Das Unsagbare – Gastbeitrag von Esther Horn

Ich finde es immer sehr wichtig, dass man als Komponist einen Blick auf andere Kunstsparten wirft, denn oft ist man in seinem eigenen Genre auch seinen eigenen ästhetischen Problemen verhaftet. Sind die anderen vielleicht schon „weiter“, in Literatur, Film, Architektur, Theater, Bildender Kunst, Tanz? Wo gibt es Unterschiede, wo Parallelen?
Die bildende Kunst wird von der Warte der Musik aus mit einem gewissen Neid betrachtet – denn kaum eine Kunstgattung erfreut sich einer so großen öffentlichen Akzeptanz, auch dem Experimentellen und Radikalen gegenüber. Die Museen sind gut besucht, und das Neue steht ziemlich gleichberechtigt gegenüber dem Alten, ja ist sogar oft beliebter, wenn man die Besucherzahlen anschaut. Vielleicht hat es mit unserer veränderten Zeitplanung in einer modernen Gesellschaft zu tun: Wer ein Konzert oder eine Oper besucht, ist knapp 2 Stunden (oder mehr) etwas ausgeliefert, dem er nur durch Flucht entkommen kann, wenn es ihm nicht gefällt. Ein Museum oder eine Ausstellung dagegen ist wie ein Selbstbedienungsladen – man wählt sich seinen eigenen Weg und verweilt nur so lange vor etwas wie man selber Lust hat. In Großstädten ist es üblich geworden, in der Mittagspause die gerade angesagte moderne Ausstellung zu besuchen – man ist schnell informiert, trifft Freunde und trinkt dabei einen Cappuccino.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist natürlich die zunehmende Visualisierung unserer Gesellschaft – dabei hat es ein visuelles Medium naturgemäß leichter.
Aber ist wirklich alles so rosig in der Welt der Kunst?

Esther Horn

Esther Horn

Die Berliner Malerin Esther Horn ist eine Leserin dieses Blogs – nach einem Gedankenaustausch forderte ich sie auf, doch einmal zur Lage der bildenden Kunst zu schreiben.

Hier ist ihr Text:

Lieber Moritz.

Werbung

Im Bad Blog of Musick ist sehr oft die Notwendigkeit einer kompositorischen Haltung Thema der Beiträge. Besonders zum Nachdenken angeregt haben mich zwei Deiner Artikel, der „Offene Brief an XXX“ und „Dürfen wir etwas sagen? Oder dürfen wir nichts sagen“, gerade deswegen, weil ich sofort in Gedanken Parallelen zur Situation der Bildenden Kunst gezogen habe. Daher ist der folgende Text eine Art Antwort darauf.

Das Unsagbare oder was ist die Quelle der Inspiration

Eine ganz wesentliche Gemeinsamkeit zwischen der Situation, die du für die Neue Musik beschreibst und der gegenwärtigen Situation der bildenden Kunst sehe ich darin, dass wir in einer Zeit leben, die von einem so noch nie dagewesenem Gemisch aus Intellektualisierung, Leistungsbezug, inhaltlicher Unverbindlichkeit und zugleich merkwürdigerweise von einer gewissen sinnlich-emotionalen Armut geprägt ist.
Noch nie zuvor wurde jede schöpferische Regung derart emsig begleitet, gedeutet, festgehalten, veröffentlicht, vervielfältigt, kathegorisiert, archiviert, und das fast zeitgleich zu eben entstandene Werken. Dennoch wird – in der bildenden Kunst zumindest – alle paar Jahre epochaler Richtungswechsel ausgerufen (in der Kunstszene etwa: das Soziale in der Kunst, Kunst als Dienstleistung, neue Abstraktion, neue Gegenständlichkeit, Malerei is IT, Bildhauerei is IT, Performance Resurrects!) angekündigt oder gar in die Retrospesktive gebracht.

Ganz konkret ist für die bildende Kunst die verkopfte Diskurslastigkeit der 90-er Jahre, die durchaus in einigen Richtungen bis heute anhält, ein echter Mühlstein um den Hals jedes/r Schaffenden, sieht er/sie sich doch auf jedem zweiten Meter in geistloser Rechtfertigungsdefensive.
Spiel, Absichtslosikeit, Sinnlichkeit, durchaus auch Langeweile als wichtige Vorrausetzung für neue Impulse scheinen undenkbar als Vorraussetzung für Ernsthaftigkeit.

Wir alle leiden mehr oder weniger darunter und spüren es doch alle: unsere Zeit (im epochalen Porträt) droht wahrscheinlich als die „große Ära der Gesichtslosigkeit“ in die Annalen eingehen, vielleicht oder wahrscheinlich genau deshalb, weil viele sich doch so fleissig bemühen, nichts falsch zu machen. Wir spüren die anhaltende Kriterien- und Orientierungslosigkeit unserer post-postmodernen Gegenwart oder behaupten überlegen, sehr wohl ohne solche Kriterien auskommen zu können.

Die Moderne hat uns dazu gezwungen: alles gilt. Und so ist es auch: wir leben in einer Polyvalenz von Kriterien und daran ist nichts falsch, es ist einfach so. In der zeitgenössischen Kunstszene existieren verschiedene Zirkel und Richtungen mit verschiedenen Ansätzen, Positionen, Zielsetzungen und auch Einflußnahmen. Keiner der Strömungen hat Recht oder Unrecht, macht bessere oder schlechtere Kunst und vor allem: Keiner streitet sich um Inhalte, dazu bleibt einfach keine Zeit und keine Energie im persönlichen Karriereplan, bzw. Überlebenskampf, so scheint´s zumindest!

