Tischtennis ist Musik

Fußball ist Glücksache,
Leichtathletik ist Maloche
und Tennis ist Handwerk,
Tischtennis jedoch, das ist Kunst.

(Heiner Geißler)

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06.01. – 07.01.2012 Deutscher Tischtennis Pokal, Pokal-Finale, Porsche Arena
09.02. – 12.02.2012 ECLAT. Festival Neue Musik Stuttgart

(Highlights in der Region Stuttgart – direkt nebeneinander notiert; Zufall?)

Neue Musik und Sport zu verbinden – das liegt erst einmal nicht auf der Hand. In den letzten Jahren häufen sich jedoch die Werke, die zu einem sportlichen Anlass entstehen, ihren sportiven Charakter im Werktitel offenbaren – oder aber eine sportliche Ausübung in irgendeiner Art und Weise musikalisch thematisieren.

Was dabei herauskommt ist von der Qualität natürlich höchst unterschiedlich. Davon soll hier nicht die Rede sein. Wer kluge Verknüpfungen von Sport und Kunst will, der – so meine ich – sollte möglichst konkret werden und nicht nur eine lustige Spielerei im Sinn haben. Dazu haben sich schon viel zu viele graumäusige Werke der Neuen Musik mit irgendeinem Tand geschmückt. Das ist eigentlich nie lustig. Noch nicht einmal unfreiwillig komisch. Das ist einfach nur Alt-Männer-Schrott (häufig). Ich erinnere an diesen einen Komponisten, dessen Werknamen immer an Harry-Potter-Roman-Titel gemahnen, dabei aber real klingen wie die Krümelreste des Essens von Hund Fiffi von vor drei Wochen. Alles – außer Tiernahrung.

Ich spiele Tischtennis (leidenschaftlich).

Eine Trennung von Beruf und Privat kenne ich selbst nicht. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Und kann davon leben. Ob ich eine Konzert-Spielstätte oder eine Sporthalle betrete: Mein Verhalten ändert sich nur minimal. Ich kehre das Ganze sogar ganz gerne um – und färbe meine Stimme beim Begrüßen der gegnerischen Gast-Mannschaft (ich bin der Mannschaftsführer) so sanft wie beim Anmoderieren eines Klassik-Konzerts. Deshalb kann es – ich liebe Verwechslungen – passieren, dass ich beim Betreten der Philharmonie (sofern mein Freund B. dabei ist) ein „SCHA-LA-LA-LAAAAA!!!“ intoniere.

Es ist kein Zufall, dass ich gerade für die Sportart Tischtennis große Leidenschaft empfinde. Ich spiele ungefähr zwei Mal die Woche. Beim besten Verein der Welt, beim SC Charlottenburg.

Tischtennis ist die musikalischste und feinste Sportart. Es gibt Spieler (wie den aktuellen Berliner Meister Sebastian Borchhardt von Hertha BSC, 2. Bundesliga), die beim Aufschlag kräftig mit dem Fuß auf den Boden treten, damit man die Art der Rotation nicht hört!

Der lauteste beim Aufschlag: Sebastian Borchhardt (rechts) Hier im Doppel mit der Nr. 1 unseres Vereins (Nico Popal)

Der Lauteste beim Aufschlag: Sebastian Borchhardt (rechts)
Hier im Doppel mit der Nr. 1 unseres Vereins (Nico Popal)

Trifft man einen harten Ball wirklich perfekt, dann klingt das auch entsprechend lieblich. Sowohl auf dem eigenen Schläger – als auch auf der Platte. Ein Kantenball ist Glückssache – und klingt nicht besonders schön.

Ein Nebeneffekt des „Frischklebens“ von Tischtennis-Belägen direkt vor dem Match ist ein spezieller, voller, lauter Klang, mit dem der Ball vom Gummibelag abspringt. Ein nicht ungewolltes, sondern ästhetisch ansprechendes Phänomen.

