Keine Illusionen?

Die Darmstädter Ferienkurse im neuen Gewand? – Eine Webseitenanalyse

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Am 17. Juli beginnen die 45. Internationalen Ferienkursen für Neue Musik. Seit einigen Monaten hat das ausrichtende Internationale Musikinstitut Darmstadt eine neue Webseite.

Am 01.02.10 hieß es auf dieser Seite über die Ferienkurse, sie seien ab sofort:

anders, neu, bewährt.

Werbedeutsch? Realität? Wunschdenken?

Verrät ein Blick auf die Webseite, was wirklich zu erwarten ist? Hier eine kleine Vorabanalyse.

Am Anfang steht die Anmeldung. Will man als Kompositionsstudent bei den Ferienkursen mitmachen, muss man für die Teilnahme über – für junge Menschen nicht gerade geringe – finanzielle Mittel verfügen. Das ist bei anderen Kursen (z. B. rein instrumentalen Meisterkursen) allerdings auch so, dort wird sogar meist mehr verlangt und die Meisterkurse dauern auch nie zwei ganze Wochen. Bis zu den diesjährigen Ferienkursen konnte man sich aber als Student für ein Stipendium bewerben. Seit 2010 gibt es das nicht mehr. Die Folge wird sein, dass sich viele Komponisten die Teilnahme schlichtweg nicht leisten können. Sicher, der Grund für die Streichung der Stipendien wird nicht Bosheit, sondern finanzielle Knappheit gewesen sein. Trotzdem mag ein schlechtes Gewissen zurückbleiben. Man stelle sich einen jungen, ungemein begabten Studenten aus Ungarn vor, der aus einfachsten Verhältnissen kommt… Ok, vielleicht Sozialkitsch, vielleicht aber auch ein Stück ab sofort zu verdrängende Realität.

Ein Blick auf die Dozenten 2010:

Georges Aperghis (zum zweiten Mal dabei)

Ludger Brümmer (erstmals dabei)

Christian Fennesz (erstmals dabei)

Brian Ferneyhough (zum achtzehnten Mal dabei)

Orm Finnendahl (erstmals dabei)

Liza Lim (zum zweiten Mal dabei)

Francisco López (zum ersten Mal dabei)

Franz Martin Olbrisch (zum sechsten Mal dabei)

Enno Poppe (zum zweiten Mal dabei)

Jorge Sánchez-Chiong (zum ersten Mal dabei)

Rebecca Saunders (zum zweiten Mal dabei)

Vladimir Tarnopolski (zum ersten Mal dabei)

Hans Thomalla (zum ersten Mal dabei)

Also tatsächlich: einige neue Dozenten. Ich sehe das Hauptproblem der Anti-Diskussionskultur in Darmstadt (jedenfalls meine Erfahrung von 2008) allerdings in dem von mir durchaus sonst geschätzten Ferneyhough, der seit 1976 die Ferienkurse wie kein anderer geprägt hat – und dort Dauerdozent ist. Ferneyhough ist für mich insofern ein paradigmatischer Darmstadt-Dozent, als dass mit ihm sich die Diskussion von ästhetischen (früher: Stockhausen, Boulez usw.) zu rein technischen Inhalten („Wie notiere ich eine Violinfigur mit 17:13 128steln gegen eine durchbrochene 64stel-21:11-Figur mit einzelnen Kunst- als auch Naturflagoletts?“) verschoben hat. Ihn interessiert es nicht, ob man diesen oder jenen Komponisten angreifen könnte, weil er beispielsweise Dinge wie „Pathos“ in seiner Musik nicht reflektiert und einfach behauptet, dass einfach so „gewollt“ zu haben – oder vorgibt, alles aus seinem ganz eigenen Inneren empfunden zu haben, obwohl es nach schlechtem Lachenmann mit Orff-Rhythmen klingt. Ferneyhough interessiert die Schreibweise von komplizierten Figuren und ob das in dem Notenschreibprogramm Finale oder in Sibelius besser aussieht. Jedenfalls redete er 2008 fast ausschließlich über solche Dinge. Oder hat jemand andere Erfahrungen gemacht?

Die neue Webseite des Internationalen Musikinstituts Darmstadt schmückt sich mit Zitaten, die jeweils über den einzelnen Seiten stehen:

Darmstadt ist eine Art Hydepark, wo im Prinzip jeder, der etwas zu zeigen, vorzuführen, zu diskutieren hat, potenziell sich präsentieren können, sollen, dürfen muss. (Helmut Lachenmann)

Das klingt im ersten Moment gut. War aber 2008 nicht Realität. In den Studiokonzerten am Ende der Ferienkurse konnten einzelne Studenten bis 2008 tatsächlich ihre Werke präsentieren. Aber die mangelnde Vorbereitung, die auch der mangelhaften Organisation der Ferienkurse geschuldet war, machte nur die Realisierung von relativ einfach zu spielenden Werken möglich. Ästhetisch schmerzhaft unakzeptabel.

