Neue Musik spielen wir zuerst

Offener Brief an Fritz

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Oder:

…somebody that i used to know…

Neue Musik bei Fritz - Versprochen ist versprochen

Neue Musik bei Radio Fritz

An die Intendantin
des Rundfunk Berlin-Brandenburg
Frau Dagmar Reim
Masurenallee 8-14
14057 Berlin

Sehr verehrte Frau Intendantin Reim,

seit einiger Zeit wirbt der Jugendsender Fritz (Rundfunk Berlin-Brandenburg) mit dem Slogan „Neue Musik spielen wir zuerst“ für sein Programm. Bei einem stichprobenartigen Blick auf die Playlists dieses Radiosenders hingegen fiel mir auf, dass es sich bei dem verwendeten Slogan um ein Missverständnis handeln muss. In der Sendung „meinFritz“ (08.11.11, 19.00-20.00 Uhr) beispielsweise erklangen unter anderem Werke der folgenden Kolleginnen und Kollegen: Gotye („Somebody That I Used To Know“), Killerkouche („Verliebt in London“), Lucenzo („Danza Kuduro“), David Bowie („Let’s Dance“) und Britney Spears („Toxic“).

Bei aller Wertschätzung für die Qualität Ihres Programms möchte ich Sie höflichst darauf hinweisen, dass die genannten komponierenden und interpretierenden Kolleginnen und Kollegen keine Vertreterinnen und Vertreter der „Neuen Musik“ sind. Das wüsste ich. Eine Nachfrage bei der GEMA ergab, dass die o. a. Werke unter der Wertung „U-Musik“ firmieren.

Unter dem Oberbegriff „Neue Musik“ subsumiert man jedoch landläufig Werke der sog. ernsten Musik (kurz: „E-Musik“) des 20. und 21. Jahrhunderts, also beispielsweise Werke der Kolleginnen und Kollegen Bernd Alois Zimmermann (†), Karlheinz Stockhausen (†), Wolfgang Rihm (†), Adriana Hölszky und Mathias Monrad Møller (†).

Wiewohl Begriffe zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Auslegungen unterworfen sind und waren, so steht doch kaum infrage, dass der Begriff „Neue Musik“ eben jenes – und wie ich doch meine: zu allerallererst jenes – musikalische Phänomen bezeichnet, welches wir als wiederkehrende, häufig zersprengte, zeitlich arg ausgedehnte und (verzeihen Sie mir diese juvenile Anmerkung) irgendwie enervierende Klanglichkeit aus den o. a. Werken der Kolleginnen und Kollegen her kennen.

Der Begriff „Neue Musik“ entstand im Umkreis des Musikschriftstellers Paul Bekker (1882-1937). Wohl erstmals 1919 benutzte Bekker das Begriffspaar „Neue Musik“. Die Rezeptionsgeschichte seitdem zeigt, dass eine weitgehende Akzeptanz (in Ermangelung besserer Alternativen) dieses Terminus‘ seitens der gesamten historischen und systematischen Musikwissenschaft besteht – und bis heute fast ungebrochen scheint. Gleichwohl wird der Begriff in seiner Bedeutungsmacht und Aussagekraft immer wieder hinterfragt (auch von mir); allerdings bin ich mir sehr sicher, dass es nicht Ihre bzw. die Intention der Kolleginnen und Kollegen des Senders Fritz war, mit der Wahl des Slogans „Neue Musik spielen wir zuerst“ die bekkersche Begriffshoheit einer subtilen Kritik zu unterziehen (was fürderhin – s. o. – sicher nötig wäre).

Nun ist es keineswegs meine Absicht, Sie in der Weise üblicher „Leserbriefe“ von geschätzten Vertreterinnen und Vertretern der älteren Generation zu „belehren“. Das würde meiner Wertschätzung Ihrer Person und der Wertschätzung der Arbeit Ihrer Kolleginnen und Kollegen nicht entsprechen.

So will ich Ihnen im Gegenteil – konstruktiv – meine eigene Kompetenz und mein gesamtes Kompetenz-Netzwerk bezüglich einer Angleichung des Programms an den betreffenden Slogan („Neue Musik spielen wir zuerst“) herzlich gerne zur Verfügung stellen. Stichwort: Re-Implementierung der musikalischen Inhalte des Senders Fritz im Sinne Ihres Wordings („Neue Musik spielen wir zuerst“).

