Forever Young

Während ich dies schreibe, feiere ich meinen 46. Geburtstag. Oder vielmehr: ich feiere nicht, da ich ja dies hier schreibe.
Geburtstage sind immer ein Moment des Innehaltens und der Rückschau, des Nachdenkens über das Älterwerden. Mein kleiner Sohn (4) möchte am liebsten jeden Tag Geburtstag feiern und möglichst schnell älter werden, aber irgendwann wird auch für ihn der Punkt kommen (so um die 20 rum), wo er die Geburtstage nicht mehr so herbeisehnt, und eigentlich gleich alt bleiben möchte. Wenn es soweit ist, werde ich ihm eine Empfehlung aussprechen, die garantiert dafür sorgt, dass er immer jung bleibt. Ich werde ihm sagen: „Werde Komponist“.

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Klar, wir leben in einer Zeit des ewigen Jugendkultes, darüber muss man gar nicht groß reden. Alle wollen immer jünger werden, mit allen Mitteln. So richtig bewusst wird einem das beim Anschauen von Elton John – Videos auf youtube. Mit 20 fielen ihm die Haare aus und er hatte quasi schon eine halbe Glatze. Je älter er aber wurde, desto fülliger wurde (nicht nur) seine Haarpracht, erst ziemlich eindeutig mittels Toupet-Einsatz, dann – quasi als lebendes Beispiel fortschreitender Haarersatzentwicklung – mittels immer gelungenerer Implantate. Jetzt ist er glaube ich 80 oder so, sieht aber aus wie 20, wogegen er mit 20 aussah wie 80. Er lebte quasi rückwärts, wie dieser Typ in dieser amerikanischen Erzählung, die neulich mit Pitt Brett oder Brad Pitt oder so verfilmt wurde, und deren Autor mir gerade nicht einfällt. Kein Wunder: Elton John ist Komponist.

Wollte er aber wirklich für immer jung bleiben, oder „forever young“, wie es in diesem schrecklichen nölenden Popsong heißt, bei dem der Sänger immer so klingt, als würde einer der Klitschko-Brüder gleichzeitig seine Eier zerquetschen, dann hätte er nicht Popmusik machen dürfen, sondern natürlich: E-Musik.
Kommt nur her, ihr Rihannas, ach, was sag ich, ihr Justin Timberlakes, ach, ihr Tokyo Hotels, nein, Justin Biebers (findet ihr nicht auch, dass „Justin“ das „Kevin“ unserer Zeit ist?) kommt alle her mit eurem Jugendkult, euren glatten Babypopos und gephotoshoppten Babygesichtern – euer Jugendkult ist ein Scheiß gegen den ULTIMATIVEN JUGENDKULT der E-Musik. Denn E-Komponisten sind IMMER JUNG. Sie sind sogar noch jung, wenn sie im Grab liegen, ja, man kann davon sprechen, dass ihre Karriere erst dann eigentlich richtig beginnt, denn vorher bekommen sie eher das Gefühl vermittelt, irgendwie zu stören.

Max Goldt erzählte einmal in einer seiner Kolumnen von den Berliner Szenekneipen, in denen man bis 5 Minuten vor seinem Tod geduzt wird. Ähnliches kann man von dem Begriff „Junger Komponist“ sagen, denn das ist man auf jeden Fall bis ungefähr 60. Wolfgang Rihm – den sicherlich auch der ewige Nimbus des jungen Genies begleitet – ist also momentan definitiv noch „junger Komponist“, oder „Komponast“, wie der große Hans-Ulrich Engelmann gesagt hätte. Mindestens bis nächstes Jahr, wo er dann seinen 60. Geburtstag feiert, und endlich mal erwachsen wird. Der Trost für einen selber ist, dass man mit 46 auf jeden Fall noch lange „junger Komponist“ ist, ja, auch mein geschätzter und mehr als eine Dekade ältere Vorgänger an der Münchener Musikhochschule, Hans-Jürgen von Bose, gab seinen Job aus Gründen besonders ausgeprägter „Jugendlichkeit“ auf, wenn man dem NMZ-Interview mit ihm glauben kann. Und das sollte man natürlich bedingungslos tun, Freunde.

Tatsächlich wird man immer wieder erleben, dass einem als Komponist vom Publikum immer wieder Erstaunen entgegenschlägt, wenn man nicht grauhaarig, bärtig und gebückt zum Applaus auf die Bühne schleicht, wie ungefähr 99% der Kollegen es zwangsläufig tun. Manchmal habe ich mir schon überlegt, mich extra auf Alt zu stylen, um das vorwiegend ergraute Publikum nicht zu schocken.
Als ich meine Kinderoper „Dr. Popels fiese Falle“ in Frankfurt an einer Schule probte, hörte ich ein Kind zum anderen sagen, dabei auf mich zeigend: „Schau mal, so jung und schon Komponist“. Und da war ich immerhin schon 36!

Der Trend bei Komponisten ist in gewisser Weise gegenläufig zum Trend der Interpreten, die immer jünger werden müssen, um überhaupt auftreten zu dürfen. Insofern ist Jörg Widmann ein interessantes Paradox: er bleibt gleichzeitig ewig jung (noch mit 80 wird man ihn – wie uns alle – als jungen Komponisten bezeichnen, da bin ich sicher) und wird zur selben Zeit älter und reifer als hervorragender Interpret. Als Klarinettist muss er aber ewig jung und schön sein, so wie Sabine Meyer, die natürlich nach wie vor 20 ist. Als Komponist dagegen kann er gar nicht alt genug sein, um wenigstens als jung zu gelten. Seltsam, oder? Symptomatisch dafür ist auch die Programmplanung von „musica viva“ in München in den nächsten Jahren: je jünger die Interpreten werden, desto älter und etablierter müssen die Komponisten sein, eine einfache Gleichung, die immer aufgeht.