Die Studiokonzerte gibt es ab 2010 nicht mehr.

Dazu heißt es auf der Webseite: Die übliche Form der Studiokonzerte, die meist an den letzten drei Kurstagen stattfanden, wird verändert. Stattdessen werden mit Beginn der Ferienkurse Werkstattkonzerte als gleichsam „offene Bühne“ am Nachmittag eingeführt, in denen sich einzelne oder gemeinsame Klassen, einzelne Musiker oder kleinere Formationen, komponierende Performer oder performende Komponisten mit oder ohne DozentInnen in kürzeren Slots präsentieren können.

Das klingt, entschuldigung, leider nicht besonders ambitioniert, sondern einigermaßen schwammig. Muss man nicht fragen: geht es den Darmstädter Ferienkursen wirklich um die Motivation, die Förderung, die Anreicherung von Erfahrungen junger Komponisten? Oder wird Darmstadt immer mehr zu einem reinen Karriere-Center für die eh schon Großkopferten, zu einem Musikfestival mit Begleitprogramm (das allerdings dieses Mal wirklich lohnenswert zu sein scheint: „Schreibwerkstatt“ und „Research“. Diesen Teil der Erneuerung lob ich mir. Endlich wieder mehr Reflexion im Programm. Herzlichen Glückwunsch.)

Angesichts vieler eingeladener Elektronik-Komponisten wirkt der folgende – aus Darmstadt leider wohlbekannte – Passus etwas scheinheilig: Bitte bedenken Sie, dass im Rahmen der Ferienkurse keine sehr aufwändigen Stücke realisiert werden können und dass viele Extras (Klavierpräparationen, aufwändige Technik, nicht vorhandene Instrumente) ein Grund für die Ablehnung Ihres Programmvorschlags sein können.

Dabei ist zu betonen: nur die Stücke der Teilnehmer dürfen nicht aufwändig sein. Ferneyhough und Co schreiben freilich weiterhin komplex – und die Elektronik-Dozenten werden ja sicherlich auch mit ihren mitgebrachten Werken höchste Anforderungen an die Darmstädter Logistik stellen, nicht wahr?

Ich weiß: das kostet alles Geld und ist vielleicht unrealistisch. Vor allem, was die langfristige Planung etwaiger Studentenaufführungen mit elektronischem Aufwand usw. angeht. Trotzdem würde ich da mehr Verantwortung und mehr Einsatz fordern. Vielleicht entgeht da einem ja sonst etwas sehr Wertvolles…

Zum nächsten Darmstädter Webseiten-Zitat:

Die jüngere Generation wäre eigentlich an der Reihe, ihre Vorgängergeneration herauszufordern oder abzulösen, gegen sie zu rebellieren. (Martin Schüttler)

Hier habe ich mich dann doch sehr gewundert. Warum taucht dieses Zitat des von mir sehr geschätzten Martin Schüttler ausgerechnet an dieser Stelle auf? Um die Ambition der künftigen Ferienkurse zu unterstreichen? Dann: ein großes Lob für diese Ambition und viel Erfolg bei der Realisierung (nicht ironisch gemeint). Wenn damit gesagt werden soll, dass die Ferienkurse in der Vergangenheit (z. B. im Jahr 2008…) von zu wenig Rebellionsfreude der jungen Generation geprägt waren, dann lässt sich darauf nur antworten: hier wurden grundsätzliche Diskussionen, wurde Rebellion überhaupt nicht zugelassen bzw. unterdrückt bzw. belächelt bzw. verschoben bzw. schlecht ironisiert (und zwar nicht von mir). Wirklich, selbst mit meiner immer präsenter werdenden Altersmilde muss ich darauf beharren: richtig diskutiert wurde in Darmstadt 2008 nicht. Wenn es 2010 so sein sollte: yeah.

Überhaupt: in der jungen Generation (nicht nur der Komponisten) steckt wesentlich mehr Rebellionskraft, als es die mittlere und 68er-Generation wahrhaben will. Nur ist die Form der Rebellion und die subversive Realisation (politisch, künstlerisch, medial) dieser Rebellion viel differenzierter geworden. Und damit unüberschaubarer, weniger einfach zusammenfassbar, sprich: leichter zu leugnen.

Anders gesagt: 2008 ist die ältere Generation (Ferneyhough, Tsangaris und Co) der jüngeren Generation ausgewichen, jedenfalls immer da, wo es für die ältere Generation brenzlig wurde.

