Satellit Liebe – Bericht vom Finale des Eurovision-Kompositionswettbewerbes

Seit einigen Jahren macht der Eurovisionswettbewerb – und das ist erfreulich aus der Perspektive der Neuen Musik – wieder von sich reden. Nach einigen Irrungen und Wirrungen vor allem was musiktheatralische Elemente angeht (ein Stilmittel, das immer wieder auch die Saat der Redundanz in sich trägt, siehe zum Beispiel der unpassende Auftritt des Ensembles „Lordi“ vor einigen Jahren), präsentierte sich die neue Ausgabe in Oslo im Vergleich zu den Vorjahren extrem aufgeräumt, mit einer erfreulichen Neubesinnung auf Inhalte, Wagnis zum Experiment, und zu neuen, aufregenden Klängen, die auch wieder eine gewisse subkutane Reibung zuzulassen sich gestatten.

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Vorausgegangen war wie immer ein von den jeweiligen teilnehmenden Ländern ausgerichteter Kompositions- wie auch Interpretenwettbewerb. Deutschland ging mit einer amerikanisch/dänischen Koproduktion, ein Werk mit dem bewusst schlicht gewählten Titel „Satellite“ (auf deutsch: „Satellit“, also ein potentiell künstlicher wie auch natürlicher, sich in einer steten Umkreisung befindlicher Himmelskörper) ins Rennen. Als Interpretin wurde die junge Altistin Lena Meyer-Landrut ausgewählt. Die bisher in der Szene noch relativ unbekannte Künstlerin erwies sich schnell als Glücksfall für die Komposition, denn mit der ihr eigenen Natürlichkeit definierte sie einen reizvollen Kontrast zu der hoch anspruchsvollen Partitur, deren rhythmische Feinheiten auch den verschiedenen Länderjurys nicht verborgen blieb.

Da am Abend auch die Leistung der Interpreten bewertet wurde, wartete man zu Recht mit Spannung auf den Verlauf des Abends, auch wenn „unser“ Werk sich in den Vorausscheidungen schon recht eindrucksvoll geschlagen hatte. Wie immer war der Abend in einen performativen Kontext gesetzt. Das machte sich durch aufwändige Computeranimationen bemerkbar, die die Werke in einer Art digitaler goldener Wolke vorankündigten, wobei sich jeweils die Umrisse einzelner Länder erkennen ließen. Der tiefere Sinn dieser Computerinstallation des norwegischen Künstlers Dan Klopstock blieb jedoch verborgen, zu fadenscheinig drängte sich hier eine vordergründige politische Aussage dem Betrachter auf – dass wir in unseren eigenen Ländergrenzen quasi Gefangene eines fremdbestimmten Inhaltes sind, hätte sicherlich auch auf weniger plakative Weise ausgedrückt werden können.

Auf alle Wettbewerbsbeitrräge diskursiv einzugehen verbietet der Respekt vor der Geduld unserer geneigten Leser, hervorzuheben sind allerdings zum Beispiel der bewusst auf aktuelle Tendenzen in japanischer bildender Kunst eingehende türkische Beitrag des Ensembles „Manga“ (sic!). Auf eindrucksvolle Weise wurde hier mit einfachen theatralischen Mitteln die Menschwerdung der Maschine dargestellt. Erinnerten erste Momente mit Einsatz von Kreissägen als Klangerzeuger an protodestruktive Aspekte in der Arbeit des österreichischen Künstlers Wolfgang Flatz, so entpuppte sich dies schnell als ironische Irreführung des Blicks des Betrachters. Aus dem Metall schälte sich am Ende die unschuldige Nacktheit: Die aus Industrieabfällen sich gleichsam selbst entpuppende Aphrodite als Tänzerin war vielleicht einer der eindringlichsten visuellen Momente des Abends.

Der belgische Beitrag „Ich und meine Gitarre“ wiederum wusste durch eine dialektisch einwandfreie Überwindung der Grenzen von Sprache zu überzeugen. Wo beginnt das ich, wo endet die Gitarre? Nur durch eine Verschmelzung verschiedener Bedeutungsebenen kann Klarheit erlangt werden, was hier durch eine behutsame Deutung des Elements einer „Solitude“ im Hegelschen Sinne, verkörpert durch einen einsamen Sänger mit eben dieser Gitarre, überzeugend dargestellt wurde. Der Schrei des Einzelnen nach Liebe bleibt letztlich unerfüllte Utopie, das wurde hier fast überdeutlich.