Und so profillos unser Zeitalter: von also zeitgenössischem Reibungsverlust ermattet sehen wir zu, wie zuweilen Künstlern tatsächlich in der Kunstrezeption „das Schöpferische“ und „Inspiration“ als längst vergangener Mythos abgesprochen und gegen „Strategien“ oder „werkimmanente Massnahmen“ ausgetauscht wurde. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass so mancher behauptet, die Kunst wäre dabei, in einem (im Hegelschen Sinne) Prozess „zu sich zu kommen“ und dann am meisten bei sich angelangt ist, wenn nichts mehr oder nur noch Belangloses zu sagen ist.

Viele Künstler hadern mit diesem amorphem Zustand. Etwas fehlt. In der Außenwahrnehmung, der Rezeption. Und auch in dem Selbstverständnis der Künstler.

Woran es mangelt, ist wohl das neugierige, erwartungsvolle Vertrauen in das UNBEKANNTE. Die Bereitschaft, RISIKEN einzugehen. Nicht zu wissen, wie sich die Sache, das Kunstwerk – die Serie – letztlich entwickelt. Wahrhaftig zu sein. Allen „try-and-errors“, Widersprüchen. Entwicklungen Zeit zu geben, evtll. Gefahr zu laufen, falsch zu liegen, die eigene Hervorbringungen durchaus auch mit Angst und Befremden zu sehen, in der erfahrenen Gewissheit, so auf das Richtige zu treffen. Sich ganz der eigenen Intuition anzuvertrauen. Also: einen nur sich selbst verplichtenden Prozess einzugehen, ganz unabhängig (von `political correctness´, von Bekömmlichkeit, Erwartungshaltungen etc.) die Geburtswehen der eigenen Schöpfungen durchzustehen – weil wir Menschen so sind und so etwas Neues, uns Unbekanntes hervorbringen.
Und damit unsere Identität tiefer gründen, als man uns – Künstlern, wie Nichtkünstlern – zusprechen will, wir uns vielleicht furchtbarerweise selber nur zusprechen!

Du schreibst (in deinem Brief an XXX vom 14.1.2011):

(…) „Sicherlich hat das viel mit Intuition zu tun. Man muss die eigene Musik herauslassen, die wirklich heraus will, auch wenn sie einem fremd und merkwürdig vorkommt, einen vielleicht sogar zuerst abstößt. Diesen Geburtsschmerz müssen wir wieder spüren, auch das Risiko der Geburt. Daraus könnte eine Intensität erwachsen, die unsere Musik wieder mit dem erfüllt, was sie am dringendsten braucht, nämlich Wahrhaftigkeit.

Wenn ich darüber nachdenke, ist Wahrhaftigkeit ein wichtiger Begriff. Gegenüber der eigenen Szene kann eine solche Wahrhaftigkeit nicht entstehen, denn dort sind die Sicherheitsnetze zu zahlreich gespannt. Ob man ein Stipendium bekommt oder nicht bekommt, eine Professur, einen Preis – es sagt nichts darüber aus, wie viel wir wirklich bereit sind dafür zu riskieren, eine Note auf ein Papier zu schreiben. Wir müssen wieder dieses Risiko spüren, damit unsere Musik wahrhaftig werden kann.“ (…)

So ist es, auch für die Kunst! Es gibt wunderbare, neue, unbekannte Kunst in jeder Ausrichtung. Doch wird es eng für geistvolle, inspirierte Schöpfung, wenn sie sich in einer geistigen „Bringschuld“ sieht, sich leistungsorientiert fühlt, sich freiwillig aller Originalität beraubt, sich anpasst, um Marktgesetzen, Preise, Posten oder was auch immer zu erlangen. Es wird eng, wenn auszusprechen „ich bin inspiriert von…“ zum no-go wird, sondern sorgfältig geprüfte „Vorgehensweisen“, intellektuell überschaubare „Strategien“, mit denen man sich „an Inhalten abarbeitet“, den Raum künstlerischer Prozesse einnehmen, wenn Kunst nicht Spiel ist, sondern immer mehr wirtschaftlichen, Unternehmens-basierten Vorgängen ähnelt.

Das ist der Tod jeder Inspiration.

Wir spüren: Risiko, Leidenschaft, Wildheit, aber auch Zärtlichkeit, Sehnsucht, Romantik in der Kunst ist tendentiell angstbesetzt. Und ich meine hier nicht etwa durchschaubares Risiko durch berechenbaren „Tabubruch“, „wildes“ Unangepasstsein durch präpotente Gesten (frei nach Goethe: Man sieht die Absicht und ist verstimmt!). Sondern – wirklich nicht wissen, wo man auskommt, schöpferisch zu sein und das Ungewisse durchzustehen. Das kann auch leicht, einfach oder komisch sein, weder Dramatisches noch Komödiantisches ist Pflicht in dem Kunstbegriff, den ich meine. Deinen Schlusssatz

„(…) Übertreiben, leidenschaftlich sein. Bis die Wahrheit übrig bleibt. Über die Stränge schlagen, die Musik (und die Kunst! meine Anm.) mit Leben erfüllen, großen Emotionen Raum geben. Solange, bis die Wahrheit übrig bleibt. Das ist sehr riskant, und so soll es sein.“

würde ich in der bildenden Kunst genauso einfordern.