Deshalb kann auch nur das folgende Zitat als Hoffnung auf die Darmstädter Zukunft gemünzt sein:

Die Erweiterung von Darmstadt hat immer dann Sinn, wenn die Dialoge erweitert werden. (Enno Poppe)

Denn wenn die (ich betone – für einige vielleicht überraschend, dass gerade ich das tue – vielversprechenden) Ambitionen der Ferienkurse 2010 im Rückblick bloße Ambitionen bleiben, dann bin ich geneigt, einem weiteren Darmstädter Webseitenzitat zu widersprechen:

Bitte, machen Sie sich keine Illusionen, es sei früher besser gewesen, das ist alles Utopie! (Karlheinz Stockhausen, 1970)

Denn dann würde tatsächlich früher alles besser gewesen sein. (Früher = hier: vor 1976).

[PS: Ich werde aus Darmstadt übrigens nicht bloggen. Wiederholungen können musikalisch sehr schön sein, siehe Bernhard Lang. Textlich nicht immer. Und erstens öden mich meine eigenen Texte momentan irgendwie an und zweitens schaffe ich es aus beruflichen Gründen höchstens, auf eine Stippvisite nach Darmstadt zu kommen.]

[PPS: Hier noch ein CD-Tipp.]

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

11 Antworten

  1. Danke für diesen Überblick, Kollege!
    Die neuen „Werkstattkonzerte“ klingen als Konzept ganz schlimm – anderes wiederum lässt hoffen.

    Zu meinem großen Erstaunen wurde ich dieses Jahr sogar nach Darmstadt eingeladen (ok, natürlich weder als Dozent noch als Komponist, wo kämen wir da hin!) sondern zu einer Podiumsdiskussion, und auch nicht von Schäfer sondern von Stefan Fricke, kann aber nicht kommen, weil wir mit „Amazonas“ in Sao Paulo sein werden.
    Von da blogge ich aber, versprochen!

  2. Termin-Probleme – oder andere Ängste?
    Lieber Arno, bist Du sicher, dass Du den Darmstadt-Anmeldetermin nur verpasst hast, weil Du Deinen Selbstbewusstseins-Dackel Gassi führen musstest? Oder war Dir die Anschaffung eines wasserdichten Regenschirms, der Ankauf von Aspirin bzw. eines 48-Stunden-Deos zu aufwändig?
    All das wäre unprofessionell.
    Auf einleuchtendere Ausreden gespannt ist:
    Theo
    geissler@nmz.de

  3. Schalalala sagt:

    Ah, wieder ein Beitrag von Theo „früher-war-ich-links-heute-bin-ich-nur-noch-besoffen“ Geissler. Mehr davon!

  4. Lieber Stefan, gern… Dein Theo

  5. In der Tat schreckt das Bla-bla, das auf der IMD-Homepage abgelegt ist eher ab.

    Kostproben:

    2010 soll das Thema in Form von verschiedenen Präsentationsangeboten möglichst kontrovers und ästhetisch vielgestaltig diskutiert werden.

    ENSEMBLE 2010
    Mit ENSEMBLE 2010 steht bei den diesjährigen Ferienkursen ein modular gedachtes und nach verschiedenen Seiten durchlässiges Projekt im Zentrum. Es versucht, den Gegebenheiten der Praxis im Bereich der Neuen Musik in besonderer Weise Rechnung zu tragen und bietet erstmalig auf breiter Basis Ausbildungsinhalte an, die auf die Arbeit von und mit Ensembles für Neue Musik zugeschnitten sind.

    Fennesz gestaltet seinen Beitrag zum Atelier Elektronik als „öffentliches Studio“: In einer Art Kopie seines Wiener Studios stellt der Musiker seine Arbeit öffentlich aus. Die Kursteilnehmer können Fennesz bei seiner Arbeit in allen Facetten zusehen, sich dann aber auch verstärkt in die Arbeit dieses Studios selbst einbringen – entweder mit akustischem oder elektronischem Instrumentarium, aber auch mit eigenen Sound Files.

    Es ist ein besonderes Anliegen des Ateliers, vielfältige Verbindungen zwischen Interpretations- und Kompositionsklassen aller Teilnehmer zu erreichen.

    Liza Lim wird dabei über einige wesentliche Aspekte ihrer Musik mit Blick auf Patterns chinesischer und australischer Aboriginekunst referieren. Dabei sind für sie rituelle Inszenierungen als Transformation ekstatischer und spiritueller Erfahrungen von besonderem Interesse. Liza Lim bezieht sich in ihrer Ästhetik auf die Philosophie von Elizabeth Grosz, für die Kunst und Natur in gleicher Weise mit Strukturen des „Überflusses“ in dem Sinne verbunden sind, als „Intensitäten“ grundsätzliche Voraussetzungen für das Überleben des Einzelnen darstellen. Lim hat ein besonderes Interesse an der Figur der „Präsenz“, die der ästhetischen Form zugrunde liegt und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der Frage, wie „Intensität“ körperlichen Ausdruck in der Performance erlangen kann.

