Arien Robben – Unterwasseroper: Die Uraufführung

(Hier meine Audio-Reportage aus dem Stadtbad Neukölln.)

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Ein betörender Chlorgeruch kitzelt die Nüstern. Kindheitserinnerungen an den Besuch des Tropenhauses im Zoo werden wach. Denn es ist schwül, sehr schwül. Wir sind im alten, wunderschönen Stadtbad Neukölln. Erbaut 1914. Fast komplett erhalten. „Trotz zahlreicher Umbauten“, wie der uninteressierte Leser erfährt. Der Duft von alten, sehr sehr alten Frauen, die sich komplett entkleidet haben, liegt belastend in der Luft. Und auch wenn dieser, letzte Satz nicht stimmt, so trägt er doch gleichsam gelingend zu jener ungemein atmosphärischen Einleitung bei, mit denen sich sonst junge, höchstens mal mittelgut aussehende Musikjournalistikstudentinnen („Mein Traum wäre ja Radio!“) schmücken – und sich dabei noch „wahnsinnig kreativ“ fühlen, obwohl sie nur schlecht bei zahllosen anderen Kritikerinnern abgeschrieben haben, die es eben vorziehen, über Scheißgeruch zu schreiben, als über das, was musikalisch wirklich passiert ist. Ist ja auch einfacher, denn mit der Unterscheidung von Dur und Moll hatte man im Neben-Nebenfach Gehörbildung ja schließlich seine (Entschuldigung: ihre!) Probleme. Nun gut, lassen wir das Lästern sein.

Orangene Tonnen liegen vorne im 25-Meter-Becken des altehrwürdigen Stadtbades Neukölln. Sie gleichen zunächst Stadtmülltonnen. Doch in Wirklichkeit handelt es sich dabei um den durchaus gelungenen Versuch einer Art Ouvertüre vor Beginn einer ungewöhnlichen – und für unsere Zeit: ungewöhnlich poetischen – Oper: Der Unterwasseroper „AquAria_PALAOA“ von Susanne Stelzenbach (Musik) und Claudia Herr (Idee, Projektleitung und Gesang). Die orangenen Tonnen erscheinen als eine Art Klanginstallationsouvertüre. Sie füllen sich von selbst langsam mit Wasser. In einem bestimmten Moment gibt es kein Zurück, die Tonne gurgelt noch einmal sprudelnd auf und geht mit einem Rumms, der einem substantiellen, aber Piano gespielten Große-Trommel-Schlag verblüffend ähnelt, unter. Wummp! Dort steht sie nun. Aufrecht. Und dort, unten, bleibt sie, die Tonne. Sie bleibt dort unten aufrecht stehen. Wummp!

Das Licht geht aus. Die Oper beginnt. Eine Gruppe von Chorsängern, alle oben weiß, unten schwarz gekleidet, begibt sich langsam ins Wasser. Lidl-Tüten – sensibel ausgewogen von Aldi-Tüten kontrapunktiert – werden mit Wasser gefüllt. Rätsel-Spiel. Was geht hier vor? Was will man uns sagen?

Ja, ist doch ganz klar: Es ist der „Chor der jungen Robben“, der gleichsam deutlich, aber dennoch poetisch und belcantistisch (walrufartig klingt der Gesang an diesem Abend häufig) von dem „Chor der alten Robben“ mahnend erinnert wird: „Uralt sind wir. Wir sind uralte Wesen. Betten uns ein. Stecken in Säcken. Stecken in guten, uralten Säcken. In Säcken wie Betten stecken wir, sausen in Tiefen, in Säcke gebettet herum. Wesen, uralte, sind wir. Uralt.“ Ich gebe zu: Mit dem Libretto von Monika Rinck habe ich meine Probleme. Alte Allergie von mir: Text, den man einfach so versteht und der in seiner Aussage ziemlich klar ist. Ein altes, absolut persönliches Problem von mir. Nicht böse sein. Bitte. Ich hab‘ euch alle lieb.

Die allesamt langsam inszenierten, mal abstrakten, mal auf Umweltverbrechen (Stichwort: Kern-, ähm Eisbergschmelze) verweisenden Bewegungen (Regie: Holger Müller-Brandes) werden fast nummeropernartig unterbrochen von Tonaufnahmen des projektbetreuenden Polarforschers Dr. Lars Kindermann (Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven in der Gruppe ‚Ozeanische Akustik‘). Er erzählt uns von den Kommunikationslauten der Weddellrobben („Aufsteigend macht es ‚whuip, whuip‘ und dann kommt stetig fallend ein ‚juip, juip, juip, juip'“).

Plötzlich taucht Schwertwal Schwermut auf. Er ist der Böse. Der böse Zyniker. Der böse, zynische… äh Dings. „Här Här Här. Ins Packeis sollt ihr sinken. Es wird euch alles Einerlei. Einerlei. Einerlei.“ Er ist ganz frisch gekämmt und im Anzug. Dann springt er ins Wasser. Die frisch gekämmte Frisur wird nass. Wie auch der Anzug.

Dann geht es – wieder in einem zugespielten Bericht Dr. Kindermanns (der vor der Oper in einer Live-Schalte aus der Arktis zu hören war, wie man mir berichtete…) – um die Tauchfähigkeiten der Weddellrobbe, die eine ganz ganz dolle Robbe sein muss, I guess… Und um die Akustik unter Wasser und wie wir Menschen und wir Robben damit umgehen.