ESTHER HORN
Biografie

2010 residency stay lost generation space, Kuala Lumpur, Malaysia
2008 Präsentation von montanaberlin bei ART SWAP EUROPE, Akademie der Künste, Berlin
2006 Gründung der Projektgalerie montanaberlin, Brunnenstraße Berlin
2003 -05 Gastdozentur Malerei Kunstakademie Münster
2002 residency stay Stiftung Künstlerdorf Schöppingen
1994 residency stay cité internationales des arts, Paris
1992 Meisterschülerin
1986 Studium an der Kunstakademie Münster
1984 Studium Philosophie und Germanistik WWU Münster
1965 geb. in Bensberg, NRW

Horn

still, 130 x 240 cm, Öl/Nessel, 2008

Aktuelle Arbeiten: Wandarbeit in der Ausstellung b/w_borderline, eine neue Ausstellung der von ihr mitbegründeten Künstlerformation montanaberlin in Espoo/Helsinki (5. – 25. September 2011) (www.montanaberlin.de)

Werbung

Moritz Eggert

Komponist

15 Antworten

  1. mannikern sagt:

    Danke für den Beitrag. Leider krankt er daran, wie so oft Beiträge und Kommentare auf diesem Blog, dass zu allgemein gesprochen wird. Da wird schnell auf Markov-Ketten-Gläubigkeit eingeschlagen oder die Political Correctness gegeißelt. Bitte Namen nennen! Wer ist es, der angeblich mit Algorithmischer Komposition die Welt retten will? Frau Horn, sie schreiben:

    Es wird eng, wenn auszusprechen “ich bin inspiriert von…” zum no-go wird, sondern sorgfältig geprüfte “Vorgehensweisen”, intellektuell überschaubare “Strategien”, mit denen man sich “an Inhalten abarbeitet”, den Raum künstlerischer Prozesse einnehmen, wenn Kunst nicht Spiel ist, sondern immer mehr wirtschaftlichen, Unternehmens-basierten Vorgängen ähnelt.

    Wo wird das zum No-Go? Wer sagt das?? Es mag ja stimmen, aber es bringt überhaupt nichts, das so vage zu benennen. Dieser Blog war mal ein Blog der Courage und ist es manchmal immer noch, doch allmählich wird hier mehr geraunt als Tacheles gesprochen. Das ist schade. Arno Lücker fehlt!

  2. Sehr geehrte Frau Horn,

    jetzt habe ich mich durch die Öl-Bilder auf Ihrer Homepage durchgeklickt – viel Einsamkeit, Nacht, Regentropfen oder Tränen, wahlweise auf Gesicht oder Glasscheibe.
    Spiegel wäre ein Sujet, das einem spontan einfallen mag.
    Das Mädchen mit den blonden Haaren ist hier ein erfrischender Lichtblick. Etwas verschlafen im besten Sinn des Wortes Ihre Bilder der 6-ten Serie – „Blick aus dem Zelt nach dem Aufwachen“ könnte man sie nennen.

    Stilistisch: Leipziger Schule pur. – z.Zt. absolut sicheres Terrain

    Beste Grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –

  3. Sehr geehrte Frau Horn,

    also, ich finde es gut, sehr gut, dass sich hier mal auch bildende Künstler als Gastblogger etc. äußern. Vieles Ihrer Analyse zur bildenden Kunst mag für dieses Genre auch zu treffen (wobei ich da mir nicht anmaße Fachmann zu sein). Aber ich komme nicht ganz klar damit, dass Sie Risiko, Inspiration, etwas riskieren einfordern, wenn ich mir Ihre Bildserien anschaue. Da ist doch einiges dabei, was gerade das ist, was sich auch Neureiche gerne ins Wohnzimmer hängen, was niemandem so recht weh tut. Hier in Düsseldorf (Kunststadt, sagt man) findet man in vielen Galerien ähnliche Bilder: viel Sehnsüchte, wieder viel Gegenständlichkeit, handwerklich funktionierende Bilder, das ganze etwas vernebelt, Hollywood-Traum-Thematiken und immer wieder Autos, Autos oder schöne Blumen…

    Schönen Tag allen,
    Erik Janson

  4. Esther Horn sagt:

    Sehr geehrter Herr Janson,

    ich finde interessant, was Sie über „Risiko“ schreiben. Ich habe mich dabei auf den künstlerischen Prozess bezogen, der für mich dann aufregend ist, wenn er von Wahrhaftigkeit getragen ist. Ob gegenständlich oder nicht, spielt für mich dabei keine Rolle, und auch nicht, dass das Ergebnis (möglichst) „weh tut.“ Genau das sind Kriterien, die für mich heute nicht mehr gelten – also der Ruf nach Abstraktion, Schock oder Unbekömmlichkeit. Es gibt einfach keine Türen mehr, die wir eintreten könnten, das hat die Moderne – auf einen festgefügten, bürgerlichen Kunstbegriff reagierend – längst erledigt. Ich finde eher aufregend, was für eine selbstverpflichtete künstlerische Sprache wir Künstler heute entwickeln. Ja, auch mit schönen Blumenbildern :-)

    viele Grüße,
    Esther Horn

  5. querstand sagt:

    Liebe Frau Horn!!

    Etwas stieß mir beim 1. und 2. Lesen auf: Sie sprechen von unserer Zeit der Überkategorisierung, belegen dies auch an einigen Beispielen. Schwierig finde ich die Paarung von „Konzept- und Orientierungslosigkeit“, diese Verquickung findet man so oder ähnlich immer wieder. Mangel an Konzepten kann ich heute nicht erkennen, vielleicht fehlt uns im globalen Sinne gerade ein Konzept, die Finanzkrise, die Ökokrise, etcpp. in den Griff zu bekommen. Im Zeitalter der Konzepte in Kunst wie auch der Konzeptkunst und jetzt unmittelbar danach betrifft eigentlich nur die Orientierungslosigkeit bzw. die Angst, in Dschungel aller offenstehenden Kunstentwürfe, Verantwortung zu übernehmen, seinen individuellen Entscheidungen oder vielleicht auch erstmal nur „Bauchgefühlen“, dem eigenen „Riecher“ zu folgen.

