Reimann hören und sterben

Zu meinem Einstand gibts noch einen kleinen Bericht über Aribert Reimanns letzten Schocker „Medea“, der vor ein paar Wochen zum letzten Mal in der Frankfurter Oper lief.

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Im Foyer das Übliche: mutmaßliche Rentner wundern sich über die Programmgestaltung (früher war mehr „Entführung“ ), mutmaßliche Rentnerinnen regen sich darüber auf, dass während der Vorstellung mit Bonbonpapier geknistert wird.

Auch auf der Bühne das Übliche: der Reimann. O Mann. Wirklich hoffnungslos veraltete Musik, dazu noch anstrengend (gerade deshalb?). Ich muss gestehen, ich hatte vorher nie einen Reimann ganz gehört, ist einfach nie passiert, zumal ich eh kein Opernfreund bin. In den ersten zehn Minuten glaubte ich, den Saal verlassen zu müssen. Warum singen die so? Warum diese unendlichen, unklaren, hysterischen, nervtötenden „Melismen“? Nach einer Viertelstunde Eingewöhnungszeit allerdings begann ich, mich auf das Geschehen einzulassen. Dazu war es aber nötig, meine Erwartungen herunterzuschrauben (ich hätte es wissen müssen). Ok, also Oper als Oper, klischeehaft, mit bunten und glitzernden Kostümen, großen Gesten, Kunstnebel, blinkendem roten Licht wenn Medea ihre Kinder tötet (bzw. wortwörtlich um die Ecke bringt (Medea: „Ge-e-e-eht da-a-a-a-a-a hina-ha-ha-ha-hein!“), was anderes wollte man dem Publikum wohl nicht zumuten) und Pathos, man sollte schreiben PATHOS, ganz viel davon. PATHOS, PATHOS, PATHOS. (Wird das Wort langsam bedeutsamer?) Vielleicht nochmal: PATHOS, PATHOS, PATHOS, PATHOS! Naja. So langsam kam ich aber damit klar. Irgendwie konnte ich mich damit anfreunden. Mal nichts Neues, irgendwie auch nichts Spannendes, trotzdem ganz nette, spießbürgerliche Unterhaltung.  Interessant war, dass Reimanns Musik funktioniert. Sie ist eigentlich sehr langweilig – vor allem dadurch, dass sie ständig sehr gleichförmig ist. Immer passiert viel, nie werden Töne in Ruhe gelassen, die Sänger quälen sich durch endlose merkwürdige Linien, man versteht den Text dadurch nicht besser (die Aufführung war deutsch mit Übertiteln), alles ist fast immer laut und in Bewegung aber trotzdem zäh, weil es keine Zielpunkte gibt. Die Musik funktioniert also vor allem, weil Reimann die (im schlechtesten Sinne tradierte) Gattung und den Betrieb so perfekt bedient. Die Sänger dürfen singen wie immer, die Melismen werden auch von ordentlich Vibrato nicht zerstört (vielleicht erst dadurch wirklich dass, was sie sein sollen, nämlich uneindeutig?), es gibt eine lineare Handlung, wenig komplex, der jeder Folgen kann der sich ein bisschen mit dem Stoff auskennt, das Orchester wird nicht mit lästigen neumodischen Effekten „misshandelt“. So bekommt das Opernhaus und das Publikum, was es will: ein gut realisierbares „zeitgenössisches“ Stück, das zwar modern wirkt, aber immer noch so traditionell ist, dass sich das Abonnementspublikum nicht davon angegriffen fühlt. Auch die Stoffwahl bestätigt dies. Doch halt! Was sagte Aribert uns noch im Programmheft zum Stichwort Aktualität?

Medea ist also eine mythische Figur und zugleich sehr aktuell?

Reimann: Ja. Wie viele kommen in ein fremdes Land, bitten um Aufnahme und werden ausgewiesen! Die Integration gelingt oftmals nicht. So geht es auch Medea.

