Dirgierende Christbäume oder wie Nativitate zu Naivität gerinnt

Ankommen – wie jedes Jahr, die letzten fünf Wochen vor dem Jahreswechsel. Ein Jahresrückblick! Nein, nicht hier im Badblog, nicht von mir, das überlasse ich Phoenix, wo garantiert zum wievielten Mal auch immer „100 Jahre Deutschland“ dem Land Guido-Knoppschen-Historiensand in das wache Auge streut. Wie die liberalen, aktuell marginalen Sandstreuer und Vielversprecher auch mal ihren Guido hatten. Guidos scheinen bisher wenig Sinnvolles bewirkt zu haben, abgesehen von unserem Musik-Guido, nicht den Alle lieb haben bzw. der uns lieb hat, mit dem „l“ nach dem „i“, wie anno dazumal anläßlich des Eurovision Song Contests. Nein, der Tonsur-Guido, jener von Arezzo, dessen guidonische Hand redliche Chorleiter immer noch bemühen. Wie Musik mal wieder Vornamen rettet!

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Ich habe vor kurzem erst wieder viel Bach gehört. Nicht einen, viele Bachs, v.a. die bewussten drei. Hat Carl Philipp Emanuel nicht den Schönsten, den Einzigartigsten Vornamen,  welche Koinzidenz von Namen und persönlicher Musik. Wilhelm Friedemann, das erinnert mich zu sehr an die preußischen Könige und Kaiser – den kann man einfach mal links liegen lassen, sage ich mal so schnoddrig-naiv. Ach, und der Johann Christian! Der passt doch gut zu Weihnachten, auch wenn er keine mir bekannten Oratorien zu der Zeit schrieb. Passt sein Name doch formidabel zur Christusankunft. Papa Johann Sebastian wird sich schon was dabei gedacht haben, dass er den Christian zum zweiten Namen seines Youngsters machte. Denn ihm dräute schon damals, dass irgendwann ein preußischer Dirigierstabsmessias erscheinen wird, ein echter Christian, mit erstem Vornamen. Und dieser Christian, mit Nachnamen Thielemann, gab hier im Mutterorgan des Badblogs, der Online-Ausgabe der NMZ, seine sehnsüchtig erwartete Verbalanweisung zu seinem Weihnachtsoratorium in der Dresdner Frauenkirche preis, ganz zufällig mit der Musik, zumindest den nackten aufnotierten Spielanweisungen des besagten Johann Sebastians.

Es begab sich aber zu der Zeit, als Christian Th. sprach:

Es ist nicht für Spezialisten geschrieben, auch nicht für Hörspezialisten. Sie wollen eigentlich alle erreichen. Für mich geht es da nicht um irgendwelche Effekte. Der Text ist der Effekt.
Gucken Sie nur in die Partitur rein. Da steht an Vortragsbezeichnungen so gut wie nichts drin. Ich denke mir, dass der Bach sich das genau überlegt hat, warum er so wenig an Vortragsbezeichnungen schreibt.

Und er sprach zuvor:

Wissen Sie, Naivität auf hohem Niveau.

Bemerkenswert wie „Tempus de Nativitate“ zu „Zeit der Naivität“ wird und unterm Christbaum, also den Armen Christian Th.s, Simplizität sich ihren Weg durch den Bannwald bester Ästhetik schlägt, diese in den Schlamm all der Silbereisen-Weihnachtsliederabende zieht. Nur weil Bach, Johann Sebastian, sparsam mit Tempo- und Dynamikanweisungen umging, auf Artikulationsanweisungen verzichtete, brachte er nicht unbedingt naive Musik zustande. Das Gegenteil ist der Fall, denkt man an all die Choralvariationen, Chorfugen, Accompagnati; vergessen die gesamte historisch informierte Aufführungspraxis, die Klangrede, all die Erkenntnisse zum Usus von Artikulation und Dynamik in dieser Barockmusik, die mit perfekter Faktur prangt und dennoch durchaus eine gewisse interpretierende Konvention erwartete. Christian Th. schöpft allein aus den Muckenerfahrungen „seiner“ baldigen Staatskapelle, produziert Musik mit einer Verbeugung zum touristischen Kitsch von Semperoper wie der gräulich pseudo-rekonstruktierten Freskenmalerei der Frauenkirche. Keine Rede von Struktur und den Klangfarben, die man sehr wohl im Weihnachtsoratorium finden mag.

Jetzt weiss ich jedenfalls, wieso Th. niemals Neue Musik dirigieren wird, ihm selbst Mahler immer wieder suspekt sein wird, die Wiener Schule sowieso: viel zu viele Artikulations- und Dynamikangaben sowie Tempowechsel, die wohl keinen frei in der Luft stochernden Stabraum lassen, wie selbst Wagner, Bruckner, Strauss und Co. Man hat den Eindruck, der Mann kommt weder mit exaktest notierten Anweisungen noch plansten Aufforderungen zu stilsicherer Interpretation.

