

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4 Antworten

  1. Hochgradig unterhaltsam und von subtiler, aber eben nicht destruktiver Boshaftigkeit, diese Musiktheater-Kritik! Moritz Eggert gelingt hier die Quadratur des Kreises: Wie bringe ich mein ästhetisches Missvergnügen so unmissverständlich wie möglich zum Ausdruck, ohne auch nur Spurenelemente herkömmlicher Polemik zu verwenden? Dies gelingt Moritz Eggert durch die weitgehende Beschränkung auf die Beschreibung seiner sinnlichen Erfahrungen während der Aufführung – dagegen lässt sich ja schlecht etwas einwenden, denn soll Musiktheater nicht genau das vermitteln: sinnliche Erfahrung? Womit ich nichts gegen intellektuelle Konzept in der Musik gesagt haben will – aber wenn sie sich nicht sinnlich vermitteln…

  2. @Stefan: DANKE, dass Du mich so gut verstanden hast :-)

  3. Alexander Strauch sagt:

    Jetzt ist das Glas leer! „Witzig“ wie der Münchner Merkur Bleutge ständig nur Leutge nennt. Und das widerfährt ausgerechnet dem Textmacher. Am Ende schreibt der Merkur: Endlich Theater. Sagen wir: Endlich Rechtschreibung. Oder hat das Blubbern nicht nur Moritz halluzinieren lassen, sodass von Blubb nur Lubb (b)lieb?

    Apropos Musik: Habe nur Ausschnitte bzw. andere Musiken Herrmanns gehört! Schön ein Beherrscher seines Metiers, auch wenn es ein wenig arg nach abschattierter Klarinettenromantik klingt, so wie die berühmten Stellen für geteilte Bratschen und Pauken aus C.M. v. Webers Concertino.

    Spannend, wie sie die Presse v.a. diese Ruhe wünschte, nach Sitzfleisch und sehr genauen Hinhörenmüssen bei der ersten Oper, aber doch eine sehr abwechslungsreichere Musik als Herrmann… In Ruhe gelassen werden, ein wenig Ich-Inhalt, wie eine Schildkröte dem Verlauf können, das macht die perfekte Kritikerstimmung aus… Nix für Ungut – schätze Herrmann trotzdem, wenn auch weniger als Opernkomponisten.

  4. Ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt. Deshalb bin ich auch gar nicht hingegangen und habe ich derweil mit Copland befasst.