    Kein Wunder, wir leben ja auch in der Epoche der totalen Ver-/Absicherung, die dennoch „höhere Gewalt“, auch von Menschenhand, nicht wirklich ausschliessen kann. So sichert man sich eben ab: Förderende wie Geförderte folgen der aktuellen Ansage. Also Vermeidung von Orientierungslosigkeit, aber eben auch Angst vor der eigenen Verantwortung. Dies scheint mir persönlich darüberhinaus ein Merkmal heutiger Demokratie, Vielfalt, Pluralität zu sein. Man wählt seine Politiker oder wählt sie eben nicht und wundert sich über den Nichteintritt von Versprechungen. Die Verantwortung für die Nichteinlösung delegiert man aber meilenweit von sich fort, es sind schemenhafte „Andere“ und konkret jener „betrügerische“ Politiker. Mitverantwortung oder Selbstverantwortung auch beim Auswählenden, dem Wähler, dem Juror, dem seine Werke zur Auswahl für das eigene Scheitern – Fehlanzeige.

    Und so sind plötzlich all die vielen Wege durch den Wald schuld, deren Unübersichtlichkeit. Über den Eingang kommt man nicht hinaus. Man brüllt hehr „Ins Offene“, statt in das Dickicht voll Freude hineinzurennen, sich zu verfangen, zu spiessen, zu verheddern.

    Eigentlich sind die Konzepte modernen Lebens auch wieder ziemlich einfach auf den Punkt zu bringen: keine Not leiden, durchaus ein gewisser Luxus. Ohne Krieg, ohne Naturkatastrophen leben. Möglichst wenig Bevormundung. Zumindest die Wahlmöglichkeit, Dinge zu tun oder eben nicht zu tun, freakig oder spiessig zu sein, religiös oder atheistisch, zu lieben wie und wen man will. Luxus und Kriegsfreiheit im unmittelbaren Erleben sind uns heute hier erspart, auch wenn der Staat sehr wohl in solchen mittement verstrickt sein sollte. Auch haben wir diverse Tun- und Unterlassensvarianten. Das fehlen genau dieser, die Denkbevormundung durch den Staat, das versetzt doch gerade den Nahen Osten, die Jugend Südeuropas in Rage.

    Wie soll ich sagen: es gibt eben doch sehr wohl klare Parameter, an denen sich ziemlich klar das individuelle Leben in einer offeneren oder unterdrückenden Gesellschaft ablesen lässt, gerade solche, deren Fehlen fundamentalistische Leute so gerne glauben machen. So dürfte man durchaus auch in der Kunst in all ihrer Breite für die eigene Existenz wichtige Grundzüge wiederfinden, gerade weil man soviel wie man will, so wenig wie nur möglich je nach Gusto und Seinslage heranziehen kann. Dafür muss man dann aber auch bereit sein, voll und ganz einzustehen. Wenn abstrakt mal wieder en vogue sein sollte, man aber konkret unterwegs ist – was soll’s! Oder auch umgekehrt. Kann man zu seinen Dingen stehen, wird es schon richtig sein, will man sich woanders hindrehen, fliegt man v.a. über’s eigene Bein.

    Ausserdem: die Zeiten des „Erster Mann am Grund Ozeans“, „Erste Frau am Kilimandscharo“ – diese Zeiten sind vorbei. Es geht wohl nur noch vernetzt: siehe Kernfusion, wo man im Gegensatz zum Gemeinschaftsprojekt Atomkraft kaum jemand mit Namen und Bild kennt, denke man all die geteilten Nobelpreise, an die nur international möglichen Teilchenbeschleuniger, das Wirken von Konzernen, die fälschlicherweise in der Aussenwahrnehmung immer noch auf Individuen beschränkt werden. Tja, die Zeiten selbst des Space Shuttles, mit dem man in manchen Filmen die Erde vor Meteoriten bewahren wollte, ist erstmal vorbei. Nur die Vorstellung von Kunst als ewige Neuheitenmaschine durch Einzelleistungen scheint noch nicht dieses Lebenswirklichkeit internalisiert zu haben.

    Soll es hier um Individuelles gehen, so kann ich Ihnen wiederum letztlich nur zustimmen: Inspiration statt Strategien, besser Strategien auf dem Wege zum Entfalten der eigenen Inspiration durch Anschauung von Strategischem… Was nicht geht, ein eigenes no-go ist, das muss man dann selbst wissen, dafür bewusst die Verantwortung übernehmen. Ob angepasst oder unangepasst: Letztlich zählt die eigene Wahrhaftigkeit und der mächtige Drang, ein überzeugendes, kraftvolles Sujet gefunden zu haben. Allerdings denken das in unserer Zeit all zu viele von sich – aber die Frage der Quantität, das gehobene globale Mittelmaß sovieler individueller Künstler heutzutage, mehr denn je, das ist wieder ein anderes Problem…

    Gruß,
    Alexander Strauch

  6. @ all,

    reden wir Tacheles, d.h. zweckorientiert:

    Was die Entwicklung von Neuem oft behindert, ist oft der Neid.
    Da liest man in der Zeitung von diesem oder jenem Künstler, und schon rührt sich innerlich der Stachel des warum-der-und-nicht-ich. Da kann man dann nichts anderes machen, als sich die Schnittwunden der angesammelten Zurückweisungen und Erfolglosigkeiten zu lecken. Man baut Blockaden auf und legt sich das theoretisch zurecht:

    Es wird dann behauptet, dass Neues nicht mehr möglich ist – was soll denn da noch kommen – man kann heute keine Türen mehr eintreten – …
    In diesem Zusammenhang spricht man gleichzeitig von (eigenem) inspiriertem Arbeiten, obwohl es fast ein Widerspruch ist.