Ebenso Identität verhandelnd: der serbische Beitrag „Ovo je Balkan, der das verzweifelte Ringen einer Region um kulturelle Identität in Zeiten einer zunehmenden Verwischung des Geschlechterbegriffes anschaulich zum Ausdruck brachte, dargestellt durch einen seine Androgynität als Verletzung im Sinne des Beuysschen Begriffs von „Zeige Deine Wunde“ ausstellenden Sängers. Ein Beitrag der wieder einmal die Dringlichkeit einer osteuropäischen Perspektive in heutiger Musik betonte.

Der von der Arbeit von „La Fura dels Baus“ beeinflusste spanische Beitrag litt unter einer plumpen Einbindung des Publikums, hier in der Form eines überraschend zur Performance gebetenen Zuschauers, der dann – scheinbar ordnungskritisch motiviert – zur Schau gestellt von einer Art „Polizei“ „abgeführt“ wurde.

Doch dann endlich: L. Meyer-Landrut! Die Regie von S. Raab wusste in ihrer Zurückhaltung zu überzeugen. Das Motiv des Umkreisens, das sich schon in der wiederholten Textzeile „Love, Love, Love“, also „Liebe, Liebe, Liebe“, äußerte (wo sich eine lingua repetitiva derart geriert, wird sofort schmerzlich eine Leerstelle deutlich – ein fantastischer Einfall der Autoren) wurde ganz sinnbildlich durch eine fast statisch agierende Sängerin die durch einen nahezu unsichtbaren Hintergrundchor, dessen Position sich alle paar Sekunden unmerklich änderte (ein virtuelles „Durchmessen“ des Raumes), in einer Art „unfassbarer“ Heterophonie begleitet wurde. Parallelen zu den besten räumlichen Kompositionen von etwa Stockhausen („Gruppen“) oder Nono („Prometeo“) wurden hier ganz offensichtlich, womit dieses Werk in den Kontext einer Tradition der zentraleuropäischen Moderne rückte – eine nicht ganz unheikle Vorgabe, an der schon manch anderer (direkt vorher zum Beispiel der englische Beitrag des Ferneyhough-Schülers Winston Smith) gescheitert war.
Das Moment des Kreisens wurde durch die Beschränkung auf einen modal durchmessenen Tonraum von ca. einer Quinte überdeutlich – tatsächlich verließ Meyer-Landrut diesen Tonraum nie, außer in einigen sprachgesangartigen Einwürfen, die von ihr höchste Virtuosität abverlangten (z.B. „Hello, Oslo!“, ein besonders eindringlicher Moment, in der die Sängerin aus der Rolle der Vortragenden gleichsam heraustrat).

In der Pause vor der Verkündigung der Länderbewertungen blieb Meyer-Landrut durchweg in ihrer Rolle – ihr quasi Oehrings Taubstummenarbeiten zitierendes „I heart you“ – nicht etwa „ich herze dich“, wie man es falsch aus dem Englischen übersetzen könnte (so ist diese Satzkonstruktion im Englischen auch nicht möglich), sondern eher „Ich – Herz – Du“, also eine nicht aufzulösende Dichotomie der Liebe – blieb auf dem hohen Niveau ihre vorherigen Darbietung. Es war also nicht überraschend, dass ihr Beitrag von fast allen Juroren mit der höchsten Punktzahl versehen wurde – eine kluge Entscheidung, die dem Niveauverlauf des Abends gerecht werden konnte.

Vorgestern kehrte Frau Meyer-Landrut in ihre Heimatstadt Hannover zurück, um sich dort mit einem Trakl-Zitat („Verdammte Axt, einfach geil“, eine Zeile aus dem apokryphen Gedicht „Ich scheiß dir in die Augen“) im goldenen Buch der Stadt zu verewigen.

Und wir vom Bad Blog of Musick sind froh, dass sich auch in Zeiten der Krise immer noch zeigt, dass unser Land nach wie vor führend im Bereich der Neuen Musik ist. In L. Meyer-Landrut ist uns auf jeden Fall eine starke und bestechende Interpretin erwachsen, die auch in Zukunft noch von sich hören lassen wird – vielleicht das nächste Mal in Donaueschingen oder Witten? Es wäre uns zu wünschen!

