Neue Musik – wozu?

Diese Ausschreibung macht gerade die Runde:

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Sehr geehrte Damen und Herren,
»Neue Musik wozu? – Interventionen bei den Donaueschinger Musiktagen 2011«
Unter diesem Titel flankiert die 1922 gegründete Gesellschaft für Neue Musik das Festival mit flammenden Plädoyers, Statements, Mini-Manifesten für das aktuelle Musikschaffen und für eine lebendige Neue-Musik-Szene. Gedacht ist daran, Sinn und Zweck der Neuen Musik stichhaltig zu untermauern – und damit für die unverbrüchliche Notwendigkeit ihres Weiterbestehens einzutreten. Es soll hierbei nicht um Kompositionsweisen und Stile, Gebräuche und Rezeptionstopoi der Neuen Musik gehen.
Wir laden Sie herzlich ein, sich mit einem 2- bis 4-minütigen Vortrag an diesem Vorhaben zu beteiligen. (Bei normaler Formatierung und einer 12-Punkt-Type dauert eine getippte Textseite im Vortrag etwa 2 ½-Minuten.)
Redezeit wird gegeben am Samstag und Sonntag jeweils zwischen 14.00 und 15.00 Uhr. Als Redeorte stehen in der Karlstraße in Donaueschingen fünf Spots zur Verfügung: zum Beispiel vor dem Café Hengstler, gegenüber vom Kulturamt, vor der Linde, vor dem Rathaus …
Über Ihre Mitwirkung würden wir uns freuen! Wenn Sie verbindlich teilnehmen möchten, bitten wir um Rückmeldung bis zum 10. September, damit wir die Reihenfolge der Redner/innen und die Verteilung auf die Orte organisieren können.
Bitte teilen Sie uns auch mit, ob Ihnen Samstag oder Sonntag lieber wäre oder ob Sie an beiden Tagen können.
Herzliche Grüße
Jens Cording, Julia Cloot, Stefan Fricke

Lieber Jens, liebe Julia, Lieber Stefan,
Ich habe mir über euer Anliegen Gedanken gemacht. Daher widme ich euch dieses kleine Theaterstück, dass ihr – wenn ihr wollt – in Donaueschingen aufführen lassen könnt, zu obigem Anlass.

Das ist der Text:

SpeakersCorner

Gekürztes Manifest der Präsenz

Zu lesen in Donaueschingen 2011 vor dem Café Hengstler, um 14 Uhr

(Ein Redner tritt auf, holt umständlich zwei beschriebene Seiten hervor, entfaltet sie. Eine kleine Menge Neugieriger versammelt sich)

Redner: Meine Damen und Herren, ich bitte um ihre Aufmerksamkeit.
Wir wissen nichts, und das ist gut so. Es gibt nichts Fruchtbareres als die Situation der Verwirrung, in der wir uns gerade befinden. Wenn man nicht weiß, wo man sich befindet, probiert man viele Wege aus, wenn man genau weiß, wo man sich befindet, verlässt man den vorgesehenen Pfad nicht.
Ich wünsche mir eine präsentere Musik. Eine Musik, die nicht etwas darstellen muss, die sich nicht profilieren muss, die sich nicht entschuldigen muss. Eine Musik, die frei ist, weil sie zuallererst einmal nur Musik ist. Eine Musik, die wirklich frei ist, kann uns von dieser Freiheit erzählen. Das Paradoxe ist, dass es dazu eine Sprache braucht, die wir zumindest annähernd verstehen können, daher muss diese Musik den Willen haben, zu uns zu sprechen. Und dazu gehört wiederum eine gewisse Disziplin, die die Selbstgefälligkeit, also zum Beispiel das Sprechen nur um des Sprechens willen, ausschließt.

(Zwischenruf: „Jawohl“. Gelächter.)