    Der Lösungsansatz des „wie-komme-ich-in-die-Zeitung“ geht nur über das Neue. Über das Alte, das Bekannte wird keiner schreiben.
    Also, lasst euch was interessantes einfallen, damit euere Kunst nicht in der Fadesse des Immergleichen versumpft!
    Ihr mündet inhaltlich sonst in Bauchnabelschauen und eitler Selbstbespiegelung.

    – wechselstrom –

  7. querstand sagt:

    Selbst fad – wechselstrom! Es geht eben nicht darum, UNBEDINGT was Neues zu produzieren. Dieses „Kinder schafft Neues“ ist abgestanden wie das „Ich bin der Erste“. Das „Neue“ ist meist das Ergebnis eines Tastens, Suchens, eines wohlvorbereitetes Fortspringens, Betonung auf VORBEREITET. Wenn es zu etwas Neuem kommt, ist dies immer eher ein zufälliges Derivat einer schweissvollen Vorbereitung. Selbst das Neue als Folge von Provokation. Einfach Neues zu propagieren ist furchtbar einfach. Es zu tun, ist unendlich mühevoll, kostet unglaubliche Selbstüberwindung, ein sich Öffnen für rauschhaftes Arbeiten – das Ergebnis muss dann nicht ein Rausch sein – Rausch – auch so ein „böser“ Begriff wie „Inspiration“, so transpirativ diese auch sein mag.

    Ensteht Neues aus Neid bzw. aus der Überwindung durch daraus entstandenen eigenen Blockaden, ist der Weg ähnlich wie o.g.

    Es geht doch immer um Strategien, wie man sich selbst überlistet, seine Mutlosigkeit, Orientierungslosigkeit, hinter sich läßt oder zumindest bändigen kann. Gelingt dies, dann steht der Weg vielleicht für Neues offen.

    Wobei ich NEUES austauschen würde gegen ZÜNDENDES! Egal mit welchen Mitteln ich zündele und Feuer anfache: es soll doch was Mitreissendes dabei herauskommen. Wenn es dann wirklich „neu“ ist, ist es ein Zufallsergebnis dieses Prozesses. Es genügt ja auch, wenn man für sich selbst was „neu“ entdeckt, was anderen alter Caffé ist. Kommt was Hinreissendes heraus, wunderbar.

    Aber „Neu“ zu schreien – das ist nichts anderes als abgestandene Nabelschau der Neuen Musik auf Niveau für „Dummies“! Sehen die Hengstler-Manifestler ggf. so „Neue“ Musik?!?

    Gruß,
    A. Strauch

  8. Esther Horn sagt:

    Lieber Herr Strauch,

    ich stimme Ihrer differenzierten Betrachtung über „das Neue“ völlig zu.
    Was lustig ist: Ich finde, es gibt aktuell viel neue und großartige Kunst in jeder Ausrichtung! Ich habe an keiner Stelle gesagt (weil es ich es auch nicht meine) das Neues nicht mehr möglich ist, sondern dass Vorraussetzungen und Kriterien für künstlerische Arbeit sich völlig gewandelt haben. Es gibt keine Tabus zu brechen, jeder Versuch in diese Richtung wirkt in der Tat bemüht und abgestanden, ebenso der Ruf nach bestimmten Qualitäten wie „abstrakt“, „shocking“ etc. Und auch – genau wie sie sagen – das krampfhafte Bemühen neu zu sein :-))

    viele Grüße,

    Esther Horn

  9. Es geht eben nicht darum, UNBEDINGT was Neues zu produzieren. […] Das “Neue” ist meist das Ergebnis eines Tastens, Suchens, eines wohlvorbereitetes Fortspringens, Betonung auf VORBEREITET.

    Ich hätte darauf wetten könne, dass sie sich angesprochen fühlen.
    Unbedingt neu oder bedingt neu, das ist die Frage: Sie plädieren für „Wohvorbereitet“. Dann kennt man ja schon das Ergebnis in groben Zügen; und wie soll diese Vorbereitung, falls das Ergebnis unbekannt ist ausschauen, welche „Gefahren“ soll man umschiffen, welche Risiken meiden, welche einleienden Übungen machen, bevor man ans eigentliche Werk geht?
    Sie sehen:
    „Bedingt alt“ oder „unbedingt alt“ lässt sich viel leichter erreichen, denn das Alte ist bekannt, man kann eingeschränkt oder uneingeschränkt darauf setzen. Es ist wohlvorbereitet.

    Wie Sie das Neue erreichen können, dafür gibt es keine Rezepte, Allgemeinplätze, Tipps usw. jeder, der das will hat da seine eigenen Gedanken, Assoziationen, Abschweifungen und Ausschweifungen.

    Für das Alte gibt es Fachliteratur und vorbereitende Übungen, die Sie auch kennen sollten, damit Sie nicht das Rad erneut erfinden.

    Wenn Sie aber in die Zeitung wollen (das kann die SZ oder die nmz sein), dann drucken die das nur, wenn Sie etwas UNBEDINGT Neues anzubieten haben. Fragen Sie mal Theo, wie er das sieht, er lebt ja seit Jahrzehnten in dieser doppelten Realität, der redaktionsinternen und derjenigen, über die berichtet wird.

