palestrina politics

Wer hätte das gedacht. Da macht man sich so seine Gedanken über das Musikalische und das Politische, das Aktuelle und das Allgemeine, man hirnt so hin und her und wird dann hinterrücks erwischt – von Hans Pfitzner.

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Es war der 30. Juni, ein schrecklicher, WM-freier Tag, ein Brückentag zum Viertelfinale. Darüber hinaus der Tag, an dem Deutschland einen neuen Bundespräsidenten bekommen sollte. Ich entschloss mich daher zu einem Besuch in der Frankfurter Oper, um einem anderen außergewöhnlichen Ereignis beizuwohnen: einer „Repertoirevorstellung“ von Hans Pfitzners „Palestrina“ unter der musikalischen Leitung von Kirill Petrenko.

Repertoirevorstellung ist bei diesem Stück natürlich hoch gegriffen – auch wenn es nun binnen kürzerer Zeit München, Frankfurt und Hamburg (in der Münchner Inszenierung) gelaufen sein wird, ist der dicke Schinken von Hans Pfitzner längst kein „Standard“, dabei muss sich diese Musik doch vor keinem Wagner, Schreker, Zemlinsky und keinem Strauss verstecken.

Allerdings ist der Gegenstand natürlich auf den ersten Blick ein Sperrigerer: kein Mythengehabe, kein Lustverlangen. Bloß ein Komponist des 16. Jahrhunderts, der nach dem Tod seiner Lebensliebe den Funken der Inspiration verloren hat, der sich vom Fortschritt – verkörpert in seinem Schüler Silla – bedroht fühlt und zu allem Überfluss vom Klerus gezwungen wird, eine neue Messe zu schreiben: DIE neue Messe, die dem Konzil unter Papst Pius IV. den Entschluss nahe legen sollte, dass es frevelhaft wäre, die „figurale“, mehrstimmige Musik einer ausschließlichen Rückkehr zum gregorianischen Choral zu opfern. „Entweder meine Musik verbrennt schnell im Feuer der Retroreformer, oder sie zerfällt in Jahrhunderten zu Staub“ – ein schnelles und ein langsames Vergessenwerden erscheint dem Komponisten die fruchtlose Alternative seines vergeblichen Wirkens. Ja, hier steht Sisyphos, der glückliche Moderne.
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In der Inszenierung von Harry Kupfer aus dem vergangenen Jahr erfolgt die Aktualisierung in der Metamorphose des Konterfeis von Palestrina und seinem Antagonisten Pius IV. in die Fratze Stalins und des Komponisten Schostakowitsch. In der abstrakten, formal sehr geradlinigen Bühne und in abstrahierenden Kostümen, die das Klerikale mit dem Geheimdienstlich-Militärisch-Kommunistischen vereinigen erzeugt Kupfer ein mehrdeutiges Gefüge der Macht und der Unterdrückung, in dem der Künstler gnadenlos aufgerieben wird – folgerichtig stirbt der Künstler am Ende des ersten Aktes – angefeuert durch seine Vorfahren, verausgabt im Schaffensrausch. Ein schöner Tod, im Vergleich zum zweiten, den ihm die Herrschenden mit ihrem Jubel über sein Werk bereiten werden: Künstlern, die sich gegen ihre Vereinnahmung nicht mehr zu wehren vermögen, ist nicht zu helfen. Sie sind unrettbar, und der Stacheldraht, auf dem sie zunächst gebettet, symbolisiert ihre Freiheit, verglichen mit den petrifizierenden Orden, Kränzen und klingenden Sargnägeln: „viva palestrina!“

Wer das Stück kennt, der weiß, dass auf den rauschhaft-apotheotischen Schluss des ersten Aktes ein schier unerträglicher und dramaturgisch untragbarer Akt folgt, in dem das Gemaggel des „unendlichen Konzils“ nachgezeichnet wird, dessen Beschlüsse Papst Pius IV. 1564 nach 23 Jahren zäher Verhandlungen für die gesamte Kirche in Kraft setzte. (Fast so absurd wie die Idee, eine Klimakonferenz als Vorlage für einen Musiktheaterabend zu nehmen, aber wer käme schon auf so einen Blödsinn!)

Was sich am 30. Juni zutrug, als der Vorhang zum 2. Akt sich öffnete, konnte niemand ahnen. Schon gar nicht Intendant Bernd Loebe als er vor einigen Jahren Palestrina programmierte und als Disponenten Jahre später einen Vorstellungstermin für diesen heissen Mittwochabend terminierten. Damals wusste ja noch niemand, dass ein deutscher Bundespräsident sich zum Horst machen würde und sein Amt ablegt wie ein Paar alte Socken. Damals konnte man ja noch nicht ahnen, dass eine Machtpolitikerin jenseits ihres Zenits die Gelegenheit sausen lässt, ein Land zu einen, indem sie einen Bundespräsidentschaftskandidaten aufstellt, der von der Bevölkerung getragen wird. Und selbst als man das alles wusste, hätte man sich ja gar nicht zu erträumen vermocht, dass tatsächlich ausreichend viele Mitglieder einer Bundesversammlung von ihrem Wahlrecht dergestalt Gebrauch machen, dass es am Ende nach echter Demokratie aussah, das, was sich zur gleichen Zeit in Berlin zutrug, während im Frankfurter Orchestergraben die Post abging.

