Der Komponist im Zeitalter der medialen Reproduktion

Seit vielen Jahren schon tobt ein Kampf, von dem viele nicht merken, dass er gekämpft wird. Es ist ein Kampf der Rundfunk- und Fernsehanstalten, der Verleger und der Komponisten: Ein Kampf um Rechte, den Umgang damit und wem die Musik eigentlich gehört. Der GEMA? Dem Verlag? Dem Auftraggeber? Oder (Gott bewahre) den Komponisten?
Bisher kennt dieser Kampf keine Sieger, nur Verlierer: Die Komponisten.

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Seit 10 Jahren schon versuchen z.B. Musikverleger und Rundfunkanstalten eine funktionierende Vertragsform für Auftragswerke zu finden, ohne Erfolg. Hat der Komponist aber keinen Verlag (was immer häufiger ist), wird versucht, Rechte an der Musik zu bekommen wie sie eigentlich nur einem Verlag zustehen würden. In der Filmmusik gibt es sogar die miese Praxis einer Art erzwungenen Inverlagsnahme in Sub-und Scheinverlage, die den Filmproduzenten Verlagsrechte zukommen lässt und ihnen ermöglicht, jedes Mal wenn der Film gesendet wird an diesen Rechten mitzuverdienen, natürlich ohne die anderen Verpflichtungen eines Verlages (bei einer Inverlagnahme lässt man ja einen Verlag an der GEMA teilhaben – ist die Filmproduktion selber Verlag verdient sie also daran wie an einem magischen Goldesel, ohne etwas dafür tun zu müssen).

Gerade eben erlebte ich selber den Fall, dass eine große Rundfunkanstalt und ein Verlag sich nicht einigen konnten über ein Projekt mit komplexer medialer Verwertung – irgendwann war der Verlag entnervt draußen, aber plötzlich wurde man auch dazu gedrängt, Klauseln zu unterschrieben, die zum Beispiel der Rundfunkanstalt das ausschließliche und zeitlich unbegrenzte Recht auf mediale Verwertung der geschriebenen Musik zugestehen. D.h. faktisch, dass diese Werke auf ewig komplett dieser Rundfunkanstalt gehören, was deren Verwertung angeht, quasi ein buyout, wie in Amerika üblich.

Die Situation ist durch den schleichenden Zusammenbruch des CD-Marktes und der Internetpiraterie verschärft worden – wie jeder weiß ist es heute einerseits ungeheuer einfach wie unendlich schwierig eine CD zu produzieren. Ungeheur einfach, weil die Produktionskosten eigentlich gefallen sind, unendlich schwierig, weil fast niemand selbst diese kleiner gewordenen Summen mehr mit einer CD verdient, um die Produktionskosten wieder einzuspielen. Die meisten CD-Aufnahmen entstehen inzwischen zu Hunger- bis gar keinen Löhnen mehr, die selbst produzierte CD, bei der die Künstler nicht nur umsonst spielen sondern auch alle Produktionskosten tragen, ist inzwischen weit verbreitet und nennt sich „Vanity-CD“. Vorteil dieses Zusammenbruchs: kleinere Liebhaberlabels mit treuem Publikum haben eine gewisse Überlebenschance, wenn sie auf jeden Fall klein bleiben, die sogenannten „Major“-Labels müssen sich ihr Geld inzwischen mit einem komplizierten Cocktail aus Rechtenebenverwertungen verdienen, um zu überleben.

Wem gehört also die Musik? Das Publikum hat entschieden: jedermann. Youtube und andere Internetplattformen sind inzwischen das absolut dominierende Medium für Musik, für deren Bewerbung und für deren Verbreitung. Früher wurden Musikvideos produziert und auf MTV oder Viva rund um die Uhr wiederholt um den Verkauf einer CD anzukurbeln, heute ist der CD-Verkauf komplett nebensächlich (und wird nur teilweise durch gut funktionierende wie problematische Modelle wie itunes aufgefangen) und die vielen Videos auf youtube sind vor allem eins: unendlich vielfältig. Tatsächlich hätte man vor 20 Jahren nicht schlecht gestaunt, was es für Qualität inzwischen völlig umsonst dort zu sehen gibt (neben natürlich viel Schrott). Berühmte Bands, die selbstproduzierte Videos bei youtube hineinstellen konkurrieren mit mehr oder minder begabten Hobbymusikern und auch bisher unerkannten Genies, Bootlegs gibt es zuhauf, man kann quasi alles finden, auch seltenes und abseitiges. Zu jedem „offiziellen“ Video gibt es dutzende „Fan“-Videos, zum Teil erstaunlich professionell und aufwändig gestaltet, mit exakt der gleichen Audioqualität. Ist irgendeine Musik kurzzeitig verschwunden („die Wiedergabe dieses Videos ist durch XXXX in ihrem Land gesperrt“), taucht sie schon Sekunden später wieder auf, von jemand anderem privat reingestellt. Es ist fast rührend, dass z.B. die GEMA glaubt dieses komplexe Geflecht liesse sich irgendwann wieder kontrollieren und geordnet abrechnen.