    – wechselstrom –

  10. querstand sagt:

    Ich plädiere für „wohlvorbereitet“, ganz Recht! Es geht mir tatsächlich um:

    Wie Sie das Neue erreichen können, dafür gibt es keine Rezepte, Allgemeinplätze, Tipps usw. jeder, der das will hat da seine eigenen Gedanken, Assoziationen, Abschweifungen und Ausschweifungen.

    Es gibt nicht DAS Rezept, dennoch geht der schöpferische Weg zu etwas „Neuem“, ob nur für den Macher selbst, einen Kreis, eine ganze Sparte, Gesellschaft, immer über eine „Vorbereitung“, sei sie ein Übergang oder ein Bruch, beides kommt nicht von ex auf hopp, sondern kündigt sich an.

    Wie wahr, möchte ich daraus finanzielles, soziales oder rumorisches Kapital schlagen, empfiehlt es sich Grundkurs Deutsch zu spielen und das „Originalgenie“ aus der Mottenkiste zu schleifen, „neu“ schreiend. Allerdings interessiert das Presse, TV und Internet heute nur, wenn dahinter eine Institution steckt, man selbst zu einer geronnen ist. Was interessiert es Herrn Koch oder Tholl, was es Neues gibt, wenn man es denen persönlich sagt. Kennt man diese Herren, hat man eine klitzekleine Chance. Hat man sich vor denen schon mal verkasperlt, kann man es als Solist vergessen, da muß schon eine Festivalcompagnie angreifen.

    Für München gilt z.B.: „Neu“ ist nicht das, was wirklich neu ist. Nicht mal Ungehörtes in der Stadt, im Rest der Republik schon alter Toback, erweckt Interesse. Nur das, was auch so tut, dass es die in die Jahre gekommenen Kennzeichen von „Neuer Musik“ erfüllt: z.B. Geräusch, ein wenig Dadaismus, Zitatenballungen, Körperverdrehungen, Eier mit dem Fön brutzeln und dabei mit einem Mikrofon abnehmen – das gilt als hier „neu“. Und selbst diese „Neuigkeiten“ der letzten Monate wurden institutionell und nicht individuell angekündigt.

    Um so mehr gilt es, dann mit diesem „Neu“-Geschrei aufzuhören. Ja, es braucht Sensation, Relevanz, Zwanghaftigkeit. Da zählt aber der Kontext. Meinen vorigen Ausführungen zur Stadt folgend, sollte ich die Kategorie „für einen selbst neu“ eigentlich wieder streichen. Ich lasse sie aber stehen, weil mir die PR-Frage am Allwertesten in dem hiesigen Kontext erstmal vorbei geht. Als Künstler sollte man erstmal von sich aus auf etwas schliessen. Und apropos Fachliteratur für nicht mehr ganz so Neues: ja, man schlägt sich mit ihr herum, arbeitet sie durch. Wenn es von Belang ist, zieht man für sich garantiert was „Neues“, „Sensationelles“ da heraus. Via Ausübung in Kunst erhält dann dieses Privatissimum doch wieder den öffentlichen Rahmen, läßt sich dort relevatorisch überprüfen. Wirkt’s nur auf wenige, stellt sich die Frage, ob dies immerhin spätere Multiplikatoren für das Neue sein können, z.B. als Fachleute. Sonst bleibt die Schublade, die ich nach Möglichkeit zu vermeiden suche. Kennen Sie denn all Ihre Fachliteratur und sind wirklich immer so neu, wechselstrom? Sie sollten sich nicht zu sehr zu Lebzeiten versockeln!!

    Gruß,
    Sockelkitzelnder Strauch

  11. @ querstand,

    Sie sollten sich nicht zu sehr in Volksmusikkreisen, Zitherverbänden oder bei den Naturhornbläsern aufhalten.
    Das sind mit Sicherheit nette Leute, oft als stockkonservativ verschrien, was nicht immer stimmt, und was auch nichts ehrenrühriges ist, jeder hat seine Meinung.
    Aber diese Leute sind einfach nicht neugierig, dort werden Sie kein echtes Gehör für Ihre Musik finden und auch keine Erwähnung in der Jagdhornbläser-Postille, denn hier ist das Neue schon eine Abweichung, für die es eine geradezu wissenschaftliche Begründung braucht, und falls eine solche nicht erbracht wird, man das Neue getrost bei Seite lassen kann, vorher den Zeigefinger hebend und Ratschläge der Art: „Wenn Sie sich da mal nicht in was versteigen …!“ gebend.

    Sie haben diese Begründungswut bereits internalisiert, für alles, was Ihnen einfällt brauchen Sie einen Grund, und der kann nicht alleine darin liegen, dass etwas einfach da ist, dass etwas einfach gekommen ist.
    Natürlich ist es gut sich im Nachhinein solche Begründungen zurecht zu legen, sie lassen sich sicher auch finden, denn irgendwann, besonders dann, wenn Ihnen etwas wirklich Neuartiges gelungen ist, sehen Sie sich einem Mikrofon gegenüber und einer Frage, die Sie beantworten müssen. Dann sind Sie in den Medien.

    Dann sind Sie aber noch nicht dauerhaft berühmt, denn es gibt nichts Älteres als die Zeitung von gestern.