    Meine kompositorische Arbeit basiert zu einem Großteil auf Field Recordings, die die die Grundlage für mein Klangmaterial sowohl für die Studioarbeit als auch als für die Live-Performances bildet. Diese Praxis hat einen Werkkorpus hervorgebracht, der auf irregulären Stimmungen und räumlichen Eigenschaften ebenso beruht wie – mit Blick auf Spektren und Dynamiken – auf einer sehr breiten Klangpalette. Im Gegensatz zu vielen anderen Field Recordings ist meine Arbeit nicht vom Aspekt der „Repräsentation“ inspiriert, sondern ich verstehe dieses Klangmaterial eher als musikalische Blöcke oder rohes Material, das im Zuge der kompositorischen Arbeit geschliffen, transformiert und strukturiert wird.
    Mein ganz persönliches Interesse an einem Workshop ist nicht zuerst technischer, sondern vor allem historischer, philosophischer und konzeptueller Natur. Ich denke, wir leben heute in einer Welt, in der technische Tools und Strategien sehr weit verbreitet, zugänglich und für jeden greifbar sind, wohingegen die philosophische Reflexion und die historische Perspektive im Vergleich dazu heute immer stärker in den Hintergrund treten – auch für Komponisten und Klangkünstler.

    Das alles sind PR-Leerhülsen, Positionen kann man darin kaum erkennen.
    Ich kann auch keine Links zu Positionen fnden.

    Beste Grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –

  6. @ Darmstadt 2010 und die folgenden …,

    Diesen Beitrag betrachte ich mal in ein paar Punkten
    als „ungefragt eingesannten“ „Darmstadt- Gastbloggerbeitrag“ und widme ihn (ausnahmsweise) der nmz, nachdem ich locker von Arno am Rande der Märzmusik (mit entlarvendem, versöhnend-harmonisierenden „Paparazzi-Foto“) angesprochen worden war, ob ich nicht (statt Arno) Lust gehabt hätte, die 14 Tage nach DARMSTADT zu fahren und dort über die Konzerte und die neuen Veranstaltungen etc. pepe als „Badblog“-Augenzeuge zu bloggen …
    Aus Zeit- und Geldgründen ist mir das leider aber nicht möglich. Zudem wollte und will ich auch nicht mir alle Konzerte antun und – selbst als Komponist – Kollegen „durch den Kakao“ ziehen oder von „schlechten Konzerten“ etc. schreiben. Denn was brächte das wiederum? Ich bin Komponist, mach mein Ding, will durch meine Musik sprechen in erster Linie. Die KRITIK (bzw. eine (system-)kritischere Neue Musik-Kritik gegenüber dem sich etablierenden Mainstream obläge einer mutigeren Musikwissenschaft und mutigeren Medien (sofern sie noch EInfluss und Möglichkeiten haben, das zu verwirklichen).

    Daher nur hier ein paar allgemeine DARMSTADT-Anmerkungen in den schwülen Juni-Vormittag hinein improvisiert…

    Finde, ähnlich vielleicht wie wechselstrom (ich war ja schon 3 mal in Darmstadt 98, 2002 und 2008), dass die neue Website und das angeblich „neue Konzept“ zuerst einmal BEWEISEN müssten, dass dahinter WIRKLICH ein neuer GEIST und eine neue Grundeinstellung und eine Reform zu mehr Demokratie und ein Verzicht auf die alleinige (bzw. immer noch zu große) Macht der „Institution“(„Akademie“) weht.

    Ich befürchte, hinter den neuen, erst mal toll klingenden Formulierungen und Vorsätzen für 2010 verbirgt sich ein neues „In-Worte-Packen“ oder gar ein Verstecken alter, bekannter Hierarchien, die aber NICHT nur Darmstadt typisch sind sondern überall mehr oder minder an zu treffen:

    -Hierachie A: Hier die „DOZENTEN“/PROFESSOREN“ dort die „Studenten“ (bzw. die Art wie man wahrgenommen, behandelt wird, welche Präsentationsmöglichkeiten man dann tatsächlich bekommt, wenn man schon das viele Geld (immer mehr) für die Teilnahme als Komponist/Interpret selbst bezahlen muss und immer weniger Stipendien/Teilstipendien möglich sind! (In Skandinavischen Ländern Z.B. bekommen mehr Komponisten (vor allem auch mehr einheimische Komponisten) mehr Unterstützung, ist staatliche Förderung von Komponisten mehr ein ANLIEGEN: Hier zu Lande bekommen dann allenfalls einige internationale junge Komponisten eine Chance auf ein Teilstipendium bzw. Hilfen, um sich Darmstadt überhaupt leisten zu können.)

