Dosenschlagen in New York, Teil 3: Gimme Shelter

Wie beschreibt man das BoaC-Marathon?
Man stelle sich ein großes Einkaufszentrum vor, überdacht, mit einem gigantischen Atrium, ein Brennpunkt des Viertels. In diesem Einkaufszentrum sollte voller Betrieb herrschen, es gäbe Cafès, Bars, Geschäfte, und tausende von Menschen strömten durch die Gänge. Im Herzen dieses Einkaufszentrums, in einer gigantischen Halle unter Glas, würde man eine Bühne aufbauen und auf dieser Bühne würde mann 12 Stunden lang ununterbrochen Musik bieten. Der Betrieb des Einkaufszentrums würde aber weitergehen, die Menschen würden sich direkt vor der Bühne unterhalten, am Geschehen vorbeigehen, telefonierend, laut lachend, einen Eiskaffee von Starbucks in der Hand („Decaf is out. You want something else?“, sagt eine Bedienung). Kinder würden schreiend zwischen den Reihen von Plastikstühlen umherlaufen. Die Musik wäre eher leise und dezent verstärkt und würde sich im unendlichen Hall dieses Einkaufszentrums verlieren, Konturen wären nicht mehr erkennbar. Ab und zu würden Menschen auf der Bühne auftauchen und etwas in ein Mikrophon murmeln, aber man würde sie nicht verstehen. Dann gäbe es wieder Musik, aber sie wäre wie ein Hintergrundgeräusch, das Rauschen einer Klimaanlage.

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Ungefähr so muss man sich das Bang on a Can Marathon vorstellen. Es ist gleichzeitig ein monströses, faszinierendes wie auch völlig unerträgliches Ereignis. Es ist die Zukunft wie auch der Untergang der Musik zugleich. Neue Musik, die freiwilig zu Muzak, zu Hintergrundmusik wird, sich dabei aber gleichzeitig dieses Zustands bewusst ist und durch verschiedene Extreme konterkariert und gleichsam auskostet.

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Die Downtown-Schule der Bang on a Can Komponisten um Julia Wolfe, Michael Gordon und David Lang bekennt ganz unverhohlen ihren Einfluss von Brian Eno, dem Meister der Musik für Flughäfen. Diese Musik ist stets Verlockung genauer hinzuhören, aber wenn man dies tut, verschwimmen ihre Konturen wieder.

Man kann die ganze Downtownschule um Komponisten wie Steve Reich und Philip Glass und viele anderen nur dann verstehen, wenn man diese Welt der Einkaufszentren und der ständigen Ablenkung kennt. Während in Europa Zuhörer tief ergriffen vor allem die rauschhaften und meditativen Aspekte dieser Musik schätzen, sind hier diese Stücke nie isoliert vom Klang der Stadt  Man muss sich dazu das Murmeln von Menschenmengen vorstellen, das Rauschen des Verkehrs, den Lärm der Strassenschluchten. Während Komponisten wie Ives noch versuchten (wie zum Beispiel in seiner 4. Symphonie) diesem Klang der Stadt eine Stimme und einen expressiven, gar romantischen Ausdruck zu verleihen, ist der Lärm hier schon in die Musik eingegangen und Teil von ihr geworden. Das heißt keineswegs, dass diese Stücke lärmend sind: Sie sind wie gedämpft, wie hinter der Scheibe eines Starbuck-Cafés komponiert. Sie sind voller beruhigender Symmetrien – die Orgelpunkte in der Musik der Bang on a Can – Komponisten sind so vorhersehbar wie die Quer-und Längsstrassen von New York, der Stadt in der man sich nicht verirren kann. Wie ein Uhrwerk, wie ein Raster laufen sie ab. Es hat etwas symmetrisch Affirmatives, wie der endlose Strom von Ubahnstationen, die alle exakt gleich aussehen.

Nicht umsonst heißt das letzte Stück des Abends „Shelter“, eine Gemeinschaftsoper von Wolfe, Lang und Gordon, die monolithische Texte über das Errichten von amerikanischen Häusern zum Thema hat. Hierbei ist bei aller kompositorischer Ordnung (die manchmal vor allem in den Vokalpassagen eine unerträgliche Penetranz bekommt) auch der Verfall mit einkomponiert. Der Inhalt des letzten Teils von „Shelter“ hat die Vergänglichkeit von jeglichen von Menschen gebauten Gebäuden zum Thema. Hierzu werden Bilder von von Hurricanes zerstörten Häuserreihen gezeigt und dazu wirft Michael Gordon eine unglaublich brutale Orchestermaschinerie an, die genau in dem Moment in dem man sie am Höhepunkt wähnt, noch einmal einen Zahn zulegt. Auch das eine Antwort.

