Weil(l) halt…! In Zürich wie hierzulande – wir pfeifen auf was auch immer

Weil halt…! Wer kennt nicht diese kleinkindlich-kapitulatorische Begründung? Als Elternteil, Onkel, Pate und Großeltern hat man sich daran zuhauf abgearbeitet. Mir erscheint die aktuelle „Es geht doch nur ums Geld“-Diskussion der Neuen Musik Szene dem zu gleichen. Als ob es in GEMA-Versammlungen nicht immer schon gehen würde! Worüber hat man sich die letzten Jahre bereits die Finger petitionswund getippt – all die Fusionen, Einstampfungen, Kürzungen im Klassik-, Neue Musik-, Theater, und auch Kino- und selbst Jazzbetrieb. Bleiben wir hochkulturell und protzen mit Richard-Strauss-Wahrheiten aus Capriccio! Wie sagt der Direktor? „Ein Vorschuss im richtigen Augenblick kann aus tiefster Depression erheben und die entschwundene Tatkraft wieder erwecken.“ Das wusste man schon zur Zeit der Handlung dieser spätestromantischen Konversationsoper, sprich so um das Jahr 1780 herum. In der Oper streiten sich Komponist und Autor bekanntlich um die Gunst der Gräfin, die auf beide zugunsten einer Oper verzichtet, die den Streit um sie bzw. die Frage nach „zuerst die Musik oder das Wort“ zum Inhalt haben soll, eben wohl „Capriccio“. Wollen wir unsere autoreflexiven Geldstreitereien nun auch veropern? Ich hoffe nicht. Wenn aber keine den Szenenrand überspringenden Werke über alle Mauern hinweg hüpfen und zumindest die restlichen bildungsbürgerlichen Herzen ansprechen, bleibt wohl nur dieser Weg, zumal uns die Ideen für neue Theorien und Techniken abhanden gekommen zu sein scheinen? Nur ein „weil halt!“ als Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit? Aber drängt uns überhaupt noch was, ausser Schuhe Präsidenten zu zeigen und diffuse Piratenparteien zu bewundern, obwohl man darin nur einen Generationsklon der Grünen entdeckt? Bedenkt man jetzt, wie mancher doch hitzig beim Lesen des letztens Satzes reagieren möchte, scheinen selbst solche Nichtigkeiten künstlerisch verwertbar zu sein! Ein postmodernes Werk mit Lieblingsdownloads der Piratenanhänger gefällig? Echos grüner Stricknadeln im Bonner Bundestag? Ein elektronisches Stück mit Random-Schuhgrössen und Farbwerten des irakischen Bush-Schuhwerfers? Ein Streichquartett nachträglich zu Westerwelles Fünfzigsten? Ja, warum denn nicht! Weil halt…!

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Weil es keinen interessiert? Weil es heute bald schon opportun, sich deswegen anzufetzen, da die jetzt Noch-Nicht-Mittdreissiger in ihrer Sinnsuche sich älter und verlorener vorkommen als ich gründelnder Vierziger? Es gilt: Wer überleben möchte, muss sich bewusst sein, was er mit Neuer Musik NICHT erreichen kann. Er oder auch sie wird kein grosses Publikum erreichen, solange er/sie sich auf kleinste Probleme seines Schaffens konzentriert und sie zur Maxime seines Daseins ausweitet. Solange dies zum Beherrschen der Kompositionstechnik taugt, ist dies wunderbar. Geht es an das Eingemachte, wie man Andere für die Produktion eines Kunstwerks gewinnt, von Kollegen bis hin zu Geldgbebern, kommt man manchmal mit Worthülsen, die entsprechende Erwartungen ausfüllen weiter als man je glaubte. Schnell sind allerdings die entsprechenden Töpfe abgefrühstückt. Jetzt ist einerseits Networking angesagt. Andererseits wird man auch künstlerisch Farbe bekennen müssen, sei es inhaltlich, technisch oder stil- und spartenübergreifend. Was gibt es für jede Schattierung dann doch nicht wieder noch so an Honigtöpfen! Man kommt so durcheinander, dass man bald seinen Wesenskern nicht mehr wiederfindet, Pluralität von verschiedensten Individuen plötzlich in seiner eigenen Person vereint sieht. Erkennt man diesen Holzweg, kann man sich natürlich auf das Geldgeberangeln professionalisieren oder stilistisch ungemein technisch reichhaltig öffnen. Dazu braucht es aber eines starken Kampfes um den soeben ins Spiel gebrachten Wesenskern, wenn der nicht förmlich flöten gehen soll. Keine Angst, einfach seiner Lust frönen und trotzdem technische Probleme zur Maxime erklären oder voll aus dem umgebenden Leben schöpfen. Und wird man mal wieder angestupst, warum man seinen Unterhalt doch nicht mit Film- oder Werbemusik bestreitet, warum man nicht populärer schreibt, also all den Häslein folgt die es zu erjagen gäbe, nur seiner Kunst treue bleiben will und dafür auch noch öffentliche wie private Unterstützung durch Anträge oder direkt ausposaunend reklamiert? Weil halt…! Weil es „die Anderen“ auch machen. Weniger gross ausgeholt: Die Fragesteller sind meistens genauso alt, wie der junge Komponist, sind selbst mit der Existenzgründung Mitte dreissig noch nicht fertig. Gut‘ Ding benötigt gut Weil‘, könnte man sagen. Alles braucht seine Zeit!