Ja! Das ist es! Medea, um die geht’s doch gar nicht. Es geht um Integration! Das Stück ist brennend aktuell! Wie gemacht für unsre Zeit in der es um Zuwanderung, Roma-Abschiebungen und Integrationsdebatten geht. Ich war aufrichtig davon berührt als die Kopftuchfrau auf der Bühne ihre Kinder umbringen musste, weil sie in der Fremde nicht akzeptiert wird. So läuft’s ja auch täglich in Neukölln, hab ich gehört.

Letztlich also ein ganz netter Abend in der Oper. Ach ja, da war ja noch was.

Das Bühnenbild bestand aus einer kippbaren Felslandschaft voller größerer und kleiner Pappmaché-Felsbrocken. Auf dem Höhepunkt des Kreischens, während Blech und Schlagwerk selig im Fortissimo schwelgt, neigte sich der Boden so sehr, dass der größte Felsbrocken, wirklich ein riesen Oschi, einfach so in den Orchestergraben rollt. Publikum schreit, Orchester tot, Vorhang fällt, Saallicht an.                                                                                                                      Die ersten Reihen springen auf, um in den Graben zu sehen. Die alten Damen bibbern erregt. Man murmelt entrüstet.

Dann die enttäuschende Nachricht: nur ein Instrumentenschaden.

Weiter geht’s: Vorhang hoch Medea singt „O-o-o-o-o-o Grrroh-oh-oh-oh-oh-oh-euel“.

Das mit dem Pappmaché-Brocken war viel aufregender und spannender als jede antike Sage. Lieber mehr Wirklichkeit wagen, möchte man Aribert da zurufen. Leider aber wird der Vorfall von offizieller Seite aus nicht als teil der Aufführung gesehen, denn noch während des Applauses, den die Sänger großzügig dem Orchester widmen, indem sie ständig ausladend und mit ernsthaft betroffener Miene auf den Orchestergraben deuten, tritt ein Mann mit Mikrophon an die Rampe und spricht zu uns: „Es hatte extra Rollproben gegeben. Wir werden den Vorfall analysieren“. Wie schade.

4 Antworten

  1. querstand sagt:

    1.) Hallo, das freut, ein neues Gesicht hier!!
    2.) Pappmachéfelsen: als kleines fünfjährige Etwas durfte ich in eine Fidelio-GP an der Bayerischen Staatsoper, Regie keine Ahnung, im Graben der alte Herr Böhm, Dirigenten faszinierten mich vor Komponisten. Das Aufregendste in dieser Guckkastenknastrealität war der kreuchende Gefangegenchor. Was krochen die, was peitschte man durch die Wärterstatisten auf die ein: war dies der Ersatz für Monitormangel würde man heute fragen, um das Metrum zu halten? Ich war schockiert! Doch dann rutschte ein Gepeitschter, Gott sei Dank nicht mein Chorvati, aus, stiess gegen einen dieser schwerst anmutenden Steine. Dank Pappmaché jaulte der Mensch nicht auf, aber der „Stein“ flog über die ganze Bühnenfront auf die andere Seite. Das blieb mir brennend im Hirn kleben, Papa war ganz enttäuscht, da ich ihn wohl nicht entdeckt hatte, aber fragte, wer denn der Steinschubser gewesen sei…
    3.) Aribert Reimann: den Lear sah ich nicht, nur Troades anno dazumal. Mein Gott, was nervten mich damals die Koloraturen der Kassandra, was bangte ich um das Kind Helenas. Irgendwie verblasste sonst Vieles, nur den Text verstand man damals eigentlich schon, bis eben auf die Nervkoloratöse, ganz ohne Übertitelung, heute als eine Art Looking-D, gerade auch wenn deutsch gesungen wird – wenn schon alte Oper, dann lest doch mal das Capriccio-Vorwort, da steht viel über Textverständlichkeit und dessen Erreichung als Teamwork von Regie und Musik, die heute so oft so allein vor sich herwerkeln.