Am ehesten könnte ich mir noch György Ligeti von ihm dirigiert vorstellen: Einmal ist dieser Ungar, wie Bach auch weit entfernte Wurzeln im Magyarenland gehabt haben soll. Beide gleichen sich in ihrer Vorliebe für Kontrapunkt, ist Ligeti ein ausgeprägter Viervierteltaktkomponist, was die Koordination einfach erscheinen lässt, immens zurückhaltend in seinen Vortragsbezeichnungen. Brian Ferneyhough wird niemals auf Christian Th.s Agenda ganz oben stehen. Da brummt und summt es an Differenzierungen, die den großen Naiven nie zu Atem kommen lassen würden. Denkt man weiter an Helmut Lachenmann, wird sich unser Dirigent niemals die ellenlangen Legenden merken können. Selbst der vermeintlich simplere Killmayer wird ihmSchweissperlen auf die Stirn treiben. Von den Polywerken Mahnkopffs oder gar den Dadaismen Eggerts zu reden, den noch exorbitanteren Legenden eines Simon Steen-Andersen als denen Lachenmanns, das lasse ich gleich ganz aus. Auch wenn mancher hier den einen oder anderen Kollegen als naiv bezeichnen würde, wenn er sich auf das komplexere Ross setzen würde: die Thielemannferne dürfte sie Alle wieder vereinen.

Ich finde es nur erstaunlich, wie mich der zukünftige dirigierende Staatskapellen-Christbaum noch kein einziges Mal tiefer berührte, als dass ich feststellte, dass sein schmales spätklassisches-romantisches Repertoire hübsch klingt und durchgestaltet ist, wie man es gerade so erwarten würde. Das mag heute selten geworden sein und lässt Herrn Th. für manchen zur Epiphanie werden. Was nur folgern lässt, das der Wundererlebende nur wenig Ahnung von Musik hat oder überhaupt froh ist, einigermassen anständig musiziertes Repertoire serviert zu bekommen. Nur fände er dies auch bei genaueren Hinhören in Bremen, Bonn oder Hagen vor. Da fahren die Hype-Züge allerdings leider dran vorbei, können die dortigen Kapellmeister anstrengende Studien vorweisen derweil Herr Th. immer wieder seine kurze Hosen-Karajan-Erlebnisse zum Besten gibt.

Wie viel berührter bin ich da von den uralten Karl-Richter-Interpretationen, den vibratolosen Bemühungen eines Otto Klemperer, den masslos egomanischen Bearbeitungen eines Stokowskis. Nichts davon ist bei diesem Hochkulturtourismusmagneten zu finden, rein gar nichts. Weder die Richtersche Wärme, die Klemperersche Distanz oder der Mut eines Stokowskis. Wie viel mehr also als Thielemann haben mich in den wenigen Begegnungen z.B. die Esoterik Celibidaches, die Italianita eines Luisi und die Experimentierfreude eines Harnoncourt begeistert. Letzterer führte mich mit rabiaten mitteltönigen Cembaloumstimmungen während eines Vortrags mitten in das Land der Mikrotöne. Da war manches im Ergebnis auch simpel, einfach, gar naiv. Aber jeder dieser Herren wirkte durchdachter oder zumindest eigener, als es Herr Th. mit seinen absurden Einlassungen zum Bachschen Weihnachtsoratorium zu sein versucht. Da ist nichts eigen, ausser aus der Erfahrung seiner Musiker geschöpft, wie ein Berliner Vampir, da ist nichts durchdacht, als eben der Agogik der Musik zu folgen, wie es ein einigermassen europäischer Klassik-Musiker selbst als Laie beherrschen sollte. So kann man es bezeichnen: gehobene Laienmusik, über die jeder was glaubt sagen zu können, in der dilettantischen Pinselei der Zuckerbäckerkirche Dresdens. Wieviel mehr Empathie und Geisteskraft entwickelt da die nackte Kreuzkirche mit ihren hervorragenden Kruzianern. Deren Weihnachtsoratorien sind wohl zu intellektuell für das durch den baldigen Staatskapellschef dann noch dürftiger werdende Tal der Ahnungslosen.

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Alexander Strauch.
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2 Antworten

  1. Da hat der Guido seinen Brief geschrieben und die Cantores aufgefordert, so ähnlich wie er sich textierte Melodien auszudenken, mit denen sie ihren Sängern ein Tongedächtnis antrainieren können. Und was machen die?
    Sie übernehmen Guidos Johanneshymnus und lassen es dabei. Die Faulheit der anderen hat Guido berühmt gemacht.

    Tja, die Faulheit ist die Großmutter der Tradition.
    Warum sollte ein Dirigent nicht faul sein?
    Warum sollte er nicht naiv glauben, es werde sich schon richten, wenn er nur den Stab hebt, um dieses weihnachtliche Leipziger Allerlei in Dresden so nebenbei zu „machen“.

    Und warum sollte er den Taktstock heben bei der Sorte Neuer Musik, deren Schöpfer so naiv sind zu glauben, ein Haufen Vortragszeichen sei auch schon eine Qualität, eine gute meine ich. Aufspießen würde er die ganze Vortragsgesellschaft auf sein vibrierendes Stöckchen.

    Dass er den Taktstock hebt für Lehár, freut mich. Mein Lehrer Franz Fehringer, der Lehár liebte und singen konnte, hätte ihm gesagt:
    „Immer, wenn du dastehst und meinst, gerade heute seist du besonders gut gewesen, weil es dich selbst so berührt hat, warst du Scheiße.“

    Belassen wir es bei diesem naiven Wort und gönnen wir den Dresdnern ihren Naivling und uns den Spaß, ihn derbleckt zu haben.

    G. E.

  2. K. Prokopetz sagt:

    @ A.S.: SIC! Danke!
    K. P.