Redner: Die Formulierung der Freiheit kann also nicht in völliger Freiheit entstehen. Aus diesem Widerspruch der Strenge zu der Vision der Freiheit entsteht präsente Musik. Wir hatten genug Musik, die behauptet, notwendig zu sein, aber wir hatten nur wenig Musik, die wirklich notwendig ist. Die freie Musik, die präsente Musik, gibt nicht vor notwendig zu sein, aber wenn Musik wirklich präsent ist, ist ihr Vorhandensein ebenso Kritik unserer Lebenssituation, wie es sogenannte „sozialkritische“ oder „politische“ Musik ist, eben weil die Artikulation der Freiheit etwas zutiefst beunruhigendes ist.
In der Musik hat alles Platz, wofür auch in unserem Leben Platz ist: das Raffinierte lockt das Banale hervor, das Opulente verlangt nach dem Kargen, das Ernste kippt um in Lächerliches…und umgekehrt. Auch nur eines dieser Elemente auszuschließen, ist so, als ob man das Leben selbst ausschließt. Das Leben will nie ausschließlich einen Zustand, sondern ein Gleichgewicht möglichst vieler Zustände, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken. Natürlich gibt es das wirkliche Verständnis des Ernsten überhaupt erst nur durch das wirkliche Verständnis des Banalen.

(Zwischenruf: „Hähä, er hat ‚anal‘ gesagt!“. Nochmal Gelächter.)

Redner: Präsente Musik will daher ebenso lebendig, abwechslungsreich, farbig, kontrastreich und überraschend sein wie das Leben.
Sich hinter einer kompositorischen Methode oder einem System oder einer Philosophie zu verschanzen heißt, sich eine Maske aufzusetzen. Die Komponisten die viele Worte gebrauchen, um ihrer Musik ein theoretisches Fundament zu geben, die Angst haben, ihre Musik könnte ohne dieses Fundament nicht alleine auf zwei Beinen stehen, sind sie nicht wie Paviane, die sich gegenseitig zeigen, wer den größeren Hintern hat? Wären sie nicht besser beraten, ihre Musik so anzulegen, dass sie von alleine stehen kann?

(Zwischenruf: „Mir steht er auch, höhö!“. Inzwischen sind einige Zuschauer wieder gegangen. Eine alte Dame stochert im Café Hengstler in einem Käsekuchen. „Was sagt der dicke Mann da?“ fragt sie ihre Nachbarin. „Was ist los in Afrika?“ fragt ihre schwerhörige Nachbarin.)

Redner: Musik ist in vielem Sprache ähnlich. Die Sprache verändert sich ständig, weil die Welt sich ständig verändert. Die Sprache wird dabei nie etwas anderes als Sprache sein. Musik ist niemals etwas anderes als Musik. Präsente Musik ist wie Sprache: sie ist nicht unverständlich, weil ihr sonst niemand folgen kann – die präsente Musik will ausdrücklich, daß man ihr folgen kann. Gleichzeitig ist sie auch unverständlich, denn auch Sprache ist niemals vollkommen verständlich, wir suchen beständig nach Worten, die etwas ausdrücken, wofür es noch keine Worte gibt. Man könnte auch sagen: Präsente Musik will das Geheimnis, aber nicht das Mysterium, denn das Mysterium zelebriert, anstatt zu reflektieren.
Im Grunde geht es nur um das Jetzt. Was interessiert uns die Nachwelt? Wer sind wir, an diesem bestimmten Punkt in der Zeit wirklich zu wissen, was die Nachwelt an uns noch interessieren wird? Es geht also… Es geht also vor allem um eine möglichst genaue Wahrnehmung der Gegenwart. Auch das ist Präsenz: Präsens….
Nicht zu spüren wie die Zeit vergeht, ist einer der größten Glückszustände.

(Zwischenruf: „Jetzt mach mal zu, Alter!“)

Man ist am glücklichsten, wenn man ganz und gar im Jetzt ist. Langeweile ist, wenn das Verfließen der Zeit zur einzigen Wahrnehmung wird. Präsente Musik ist sich der Gefahr bewusst, dass nichts langweiliger für den Zuhörer ist, als einen Plan, eine Idee, eine Ideologie vor ihm auszubreiten, die mit ihm, mit seiner Wirklichkeit, mit seiner Existenz nichts zu tun hat. Was interessiert es den Hörer, wie komplex etwas ist, wie viel Arbeit es gekostet hat, wie durchdacht es ist? Wir können aber diese Barriere umgehen, wenn wir den Hörer direkt ansprechen, wenn wir ihn als Partner unserer Musik verstehen. Nur durch den Hörenden existiert die Musik. Wir müssen mit dem Hörer sprechen.
Das Problem mit der Musik ist, dass sie entweder zu ernst genommen wird, oder aber auch nicht ernst genug…(Rest ist unverständlich)

(Das Publikum ist inzwischen so laut geworden, dass der Redner immer schwerer zu verstehen ist. Ein Motorrad fährt laut knatternd vorbei).