Ich bin seit fast zehn Jahren in der Neuen-Musik-Szene Berlins verortet und sehe mich – der hauptberuflich als Junior Creative & Executive Consultant am Konzerthaus Berlin tätig ist – als einen ideengebenden und content-realisierenden Multiplikator im aktuell pulsierenden Zwischenbereich von traditionellen Konzertformaten und experimentellen Erlebnis-Packages.

Lassen Sie uns gemeinsam – sehr gerne bei einem persönlichen Gespräch – über die Möglichkeit einer Win-Win-Siuation reflektieren. Als Anregung möchte ich Ihnen einige locker gefügte Beispiele an die Hand geben, wie wir in Abstimmung mit den Redakteurinnen und Redakteuren des Senders Fritz das Programm inhaltlich an den Slogan („Neue Musik spielen wir zuerst“) zurückführen können.

Vorschläge (Leitlinie: „Neue Musik spielen wir zuerst“ umsetzen! – Positiv!)

Was heißt „zuerst“?

Wann beginnt „etwas“?

Beispiel: „Neue Musik“ (beispielsweise „Evryali“ von Iannis Xenakis; damit könnten Sie evtl. auch auf die Situation in Griechenland hinweisen!) immer nach Mitternacht direkt senden (danach „normale“ Musik, Lady Gaga, Justin Bieber, Peter Fox etc.). Halt als „erste“ Musik des Tages! (Stichwort: „zuerst“). [Eben „E-Musik“, also „ernste Musik“ „zuerst“. Nicht „zu er(n)st“. Wobei meist stimmt: „Neue Musik spielen wir zu ernst“…]

Problem bei diesem Beispiel: Die Hörer könnten die Umsetzung des bisher nicht „gelebten“ (Stichwort „Authentizität“, „Kundenbindung durch Vertrauen“ etc.) Slogans („Neue Musik spielen wir zuerst“) als „kleinlich“ empfinden.

Besser: Neue Musik zu Beginn jeder Stunde spielen! Weil: Die Unterteilung des Fritz-Programms funktioniert größtenteils stundenweise. Zu Beginn jeder Stunde dann halt: erst einmal Neue Musik!

Noch einmal möchte ich die Ernsthaftigkeit meines Schreibens betonen. Weil es mir eine Herzensangelegenheit wäre, biete ich ihnen hiermit an, innerhalb eines für mich realisierbaren Zeitfensters zunächst unentgeltlich die Neue-Musik-Titel zu Beginn jeder Stunde für den Radiosender Fritz redaktionell auszuwählen. Für diese Tätigkeit bringe ich die besten Voraussetzungen mit, arbeitete ich doch bis Oktober 2010 als freier Musikredakteur beim Kulturradio vom rbb. Dort wurde allerdings nie zuerst Neue Musik gespielt (außer in den dafür vorgesehenen Sendungen „Musik der Gegenwart“ des geschätzten Kollegen Göbel). Dort stellte sich die Frage aber auch nie, schließlich hatte man sich als Slogan einen anderen Satz ausgesucht. Eben nicht: „Neue Musik spielen wir zuerst“, sondern „Hier spielt die Klassik“. Nun könnte man in gleicher Weise (s. o.) über die begrifflichen Probleme des Wortes „Klassik“ sprechen, schließlich wird mit „Klassik“ auch eine ganz bestimmte Epoche der Musikgeschichte bezeichnet. Und nicht nur Titel der Klassik (z. B. Haydn oder Mozart) eröffnen die Sendestunden im Kulturradio vom rbb, sondern durchaus auch Titel der Frühklassik und des Barock. Doch ist ja unbestritten, dass „Klassik“ landläufig einen Gesamtbegriff für „ernste Musik“ darstellt. So gesehen erfüllt das Kulturradio vom rbb seinen im Slogan durchklingenden Anspruch. Hier wird Klassik gespielt! Klassische Musik – ganz allgemein.

Ich würde mich sehr über eine Antwort von Ihnen freuen. Auch, wenn Ihnen mein Schreiben, das ich mir erlaube, auf dem „Bad Blog of Musick“ der Neuen Musikzeitung (Deutschlands größter Musikfachzeitung) als „offenen Brief“ zu veröffentlichen, zunächst ein wenig merkwürdig erscheinen mag: Die Tatsache, dass der Radiosender Fritz bisher ein reiner Pop-Sender war, muss m. E. nicht zwangsläufig bedeuten, dass dieser Neue Musik (wie es eben in dem Slogan „Neue Musik spielen wir zuerst“ versprochen wird) als eine elektrisierende „Farbe“ zukünftig auszuschließen verpflichtet ist.

