donaubad 3 – donaulandung / erneute strandung

dann doch. der mensch ist, frei nach wittgenstein, ein zeremonielles tier. und nach der strandung war die sehnsucht groß, teil der festgemeinde zu werden, im taxi vom bahnhof zur – von außen – in neuem glanze erstrahlenden donauhalle hörte ich zum ersten mal die töne, wegen derer ich hergekommen bin: die letzten takte von klaus ospalds komposition „One shade the more, one ray the less“ für chor und orchester. viele hörer loben das werk anschließend, geradezu „klassisch“ sei das stück in mancher hinsicht gemacht, strawinsky wird als referenz herangezogen, der dramatische zug wird gelobt. ich verfluche innerlich noch einmal den offenburgaufenthalt und setze mich auf den stuhl, den mir manos tsangaris anbietet. vor mir saß wolfgang rihm auf diesem platz, ihm war die luft in der von innen immer noch genauso furchtbaren donauhalle wie früher zu schlecht. ihr dürft mir jetzt größenwahnsinn attestieren, dass ich auf dem stuhl von wolfgang rihm platz genommen habe, johannes kreidler hat’s mir dann gleich nachgemacht, ich glaube, er wollte schon mal probesitzen für in 30 jahren. bis dahin ist die donauhalle bestimmt von außen nicht mehr schick, dafür drinnen mal ordentlich hergerichtet, das wär ja was.

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mein erstes ganzes donaueschingen-stück war liza lims blockflötenkonzert für jeremias schwarzer. es war das cirka zwanzigste konzert, was ich in diesem jahr mit jeremias schwarzer gehört habe und er ist natürlich sehr virtuos. liza lim hat auch viele einzelne schöne „situationen“ für die blockflöte geschaffen. aber so richtig rockt so eine blockflöte unverstärkt vor großem orchester nicht und der arme solist muss beständig mit seiner körpersprache ausgleichen, was dem instrument an lautstärke etc abgeht.

vinko globokar lieferte ein opus summum mit jean-pierre drouet als drolligem trommelkauz, umverteilung von steinen, sicher aus dem neuen gotthardtunnel oder aus dem stuttgarter untergrund von einem eimer in den anderen, allen möglichen unverständlichen rufen und schließlich sirtaki-tanzenden vokalsolisten. ein werk wie ein roman, gebaut aus sketchen. die gesten waren historisch, dennoch gelangen ihm immer wieder frappierende momente, in denen sich die konturen vollständig auflösten und unerwartetes, unerhörtes geschah. auch die absurdität der veranstaltung selbst wurde ausgestellt: ausgebildete sänger gabeln wie wild ihre töne, eine dirigent schlägt stur seinen takt – und das nur, um ein vollkommenes durcheinandergelächter zu erzeugen. ginge einfacher, wäre dann aber keine neue musik.

schließlich erneute strandung. im schützen, dem italienischen restaurant von toni. johannes kreidler, martin schüttler, genoel von lilienstern und sebastian berweck verwechselten die „aktuelle repertoireliste“ des ardittiquartetts mit der getränkekarte und bestellten durcheinander haubenstock-ramati „pluriel“, halffter „tres piezas“ und schurig „hot powdery snow“. toni ließ sich nicht bitten und schenkte mit jazylbekova „si toutes les feuilles des arbres etaient des langues“ und papavasilopolous “ a clean kill“ nach. wenn das mal kein kopfweh gibt! nach einer guten stunde hatte das quintett unter der oberaufsicht von herrn dr. (gratulation!) rebhahn die gesamte repertoireliste durchperformt, name dropping kann man das nicht mehr nennen. georg nussbaumer war auch da und skizzierte mir die visuelle seite der podiumsdiskussion vom vorabend, die funkelnden irvine-augen und die betschwesternden blickdichtstrumpfhosen von frau simmenauer. plötzlich war alles sonnenklar. also: innerlich.

weil toni nussbaumer gefragt hat, ob er schweizer sei, hat nussbaumer tonis beiz kurzerhand zum „spanier“ erklärt und der spanier erzählte schließlich in der regie von volker hormann und beate baron einen haufen witze, die so schmutzig sind, dass sie keine firewall passieren. aber den hier, den kann ich euch mal kurz erzählen. (zarte gemüter schnell weiterklicken.)

ein wirt, nennen wir ihn toni, hat ein pferd. das ist immer traurig. weil er möchte, dass es endlich einmal lacht, setzt er 500 euro aus für den, der das pferd zum lachen bringt. seine gäste schneiden grimassen, einer hat eine tolle idee und bringt es zu den donaueschinger musiktagen und setzt es ins publikum, doch nichts passiert. schließlich kommt ein kleiner napolitaner mit weißem anzug und absatzschuhen, flüstert dem pferd etwas ins ohr – und das wunder geschieht, es bricht in schallendes gelächter aus. problem: es hört nicht mehr auf. nach einigen tagen setzt der wirt wiederum 500 euro aus für den, der das pferd zum verstummen bringt. die menschen schlagen auf das pferd ein, sie bringen es zu den donaueschinger musiktagen, doch nichts geschieht. schließlich kommt der kleine napolitaner mit weißem anzug und absatzschuhen unterhält sich mit dem pferd – schließlich: stille. wieder kriegt der napolitaner 500 euro und der wirt nimmt ihn zur seite: „jetzt hör mal, du hast nun 1000 euro in ein paar tagen von mir bekommen. jetzt sag mir, wie du das gemacht hast.“- „zuerst habe ich ihm gesagt: wollen wir wetten, dass ich einen längeren habe als du?“- „und beim nächsten mal?“- „habe ich ihn gezeigt.“

Musikjournalist, Dramaturg