Redner: …noch einmal auf das Glück zurückzukommen: was ist denn gegen Musik einzuwenden, die glücklich macht? Wir kennen unterschiedliche Formen des Glücks. Jeder kann den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer Bratwurst von der Straßenbude und einem sorgfältig zubereiteten Mahl, an das man sich noch lange erinnert, verstehen. Beides stillt den Hunger, doch niemand von uns will immer Bratwurst essen.

(Lautes ungehaltenes Gemurmel, das Publikum wird aggressiv. „Ich mag Bratwurst, Arschloch!“)

Render: …Fehler ist es jedoch, dass die sogenannte ernste Musik sich heute der Befriedigung eines Bedürfnisses verweigert, das die Pop-Musik nun allein erfüllen muss: der schnelle Wunsch nach ein bisschen Glückseligkeit – was ist so verwerflich daran? Könnte es nicht die Aufgabe…(Rest ist unverständlich)

(„Buuuh“, „Aufhören, Knallkopp“, „Was willst Du hier, Du Sau?“)

Redner: (unverständlich)….Musik sein…(unverständlich)

(„Wichser! Verpiss Dich! Scheiss-Intellektueller!“)

Redner: (unverständlich)….aber das ist noch nicht die letzte Lösung, natürlich nicht. Präsente Musik kann genauso wenig zur Pop-Musik werden, wie Pop-Musik zur präsenten Musik, denn präsente Musik will mehr sein als die Bratwurst von der….

(Tumultartige Zustände. Zwei Skinheads sind aus der Menge hervor getreten und packen den Redner an den Armen)

Redner: …nicht ignorieren, dass es ein …

(Sie ziehen ihn weg, seine Füße schleifen über den Boden, aber der Redner redet weiter)

Redner: …präsente Musik will dieses Dilemma nicht ignorieren, daher muss aber…

(Die zwei Skinheads haben den Redner in eine kleine Gasse gezogen und schlagen auf ihn ein)

Redner: (zwischendurch wegen der empfangenen Schläge aufstöhnend) ….nicht (ugh) so ist also die vornehmlichste Aufgabe der Präsenz-Bewegung, eine Schule des Komponierens, aber auch des Hörens (ugh) Präsenz………(ugh)……………..mehr………….(ugh)…………………….Präsenz!!!!!!!!!!!

(Die Menge hat sich aufgelöst. Die Menschen gehen wieder nach Hause. Die beiden Skinheads haben ihre Arbeit verrichtet und lassen den Redner liegen. Nun ist er ganz still.)

ENDE

Moritz Eggert

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9 Antworten

  1. querstand sagt:

    @ eggy – very nice!! Und ich denke, es kann auch frisch geschriebene Musik ohne Riesenrevolution in der Musik selbst geben. Präsente Musik reagiert zuerst mal auf das Umfeld, die direkten Zeitläufte. Ich stecke meinen Kopf gerade in die Musik zwischen 1760 bis 1830: und da ist nur Entwicklung, kaum ein Bruch von heute auf morgen festzustellen. Nicht die Idee von Musik macht nur Musk, sondern Menschen mit Ideen formten im Austausch Musik daraus!!

    Gruß,
    Alexander Strauch

  2. strieder sagt:

    Supergeil gemacht :D

  3. Das sind schon ca. 7 Minuten, und damit ist der Häppchen-Tarif von 2-4 Minuten überschritten. Abgesehen davon, dass hier von Glück statt von Zweck die Rede ist und entgegen den Vorgaben auch keine unverbrüchliche Notwendigkeit untermauert wird. Zu lang, zu eigensinnig, nicht konzeptkonform! Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder so machen würde?

  4. Gedacht ist daran, Sinn und Zweck der Neuen Musik stichhaltig zu untermauern

    (Zitat aus dem Ausschreibungstext)
    Glückserfahrung kann man durchaus als letztendliche Form von Sinnproduktion beschreiben, schrumpft doch in diesem Augenblick die gesamte uns umgebende Komplexität zu einem Punkt zusammen.

    – wechselstrom –

  5. Lieber Wechselstrom, das mag ja rein sprachlogisch betrachtet stimmen, aber ist nicht dieser bürokratische Aufruf zur 4-Minuten-Kreativität (und womöglich zum Glücklichsein) ein Unding? Die Floskelsprache sagt doch schon genug; „unverbrüchlich“ war z.B. ein Pflichtattribut des „Neuen Deutschland“, wenn es um die Freundschaft mit der Sowjetunion ging. Für mich ist das ein typisches Beispiel gegängelter Fantasie, DDR reloaded. Und solche Kommunikationsmodelle breiten sich unmerklich und fast unwidersprochen aus (fast – immerhin hat Moritz mit seiner metaphorischen Szene ihre Grenzen aufgezeigt).