Den ganzen Abend kommt es immer wieder zu skurrilen Momenten. Von der Spitze der Treppe verfolge ich Fausto Romitellis „Professor Bad Trip“ für Kammerensemble, ein ungewöhnlich langes Stück, das sich in jedem seiner Sätze mehr oder weniger um den Einschwingvorgang von zwei immer gleichen Akkorden bewegt, allerdings nicht im Downtown-Stil sondern in einem etwas nervöseren und weniger vorhersehbaren europäischen. Die Sonne geht hinter Glas unter und hinter uns bekommt eine Reisegruppe von einem enthusiastischen Schwarzen erklärt, wie Ground Zero bald in neuem Glanz wiedererstehen wird. „And this is what we’re gonna build!“ schreit er und hebt kitschige Architektenentwürfe hoch, unter dem Applaus seines All-American Publikums. Vielleicht ist das alles auch ein „Bad Trip“.

Ein Streichquartett spielt Xenakis auf der Freitreppe – neben mir rollt eine Frau einen alten Mann im Rollstuhl heran. Sein Kopf hängt herab- entweder lauscht er hochkonzentriert oder er ist einfach weggedämmert – zufälliger Besucher oder treuer Fan des Events?

Xenakis

Was gab es noch? John Hollenbecks Bigbandkompositionen mit ihm am Schlagzeug und den Vocals des fabelhaften Theo Bleckmann (dessen Stimme leider im Hall unterging). QNG mit mehreren Kompositionen, die spannendste von Dorothée Hahne, „Mortal Flesh“. Zwei erstaunliche Musiker aus Kirgistan die eine Art Maultrommel bedienen und deren elbenartigen Hüte irgendwann auf dem Kopf des bestens aufgelegten David Lang landen. Der Kontrabassist Florent Ghys aus Bordeaux, der französische Sprachmelodien auf dem Kontrabass nachspielt, ganz a la Steve Reichs „Different Trains“. Ein hervorragendes High School Ensemble mit lauter pickligen Jugendlichen, die superprofessionell ein belangloses Stück des englischen Musique-d’Ameublement-Fabrikanten Graham Fitkin spielen. Steve Coleman, Slagwerk Den Haag und das Jack Quartett. Ein Gamelangorchester mit E-Gitarre und DX7, der schreckliche Cembaloklänge über die komplexen balinesischen Stimmungen kleistert und sie damit banalisiert (ein Stück von Evan Ziporyn). Fred Frith mit den Bang on a Can All Stars. Buke und Gass, ein Duo, das mit 2 Gitarren und Basspedalen sowie diversen Samplern ein Inferno aus Klang erzeugt. Der Jazzgitarrist Vernon Reid, der sich mit seiner eigenen Elektronik an die Wand spielt. Das „Laptopkomponistengirl“ Mira Calix, das wie viele andere Komponisten der irrigen Annahme erliegt, es sei irgendwie interessant jemandem zuzuschauen, der hinter einem Mac-Laptop Samples auslöst und dabei mit dem Kopf wippt. Tim Brady, wieder elektrische Gitarre, dazu ein Videofeuerwerk. Burkina Electric, Lukas Ligetis neue Band, die eine Art Synthese Burkina Fasoscher Volksmusik mit eckigen Laptopaktionen versucht. Die afrikanischen Tänzer und Sänger gewinnen den Wettbewerb mit der Elektronik ohne Schwierigkeiten, während ihnen Ligeti auf dem Rockschlagzeug virtuos einheizt.

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Irgendwann brauche ich eine Pause und sitze mit den Mädels von QNG und dem neuen Leiter von Music at the Anthology, einem weiteren Festival in New York, am Kai, mit Blick auf die Hochhäuser von New Jersey, Tony Soprano-Land.. „New Jersey sieht so toll aus von hier – aber wenn man dort ist, ist es die Hölle, alles nur Vorgärten, Barbeque und amerikanische Flaggen“.

Ich war noch nie dort, aber ich weiß, wovon er redet.

Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. peh sagt:

    welchen komprimator du auch immer gewählt hast: läuft bestens.

  2. eggy sagt:

    :-)
    Die größte Herausforderung in New York ist, dass mein Bruder (bei dem ich wohne) in Brighton Beach wohnt, das ist bei Coney Island, am unteren Ende von Brooklyn. Zur Columbia University zum Beispiel brauche ich daher 1 1/2 Stunden mit der U-Bahn – das ist so als ob man in München Termine hat aber zwischendrin in Ulm übernachtet. Daher viel Zeit für Komprimierung in der U-Bahn!