Musik-Unwort des Jahres – ein Rückblick mit Vorschlägen

Die NMZ sucht zum ersten Mal das Musik-Unwort des Jahres 2010. Grund genug, hier ein bißchen über mögliche Unwörter zu philosophieren. Als Belohnung gibt es eine Reise nach Stuttgart zu gewinnen, oder vielmehr zu dem, was 2010 von Stuttgart übriggeblieben ist („Wir sollten den Begriff Neue Musik in die Luft jagen“ könnte dann nämlich schon zumindest in Stuttgart zur Wahrheit geworden sein, so sagte zumindest Hans Peter Jahn, der immer recht hat). Und für den VFB Stuttgart heißt es wohl eher „ersteinmal nach oben kommen“ bevor man oben bleiben kann.

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Überhaupt: Kürzung oder besser Sparmaßnahme hat schon eine gute Chance zum Unwort zu werden, denn wie oft hat man diesen Begriff 2010 gehört? Mindestens ein Dutzend Mal mussten wir hier im Blog drohende Orchester- und Musikschulschließungen ankündigen. In Holland nennt man das Paradigmenwechsel (das wäre als „paradigmatawissel“ ganz sicher Unwort des Jahres in Holland). Bei uns heißt es einfach nur „Wirtschaftskrise„. Die ist zwar anscheinend schon vorbei, muss aber dennoch mindestens noch die nächsten 3 Jahre als Entschuldigung für faule Kulturdezernenten und stupide Lokalpolitiker herhalten, und zwar spätestens bis zur nächsten Wirtschaftskrise.
Also eigentlich ist ja IMMER Wirtschaftskrise, und mit der Kultur geht’s eh zu Ende….

In Hamburg hat die Elbphilharmonie die besten Chancen, als Unwort genannt zu werden, wobei „Unort“ es eigentlich eher treffen würde, denn noch in tausend Jahren wird man an diesem mythischen Ort weiterbauen (ähnlich wie beim Kölner Dom, der ja auch nie fertig wird) bis dann endlich im Jahre 3010 das Eröffnungsstück von Mathias Pintscher – inzwischen ein quasi antiker Komponist – erklingt und die Ohren der 20 noch lebenden Hamburger erfreuen wird (was der Altersspirale geschuldet ist). Immerhin kennt man ihn noch, im Gegensatz zu Dror Feiler und Pierre Boulez die aus Angst vor dem Internationalen Terrorismus als potentielle Bombenleger aus allen Musikbüchern gelöscht worden sind.

Musik wird dann gänzlich nur noch in Lofts oder anderen coolen Orten gespielt werden, der normale Konzertsaal hat ausgedient – daraus resultierend aber Halbbildung, Schwärmerei, Leere wohin man auch schaut. Auf jeden Fall aber leere Konzertsäle, die keiner zu mögen scheint, obwohl’s doch gut für die Akustik ist.

A propos Halbbildung: Auch das FAZ-Feuilleton hat gute Chancen auf das Unwort des Jahres, nur wird es nächstes Jahr schon nicht mehr so heißen, sondern „Christian Thielemann-Fanmagazin“. Da schauderts den Ästheten und den Anästheten, aber wir brauchen halt Neue Konzertformen, und die brauchen auch neue Musikertypen. Mit der musikalischen Bildung ist es deutschlandweit sicher nicht mehr so weit her, aber ob das Netzwerk Neue Musik oder Sounding D da Abhilfe schaffen können? Es bleibt abzuwarten…
Experimentelles Musiktheater hat auf jeden Fall ausgedient, denn das bestand 2010 vor allem aus Lichtorgelinstallationen oder ZKM-Diavorträgen. Vielleicht ist der neue Opernbegriff Open Space, so hieß nämlich das, was bei den diesjährigen Darmstädter Ferienkursen für viel oder auch wenig Furore sorgte.
Kompositionswettbewerbe sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren – entweder man ist zu alt, oder man wird verarscht, wie von Dennis Bathory-Kitsz, der den Spieß einfach mal umdrehte, und die teilnehmenden Musiker zu Sklaven der Komponisten machte (sonst ist es ja bekanntermaßen umgekehrt).

Dystopien, zuletzt in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesichtet, sind dagegen wieder in, denn keiner macht einem heute ein U für ein Dys vor, und alles befindet sich im Kulturtransit. Multikulti will man nicht mehr, stattdessen gibt es eine Integrationsdebatte, die von vornherein aussichtslos ist, denn wie man beim Spiel der Nationalmannschaft in Berlin neulich sehen konnte, haben sich die Deutschen Mitbürger ins türkische Berlin immer noch nicht richtig integriert (sonst hätten es ein paar mehr von ihnen ins Stadion geschafft). Habe ich schon das Wort Sparkurs erwähnt (siehe oben)? Vielleicht sollte man generell Kulturpolitik sagen, denn die hat wohl die musikalischen Gemüter mehr erregt als vieles andere dieses Jahr. Auch bei der GEMA geht es nicht mehr gemütlich zu – beim Prozess gegen youtube lassen einen die Schwestergesellschaften allein und intern gab’s großangelegte Betrugsversuche in Zusammenarbeit mit den allseits verhassten Geschäftsmodellern. Oh Gott, ich kann das Wort Urhebervergütung kaum noch schreiben, so oft liest man es. Da bin ich lieber ein Schamane und geh zum Amazonas. Dort gibt’s wenigstens kein Klassik Radio, wo man mit unvollständigen Musikstücken gequält wird.