    -Hierarchie B: Hier „Meisterschüler“ bzw. „Komponisten mit Empfehlungen renommierter Komponisten“/ bzw.protegiert, im Vorfeld zu abendlichen Orangerie-Konzerten „auserkoren“ dort die teilnehmenden und zahlenden „Zuhörer“.

    Einzig im Ensemble-Bereich weisen mir die Neuerungen, dass VIEL MEHR JUNGE ENSEMBLES, begabte Ensembles wie z.B. das Sonic Arts Saxophonquartett etc. dann die ausgewählten Werke des Call for Scores spielen, wirklich substantiell in eine SEHR ERFREULICHE RICHTUNG zu weisen. Ebenso die Einladung (wie arno schon anmerkte) einiger (und etwas mehr) Namen als Dozenten/Podiumsteilnehmer etc. die wirklich NEU sind und die nicht schon (wie die meisten Dozenten, 3-5 mal da waren, oft sogar 2 und mehrmal hintereinander).

    Ob also wirklich Darmstadt erneuert wird, offener diskutiert wird, dort mehr Teilnehmer mehr Chancen bekommen – nicht nur in muffigen Turnhallen hektisch Einstudiertes oder nun in sogenannten öffentlichen Probe-„Sessions“ (oder wie immer man es umtauft) – öffentlich zu präsentieren (als Folge von Zeitmangel oder nicht durchdacht organisierter zu später Verteilung- des Notenmaterials), das darf erst mal bezweifelt werden.

    Es sieht, wenn man schon mal allein der Website folgt, erst mal nicht so aus, bzw. man darf sehr misstrauisch bleiben. Ebenso wenn man liest, dass man sich als junger Komponist mit Partitur für öffentliche Probe-Sessions bewerben kann bzw. dafür (als weniger unter vielen Einsendungen) AUSGEWÄHLT WIRD ABER dennoch dann die gesamten Kurse aus eigener Tasche bezahlen soll, nicht nur Unterkunft etc. sondern auch noch die Teilnahmegebühr!
    Man hat also nicht mal ein richtiges öffentliches KONZERT,
    sondern bekommt eine öffentliche Probe, wo dann mal dies und das „locker angespielt“ wird und das war´s…

    Was soll man davon halten oder an öffentlicher Anerkennungschance haben als junger Komponist? Die Kurse
    haben damit aber einen zahlenden Teilnehmer mehr und können diesem dann noch das Gefühl geben auf Grund der „Auswahl“ selbst zahlend „dabei sein“ zu „dürfen“… Ist das nicht „großzügig“ von „Darmstadt“? (denn ein junger, unbekannter Komponist wird dennoch die „Einladung“ dann nicht ausschlagen und auf eigene Kosten zu der öffentlichen Probesession anreisen und die Kurse aus eigener Tasche zu zahlen um sich nichts zu Verbauen für die Zukunft…).

    Weitere Singale sind z.B. (welche in Richtung sogar Verfestigung von Hierarchien und Hermetik weisen) sind:

    1. dass man als Komponist nun nur noch zu den Calls for Scores PC-geschriebene, bzw. DIN A 4-gerechte Layouts/ PDFs)schicken solle (als ob Handschrift und Format ein Zeichen minderer QUalität sei, eher das GEGENTEIL! Bzw. sekundäre pragmatische Aspekte wie Format (ob A4 oder 3-Zusendung oder ob auf elektronischem oder postalischen Wege) – solange das Notenmaterial selbst schlüssig und sauber vom Komponisten lesbar erstellt ist etc. sollten NIEMALS in einer Vorauswahl oder Bewerbungsverfahren darüber entscheiden, wer welche Partituren dort hin schicken kann.

    2. Eine weitere WESENTLICHE (sehr negative!) Einschränkung im Vergleich zu früher ist, dass Partituren „unangefragt“ i.Ggs zu früher erst gar nicht mehr an das IMD geschickt werden sollen sondern nun (neu): nur noch auf die konkreten „Ausschreibungen“ hin bzw. Dort vor allem (neu) auch noch begrenzt nach Ensemble und je Komponist begrenzt.

    Aber dies alles KANN natürlich sich als Irrtum heraus stellen bzw. zu hoffen wäre, dass diese negativen Formalia in 2012 korrigiert werden. Zu wünschen wäre es Darmstadt und der „Neuen Musik“.

