weitere interessante Plattencover…(Museum Teil 2)

Die Zuschriften auf meinen letzten Artikel waren überwältigend – anscheinend wurde hier ein schon lange subkutan gärendes Thema angeschnitten…Umgehend Beispiele wurden mir viele Beispiele zugeschickt und einer unserer lieben regelmäßigen prominenten Leser (Henry C. Brinker) outete sich sogar als mitverantwortlich am Cover der legendären „Kuschelklassik“ – mutig und lobenswert!
Generell brachte es aber Erik Janson auf Facebook auf den Punkt:

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Die alten, heute als „peinlich“ geltenden Cover hatten wenigstens Charakter, Stil. MUT zur „Peinlichkeit“, weil es eben tw. noch mehr auf Inhalte und weniger …auf die Verpackung an kam. Oft waren die Cover auch, bei guter Rockmusik etc. TEIL des Albumkonzepts, was ich auch O.K. finde. Aber diese geleckten Konterfeis heute (von Lena bis Stadtfeld – die Klassik ist da kein bissel besser als DSDS und ESC), das finde ich einfach nur geistlos und ekelhaft.

Beim heutigen Durchschauen weiterer Klassik-Cover fiel mir auf, dass sich diese doch größtenteils sehr ähneln. Für „Konzeptkunst“ auf dem Cover ist im E-Bereich meistens kein Etat vorhanden oder es wird als unpassend empfunden. Endlos ist die Reihe gelackter und irgendwie sexy aufgestylter junger hipper Gesichter von Klassikstars. Austauschbar und schnell auch wieder vergessen. Fast würde man sich wünschen, dass einer mal ausseähe wie der Sänger der Band „Handsome Beasts“, denn das wäre wenigstens mal etwas anderes. Gottseidank gibt es uns E-Komponisten – wir können wenigstens manchmal so richtig gescheit skurril daherschauen (vor allem auf Verlagskatalogen, von denen mir pro Tag 20 zugesandt werden).

Um so schöner sind dann die Momente, wo eben doch mal Kunst versucht wird, und es irgendwie daneben geht. Zum Beispiel hier:

7 Dvorak

Der Fotograf wusste ganz sicher nichts mit Dvorak anzufangen und dachte sich einfach: „Körperkunstfotografien sind in -warum nicht auch hier?“. Leider kommen hier nur Fußfetischisten auf ihre Kosten…

Ein weiteres schönes Beispiel für „Konzeptkunst“ auf Klassikalben folgt hier:

6 Nutcracker

Ist ja schon der Begriff „Nutcracker“ im Englischen immer auch ein bißchen risqué, da „Nuts“ eben auch einen bestimmten empfindlichen Teil des menschlichen Geschlechts meinen können, dachte sich hier der Künstler bestimmt, dass es irgendwie schön sei, die Angst vorm „Cracken“ eben dieser „Nuts“ auch bildlich zum Ausdruck zu bringen. Was genau der wandelnde Nussknacker hier im „Munde“ führt, will ich hier ehrlich gesagt nicht so genau wissen, aber es das ganze Bildarrangement geht mit ziemlicher Sicherheit nicht nur mir auf die Nüsse.

Ein wunderbares Beispiel für vollkommen surreale Bildkompositionen wie es sie heute definitiv nicht mehr gibt folgt hier:

4 Brahms

Max Reger war ja bekannt für seinen großen Hunger und seine berühmte Gasthausbestellung „Schnitzel für die nächsten 2 Stunden“ ist in die Musikgeschichte eingegangen. Ihm hätte das Cover sicherlich gefallen! Aber das Brahms jetzt irgendwie besonders auf Spiegeleier und Speck stand, ist mir nicht bekannt. Dennoch ist dieses Bild einfach zeitlos schön – wer adoptiert es für die nächste Musikrat-CD?

Die fantastische Frankfurter Gitarristin Heike Matthiesen schickte mir dieses Bild mit den Worten: „Dieses Cover hat die Emanzipation bei unserem Instrument um Jahrzehnte zurückgeworfen“:

1 best of liona boyd

Tatsächlich handelt es sich bei Liona Boyd um eine tolle Gitarristin mit Hang zu inszenierten Covers – der Vermarktungsansatz bei folgendem ist ähnlich leicht zu durchschauen wie bei „Kuschelklassik“:

2 best of liona boyd

Peinliches Sachwissen: die meisten Tierpornos kommen übrigens aus Italien! (wie dort an jedem Kiosk hinten zu sehen…). Sind also eigentlich alle Klassikcover im Grunde versext?

Nein – Dieses von Martin Hufner zugesendete Bild ist per se nicht sexverdächtig, nur irgendwie passt es so überhaupt nicht zu dem gestrengen Dirigierpapst und Oberadorniten Michael Gielen, dem doch aller Zierrat so verhasst ist:

5 Gielen

Immerhin könnte er es ja Ludwig van gleichmachen und die Widmung, vielmehr seinen Namen, von diesem Cover streichen, der Herr „Was? Ich kriege den Siemenspreis ERST JETZT???“ Gielen.

Manchmal ist unfreiwilliger Humor auch beabsichtigt, so zum Beispiel vielleicht bei dieser Porträt-DVD über George Crumb:

Crumb#

Dem durchaus zu großer Selbstironie fähigen Mr. Crumb wäre es auf jeden Fall zuzutrauen! Es handelt sich übrigens tatsächlich um seinen Hund.