Sonst bleibt einem nur noch Weill, halt wer? Kurt Weill. Was war das ein Wanderer zwischen den Welten von U und E, modern und konservativ, Europa und Amerika. Ob er wirklich der bunte Hund aller seiner z.T. zwangsweise durchhechelten Lebenswege sein wollte? Überall unterwegs, doch nirgends daheim. Was schaden ihm heute noch Germanisten über das Vehikel „Brecht“! Kaum ertönt eine Note Weill, ergreift der strausstreue Bildungsbürger die Flucht, derweil das Management vergisst, vielleicht die Musicalfreunde zu rekrutieren – auch die mögen v.a. den amerikanischen Kurt Weill. So wundert folgendes auch nicht mehr, wenn man mal den Blick über den grosskantonalen Tellerrand wagt:

Weil(l) halt…! Das liest man die Tage in der NZZ beim finanziell-künstlerischen Resümee der letzten Saison und der Planung und Risiken der jetzigen und folgenden Jahre des Zürcher Tonhalle-Orchesters. Auf die Feststellung, dass bei einer Kombination des unschlagbaren Publikumsschlagers „Brahms-Requiem“ mit Kurt Weills „Berliner Requiem“ der Saal nur schlecht gefüllt sei, wird der Solo-Hornist sinngemäß zitiert: „Da müsse man sich schon fragen, ob man publikumsnah genug sei.“ Was für ein Schock für mich! Rufe ich zwar nach mehr innerer Strenge jetzigen Komponierens, besonders der inneren Haltung, versuche ich doch gerade das Hans-Dampf-in-Allen-Gasse Kurt Weills mit Faust durch den Rücken ins Auge anzuzapfen, z.B. sangliche Linien zu schreiben oder wenn es sein muss, mal songartiges im filigranen Terrain ausbrechen zu lassen, einfach weniger dem Hirn als der süffigen Lust zu folgen! Mit Weill müsste das Tonhalle-Orchester doch etliche Filmmusik- und Musicalfans als neues Publikum gewinnen können. Ein Blick in die Aboreihen der aktuellen Saison untermauert zeigt: Allein die Reihe Klassik Plus zählt fremde Namen , keine Musicalschreiber – bis auf den Ungarn – , wie Eötvös, Dutilleux, Ades, Turnage und Vivier auf. Daneben gibt es noch eine Aboreihe, die den eingefleischten Klassikfans Eötvös zumutet, v.a., da dieser hier auch als Dirigent auftritt und darin das Doppelpack Komponist-Dirigent gleichsam für alle Beteiligten unvermeidbar ist. Die restlichen sieben Aboreihen widmen sich dem Zentralgestirn der der grossen B’s und ihren konzertüblichen Satelliten.

Das ist wahrlich realitätsnah, am Publikum entlang und doch progressiver, als manches hiesiges Stadtorchester. Man sollte allerdings nicht Zürich als Sonderfall aus dem Blick verlieren: Jahrhundertelang hat sich hier Geld und Kultur gegenseitig prosperierend entwickeln können. Deshalb kann man auch diese hohe Eigenwirtschaftlichkeit einfordern, dieses immerwährende saisonale Neuerfinden. Dagegen erscheinen die deutschen Orchester mit ihren hohen öffentlichen Fördervolumen wie ein sedierter Koma-Dauerpatient. Also rasch auf das Tonhallemodell umgestellt! Das wird schief gehen, denn es fehlt eine ähnliche finanzielle und zugleich kulturelle Kraft der Bürger. Man wird immer auf Kulturinteressierte hierzulande stossen, nur sind die meist nicht solvent genug, um hauptsächlich privat ein anspruchsvoll programmiertes Orchester zu halten. Da liegen noch viele lange Wege vor uns, wenn nicht Alles in strukturschwachen oder besonders krisenbetroffenen Gebieten totgespart wird – inzwischen wohl der ganze Bund! Nur sollte man nie vergessen: Will man hochqualifizierte Dienstleister wie Ärzte, Juristen und Ökonomen anlocken, muss man auch kulturell was bieten. Neben Golfplätzen sind da auch unsere alten Museen, Theater und freien Kultureinrichtungen gefragt. Deshalb auch Kurt Weill statt „weil halt…“.

Und was sagt dies uns Komponisten? Gerade wenn es argumentativ mau wird, ist offenes, neugieriges Durchhalten gefragt. Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern die Faust zum Himmel gestreckt. Das sagt sich einfach, nur muss man es sich manchmal auch wieder selbst sagen, bevor man es ganz vergisst. Selbstvergessen sind wir allerdings willkommene Streichobjekte, gerade noch gut genug für den angeberischen Kreativ-Streichelzoo, jetzt ein Ding für die Halde. Da fällt es einem schwer, nicht wie Weill ein Hansdampf in allen Gassen zu werden. Das macht allerdings heimat- und brotlos, wenn man dies nicht mit voller Kraft voraus durchzieht. Wie ist das mit den feineren Stücken Weills? Durchaus Welthit, aber extrem schwierig zu singen! Das sollte uns Nerds doch immer Hoffnung sein: Komplex, spektral, was auch immer, ein klein bisschen was zum Mitpfeifen und Mitwippen an der Oberfläche nicht vergessen. Und wir können auf den Rest der Welt pfeifen, wie das Dreigroschenpersonal!

Alexander Strauch.
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