Szenenfoto der Frankfurter Palestrina-Inszenierung (C) stern.de

Szenenfoto der Frankfurter Palestrina-Inszenierung (C) stern.de


Man betrat die zweite Hälfte der Vorstellung im Wissen, dass der dritte Wahlgang in Berlin bald beginnen würde. Während auf der Bühne feiste Kardinäle nach Diäten und Verpflegung gierten und sich ob des verlängerten Aufenthaltes gar nicht traurig zeigten, meldete der Bild-Ticker, dass in Berlin das Bier bereits in Strömen floss und Bundestagspräsident Lammert für die Eröffnung des Büffets mit Applaus bedacht worden sei. Meldungen über Fraktionsvorsitzende, die ihre Mannschaften um sich scharten und Einheit beschworen, wurden auf der Bühne aufs Trefflichste von Politreden der Kurie karikiert. Die komplizierten Verhandlungen des Trienter Konzils waren kein Abbild einer historischen Begebenheit, WIR WAREN DABEI, es waren die harten Verhandlungen eines langen Tages, ALS DER NEUE BUNDESPRÄSIDENT, ein unendliches Tauziehen um einen unendlich schwierigen Beschluss, GEWÄHLT WURDE es war ein Machtkampf! So ganz ohne Regisseur, nur so ganz allein mit dieser 93 Jahre alten Musik und diesem MENSCHENTHEMA.

Als die klerikalen Machthaber auf der Bühne zum letzten Mittel griffen und die „Abweichler“ mit Folter bedrohten und brutal niedermetzeln ließen, in just diesem Moment erreichte mich die Meldung, dass Joachim Gauck die Augen schließen würde, als ob er weinen müsse. Was nur natürlich ist.

Szenenfoto der Frankfurter Palestrina-Inszenierung. Hier entkommt der Komponist dem Konzil knapp mit dem Leben.

Szenenfoto der Frankfurter Palestrina-Inszenierung. Hier entkommt der Komponist dem Konzil knapp mit dem Leben.


Im Orchestergraben der Frankfurter Oper waren Mikrophone postiert für einen Live-Mitschnitt, der in Zusammenarbeit mit dem Label Oehms-Classics entsteht. (Wie schon andere schöne Aufnahmen aus der Frankfurter Oper.) Sollte die Aufnahme dieser Palestrina-Aufführung eines Tages erscheinen, möge man sie gerechterweise dem gloriosen Verlierer dieser Präsidentschaftswahl widmen: Joachim Gauck.
(Einem Mann, der nicht mit einem unbedeutenden niedersächsischen Lokalpolitiker zu verwechseln wäre.)

Anders als er es selbst wohl je vermutet hätte, bekam Pfitzner recht, der forderte: „Ehret eure alten Meister“.

Musikjournalist, Dramaturg

3 Antworten

  1. mwallraff sagt:

    Ich hatte auch das Glück in Frankfurt und nicht in Berlin zu sein. Und obwohl ich keinen Liveabgleich von Oper und Bundesversammlung zur Hand hatte, phahn hat es treffend beschrieben: Der 2. Akt war wirklich eine Art satirische Parallelveranstaltung. Die Pros und Cons von figuraler Musik in der Messe werden auf dem dargestellten Konzil überhaupt nicht erörtert – ebenso wenig wie es Angela Merkel und Co. um die Qualitäten des zukünftigen Bundespräsidenten ging. Schwierige Fragen werden im machtpolitischen Poker einfach undiskutiert hin- und hergeschoben, bis die Mehrheit da oder das Thema vergessen ist.
    Der 2. Akt ist damit für mich der moderne Teil, weil er gesellschaftliche Entscheidungswege hinterfragt, die nach wie vor problematisch sind. Dagegen ist die Darstellung des Künstlers als leidendes Genie von Pfitzner zwar facetten- und spannungsreich dargestellt aber Genie und Einsamkeit sind meiner Meinung doch eher ein 19. Jahrhundert-Thema und eigentlich auch nicht besonders bühnentauglich.
    In diesem Sinne hoffe ich, dass der 2. Akt tatsächlich zur Klimakonferenz-Oper inspiriert.

  2. peh sagt:

    danke für die ergänzung! ob bühnentauglich oder nicht ist natürlich das künstlerdrama eines DER bühnenmotive überhaupt. und ob du’s glaubst oder nicht: die klimakonferenzoper gibt’s ja wirklich schon: http://www.goethe.de/ins/pt/lis/prj/ama/deindex.htm

  3. eggy sagt:

    Ich krieg ja wieder gar nichts mit hier in diesem Kaff, Big Apple oder wie das auch immer heißt!