    Das Schloss wollte ich erst gar nicht hören und könnte es heute auch nicht mehr, da ich derzeit keine Badewanne besitze. Vor 10, 12 Jahren allerdings lauschte ich in extrem aufweichenden Badeorgien dem Schloss, weichte die Haut auf, vielleicht auch mein Herz, in das dann die Klangwelt Reimanns doch Eingang fand. Der grosse Bogen ist tatsächlich faszinierend, auch die Instrumentation grosser Flächen jenseits von Ligeti, oft unglaublich perfekt. Bernarda Albas Haus wirkte dann erstmal furchterregend trocken, ich ging trotzdem ein paar mal hinein. Und wieder o Wunder, so nachgemacht die präparierten drei Flügel klangen, so karg es oft zuging, es machte irgendwann jenseits der ganzen Literaturbetroffenheit doch Spass, wie zuletzt das Klarinettenkonzert hier im musica-viva-Festival, neben Widmanns Ebenholz waren es die besondes klaren und unverfremdeten Bass- und Kontrabassklarinettenklänge, die den kleinen Jörg richtig gross machten.

    Man muss bei Reimann einfach das ganze Gewese um Aktualität oder den Streit um Literaturoper weglassen, strenggenommen ist auch Lachenmanns Mädchen eine Literaturoper, selbst der Prometeo, es ist immer faszinierend zu wissen, wie dieser schlaksige Mensch förmlich erkrankt, wenn er auf die Vertonungsechte warten muss, wenn er nicht mit dem Schreiben loslegen darf. Aribert Reimann ist tatsächlich ein Romantiker, so sehr er seine Musik „modern“, „karg“ gestalten mag. Das ist in seiner Wirkung tatsächlich besonders in seiner Altbackenheit perfekt, hat einen Draht zum Publikum, den die Wiener Zweite Schule eigentlich durchtrennte. Das macht die Musik gerade wegen ihres Pathos und ihrer Rückwärtsgewandtheit und dem Widerspruch von breiter Wirkung der publikumsfernen Mittel interessant, es nervt und ist dann doch in seiner Eigenart, sofern man als Komponistenkollege diese abstrahieren kann und mag, sehr wirkungsvoll, kann er deshalb berühren. Wohl weil die Mittel so abgezirkelt sind, sein sich Ganzton-hinauf-Halbton-herab-windendes Melos, förmlich eine Reimann-Kaufhaus-Stangenmelodik, Hysterie wie Stille durchzieht, er zwischen Klangballungen und planen Klangöden wechselt, einfach mal nur Schlagzeug, nur Bläser einsetzt, ist die Musik doch gut gemacht, im wahrsten Sinne gewirkt.

    Und doch ist Reimann gerade für die heutige Jugend aktuell! Warum? Trotz der alten Mittel gleicht deren hoher qualitativer Einsatz all den hunderten instrumental, harmonisch wie im Elektronikeinsatz perfekt gemachten jungen Partituren, deren Niveau wirklich bestechend ist, die aber eigentlich trotz all der „fusion“ der Stile und Mittel noch nicht einen neuen Ansatz versprechen, sondern die 60er und 80er des 20. Jhds. einfach perfekter wiederholen als diese selbst gewesen sind. Da hilft die ganze Modernität und Mittelbeherrschung nicht, wenn man nicht um die Kunst der Selbstbeschränkung und Selbstbeschränktheit weiss: weniger ist mehr! Genauso ist eigentlich jedes Musiktheater aufgrund von Literatur Literaturoper, ob linear oder gebrochen erzählt. Wenn es ein Theater des Raunens ist, besticht mich meist nur die Klangwelt, ist es stringenter, klarer erzählt erfasst es immer mehr Menschen als nur ein Neue-Musik-Galapagos-Atoll, so wie es auch Sie, Herr Møller erfasst hat, wenn Sie die üblichen zeitgemässen Vorbehalte mal beiseite lassen, was Sie ja auch zwischen den Zeilen machen, dann haben auch Sie ein Herz aus Bühnen-„Stein“, so weich wie jener Pappmachéklotz?!?