    Also, Herr Schäfer (der neue Leiter heißt wieder Schäfer – Ironie des Zufalls?),wenn Sie diesen Blog lesen gelegentlich:

    a) obige Punkte (1 und 2) mal ernsthaft überdenken
    b) Kritik und das Schaffen aller grundsätzlich ernst nehmen, unbesehen des Bekanntheitsgerade und der Beziehungen zum Beispiel.
    c) wieder (mehr) Studiokonzerte anstatt weniger bzw.
    die „Form“ verändern/die Abschaffung zu kaschieren. Dafür die Studiokonzerte (oder wie wäre es nur mit dem Titel „KONZERTE“ ) nicht in Turnhallen sondern auch an renomierten und würdigen öffentlichen Orten im Raum Frankfurt-Darmstadt, wo auch dann mehr Publikum von AUSSERHALB hin kommt und nicht nur überwiegend die Komponisten und Teilnehmer der Kurse sich selbst zuhören und beklatschen.

    d) für mehr Probezeit- und Möglichkeiten sorgen, wo die
    Teilnehmer Instrumentalisten und Komponisten die ZUVOR (lange vor ihrer Anreise!) erhaltenen Partituren und Stimmen der teilnehmenden Komponisten INTENSIV und LANGE bzw. einigermaßen in Ruhe proben können, einzeln UND in den formierten „Ensembles“, während der 1.und 2. Woche der Kurse. Anstatt dass (wie 2008) Musiker, die Werke bekommen, dies sie dann in 10 Tagen am Ende der Ferienkurse spielen sollen, vor Wartelisten an Übezellen stehen und nur 2-4 Std. während der ganzen Kurse überhaupt dann die Noten eines viel zu spät erhaltenen Werkes einstudieren können!).

    (Ergo also, wie Arno Lücker schon richtig anmerkte oben: sind dann – bei den schlechten Rahmenbedingungen – nur relativ „leichte“ Werke gut spielbar. Bei bei den wirklich komplexen oder dynamisch-rhythmisch etc. aus differenzierten oder experimentellen Werken mit avancierten Spieltechniken muss dann notgedrungen „gefuscht“ werden so gut es geht und junge Musiker wie Komponisten sind dann gleichermaßen unzufrieden und fühlen sich wenig ernst genommen…Und nur das „leichte“ oder „Klischeehafte“ oder „Plakative“, „leicht pragmatisch Umsetzbare“ wird dann mal wieder mitunter
    „erfolgreich“ rüber gebracht für das Puiblikum und allseits mehr beklatscht…).

    Also, diese verbesserungsbedürftigen Strukturen und Rahmenbedingungen zeigen allein schon (senden das Signal aus), dass sich die Neue Musik (bzw. in dem Fall Darmstadt) innerhalb der breiten Öffentlichkeit und einem Gesamtgesellschaftlichen kulturpolitischen ANSPRUCH selbst eigentlich viel zu wenig „ernst“ nimmt. Eine solche Struktur legt nahe: wir sind was „Besonderes“,eine „Elite“ (innerhalb derer es wieder eine protegierte Elite gibt), wir spielen aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Turnhallen oder machen öffentliche Probesessions etc. (bzw. gehen mit unserem „Nachwuchs“ so um).

    e) in Anbetracht dessen, dass – ein Leider an die Kulturpolitkik! – zu wenig Mittel da sind könnte natürlich gleich gesagt werden: danke für die Kritik, wir WOLLEN ja, aber wir können nur begrenzt…
    (aber es liegt erst mal nicht nur an den Mitteln sondern auch am inneren Reformwillen der Macher, Verantwortlichen und derer, die in der Kultur den Einfluss haben, die Weichen zu stellen. .).

    Wenn DIES gelänge, würde Darmstadt in Verbindung mit den durchaus sinnvollen Neuerungen und vorgenommenen Öffnungen/Foren sicher eine echte Erneuerung.
    Scheitert es (oder ist nur Lippenbekenntnis oder Website-Anstrich oder verschleiern die Website-Ankündigungen nur eine weitere Hierachisierung und ein WENIGER an öffentlichen, konzertanten Präsentationsmöglihckeiten für gerade „unbekanntere“, jüngere Komponisten) dann bleibt alles beim Altbewährten, ja die Hierachie manifestiert sich noch.

    In diesem Sinne: Viel Erfolg Darmstadt 2010! Vielleicht komme ich mal 2012 oder 2014 wieder vorbei wenn Ihr mich bzgl. meiner o.g. Kritikpunkte „Lügen straft“ bzw. wenn ich mal nicht nur in der Turnhalle gespielt werde oder die Strukturen im Sinne besserer Bedingungen für alle (z.B. einige der angesprochenen Punkte/Vorschläge) verbessert sind.