Dieses Cover von Stokowski soll an Zeiten erinnern, in denen Dirigenten nicht möglichst
a) smart
b) jung
c) nett
d) fotogen
sein mussten (Begabung eher Nebensache), sondern stattdessen
a) furchteinflössend
b) alt
c) gruselig
d) erschreckend (Begabung eher Hauptsache)

Stokowski

Irgendwie schade, dass diese Zeiten vorbei sind, das waren noch echte „Maestri“ ohne Handtuch und Hitlertolle!

A propos Tiere – dieses von David Erler zugesandte Cover einer CD Frau von Otters mit dem Brodsky-Quartet verfolgt ihn seit seiner Zeit als „Verkäufer in einem Plattenladen“.

brodsky

Ein schönes Beispiel dafür, wie Selbstironie in ihr eigenes Gegenteil umschlägt, an eine Wand klatscht und dort sämig herunterfliesst.

Viele Ballett-Fans stehen ja gar nicht so auf Frauen. Nur so kann sich ein Cover wie dieses erklären lassen:

8 Ballet

…denn mit der Dame ist nicht gut Kirschen essen bzw. Pas-de-Deux tanzen!

Ganz besonders liebe ich persönlich die völlig rätselhaften Covers, wie dieses schöne finnische Beispiel:

3 finnisch

Es handelt sich hier um eine perfide optische Täuschung: hat die kleine blonde Schwester von Esa-Pekka Salonen nun 5 Beine oder 6 Beine? Beides ist wahr, was einen fast philosophischen Erkenntnisschock auslösen könnte, wenn man sich nur darauf einließe!

Mein persönlicher Favorit ist aber dieses Cover hier:

2 calvary chords

Mit diesen freundlichen und sympathischen, sich vollkommen ungezwungen und ungestellt an einem Tisch versammelnden Menschen möchte ich den Rest meines Lebens verbringen. Stundenlang könnte ich ihre schönen Kleider, die lässige Eleganz der Bildkomposition, den mysteriös vakanten Ausdruck des kotelettentragenden Herren zur Rechten würdigen, loben und analysieren. Aber ich lasse es lieber.

Wer mutig ist, begebe sich auf diese von Martin Hufner und André Werner empfohlenen Seiten, wo noch viele weitere wunderbaren Objekte ihrer Entdeckung harren:

klassische Cover
Cover aller Arten

Und wer mich fragt „Wie sieht denn nun das ideale Cover aus? Welches Cover vermittelt am besten den fröhlichen, lebensnahen und lebensbejahenden Charakter zeitgenössischer Musik? Den diskreten Charme ihrer Intepreten? Das lustvolle, sich Hingebende?“
Ich würde sagen, dieses hier:

Image

Euer Moritz Eggert
(I hate music but I like to compose)

terfel

Eggy

(mit Dank an John Strieder)

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3 Antworten

  1. querstand sagt:

    Ich liebe Brahms, genauer das strammer-Max-Cover! Das macht Appetit. Dauert dann die Essenszubereitung kürzer als das Stück, könnte der Plattenspieler ähnlich nach den Löschversuchen aussehen…

    Die Stichwaffe auf der Eroica-Hülle ist dort am Besten aufgehoben. Wehe der Unmut der degentragenden Kritiker und Claqueure würde sich damit entladen, aber heute tut es ja schon ein zur Schlagwaffe umgemünztes iPad.

    Was uns die in die Haare geratenen Schnipsel auf der Kammer-CD wohl sagen wollen? Einerseits wird man wohl intensiv ausmusiziert, andererseits droht Zerreissen, wenn es nicht gefällt? Schade, dass es übrigens keine Videos aus der Ligeti-Klasse gibt, als der wutentbrannt ihm vorgelegte, bei den „erfolgreichsten“ Schülern sogar bereits publizierte Werke, nicht genehme Stück im Original in Tonne donnerte – so berichtete es mal ein Münchener ehem. Lehrer.

    Das fünffüssige Football-Fetisch-Girl sollte eigentlich auf einem Phil-Glass-Cover prangen, mit 10 Bonustracks sieht man Hörende auch die Mädels auf der Strasse verzerrt… Ach, und die Suppertime-Menschen wie im ersten Teil die christliche Familie: so brav wünscht man sich doch Zuhörer, allerdings nicht auf Essen sondern Dror Feiler wartend.

    Und Moritz – die Ähnlichkeit mit Bryn Terfel ist grandios! Jetzt musst Du nur noch in einem bajuwarischen Königsplatz-Open-Air ein ähnlich buntes Langsakko tragen wie Bryn Terfel in The Last Night of the Proms 2008, Rule Britannia singend. Ich empfehle als Musik entweder die Bayernhymne (welche nur, die des Staats oder des FCB?) oder alle Strophen von Grosser Gott wir loben Dich? Mir fällt kein ähnliches heute noch singbares deutsches Lied – vielleicht Prinz Eugen – ein, das mit Rule Britannia mithalten könnte. Ist also doch von meiner Idee abzuraten? Man denke an Lars von Trier auf den aktuellen PKs in Cannes…

    Einfach köstlich! So richtig wirkten Covers aber doch nur für LP’s. Bei CD-Covers muss ich selbst allzu oft die Brille erst aufsetzen.

    Gruß,
    Alexander Strauch

  2. peh sagt:

    der otter! ich fass es nicht! es schreit nach fortsetzung. ganz großes kino, ich mein: cover!
    patrick

  3. strieder sagt:

    Für mich eines der grauenvollsten Cover aller Zeiten: http://bit.ly/molOTS
    Aber die Musik ist Klasse!

    Zur verwendeten Schriftart fällt mir nur das ein:
    http://bit.ly/ienzLy