Moritz Eggert

29 Antworten

  1. querstand sagt:

    Eigentlich sollte man dazu gar nix sagen. Habe zudem das Ganze wunderbar ignoriert. Nach der „Siegesnachricht“ aber doch einen Blick ins Web gewagt und mal ein paar der Songs mir angetan. Und schnell ernüchtert gewesen. Mag ja mancher schöner gesungen haben als die Deutsche. Letztlich frustrierte doch schnell die nicht vorhandenen Qualität all dieser Beiträge. Derjenige aus der Raabfabrik war da in seiner Pseudosoulkarabikstimmung wohl noch so eine Art i-Tüpfelchen. In seiner Nachahmung irgendwelcher Vorbilder aber doch irgendwie schwach, da er sich letztlich nur auf das Gegrinse und Brustschütteln seiner Protagonistin verlassen konnte…

    Nachdem diese Protagonistin (ich möchte deren Namen NICHT ausschreiben!) von einigen Wahnsinnigen kurzfristig als Köhlers Nachfolgerin nominiert werden sollte (Kinderchen, da gibt es eine Ü-40-Altersgrenze…), wirft wohl die ganze Chause ein Licht auf europäische Entscheidungsfindungen. Jetzt wird man den nächsten Austragungsort suchen: München, Donaueschingen und Darmstadt werden es nicht sein. Dafür wird Berlin dann wohl 2011 statt einer „Märzmusik“ noch eine „Maimusik“ oder “ Junimusik“ erhalten. Eigentlich verbietet sich da jeglicher Vergleich. Dennoch hier wie da steckt die Rundfunklandschaft dahinter.

    Wenn diese Senderpanoramen nun so darauf aus sind, solche Einfallslosigkeit aus Deutschland zu fördern, sollten sie doch mal wieder großartiger ihre Orchester und Chöre sowie Neue-Musik-Festival-und-Konzertreihen-Beteiligung ausspielen. Da wird man uns nun wieder kleine Zahlen um die Ohren hauen, über Gebühren- und Werbeprobleme der Sender jammern. In Eurovision und Fussball ballern sie aber ohne zu zucken Milliarden hinein, gönnen sich Ledersessel und neue Edelholzsäle und spucken auf ihren eigentlichen kulturellen Auftrag, den sie nach dem Krieg so glänzend begannen und nun allzuschnell und borniert auf dem Quotenaltar zugunsten von kürzestlebigen Schund opfern.

    Und wer ist Schuld? Am Ende dann da auch der ebenfalls Gott sei Dank abgetretene R. Koch Hessens? Die Bildung scheint ja für solch einen Verfall auch bei den Anstalten verantwortlich zu sein, an der soll zwar alles verbessert werden. In geldklammen Zeiten dies mal nur wieder Lippenbekenntnisse. Also Ohren auf, oh Politik, kreiere still einen neuen Präsidenten und lärme in Bildung und Kultur… Am Ende zerreden sie sich dann wieder in Zuständigkeitsfragen, sparen nach WM, Eurovision und Werbeverbot für die Öffentlich-Rechtlichen dann wieder fröhlich an ihren Orchestern, Chören und sonstigen Neue-Musik-Beteiligungen… Auch wenn es die Fussballbegeisterten jetzt trifft: schaltet nur ein, wenn RTL überträgt oder switcht gleich auf DRS, RAI, BBC oder ORF… und schaltet ARD/ZDF nur ein, wenn Konzerte, Opern und Fachsendungen kommen! Man boykottiert ja auch sofort Lidl oder Schlecker, warum dann nicht mal mit der WM die Sender?!? Dazu wird aber der Bürgergeist wieder zu klein sein. Oder trefft Euch doch mit Euren Kollegen aus aller Welt online oder live und spielt lieber selbst Fussball – gesünder als all die Gehüpfe und Betrinkereien der Public-Viewings… wie ferngesteuert und bescheuert sind wir eigentlich?

  2. Tief, präzise, treffend…
    Lieber Moritz, selten habe ich eine derartig profunde, differenzierte und sensible Musikkritik gelesen. Vor allem Deine historischen und gesamtkulturellen Querverbindungen stellen sogar das gewöhnlich intellektuell wunderbar ausufernde Gedankengebäude eines Gerhard R. Koch weit in den Schatten. Ich danke Dir – und werde Dein Elaborat als vorzügliches Beispiel und als mustergültige Vorlage an alle nmz-Korrespondenten verpflichtend weiterleiten…
    In tiefstem Respekt: Dein Theo