    Da gewähren einige Leute mit Zugang zu den Veranstalterressourcen scheinbar großzügig, aber ohne viel nachzudenken, ein Laufgitter zur freien Meinungsäußerung und suchen Freiwillige, die sich darin regelkonform bewegen und medienwirksame Werbetexte für eine „gute Sache“ absondern sollen. Ist das der neue Geist in der neuen Musik? Tut mir leid, auch für die Initiator/innen dieser glorreichen Idee, aber ich finde das ehrlich gesagt zum Kotzen. Umso mehr, als vermutlich kaum jemand meine Einwände teilen wird. Ja nun.

  6. Stephan Winkler sagt:

    Vielen Dank, Herr Eggert, für diese treffliche Reaktion.

    Die sie ausgelöst habende Rundmail empfand ich, als sie vor zwei Wochen rumgeschickt wurde, als eine derartige Zumutung und Bankrotterklärung, dass sie mich für einen Moment sprachlos machte. Umso begrüßenswerter die eloquente und treffende Replik!

    Und @MaxNyffeler(11Uhr11): auch ich las die verräterische Vokabel, die tatsächlich aus der formelhaften Fügung „unverbrüchliche Waffenbrüderschaft mit der Sowjetunion“ stammt, als das was sie ist.

    Ganz abgesehen doch wohl davon, dass eine solche Veranstaltung ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt in Donaueschingen wohl kaum etwas anderes bewirken kann, als sich gegenseitig der eigenen Bedeutung zu versichern. Das hätte ja irgendwie auch etwas Rührendes, wenn die Initiatoren selbst die alleinigen Redner wären.

    Die Fügung „präsente Musik“ empfinde ich ebenfalls als sinnvolle Bereicherung.

    Freundlichen Grußes, Stephan Winkler

  7. Lieber Max Nyffeler,

    Die Ironie Ihres ersten Beitrags auf eggys „Manifest der Präsenz“ ist deutlich lesbar.
    Somit können ich, und viele andere ihrer zweiten Analyse der komischen Donaueschingen-Ausschreibung nur uneingeschränkt zustimmen.
    Eigentlich kommt solch eine Ausschreibung einer unfreiwilligen Bankrott-Erklärung gleich;
    „Laufgitter zur freien Meinungsäußerung“ trifft die Sache punktgenau.

    Passend dazu:
    Inzwischen wird bald von jedem Studenten ein „letter of motivation“ verlangt um überhaupt in irgendeinen Bewerb um einen Studienplatz treten zu können – die Wiedereinführung der Selbstkritik durch die Hintertür.

    Beste Grüße aus dem Wiener Labor
    -wechselstrom –

    p.s: Führungspositionen werden im Moderne-Musik-Betrieb, wie auch in anderen Kunstbereichen zunehmend über das Auswahlverfahren von Assessment-Centers bestellt.
    Erfolgreiche Teilnehmer einer solchen Auswahlprozedur wähnen sich im Sonnenschein kreativ-intellektueller Potenz, sind aber ausschließlich für eine Offiziers-Laufburschenbahn, Parteisoldateska u.ä. geeingnet.
    Einen Bericht über das kommende „wien modern“-Festival aus kritischer (auch räumlicher) Distanz würde ich mir im Bad-Blog wünschen.

  8. Jetzt sind wir wenigstens schon zu viert. Wird aber nichts nützen, weil die Herde die Aktion gut finden wird.

  9. Konsument sagt:

    Auf einer alten Einladungskarte zur (neuen) Kammermusik aus dem Jahr 1956 in Erfurt findet sich schon das Zitat: „So wenig man das Neue und Junge verstehen kann, ohne in der Tradition zu Hause zu sein, so unecht und steril muß die Liebe zum Alten bleiben, wenn man sich dem Neuen verschließt, das mit geschichtlicher Notwendigkeit daraus hervorgegangen.“ (T. Mann, Doktor Faustus)

    Wer mag nur heute noch offen „geschichtliche Notwendigkeit“ zitieren, ohne als „reloaded“ gebrandmarkt zu werden? Google sagt bei mir an erster Stelle: http://www.schoenberg.at
    Es gibt nichts Neues unter’m Mond, im Diesseits nach der Mauer… (Hacks, sorry!)

