Ode an die Biermösl Blosn

Vor ein paar Tagen starb Loriot. Und wurde – nicht ganz zu Unrecht – als wichtigster deutscher Komiker der Nachkriegszeit gewürdigt. Man mag dazu kaum etwas schreiben. Das haben andere im großen Stil getan. Und viele viele Facebooker haben am Tag der Todesnachricht ihr Loriot-Lieblingsvideo gepostet. Ist doch klar, dass wir Loriot stellenweise auswendig rezitieren können. Ist doch klar, dass wir mit seinem Humor aufgewachsen sind. Ich selbst bin seit etwa 15 Jahren etwas übersättigt. Da meine Eltern – wie ich – Loriot schätzen, wurden seine wiederholten Sendungen nicht eben selten gemeinschaftlich angeschaut. Etwas empfindlich gegen sprachliche Automatismen im Alltag lasse ich heute einzig den in meiner Pokerrunde immer wieder herrlich unangebracht eingesetzten Passus „Was ist Trumpf?“ aus dem Skat-Sketch gelten. Andere Loriot-Zitate kamen mir einfach zu häufig („Dann hab‘ ich was eigenes. Mein Jodeldiplom.“). Vor allem bestimmten Stichworten, die dann fließend übergehen in einen ganzen Loriot-Satz, begegne ich stellenweise mit einer Panik, wie sie bei mir auftritt, wenn jemand im Raum sagt: „Nein, nicht immer!“. Noch immer höre ich das peinigende Clausthaler-„Aber-immer-öfter“ aus der längst vergangenen Werbung, das – so möchte ich behaupten – in das kollektive Gedächtnis unserer Generation hierzulande schmerzvoll eingegangen ist. Nur eben weniger witzig als Loriot. Er möge in Frieden ruhen. Und das tut er. Ganz sicher.

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Man möge mir diesen Übergang nicht übelnehmen. Wenn jemand nur nicht mehr auftritt, ist das natürlich nicht mit dem Dahinscheiden eines Menschen vergleichbar. Trotzdem, mir ist danach, ein anderes Ereignis dieser Tage in den Loriot-Kontext zu rücken:

Denn heute wurde durch einen kurzen Artikel von Martin Hufner an dieser Stelle bekannt, dass die bayerische Kabarett-Volksmusik-Virtuosen-Gruppe Biermösl Blosn 2012 ihr letztes Konzert gibt.

Das macht mich traurig. Denn ich halte Gerhard Polt und die Biermösl Blosn – man tritt häufig zusammen auf – für die größte deutsche Humor-Errungenschaft seit Karl Valentin.

Ich habe alle Alben von Polt und den Biermösl Blosn – und ich höre deren Zeug bis zum heutigen Tag immer wieder. Und das als Preuße! Entschuldung: Als Saupreiß!

Angeblich lösen sich die Biermösl Blosn auf, weil sie selber gemerkt haben, dass sie sich zu häufig wiederholen. Wenn diese Aussage stimmt, kann man einfach nur feststellen: Das sind Gründe, mit denen große Künstler das Ende ihrer Karriere verlautbaren!

Ich erinnere mich an ein paar Tage in Florenz 2006. Florenz hat nichts mit den Biermösl Blosn zu tun, aber ich weiß noch genau, wie begeistert ich wieder einmal von den Biermösl Blosn war, so dass ich durch die bedeutenden Gassen Florenz mit der Musik der Biermösl Blosn im Ohr ging… So sind mir die historischen Facetten von Florenz unwiderruflich mit den Biermösl-Klängen verbunden. Komisch, aber wahr.

Die Biermösl Blosn haben mir gezeigt, dass bayerische Volksmusik, wird sie nicht durch fieseste Musikantenstadl-Arrangements ins Vulgäre und Gehirnlose gezogen, herrlich sein kann. Melancholisch, lebensfroh, hochvirtuos. Ich hau jetzt einfach mal eine ganz intime Information von mir raus: Privat höre ich gerne originale bayerische Volksmusik. Das muß man sich mal vorstellen.

Nicht zu vergessen die hundsgemeinen Texte der Biermösl Blosn, die stellenweise so ernste Themen berühren, dass man schlichtweg einsehen muss: Das ist noch politisches Kabarett, wie es sein könnte, nein: sollte.

Hinzu kommt die gnadenlose Virtuosität der drei Well-Brüder. Christoph Well war einst Solotrompeter unter Celibidache bei den Münchner Philharmonikern. Und das hört man bis zum heutigen Tag. Eines meiner Lieblingstitel ist die bajuwarisierte Version von „Carneval di Venezia“, in der Christoph Well auf der Trompete Kunststücke vollbringt, die ihm wohl heute noch Einladungen zu zahlreichen Orchesterprobespielen einbringen dürfte. Dass er nebenbei unzählige andere Instrumente (perfekt beispielsweise Harfe!) spielt, wissen Biermösl-Fans natürlich nur allzu gut. Der Mann ist ein Genie. Und seine sympathischen Brüder auch.

Ich möchte hier auch gar keinen einzelnen Titel verlinken. Man möge die Biermösl-Platten kaufen. Und zwar alle. Jeder Track hat seine Qualitäten. Deshalb hebe ich hier einfach mal nichts heraus.

Einzig ein Wunsch: Dass die Biermösl Blosn in anderer Form weitermachen. Und sich dann auch wieder selbst neu (er)finden.

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

1 Antwort

  1. Florenz hat nichts mit den Biermösl Blosn zu tun, aber ich weiß noch genau, wie begeistert ich wieder einmal von den Biermösl Blosn war, so dass ich durch die bedeutenden Gassen Florenz mit der Musik der Biermösl Blosn im Ohr ging… So sind mir die historischen Facetten von Florenz unwiderruflich mit den Biermösl-Klängen verbunden

    wow, mit Ohrstöpseln durch die „bedeutenden Gassen Florenz´“ zu gehen, um die historischen „Facetten“ zu betrachten …. typisch deutscher Tourist, wie er von allen geliebt und geschätzt wird.

    SAUPREISS!

    – wechselstrom –