    Zum Schluss HEISSER TIPP an Euch Komponistinnen und Komponisten, die Ihr gerne an den Kursen teilnehmen würdet, aber es Euch (momentan) nicht finanziell leisten könnt und anderweitig nicht an Stipendien o.ä. kommt:

    Bewerbt Euch bei Eurem zuständigen Einzugsgebiet/Bundesland (SCHNELL NOCH) um einen sogenannten „BILDUNGSCHECK“. Den bekommt Ihr als selbstständige, frei berufliche Kreative (Komponisten/INterpreten) bei einer entprechenden Bildungsscheck-Stelle (im Internet heraus zu finden unter Suchwort Bildungsccheck etc., oft sind es Volkshochschulen oder Handwerkskammern, wo Bildungsscheck ausstellende Sachbearbeiter aufgesucht werden können). Ihr müsst dort vor sprechen und Nachweise vor legen(z.B. Diplomzeugnisse, o.ä. oder Zeugnisse, dass Ihr als Komponisten oder Musikpädagogen etc. tätig seid, in der Künstlersozialkasse seid o.ä.). Nach dem Nachweis gegenüber dem Sachbearbeiter, dass die Kurse Eurer beruflichen Fortbildung dienen, wird Euch der Bildungsscheck aus gestellt. Wenn das IMD den Bildungsscheck (zuvor bzw. während des Bewerbungsverfahrens) dann anerkennt (die Anerkennung bestätigt für den Bildungsscheck-Aussteller), dann bekommt Ihr zumindest die HÄLFTE DER KURSGEBÜHR (KEINE Übernachtungen, Spesen!) von Eurem jeweiligen Bundesland erstattet, was immerhin rund 180 Euro Förderung ausmacht.
    Jedenfalls war das 2008 bei mir so.

    Das ist dann also quasi ein selbst beschafftes kleines „Teilstipendium“. Darmstadt hat erfreulicherweise (der ehemalige Leiter des IMD Solf Schäfer) nach meiner Anfrage und nach anfänglichem Nachfragen den Bildungssscheck anerkannt, weil der Bildungsscheck 2008 noch ziemlich neu war und ich offenbar der bisher erste Komponist war, der die Anerkennung des Bildungsschecks (ein EU-Programm) in Darmstadt erbat und erhielt. (Also insofern habe ich wenigstens schon unwiederbringlich DARMSTADT-MUSIKGESCHICHTE geschrieben…:-)).Ich schätze, der neue Leiter des IMD, den ich schon selbst bei einem ersten Kontakt als sehr nett und offen erlebte, wird den Bildungsscheck ebenfalls anerkennen.

    Schönen tag @ all,
    die Hoffnung stirbt zuletzt,
    Grüße aus meinem „rheinischen Labor“
    Erik

  7. Nein, mein lieber Herr Janson. Darmstadt ist so tot wie ein Kahn, der keine Segel mehr hat. Ich schlage allen ernsten Musikern vor: Kommt diesen Sommer alle zum Arbeitstreffen an den Stechlinsee, wir quartieren uns alle bei Frau Strittmatter in ihrem Dorf ein, oder in einen preiswerten Landgasthof in der Uckermark oder in Pommern (z.B. am Mohriner See) und reden bei Weißwein und (Beelitzer) Spargel an einem Holztisch über die Zukunft Musik, da hat Mann/Frau mehr davon als sich im öden-schnöden-potthässlichen Beton-Darmstadt eine Verarschungsnummer abzuholen und auch noch gestresst und um etliche hundert Euro ärmer nach Hause zurückzukehren.

  8. Ich würde es nicht gerade so formulieren, dass Darmstadt „tod“ sei. Es gibt immer und überall auch Chancen zu Neuanfängen, Optimismus und Verbesserungen.

    Arbeitstreffen, wo und wie auch immer, kann ja jeder von uns machen wie und mit wem er will. Ich fürchte nur, mit dem Besuch bei Frau Strittmacher am Stechlinsee, das wird bei mir nichts, da zu viel zu tun etc.
    Und guten Spargel gibt es auch hier im Rheinland.