    – wechselstrom –

    p.s: ganz München ist ein Volksmusik-Zither-Jagdhornbläser-Verein; da haben Sie Recht. Die paar Inseln, die sich davon unterscheiden (musica viva fällt mir ein) institutionalisieren sich vielleicht auch zwangsläufig. Das hat zur Folge, dass musica viva und Jagdhornbläser-Verein zwar differente Inhalte und Ziele verfolgen, in Ihrem Verhalten nach außen hin aber gleich sind.

    Ähnliches gilt für alle anderen Festivals – Ausfransungen (Frings) werden traditionell vermieden, oder Sie beschränken sich auf idiotische Ausschreibungen, wie unlängst die in Donaueschingen,
    –> http://blogs.nmz.de/badblog/2011/08/10/neue-musik-wozu/
    bei der man sich auch als „Außenstehender einbringen“ konnte – – – und was wurde programmatisch verlangt:
    EINE BEGRÜNDUNG FÜR NEUE MUSIK, FÜR DAS WAS WIR TUN! – ich halt es nicht mehr aus – Ganz Deutschland ein Schützenverein.

  12. Hallo Frau Horn,

    @

    was Sie über “Risiko” schreiben. Ich habe mich dabei auf den künstlerischen Prozess bezogen, der für mich dann aufregend ist, wenn er von Wahrhaftigkeit getragen ist.

    Gut geantwortet, möchte man meinen. Aber das kann eigentlich jeder schreiben oder BEHAUPTEN, dass er bei seiner Arbeit auf den „Prozess“ bezogen oder von „Wahrhaftigkeit“ motiviert sei (und dass es dann egal sei was man wie und wie motiviert mache, ob gegenständlich oder nicht, egal welche Motive o.ä.). Das sind genau die Modeworte, auf die sich m.E. heute wieder immer mehr Künstler (und auch Komponisten) berufen, denen nicht unbedingt Originelles oder Hinterfragendes o.ä. einfällt. Die berufen sich eben auf den Slogan „ich suche eben nach „Wahrhaftigkeit“ und „auch wenn ich keinem „weh tun“ will o.ä.

    Mit solchen Credos oder Selbstdefinitionen kommt man heute nicht weiter oder aus einer vermeintlichen „Krise“ genausowenig heraus wie mit „Provozieren um jeden Peis“ oder mit denen die „Neues Neues“ rufen oder „Revolution“ oder dergleichem. Wobei auch mir nichts ferner liegt als letzteres. Ich komme für mich persönlich immer mehr zu dem Schluss, dass doch jeder sein Ding selbstüberzeugt machen soll und nicht mehr versuchen soll,über DEN STANDPUNKT der Kunst/Musik zu philosophieren, zu versuchen „Trends“ zu beschreiben oder an anderen was zu kritisieren, zu beklagen oder wie auch immer… Ich selbst machte den Fehler ja auch im tw. hier im Badblog. Aber ich hab nicht nur Kilo-mäßig sondern auch in DER Hinsicht, muss ich sagen, mittlerweile abgespeckt (;-): Denn: was bringen ewige Standortbestimmungen? Dieses ewige „es mangelt an dies, es mangelt an das“ (wo das doch niemals stimmt als Urteil und immer am einzelnen WERK zu beweisen wäre, WAS denn genau fehlt). Darum: Es ist endlich Zeit für die TATEN, finde ich. ZÜNDENDES suchen, ja (querstand, bravo!). Ja, aber wer bestimmt das, was „Zündend“ oder „wahrhaftig“ ist? Das ist mal schnell so in einen Blogdiskurs für ewig in den Cyberspace steinzeit,äßig und Mantra-artig hinein gemeißelt wie in Stein und unauslöschbar, dank Google und Co. Jeder weiß im innern für sich selbst, was mit belanglosem Schaffen und Kunst/Musik gemeint ist, und WO er eigentlich hin möchte (wozu er sich nur nicnt traut) behaupte ich. Aber ist eines jeden Bequemlichkeit, sich in seinem Kämmerlein zu verschanzen und unverändert sein bequemes Ding weiter zu machen und dann mit dem Finger auf andere oder auf eine vermeintlich „risikolose“ Allgemeintendenz zu zeigen (ich nehme mich selbst dabei durchaus nicht aus).

    Ich wundere mich weiter etwas, Frau Horn: Sie schrieben hier anfangs hoffnungsvoll-erfrischend von mehr Risiko, diskutieren über Neues, und ich rätsele weiter, was z.B (speziell): ihre Blumenbilder mit Risiko oder mit Prozeßhaftigkeit im Schaffen zu tun haben, ob sie Fragen aufwerfen, bewegen, warum diese Motive und nicht andere? Vielleicht ist mir dies ja verschlossen, oder erklären sie mir dies mal privat, wenn Sie mögen oder auch hier.

    Ich muss auch querstand mit seinem zu vorsichtig tapsenden „wohlvorbereitet“ hier auch mal vehement widersprechen und auf die Finger klopfen und wechselstrom bei pflichten in seiner Kritik. „Wohlvorbereitet Neues“ oder wie auch immer und „Risiko“, „was wagen“ (d.h. sich dem Scheitern aussetzen, dem Abgelehnt-Werden, eben auch UNausgegorenes, Schrilles versuchen unter die Leute zu bringen), das scheint mir doch eher dasjenige zu sein, was am Ende mehr POTENTIAL für Veränderungen/Neues bereit hält, dass nicht alles weiter um sich und um schon Bekanntes kreist. Z.B.: Eben NICHT: im stillen Kämmerlein erst jahrelang mit „Schweiß“ herum porkeln und erst dann den Schritt machen, wenn man sich quasi „abgesichert“ hat (sei es durch Sich-Berufen auf Tradition(en), Autoritäten, Fremdurteile über seine Arbeit oder sonst was.)