    In einer Zeit wo kluge Menschen von – nein, mit! – einem Finanzmarkt so reden, als hätten sie ein kleines Kind im Fieberwahn, ein humpelndes Meerschweinchen oder eine göttliche Erscheinung vor sich, bin ich für das kleinste Stück neue Musik dankbar, welches nicht nur durch sein Entstehungsdatum im engeren wie erweiterten Sinne gegenwärtig ist – ohne den heute in unserer Gesellschaft schockierend großen Bedarf an psychopharmazeutischer Musik in Abrede stellen zu wollen, dessen kommentarlose Befriedigung sich allerdings in der geistigen Nähe z.B. einer Sozialministerin in MV befindet, die auf die erschreckende Zunahme psychischer Erkrankungen mit Klinikbau und besserer ambulanter Behandlung reagieren möchte.

    Die schöpferische Arbeit hinge nicht nur von persönlichen Stimmungen, sondern maßgeblich auch von den Umständen, unter denen man lebt, ab, sagte sinngemäß meiner Erinnerung nach einmal ein Komponist. Diese Sicht hat vielleicht (bis heute?) nicht wenige Komponisten dazu gebracht, beim Aufreiben wider die Umstände das ihnen Wichtigste zum Teil jahrelang zu vernachlässigen. Diesen Masochismus (würde ja nicht einmal als Ehrenamt anerkannt) kann bzw. will man sich instinktiv nicht zumuten, wenn Komponieren auch nähren muss.
    Die Umstände jedoch auch musikalisch produktiv bzw. musikalisch orientierend offen zur Kenntnis zu nehmen bzw. zu geben, ist eine heute vielleicht viel zu stark kümmernde Wurzel für neue Musik. In trauter Gemeinschaft mit dem Theater zu sein, ist da ein eher schwacher Trost. Das große Ärgernis – diejenigen, welche Früchte aus dieser Wurzel wahrscheinlich anerkennend – wenn auch ggf. sehr skeptisch – zur Kenntnis nehmen würden, finden den Weg in die Konzerte „gefühlt“ noch seltener als früher. Da viele von ihnen auch einfach die Karten nicht mehr bezahlen können, ist der avantgardistische Grenzgang derzeit wohl weniger eine Frage der stilistischen Mittel als des Mutes, sich weniger an der medialen als an einer „real-gesellschaftlichen“ Präsenz mit all ihren – sehr schwach formuliert – Unannehmlichkeiten zu orientieren.

    Alle guten Ideen einer solchen Orientierung blieben nur im Ansatz stecken, wenn es an Wahrhaftigkeit mangelt – einem Gut, dessen man schwer habhaft werden kann, wenn man es nicht hat, aber jeden Komponisten auch beim größten Misserfolg gerade beim skeptisch-unverständigen, gnadenlos direkten Publikum letztendlich rettet, weil nach dem Konzert immer noch eine zwar vorläufig unverstandene, aber ehrliche Haut übrigbleibt, mit der man ein Bier trinken würde.
    Wahrhaftigkeit ist vielleicht auch das Zauberwort, welches erklärt, warum Jazz (mit stilistisch oft weit Gewagterem als von vielen „Avantgardisten“ zu hören) zum Teil wirklich dorthin vordringt, wo Volksmusike und Superstar offenbar nur vermeintlich die absolute Ohrmuschelhoheit ausüben. Neue Musik wird sich mehr gemein machen und gemeiner sein müssen. Und das geht im ersten Sinne auch ohne stilistische Anbiederung, Volkstümelei und Preisgabe von Avantgardismus – den zu PRÄSENTierenden Gedanken vorausgesetzt, dass Wissenschaft und Kultur wirklich die Freiheit und den finanziellen Schutz erlangen, um als (letzte?) wirklich freie Korrektive fungieren zu können, die sich dann aber auch einer ganz anderen Quantität und Qualität von Kritik unterworfen sehen werden als wir sie heute kennen.
    Und so landen wir am Ende doch wieder bei Mehrheitsfragen, Mehrheiten – den Umständen? In Gottes Namen, neue Musiker, blast den Umständen ohne Ansicht der Sponsoren musikalisch (unter Verzicht auf 4/4) den Marsch! Psychedelische Selbstbefragungen sind dann hoffentlich erst einmal eine Weile obsolet.

    Konsument