Die Musikindustrie ist eingebrochen, aber gottseidank gibt es auch ein paar Aufbrecher, die gegen den Trend schwimmen. Helfen kann nur die Zweite Moderne, deren stete Propagierung eigentlich schon wieder postmodern ist. Ginge es aber nach Krysztof Meyer wäre allein schon das Wort Moderne ein Unwort, denn die wollen die Leute angeblich nicht mehr hören. Ist die Kulturkrise auch eine Demokratiekrise? Sind Preise zum Wegwerfen? Muss man den Abschied vom linearen Erzählen einleiten? All das ist voll schön und mir ist klar, dass Sie mich verachten, aber Moritz Eggert als Unwort des Jahres geht nicht, ist nämlich ein Name. Dann schon lieber den Begriff Motto nehmen, denn den wünschen sich viele in die Motti…äh, Mottenkiste. Gibt es überhaupt noch eine Szene Neue Musik? Was ist Szene, was ist inszeniert, was ist Hörempfehlung? All dem fehlt scheinbar die Relevanz, die die Kritiker so gerne in der Neuen Musik vermissen. Und Klänge klingen auch nicht mehr so gut wie noch vor 30 Jahren.

Musik ist für viele nur noch Ballast, daher muss man sie kaputtsparen. Andere wiederum entdecken gerade erst ihre Freude an der Musik, wie die tausenden von Vuvuzela-Virtuosen in Südafrika bewiesen: es gelang ihnen, selbst die spannendsten Spiele mit einer Art Terry Riley-Trance zu übertünchen, so dass sich schließlich auch die Nationalmannschaft entschloss, das Endspiel weniger spannend zu gestalten, als man es sich erhofft hatte. Dionysos, Dionysos, Dionysos – das ist natürlich kein Unwort sondern die größte Oper des Jahrtausends (von Wolfgang Rihm), leider nicht inszeniert vom Künstler des Jahrhunderts (Schlingensief). Eine Freude für das Servus-Feuilleton! Wenigstens erfüllt dieses noch einen Kulturauftrag, was man von den öffentlich-rechtlichen Sendern schon lange nicht mehr behaupten kann (siehe den NDR-Beitrag über Neue Musik). Das ist alles nur noch Kulturama, gottseidank kommt nachts um 1 noch manchmal Alexander Kluge oder so was.

Trotz des Kahlschlags soll es ja weiterhin Leute geben, die durch geschickte Antragsprosa weiter an Förderungen kommen, angeblich soll dies auch bald als Fach an Musikhochschule eingeführt werden. Wenigstens keine Leichtigkeitslüge, die indirekt das Intendantenkarrussell befördert, denn nur wer das Niveau nach unten schraubt und möglichst kein Geld dafür braucht hat die besten Chancen, diesen Job zu bekommen.

Wie auch immer – hiermit habe ich ein Jahr Bad Blog Revue passieren lassen. Ich höre jetzt lieber auf, bevor ich in eine Sackgasse der Versatzstücke gerate. Ein Unwort oder zwei werden sich aber in dem vorangegangenen Text doch sicherlich finden lassen, oder? Nee, Bad Blog geht nicht…

Oder doch?

Schickt die eclat-Tickets dann schon mal zu

Moritz Eggert

1 Antwort

  1. querstand sagt:

    Las „Urwort“ des Jahres, dachte sofort mich schüttelnd an Pfitzners Goethevertonung, brr…, wobei der finale Flügelschlag doch recht gefällt. Also „ure“ ich mich mal ins Gegenteil und wage mich an die Quelle allen Unwortsunsinns:
    Welches Musikstück ist denn das Un-Werk, die Un-Musik des Jahres, welche als Urwort ohne vorangestellt dann zugleich aber DAS Stück, DIE Musik des Jahres! Wer „igitt“ sagt, muss doch wenigstens irgendwas als „hui“ bezeichnen können, sonst müsste man eggys Liste in alle Ewigkeit fortsetzen…

    Wie sieht’s aus, oh Ihr orphanen orph’schen Blogleser?

    Mein Unstück und auch gleich mein Unwort des Jahres 2010:
    Maldoror!

    Das Stück des Jahres 2010:
    A Carlo Scarpa, schauderhaft von den Münchner Philharmonikern auf der Biennale exerziert, veränderte temporär das Leben, sonst leider eine sehr karge Ausbeute.
    Na, ein wenig Schedls Amazonas, sonst ist 2010 nur die „pole position“ für 2011, auf Arte immerhin Dusapins Quartette, aber Alles altes Zeugs oder bin ich unterinformiert?

    Wer weiß mir eine Antwort…

    … rätselt Euer A. Strauch