    Mit besten Grüssen und in Hoffnung auf noch viele Beiträge,

    Querstand alias Alexander Strauch

  2. Lieber Hr. Moller,
    vielen Dank für Ihren Blog zu Aribert Reimanns „Medea“, den ich grade zufällig via Moritz Eggerts Newsletter entdeckt habe. Ganz laienhafter Kommentar von mir: Ich habe vergangenen Februar die Premiere in Wien gesehen, und schon lange nicht mehr so schlecht komponierte, langweilige, uninteressante, einfallslose Musik gehört – Musik, in deren Entstehung natürlich Millionen Euro gesteckt werden. Ich bin selbst Komponist, Kontrabassist/Jazzmusiker, als solcher zeitgenössischer Musik natürlich sehr aufgeschlossen – möchte mich hier bestimmt nicht wie ein reaktionärer Kritiker anhören, aber es ist wirklich sehr zu bedauern, dass „Musik“ wie „Medea“, oder bspw. Werke von Olga Neuwirth (von der ich kürzlich ein ebenso grottenschlechtes Orchester“werk“ gehört habe) überhaupt als „zeitgenössische“ Musik bezeichnet werden – sie sind alles andere als das (bei gleichzeitiger Hoch-Subventionierung..). Trotzdem liebe Grüsse.. :-) Georg Breinschmid

  3. eggy sagt:

    kleine Anmerkung: Georg Breinschmid (siehe oben) ist ganz sicher kein „Laie“ sondern ein fantastischer wie auch äußerst erfolgreicher Musiker, siehe auch http://www.georgbreinschmid.com/
    Viele Grüße!
    Moritz Eggert

  4. querstand sagt:

    @ Georg Breinschmid: Lieber Herr Breinschmid, schön dass Sie beitragen. Könnten Sie Ihr Statement zu Reimanns Medea konkretisieren? Ich verstehe durchaus, dass Sie ihn nicht als „zeitgemäss“ ansehen, was ich eher als „zeitgenössisch“ sagen würde, denn Genosse im Sinn der Zeit ist er als Lebender. Mir bedurfte es einiger langer und gründlich durchweichender Badesessions vor vielen Jahren, um mich grundsätzlich dieser Musik zu nähern, die Kargheit der Bernarda gefiel mir allerdings doch, ein wenig auch der Lear, sonst eher Momente, wie die tiefen Klarinetten im Klarinettenkonzert, Medea kenne ich bisher noch nicht. Wenn ich zuvor von den „präzisen Mitteln“ sprach, sollte ich vielleicht besser von den „genau abgesteckten Mitteln“ reden, die die Szenen der mir bekannten Oper in ihren Graufarben doch gegeneinander absetzen. Wobei die Kontraste meist nur schrill-clusterartig vs. karg-sprechgesangsartig sind. Die Singstimmen sind damit auch erfasst, so sehr es trotz Massensprüngen sanglich sein soll, wie es durch ihn und manches Sängerinnenschlachtschiff immer wieder geäussert wurde. Die wenigen wirklich lyrischen Stellen betreffend schliesse ich mich da einfach mal an, die schrille Masse allerdings erschliesst sich mir nur nach noch mehr Warmwassernachfüllungen. Mangels Badewanne schaut es damit derzeit aber mau aus, meine Freunde würden mich höchstwahrscheinlich mit Reimanns Schaumklängen generell aus ihren vier Wänden verbannen. Allerdings ist seine romantische Jenseitigkeit dennoch beeindruckend, gerade weil es so verstaubt wirkt, in ihren sehr gut gemachten Grautönen, wie diese auch nervtötend sein mag, meinem Gefühl nach den jetzt noch kräftig wirkenden schwarz-weiss Kontrasten der jüngsten Kollegen entspricht, die die heutigen Neue-Musik-Mittel in ihrer ganzen Breite perfekt beherrschen. Wenn diese mal nicht noch schneller verstauben, pathos-patinaloser sein werden als Reimann. Ich meine die Kollegen, welche den gesamten Klangverfremdungskomplex, virtuos die IRCAM-Elektronik und ihre Ableger einsetzen sowie die entsprechenden Kompositionsalgorithmen beherrschen, v.a. wenn sie ihre Inhalte nicht über die sich aus der Schreibproblematik ergebenden Ansätze weiter hinausformulieren können. Reimann hat da wenigstens eine mächtige Affizierung durch die Literatur zu grösseren Berührungen und Formen zur Öffentlichkeit, so allgemeinverbindlich, aufgeweicht „zeitlos“ sie sind. Die Jüngeren müssen da eher zu aktionsartigen Aufbrechungen greifen, wozu leider aber nur die wenigsten in der Lage sind, wodurch dann deren reine Musik ein wenig in den Hintergrund gerät. Sonst verspricht dieses Metier, so wenig es in der Tradition Reimanns stehen mag, durch einen ähnlichen Trieb zur genauen Mittelabsteckung, ein weiteres Kapitel zum Thema „Das Graue(n) der Neuen Musik“.