Die wenigen Instrumente, so Cornett, Schlagzeug (auch unter Wasser – davon habe ich aber nichts gesehen – die Säulen störten…) und Cello sind natürlich im Raum verteilt. Die mehr als nur „hallige“ Akustik erlaubt nur ein sensibles Spiel. Die markanten Einwürfe des Schlagzeugers gehen sehr an die Substanz und wirken etwas plump. Musikalisch stark ist die Oper dort, wo walartige Gesangspassagen in der Kathedralenakustik des Schwimmbades verfliegen und kurz vor dem Absterben vom Cello sensibel aufgenommen und fortgesetzt werden. Künstlich gerettet sozusagen. Wie von Greenpeace. Nur schöner.

Den Rest der Oper habe ich nicht verstanden. Aber ich vermute nur das Beste! Es geht darum, dass wir unsere Umwelt retten müssen, weil wir ansonsten bald alle sterben. Und um das eins werden von Mensch und Wasser. Und um das Einswerden von Robbe und Mensch (in Form eines der besten Fußballspieler, die wir haben). Blöd ist nur: Wir sterben aber sowieso alle bald. Die Eisbären, die süßen Robbenbabys, Johannes Heesters, Franz Beckenbauer, Theo Geissler, der Papst: ALLE. WIR WERDEN ALLE STERBEEEEEEEEEEEEEN! (Spaß! Stimmt gar nicht!)

Dass nur zu einem Teil – nämlich in der zentralen Szene der sehr beherzten Sängerin Claudia Herr – unter Wasser gesungen wird, sollte nicht verärgern. Es wird deutlich: Für das Wasser sind wir Menschen am wenigsten geschaffen. Wir brauchen einen Riesenapparat auf dem Rücken (Tauchdinger mit so Sauerstoff und so…), um überhaupt mal ein paar Minuten unter Wasser zu sein. Und dass der Gesang einer Menschin, entschuldigung: einer Sängerin dann klingt wie ein Walgesang ist doch eigentlich eine schöne, weil poetische, weil irgendwie freundliche Wendung in meinem nicht böse gemeinten Bericht, oder?

Ich empfehle diese Oper und möchte andere Meinungen hören und lesen.

Weitere Termine am 7., 14. und 21. Mai. Sowie am 15. und 16. Juni und am 10. und 17. September.

Mehr Informationen hier.

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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6 Antworten

  1. …ich bin tief beeindruckt – vor allem die Audio-Reportage erinnert mich an all die avantgardistischen akustischen Höhepunkte der Komposition Klaus Doldingers zum Straßenfeger „Das Boot“. In die tiefe Konklusio der Endlichkeit allen Seins stimme ich trotz verschiedener aktueller Seeligsprechungen nahtlos ein. Und ich freue mich, dass der Satz „Über neue Musik wird mehr geredet und geschrieben, als dass sie gehört würde“ – wieder mal grob Lügen gestraft wurde. Bravo, Arno! (Wann wird das Konzerthaus endlich mit Chlorwasser gefüllt?)

  2. eggy sagt:

    „Da hat vielleicht eine Sängerin gepupst“ ist mein Lieblingssatz aus dem Podcast, äh, file, äh….a propos….warum gibt es eigentlichen keinen Bad Blog Podcast???
    Moritz Eggert

  3. peh sagt:

    Lieber Herr Lücker, es ist mir unerklärlich, wie man „juip, juip“ abwärts lautieren sollte. „Jiup, jiup“ kann ich mir ja noch vorstellen, aber „juip, juip“ sprengt mein Vorstellungsvermögen, selbst bei Robben!

  4. querstand sagt:

    Publikum versenkt – in München ging pianopossibile unter Wasser, haben die Zuhörer unter Wasser Musik hören lassen unter richtiger Hilfe von Tauchern. Leider dort nicht gewesen, da selbst nicht so scharf auf Freiheitsentzug. Aber ein wenig konsequenter, s. hier.

    Warum muss man in Schwimmbädern nur Wasserkunst betreiben? Wenn es das Schwimmbad nahe der Schönhauser Allee ist – da wollte ich sogar vor 2000 mal rein, trockenen Fusses, da gerade das leere Becken eine interessante Kulisse war. Scheiterte an Unzuständigkeiten und meiner Unerfahrenheit.

    Aber papperlapapp: am Ende entscheidet immer die Qualität und Relevanz. Ob Juip oder Jiup – das klingt eher entbehrenswert samt der antarktischen Liveschaltung. Es muss nicht immer das Naheliegende sein, woran Freie Szene gerne scheitert.

    A. Strauch

  5. Juan Martin Koch sagt:

    Danke Arno, köstlich! Peter Pachl schrieb übrigens für nmz Online:
    http://www.nmz.de/online/meditative-schwermut-mit-fernschaltung-zur-antarktis-urauffuehrung-der-unterwasseroper-aquari

    Dank auch an Alexander Strauch für seine Erinnerung an den Münchner „Freiheitsentzug“, auch dazu gab’s einen nmz Online Bericht:
    http://www.nmz.de/online/ruhig-atmen-unter-wasser-ein-freiheitsentzug-im-muenchner-dantebad

  6. eggy sagt:

    Ich wollte über die Münchener Aktion mal was schreiben, aber da eine der Mitwirkenden in der von mir besuchten Aufführung fast ertrank (Ohnmacht durch Luftanhalten) war mir nicht so danach. Aber intensiv war’s!
    Moritz Eggert