  9. …kann und mag zwecks „Besinnung“ nur folgenden Link empfehlen, Geduld haben und trotz schwerster subjektiver Belastung mal anhören:
    https://sfm.hidrive.strato.com/lnk/D8BiNwLn
    Ein paar Downloads sind noch frei…
    Herzlich: Euer Geißler
    geissler@nmz.de

  10. „Die Erweiterung von Darmstadt hat dann Sinn, wenn die Dialoge erweitert werden“ (Enno Poppe)
    „Die Erweiterung der Dialoge findet längst statt, aber sie braucht einen Ort wie Darmstadt nicht mehr“ (Art-Oliver Simon, 1)
    Der Darmstädter Dialog ist ein von oben verordneter (vom Internationalen Musikinsitut), die praktische Ausgestaltung der „New World Order“ (Begriff zuletzt geprägt vom britischen Ex-Premier Gordon Brown), Ausdruck eines ästhetischen Pseudomodernismus, der sich durch Ausschalten der Gegner dieser Weltordnung auszeichnet.
    Die wirkliche Postmoderne führt sich geistig zurück auf die Monadologie des Philosophen Leibniz, d.h. das göttliche Ganze findet sich schon im einzelnen in seiner Vollkommenheit, womit die Frage der festen Lokalität zur Erforschung neuer Diskurse zur Nebensache wird, die Praxis beweist eher sogar, dass die Erneuerung der Diskurse sich von den Rändern hin zur Mitte bewegt, wohingegen die klassischen mitteleuropäischen geistigen Zentren periodisch schwarze Löcher herausbilden müssen.
    (AO. Simon, 2)

  11. querstand sagt:

    @all: Einfach mal abwarten und Tee trinken. Hr. Lückers Homepageanalyse läßt zumindest auf der Dozenzenseite ein wenig Frische erwarten. Die Gestalt Ferneyhough kann dies allerdings mit ihrem Gewicht wieder ausstechen, er dient aber wohl auch als „Link“ zur Tradition, „Alten Zeit“ der Ferienkurse.

    Braucht man aber auf sogenannten „Ferienkursen“ der Neuen Musik wirklich ein „Link“ in die jüngere Vergangenheit? Wäre der Austausch nicht viel einfacher, wenn man einen solchen Übervater einfach mal aussen vor lassen würde? Dann hätten die Werkstattkonzerte auch mehr Sinn, wenn sie offen frech usurpiert werden könnten, dieses Wildern im Mittelpunkt stünde.

    Offene Form heisst heute aber einfach nur schwächeres Forum für die, denen man sowieso keine allzu grosse Beachtung widmen muss, weil hauptsächlich der Geschäftsgang als business as usual in den grossen Ensembleauftritten stattfindet. Vielleicht sollte man dies Alles stärker und ehrlicher voneinander trennen. Oder selbst die festen Konzertstrukturen zum Wildern freigeben, auf daß es dort zu einem unknown-uninvited-writers-flashmob komme? Oder sollte die jüngere Generation von sich aus via badblog-flashmob organisiert an einem der letzten Tage Darmstadt einfach übernehmen?

    Das Stipendium hiesse dann „Länderticket“ oder „Bahncard“, jeder führt sein eigenes Stück auf oder ist sein eigenes Stück, der flashmob allein wäre die performative Partitur… Wenn man entsprechend „Party“ verspräche, liesse sich die Jugend dafür begeistern. Nur – selbst verbal und intellektuell hochbegabte JungkomponistInnen sind doch so was von brav und wohlerzogen, gerade heute, so daß es kaum zu einer fremdeinwirkinden Initiative kommen würde.

    So wäre es wohl am hilfreichsten sich doch eher auf das Kerngeschäft zu beschränken: gut organisierte Ferienkurse, freie Foren, die aber genauso in der Tiefe verankert sind wie die länger vorauszuplanenden. Und dennoch weniger Tradition. Mehr Kurs, Schule, Lernfeld, Wissenschaft, Notenaustausch als Festival der Neuen Musik, die gibt es zur Genüge! Und Werkstattkonzerte als Höhepunkt. Vom Gefühl her eben: tatsächlich weniger und konzentrierter wäre mehr, als alle Ebenen bedienen zu wollen. Lieber mehr Geld in Stipendien als einen Auftritt des Ensemble Modern oder sonstwem. Einfach mehr Mut zu Entschiedenheit.

    Es kann natürlich auch sein, daß gerade diese erstmals ausprobierende Unentschiedenheit neue Wege zwischen altem Format und neuem Chaos vermitteln kann. Vielleicht sollte generell viel weniger „von oben“, also der Ferienkursleitung geleistet werden müssen. Einfach auch mehr Mut zur Eigeninitiative, vielleicht auch gar keine Stipendien mehr. Da kommt dann zum Tragen was sich sowieso selbst trägt und nicht immer ewig den gleichen Topf-Tropf verlängert, der in seiner schmalen Überlebenssicherung natürlich auch die scharfe Peitsche des Regiments der bisherigen Hinterzimmer darstellt. Lieber sich selbst auspeitschen und sich gegenseitig prügeln als die Förderung zur Rettung vor der Arena als falsches Manna zu begreifen.