Um Ihnen als letzte Empfehlung und Gruß nochmals einen positiven Ideen-Impuls zu geben, verweise ich auf einen Kino-Werbespot, der 2004 und 2005 in allen großen Mainstream-Kinos Hamburgs und Schleswig-Holsteins lief. In dem Kino-Werbespot des Radiosenders delta radio habe ich selbst mitgespielt. delta radio war und ist ein Pop- und Rock-Sender, doch immerhin in der Kino-Werbung des Senders räumte man der sensiblen Klanglichkeit Neuer Musik einen prominenten Platz ein, den ich auszufüllen 2004 gerne bereit war. (Schließlich kam die Idee für den Trailer von mir).

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Mit besten Grüßen,

Arno Lücker

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

10 Antworten

  1. C.J. Sperling sagt:

    Der diesem Offenen Brief zugrunde liegende Ansatz ist m.E. reichlich kontraproduktiv.

    Nicht nur der fast schon parodierende Alleinvertretungsanspruch à la „neue Musik kann es nur in der Neuen Musik mit großem N geben, weil diese Musikrichtung sich nun einmal so bezeichnet“; nicht nur die Verkennung ziemlich vieler Realitäten (jede Stunde mit Neuer Musik beginnen…) – er bestätigt aufs wunderschönste einen Satz aus dem Essay von Frank Hentschel, „Neue Musik in soziologischer Perspektive“ (nmz 2010/05): „Wer Neue Musik produziert oder hört, steht ganz oben in der Bildungshierarchie und blickt auf Hörer zahlreicher anderer Musiken mit Überlegenheit herab.“

    Hörer für eine Musikrichtung zu gewinnen geht anders.

  2. …nur: Begriffsverwirrung hilft auch nicht weiter. Was ist denn NEU an 99,999 Prozent der U-Musik? Gilt das Erscheinungsdatum? Oder der Poststempel? Ich sehe in der Marketing-Verwertung des Begriffes (ob mit großem oder kleinem „N“) nur ignorante und/oder rücksichtslose Unter-Haltung. Der MDR-Sender JUMP arbeitet mit dieser Verballhornung schon seit Jahren. Was wunderts, beim Zustand dieser „Einrichtung“…

  3. Nicht wirklich witzig. Eher „witzisch“.

  4. Bekehrter sagt:

    Ich fürchte, diese ausgesprochen spitze Ironie könnte voll nach hinten losgehen. Oder gibt es keinerlei Erwartungen und Hoffnungen mehr, was die Programmgestaltung von Kulturradio betrifft? Ist das alles schon abgeschrieben? (Was nicht ganz unberechtigt wäre…)

    Zumal das Timing ausgesprochen ungünstig ist, denn seit Sonntag hat der RBB ein kleines Problem mit Fritz. Der Vorgang hat zwar nichts mit Musik zu tun, aber wen interessiert, was für gewaltige Neurosen heutzutage so galoppieren, der findet da eindrucksvolles Anschauungsmaterial.

  5. Ich finde, Hauptsache ist doch, dass der RBB Arnos Vorschlag umsetzt.

  6. @Martin Hufner
    Dein Wort in Euterpes Ohr!

    Guntram Erbe

    PS: Ich pflege das Internetduzen

  7. peh sagt:

    Selten so ein großzügiges Angebot wie von seiten des Junior Executive Consultant gelesen!

    @Bekehrter: von welchen Vorgängen raunen sie?

  8. Simon sagt:

    @Moritz: hast Du Wolfgang Rihm (musikalisch) getötet oder warum steht ein (†) hinter seinem Namen ?

  9. @Simon
    Arno Lücker ist der Übeltäter! ;-)

    Was wieder einmal zeigt, dass man mit Smileys nicht geizen darf. Auch Arno Lücker (†, zumindest für Wolfgang Rihm) nicht. ;-(

    Guntram Erbe

  10. @Stefan: Es steht Arno drüber, steht Arno drunter, und auch auf dem Videobild ist Arno in voller Aktion am Pianoforte zu sehen….
    Super-Artikel übrigens (und da lobe ich mich jetzt nicht selbst, siehe oben)!