    Ich sage bewusst nicht „abzirkeln“, da läge die Messlatte eindeutig höher, wenn man Kompositionskunst vom handwerklichen Standpunkt angeht, da müsste man die Kollegen an Berg messen, an dessen Wozzeck, wenn es um Inhalt, Form und Mittelbeherrschung ginge. Ein hartes Brot für Macher wie Kritiker, dann lieber Berg allgemein als „Romantiker“ sehen, Reimann und die Neuen Perfekten in dieser Tradition sehen, oder, wenn diese Zuschreibung zu pathetisch ist, der Recheneinsatz höher als der Inhaltsansatz, als „Analytiker“, ggf. auch besonders in der Berg-Linie, allerdings als Liebhaber seiner eigenen Werkanalysen, wie die berühmte des Wozzecks. Und sie dabei die letzten Worte überlesen, im Abgleichsrausch des vorausgehenden Textes mit der Wozzeckpartitur: man solle bitte schleunigst die gesamte Strukturanalyse wieder vergessen? Bemerkenswert ist bei jener Analyse, wie Berg die instrumentalen Formen in seiner Oper belegt. Was er nicht oder kaum benennt, sind all die „Verschmutzungen“ durch Volkstanz, Volkslied, Militärsignale, etc. wie die sich im Verlauf zueinander und zum instrumentalen Formgerüst verhalten, ja gerade durch ihre Einbindung und doch bleibende Fremdheit, die allerdings besonders der Stimmungen Szenerie dienen, als einkomponierte Szenenanweisung, und somit das Scharnier zum Optischen, ja Haptischen, Olfaktorischen sind – man riecht durch die Musik den echten Gestank der Soldaten. Um das wirklich zu erleben, muss man tatsächlich die Formautomatismen vergessen. Leider orientieren sich die Kollegen zumeist nur daran, versuchen durch purifizierte Musik die Charakteristik von Inhalten, sofern sie überhaupt Opern machen, damit die Szene einzufangen. Das hat bestenfalls was lyrisches, wie wenn ein Lied in all seinen Facetten durch ganz wenige musikalische Mittel eingefangen wird. Diese Tugend taugt natürlich zur generellen Prädisposition von szenischen Kontrasten in Oper und Musiktheater. Das kann ja Reimann besonders! Die „Verschmutzung“ aber jenseits von hyperschwarzen Notentexten, die den handwerklichen Schweiss der Kollegen geradezu bildhaft zeigen, die eher was leuchtend weisses in die Noten brächte, das wird leider meistens vergessen, da man sich zu sehr auf das Formale, Analytische einliess, so wichtig und erstmal richtig dies sein mag. Man übersah aber das gesunde Vergessen dieser Dinge, wie Berg es dem Publikum empfiehlt, ja damit seinen Kollegen auch „publikumsein“ empfiehlt, gerade wohl im „Innersten“, in den schmutzigen, verschmutzenden Geheimnissen. Gerade deren drohende Simplizität erfasst dann wirklich den gesamten Kontext der Worte. So gelingen ja selbst Reimann in Lear bestechende Momente, kann die Kargheit von Bernarda Albas Haus messerscharf genau sein. Allerdings droht da wieder die Gefahr von Ödnis, wo man sichwieder Hyperschwarz als Rettung wünscht. Oder eben die Verschmutzung aus dem Innersten, die emotional erst die Formgerüste in der Erlebniszeit mit Leben füllt.