Da das „Frischkleben“ seit dem 1. September 2008 verboten ist, behelfen sich einige Hersteller damit, dass sie erlaubte Beläge mit einem speziellen „Sound“ anbieten, der dem Frischklebe-Sound nahe kommen soll. Das, was man am „Frischkleben“ vermisst, ist offenbar auch schlichtweg der satte Klang.

Tibhar Genius Sound (Kostenpunkt: ca. 40 Euro)

Es kann kein Zufall sein: Tischtennis wird von vielen Künstlern praktiziert. Allein in unserer Halle: ein bekannter Maler der „Leipziger Schule“, ein Klavierbegleiter von Weltrang, ein hochvirtuoser Jung-Geiger, von dem man noch hören wird, mehrere Leute aus dem Bereich Ton- und Bildbearbeitung, zwei Fotografen, ein Architekt und so weiter… Ganz zu schweigen von meinem Freund Harry Lehmann, dem Neue-Musik-nahen Kunstphilosophen, der allerdings beim TTC Neukölln spielt (und mir momentan noch – Sorry, lieber Harry – hoffnungslos unterlegen ist). Mittendrin: Ich – ein spät berufener Kreisklasse-Spieler (noch!).

Ich – in Erwartung des Aufschlags von Noppen-Ass Norbert Adolph (gegen den ich bei den Vereinsmeisterschaften knapp in fünf Sätzen verlor – trotz Punktevorgabe zu meinen Gunsten aufgrund des Klassenunterschieds)

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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4 Antworten

  1. Alexander Strauch sagt:

    @ Arno: Sehr schön! Angesichts Deiner prominenten Sportkollegen könnte man Tischtennis als „Golf der Intelligenzija“ titutlieren. Ich bin leider nur sehr mittelmässig, eher unterklassig unterwegs: zur U-Bahn-Rennen, der Zeit hinterherlaufen – wohl dasselbe. Ach ja, ich hoffe zumindest, dass der Fetisch des Sports, angezogen damit, mich ein wenig auf Trab hält – s. dieses Taktlos-Bild. Vielleicht kann ich ja mal Sportschiedsgerichtsvorsitzender werden… Dazu kenne ich das Regelwerk zu schlecht. Manchmal gelangen mir diese fiesen Aufschläge, die gerade noch über das Netz gingen, den gegnerischen Raum berührten und fibonaccihämmernd das Gegenüber zur Weißglut bringen können. Aber sooo lange her, dass es Legende ist… Nach wie vor: beim Betreten eines Konzertsaales, grosse Freude, beim Eintritt in ein Sportgebäude, flaues Gefühl im Magen, genauso beim Anblick von Skiliften – ich Schisser!

  2. Da habe ich lange drauf gewartet, Arno. Endlich kennt man deine wahre Berufung. Und ich habe darauf gewartet, endlich einen Link zu den Computer Jockey setzen zu können. Ping Pong.

    Dass Harry Lehmann aber auch pongt, dürfte einiges erklären.

  3. olehuebner sagt:

    @arno: „hobby zum beruf gemacht“ = neuerdings professioneller darter UND tischtennisspieler? alle achtung! ;-)
    aber nun ernst: vielen dank für den schönen artikel, es klären sich einige fragen bezüglich der dunklen seite deiner person und über die verschriftlichung deines „SCHA-LA-LA-LAAAAA“ freue ich mich jedes mal von neuem, genau wie über die real-soz- … äh, real-klangliche ausführung. interessieren würde mich nun wirklich noch, wer alles in deiner heiligen halle verkehrt, aber vermutlich darfst du das aus gründen der diskretion nicht kundtun?! wie dem auch sei: schön, mal wieder was von dir zu lesen!
    ole

  4. Ryan sagt:

    Tischtennis ist tatsächlich Kunst, dass weiß man spätestens, wenn man einmal Timo Boll live sehen durfte. Wie der den Schläger schwingt… Damit lässt er Picasso und Co alt aussehen :)