Wir alle mischen dabei mit – reproduzieren die schon reproduzierten Videos erneut, zum Beispiel um sie zu shredden (was wenigstens ein lustiges Aufbegehren gegen die kalte Perfektion heutiger Musik ist – vielleicht der letzte Akt der Revolte, die möglich ist). Eine strenge Politik des „nur gegen Geld“ kann sich eigentlich keiner mehr leisten, auf den meisten Komponisten-Homepages sind inzwischen komplette Aufnahmen zu hören, deren Rechtesituation eigentlich unmöglich zu entwirren und entschlüsseln ist.

Die Situation ist scheinbar für den Verbraucher paradiesisch und für den Erzeuger höllisch – alles ist verfügbar, und es kostet nichts. Aber ist es wirklich so? Natürlich gibt es einen Preis dafür, und dieser wird in diesem sehr interessanten österreichischen Artikel sehr gut beschrieben. Die Verknüpfungen von Marken und Kreativität ist in der Pop-Musik kaum noch aufzuhalten, und die Vorstellung, dass zum Beispiel „Jingles“ die Popsongs der Zukunft sind, ist gar nicht mehr so abwegig (siehe zum Beispiel diese Szene aus dem Film „Demolition Man“. Oder dass in den Songs bald direkt Werbung auftaucht, wie schon die Schleichwerbung lange Bestandteil des Filmgeschäfts ist. Inzwischen ist der künstlerische Einfluss der Produzenten in der Pop-Musik so groß, dass viele Künstler Wege gehen, die gleichzeitig in die künstlerische Glaubwürdigkeit wie auch die relative Obskurität führen, innere Emigration sozusagen. Ist das dann überhaupt noch „Pop“-Musik, oder eine neue, alternative Kunstform?

Die kommerzielle klassische Musik funktioniert nach ähnlichen Prinzipien: Künstler sind Produkte, die mit komplizierten Management-Verträgen gebunden werden und regelrecht ausgemolken werden. Früher undenkbar, aber heute verdienen die meisten Plattenfirmen tatsächlich an den Konzerthonoraren „ihrer“ Künstler mit, egal ob es etwas mit der aktuellen CD zu tun hat oder nicht. Auch in der Neuen Musik ist dies präsent – viele Verlage denken in Richtung „Management“, auch um sich eine neue Rolle im Zeitalter der .pdfs zu definieren.

Ich beschreibe all dies mit gewisser Bitterkeit, aber auch mit Realismus. Musik musste schon immer von irgendjemandem bezahlt werden. Aber noch nie waren wir alle dabei so unfrei und letztlich auch unglücklich. „Publicity ist das Gold unserer Zeit“ schrieb neulich ein Freund auf „Facebook“ – und Publicity kostet meistens Geld. Wir bezahlen die Rechnung dafür: man hetzt von Hype zu Hype, sei es auf Festivals oder im normalen Konzertbetrieb. Da der Hype die einzige Möglichkeit ist, heute auf etwas aufmerksam zu machen, überbieten sich alle marktschreierisch gegenseitig. Es wird immer seltener, dass etwas hängen bleibt, aber genau das wünscht man sich am allermeisten.

Was könnte als Gegenkultur funktionieren? Man muss sie noch erfinden. Vielleicht muss die Musik endgültig in die Hände „des Volkes“ gelangen. Vielleicht muss es tatsächlich so sein: dass sich damit gar kein Geld mehr verdienen lässt. Die Zweitverwerter trocknen aus und fallen ab wie Blutegel. Das Internet als ewiger „Verein musikalischer Privataufführungen“. Eine Spielwiese für Liebhaber – in Millionen von Haushalten erklingt Musik, von morgens bis abends. Alle machen sie mit, alle singen sie mit, alle spielen sie mit.

Alle sind Komponisten, und niemand kann mehr davon leben.

Doch wenn es Millionen Experten gibt, die alle ihre eigene Musik machen, wie entsteht wieder eine gemeinsame Sprache?

Moritz Eggert

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