    So verstehe ich Sie Herr Breinschmid vielleicht richtig, auch wenn ich sehr weit aushole? Sie schreiben und spielen ja eine sehr offene Musik, eine vielleicht kompositorisch erstmal einfach anmutende, so gnadenlos formgenau Jazzmodelle auch wiederum sind, gerade von klassischen Kollegen zu schematisch genommen werden, bevor es ihnen nach viel Befreiungsarbeit gelingt, da Leben hineinzubekommen, einen Weg, den Sie ja gegangen sind, dem anscheinend von der Hochkultur immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Das scheint allerdings so eine generelle austriakische Staatsmethode zu sein, das trifft gerne auch mal die freie Neue-Musikszene Ihrer Heimat. Allerdings kann man von Ihnen vielleicht auch was lernen, selbst wenn man Ihren Weg so gar nicht beschreiten will, sich doch dieser Schreibperversion hingibt, die mir wiederum eine so ganz und gar irrationale Liebhaberei zu Reimann erlaubt, so weit ich seine Stücke kenne, Medea ja noch nicht. Also sich vielleicht nicht den Neuen Perfekten anschliessen, sehr wohl von deren Handwerk profitierend, eher Zen-Meditation und lukullische Extremismen mit den letzten Worten der Selbstanalyse Bergs betreiben, vielleicht auch mal sträflich Formperfektionismen ausser Acht lassen, sich bewusst aus dieser Berg-Linie herauskatapultieren, um dann das eigene Innerste, besonders das Schmutzige, das was einem besonders banal vorkommt, solitär hinstellen, dann aus ihm heraus das Stück entwickeln. Da fällt mir noch zu Berg ein: dieses „Innerstes“ und Banale sind oft jugendliche tonale Klavierfragmente, die er in sein tonal erweitertes Gerüst einspannt. Wobei die Ansätze zu diesem Gerüst nicht in abstrakten Ideen stecken, sondern die formale Grundlage schon in diesen Frühwerken zu finden ist. So stellt sich die Formfrage ganz von alleine. Das sollte Mittdreissigern heute eigentlich auch möglich sein. Man sucht den klingenden Ansatz allerdings doch zu oft im Abstrakten, als das man das Einfache abstrahiert…

    Gute Nacht von einem Nicht-Jazzer, dem der Neue-Musik-Blues allerdings heute mehr denn je auf den Wecker geht, so sehr er auch mitten in ihr zu stehen glaubt und doch besonders die Über- und Ausgänge liebt,

    Ihr Alexander Strauch

    P.S. für die anderen Leser: eine köstliche Wiener-Schmäh-Analyse Neuer Musik vollbringt Georg Breinschmid mit diesem „ächt’n Weanerliad“, dies als Morgengabe für den Samstag. Man vergesse aber dazu nicht seine Alban Berg-Verehrung…