  3. Erich Hermann sagt:

    @querstand: Ich finde, diese Art von Gejammer ist symptomatisch für den Zustand, in dem sich die „Szene“ befindet. Immer ist irgendwer schuld daran, daß die Neue Musik nicht den Stellenwert in der Gesellschaft hat, der ihr angeblich (wieso eigentlich?) zusteht. Möglicherweise ist es eine Schweinerei, daß Milliarden für die Übertragungsrechte einer Fußball-WM gezahlt werden, und bestimmt ist es armselig genug, daß der Eurovisionswettbewerb eine derart prominente Stellung in der Berichterstattung einnimmt und aus dem Sieg des deutschen Beitrags mal wieder alle möglich absurden Schlussfolgerungen über den Zustand des „deutschen Wesens“ gezogen werden, analog zum „Sommermärchen“ von 2006 („neue Lockerheit“ etc.). Aber was hat das alles mit Neuer Musik zu tun? Glaubt irgendjemand im Ernst, es ginge bergauf mit der Kultur und damit der Neuen Musik, wenn nur die Milliarden in unsere Richtung flössen? Dieses ständige neidische Schielen auf die angeblich grüneren Finanzwiesen auf der Popseite des Zaunes führt nur zur Genickstarre und einer völlig überflüssigen Selbststilisierung als Opfer von ungerechten Verteilungsmechanismen.
    Davon abgesehen halte ich den vielbeschworenen „Bildungsauftrag“ der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für ein großes Mißverständnis (vielleicht sogar für Quatsch). Wäre es nicht schon ein kleines Wunder, wenn es ihnen (ich rede hauptsächlich von den Fernsehablegern) wenigstens gelänge, einem Unterhaltung auf einem einigermaßen anständigen Niveau vorzusetzen?

  4. @ All,

    Ich sag nur zu dem Themenkomplex:
    a) armes Deutschland, dass so ein Konservensong mit Lena
    das Rennen machte (dank Raab, Google, Youtube etc. und vieler, die es in die Richtung manipulierten bzw. hypten):
    armes Europa!

    b)armer Badblog und arme geschundene Komponisten, dass wir uns hier auf dieses Niveau begeben bzw. dem überhaupt Beachtung schenken. Aber man merkt ja deutlich wenigstens die ironischen Spitzen und die Amüsanz und Virtuosität der Beiträge von Moritz und querstand.

    c) @ Herr Herrmann: Ja, Herr „Herrmann“: sie haben es erfasst: „wir Komponisten“ der „Neuen Musik“ schielen nur „neidisch“ auf solche unterhaltungskulturellen „Höhen“.
    Wir würden „niemals“ besser werden oder ein Massenpublikum erreichen oder so tolle Pop-Sternchen werden wie Lena, selbst nicht, wenn wir nur einen Bruchteil von den Millionen erhalten würden.
    Nein, unsere Möglichkeiten würden sich dann ganz und gar nicht verbessern. Nicht im Ansatz. Klar, und das wenige Kulturgeld, was uns fehlt, weil es ständig in Volksverdummung gesteckt wird, das fällt vom Himmel bzw. niveauvolle, professionelle Kultur lebt ja seit jeher vom reinen „Idealismus“, vom Trotzdem-weiter-so und soll sich ja niemals beschweren und gefälligst sich im Nischendasein bescheiden. Sonst setzt direkt der Automatismus und die kaputte, immer wiederholende Platte mit Sprung ein: „Ihr seid nur neidisch… neidisch…neidisch…nei…nei…nei…“

    Der Gipfel dann noch Ihr Ausspruch:

    halte ich den vielbeschworenen “Bildungsauftrag” der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für ein großes Mißverständnis (vielleicht sogar für Quatsch).

    Ich denke, Herr Herrmmann, Sie verkünden und gutheißen hier eine pure Art des Kulturfaschismus und wissen überhaupt nicht, wovon sie reden. Oder es ist blanker Zynismus. Oder Sie wissen nur zu gut, was gespielt wird, FINDEN es aber auch noch gut: die zunehmende Verdummung weiter Schichten der Gesellschaft, die gepaart einher geht mit der zunehmenden Marginalisierung NICHt- rein markt- und Massen-orientierter Kulturgüter.