Viele Komponisten haben die Jugendlichkeit zutiefst verinnerlicht. Sofia Gubaidulina zum Beispiel sieht noch mit über 80 aus wie ein kleines Mädchen, das gerade aus der Schule kommt und neugierig in die Welt schaut. John Cage bewahrte sich bis zu seinem Tod einen lausbubenhaften Charme. Janacek erkannte all dies schon früh und begann seine Komponistenlaufbahn überhaupt erst mit Mitte 40 – er wusste er hatte noch viel Zeit, als junger Komponist zu gelten, natürlich behielt er recht. Als Gegenbeispiel mag ein Wilhelm Killmayer dienen, der schon mit 50 wirkte wie mindestens 70 – dafür blieb er im Geiste jung und frisch, und ist es bis heute.
Komponisten von früher setzten schon früh Gegentaktiken ein – da sie manchmal leider auch jung starben, setzten sie sich (wie Mozart) rechtzeitig graue Perücken auf, um schon vor ihrer Zeit alt zu wirken. Und tatsächlich, zu Mozarts Zeiten hatte der Jugendwahn eine kürzere Laufzeit, weil man anders als heute – nämlich schon mit Anfang 30 als schon ziemlich alter und eben nicht mehr wunderkindmäßig junger Komponist galt.
Und vielleicht war das auch besser so.

Moritz Eggert

links (sitzend): die blutjunge Komponistin Sabrina Schmidt-Hürzelbeck

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6 Antworten

  1. Mirjam sagt:

    ich finde die ideen in diesem artikel ganz interessant. Neue Musik bleibt immer jung, samt ihren Protagonisten
    Aber muss das eigentlich sein, dass dann gegen andere als die eigene musikrichtung gehetzt wird? Ich denke, die neue musikszene ist sich selbst genug und stabil genug. Warum dann dieses justin bieber/rihanna-bashing? es bereichert diesen artikel nicht, i.G. man fragt sich, warum moritz eggert das an seinem geburtstag nötig hat.

  2. Mirjam sagt:

    äh, ich war noch gar nicht fertig. Irgendwie den falschen knopf gedrückt.
    Auf jeden Fall alles gute zum geburtstag -auf die ewige jugendlichkeit aller kreativität!
    Viele Grüße Mirjam

  3. Meine Frau schaut mir gerade über die Schulter.
    „Was schreibstn da?“
    „Ein paar Zeilen für Moritz Eggert. Stelle dir vor, der ist schon 46, hat heute Geburtstag.“
    „Was“, wundert sich meine Frau, „der Moritzl?“
    „Ja, der“, sage ich und straffe meinen Rücken, „langsam aber sicher wird er so alt wie ich.“
    Meine Frau grinst unverschämt.
    „Willst ihm gratulieren?“, meint sie.
    „Na, ja, ein wenig makaber ist es schon, aber gratulieren muss ich halt, kann ja schreiben, dass er eigentlich noch ziemlich jung aussieht.“
    „Der Moritzl?“
    „Ja, der“, sage ich und schreibe:

    Lieber Moritz: herzliche Glückwünsche dem alten Freund von dem uralten!

    „Des passt“, sagt meine Frau und rauscht ab.

    Und ich setze noch schnell einen Link

    Guntram

  4. Auch von mir ein Nachschlag (was die junge Frau Mirjam da oben kann, kann ich auch):

    Meine Frau kommt aus ihrem Zimmer und sagt:
    „Hab grade gegoogelt. Der Moritzl ist ja schon verkalkt.“
    „Und wie kommst du jetzt da drauf?“, wundere ich mich.
    „Er kann nicht einmal mehr bis 26 zählen“, konstatiert sie.
    „46, meinst du“, korrigiere ich sie und wende mich wieder meiner Beschäftigung zu.
    „Nein, 26. Er feiert seinen Geburtstag einen Tag zu spät. Heute ist der 26. und nicht der 25.“
    „Geschickt, geschickt“, sage ich, „wenn er so weiter macht, kann er dem Tod ein Schnippchen schlagen.“
    „Da muss er aber lange weitermachen“, rechnet mir meine Frau vor, „ein paar hundert Jahre lang, bis sich das mal wirklich lohnt.“
    „Warten wir es ab“, sage ich, „die Zeit wird es schon richten.“

    Die Zeit

    Sie lauert mir auf
    Sie schickt mich auf die Reise

    Ich folge ihr
    Ich durchschreite sie
    bis hintenan querdurch
    bis an ihr Ende
    bis zu meinem Anfang

    Sie nimmt mich mit
    Sie hat mich am Wickel

    Ich kann ihr nicht entkommen
    es sei denn
    Ich schlüge sie tot

  5. @Guntram: „Schreiben“ und „Veröffentlichen“ sind zwei verschiedene Dinge – den Artikel habe ich tatsächlich im Zug von Rotenburg-Wümme (!) nach Bochum geschrieben, an meinem Geburtstag, aber erst am nächsten Tag veröffentlicht.

    @Mirjam: der Absatz über Rihanna und die verschiedenen Kevins bzw. Justins war ironisch gemeint, das muss man manchmal dazu sagen anscheinend. Es ist auch keine Kritik an den Künstlern selber (das wäre einen speziellen Artikel wert) sondern einfach nur eine Beschreibung ihrer Vermarktung.

  6. geschrieben, an meinem Geburtstag, aber erst am nächsten Tag veröffentlicht.

    Zum Glück, so konnte ich meine (hoffentlich dennoch wirksame) Ironie verspritzen.

    Du weißt: „Mit vierzig Jahren ist der Berg erstiegen.“

    G.