    Wir sollten in diesen Tagen vielleicht uns einiges in der Weltpolitik/Demokratie-Bewegungen im Nahen Osten zur Inspiration/zum Vorbild nehmen. Bsp.: Die Revolution in Lybien/Ghadafi-Sturz (auch wenn das ein anderes Feld ist): aber das war alles andere als jahrelang „vorbereitet“, und auch nicht „wohl organisiert“ sondern von Leidenschaft und starkem Freiheitswillen, eben von WILLEN und Opferbereitschaft getragen. Denn sonst hätte der Diktator den Aufstand, der jetzt doch zum Erfolg führt, sehr leicht verhindern und den STATUS QUO aufrecht erhalten können. UNd diese Tage zeigen doch (das mag auf der anderen Seite tragisch/traurig sein): es geht doch letzlich NICHTS voran, es entwickelt sich nichts weiter (auch in der Kunst nicht) ohne anderen in irgendeiner Weise „weh“ zu tun, ohne eine gewisse „Gewalt“ (ich meine sie muss nicht immer mit Krieg- von mir aus für uns Künstler im übertragenen, friedlichen Sinne) aus zu üben. Ich meine nicht physische Gewalt in unserem Fall aber: irgendwas, was aufrüttelt, was vom Wunsch getragen ist, dass – nachdem das Werk da ist – nichts mehr ganz so ist, wie es vorher war…

    Nein, dass auch Kunst immer was mit Brüchen, auch Verletzungen/Aufrütteln und eben doch mit der SUCHE nach Neuem zu tun haben muss, das ist kein „Gefasel“ von „ewig gestrigen Avandgardisten“ (o.ä.), sondern das ist doch ein FAKTUM, das die Geschichte (auch der Kunst- Musikgeschichte tausendfach beweist). Damit etwas zum EREIGNIS werden kann, muss es aufrütteln, neue Erfahrungen ermöglichen, Brüche, Schwellen überwinden.

    Viele Rückwärtsgewandte machen es sich daher mit solchen Allgemeinplätzen („Wer Neues, wer „Weh tun fordere“, der sei in gewissen Sinne „oberflächtlich“ oder habe auch selbst nichts „Neues“ im Sinn) sehr einfach.

    Was unserer aller Krise verschärft und es uns noch schwerer macht ist (nicht nur aber sehr stark nunmal in Deutschland): diese SATTHEIT, dieses „Uns kann nichts mehr schocken“/ Diese allgemeine Partymachen einerseits aber das Jammern auf hohem Niveau – andererseits…

    In diesem Sinne: muss wieder ans Schaffen.

  13. Esther Horn sagt:

    Hallo Herr Janson,

    ich antworte Ihnen gerne hier im blog auf Ihre Ausführungen und Fragen, leider kann ich das heute nicht mehr tun, da ich morgen nach Helsinki fliege, um dort eine Ausstellung zu realisieren. (bei Interesse hier nachzuschauen: http://www.montanaberlin.de/index.html )

    Ich komme Ende nächster Woche darauf zurück, bis dahin auch in diesem Sinne: muss wieder ans Schaffen…

    Esther Horn

  14. Eine sehr schöne Ausstellung mit schönen, vielsagenden Motiven, mit bahnbrechenden, alles riskierenden Werken; und Bambi darf da irgendwo auch nicht fehlen. Auf Ihrem „American Fake“ fehlt nach meinem Geschmack vielleicht Hurrican Irene als Hintergrundmotiv oder vielleicht ein zünftiger Tornado, der sich von den düsteren Wolken nochmal abhebt… ;-)

    Guten Fake – äh weiteren Flug nach Finland,
    E.J.

  15. Esther Horn sagt:

    E.J., ich tippe mal, dass Sie Cézanne auch irgendeine unsägliche Motivempfehlung angedient hätten – was neu und aufregend an seiner Darstellung war, dürfte Ihnen mit Sicherheit entgangen sein, wenn ich Ihre Argumentation über Malerei hier verfolge.

    In der Tat ist es nicht einfach, sogar unmöglich, die Komplexität von Kunst letztlich zu verorten und begrifflich dingfest zu machen, dass es dennoch wichtig ist, und zwar für jeden Einzelnen, davon zeugen historische Dokumente, Briefe, Manifeste etc, zuhauf. Und jeder hat es auch zu seiner Zeit getan.

    Sie scheinen geradezu willentlich darüber hinwegzulesen, was ich WIRKLICH geschrieben habe: es gibt aktuell GANZ VIEL neue wunderbare Kunst und Richtungen und ich plädiere dafür, selbstverpflichtet seine Arbeit und Inspiration zu folgen (darin stimmen wir ja sogar überein) und selbstverständlich kann man auch heute inspiriert sein, Blumenbilder zu malen. (Übrigens schon richtig lustig, wie Sie sich in diese Serie von mir verbal verbeissen, scheint ja doch was auszulösen… :-))

    Tja, und was unsere Ausstellung in Helsinki angeht, da ist es genaus wie Sie sagen: Eine schöne und aufregende Ausstellung haben wir da gemacht – dass sehen die Finnen wohl auch so, heute wurde ein Artikel darüber in der größten Tageszeitung Finnlands veröffentlicht, was selten und ungewöhnlich, besonders für ausländische Künstler ist, wie uns nicht zuletzt das Goethe Institut berichtete…

    vielen Dank also für Ihre guten Wünsche im Vorfeld :-))
    und – ersntgemeint! – frohes Schaffen,

    Esther Horn