  5. Erich Hermann sagt:

    @ Erik Janson: Ach Gott, natürlich wird sofort der ganz große Faschismushammer herausgeholt. Ich kann das Gefasel von der angeblich so reinen und zum Glück nicht marktorientierten und nicht massenorientierten Kunst nicht mehr hören. Diese ganze überhebliche Pose, die vorgeblich die „Massen“ (ja, ich benutze mal wieder die Anführungszeichen) vor der Verdummung retten will, in Wahrheit aber nichts als Verachtung für sie übrig hat, gerade weil sie so dumm sind. Wie hilft denn ausgerechnet Neue Musik dabei, klüger zu werden (nach neuesten Erkenntnissen tut’s ja noch nicht mal Mozart)?
    Im übrigen plädiere ich nicht für weniger, sondern für mehr Selbstbewußtsein der Komponisten: Diese unentwegten Beschwörungen der bösen Massenkultur haben etwas komplexbehaftetes, und ich finde, davon sollte man sich allmählich mal lösen. Wer von sich weiß, daß er dem anderen überlegen ist (und darum geht’s ja wohl, auch wenn es keiner ausspricht), der redet nicht ständig drüber. Es ist vielleicht nicht wirklich sinnvoll, davon zu reden was „die Neue Musik“ (ja, ich weiß) soll und darf, trotzdem finde ich, die Neue Musik sollte sich auf ihre eigenen Stärken besinnen und sich nicht auf das Niveau eines ganz und gar ungleichen Gegners begeben.
    Den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – da sind Sie, Herr Janson, wohl einem Mißverständnis aufgesessen – halte ich nicht deswegen für Quatsch, weil ich das alles ganz toll finde, was da läuft, sondern es ist genau andersherum. Es ist, als verlange man plötzlich von einem Sechsjährigen, daß er den Lehrer vertritt, weil er ja schon mal gesehen hat, wie das geht. Bildung (also: ein gewisses bürgerlich geprägtes kulturelles Umfeld und damit Kulturverständnis) wird nicht im Fernsehen oder Radio vermittelt bzw. nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dort kann man sich erst einklinken, wenn man bereits ein gewisses Maß an Bildung hat. Und diese Bildung wird in den Schulen und (immer weniger) in den Elternhäusern vermittelt. Mit anderen Worten: Die Fixierung auf den Bildungsauftrag des Rundfunks ist eine Scheindebatte und verstellt m.E. den Blick auf die wirklichen Probleme unserer Gesellschaft: mangelnde gesellschaftliche Solidarität, einhergehend und mitverursachend die kulturelle Verwahrlosung breiter Schichten und besonders von Kindern. Bevor man diese Massen mit Neuer Musik beglücken darf, Herr Janson, müßte man sie davon in Kenntnis setzen, daß es so etwas überhaupt gibt (siehe auch Arno Lückers Beitrag „Nächstes Mal bestrafe ich dich“). Kulturelle Basisarbeit eben. Und wo wir schon von Utopien reden: das Beste wäre es sicherlich, den Massen beizubringen, die Kiste ganz auszulassen.
    Was das „weiter so“ angeht, dem ich angeblich das Wort rede: Auch hier ist das Gegenteil der Fall. Ich bin überhaupt nicht dafür, bei der Politik nur noch als lästiger Bettler wahrgenommen zu werden, den man eben mit dem Kleingeld abspeist, damit er einen für eine Weile in Ruhe läßt. Das ist unwürdig und führt unter anderem zu den oben von mir beschriebenen Komplexen.
    Weiter-so wollen nur Leute machen, die auf jede Situation nur mit den immergleichen Worthülsen reagieren und nicht willens sind, mal zu überdenken, wie die Kultur und insbesondere die Neue Musik überhaupt in diese Situation geraten sind. Das, wovon Sie vielleicht denken, es sei Widerstand gegen das System, ist in Wahrheit nur noch reine Pose ohne jeglichen Effekt, außer dem, daß es mit der Zeit erst nervt und dann, wenn man die Harmlosigkeit begriffen hat, langweilt.
    Apropos kulturelle Basisarbeit: mein Name schreibt sich mit einem „r“ und zwei „n“, danke.

  6. querstand sagt:

    @ Erich Hermann: Was hat das Alles mit Neuer Musik, Bildung bzw. kulturellen Auftrag zu tun? Ganz einfach: Neue Musik ist tatsächlich immer etwas seltsames, unbekanntes. Teilweise verschließt sie sich selbst vor einfacher Wahrnehmung, teilweise aber ist sie durchaus offener und breitenwirksamer als man ihr zutrauen möchte. Dazu braucht es aber trotzdem ein Publikum, das nicht vollkommen bildungsfern ist, ja, sowas wie humanistisch-bürgerliches Bildungsideal in seinen Köpfen pflegt. Und wenn es bildungsfern ist, braucht es Foren die vielleicht sogar schulfern Bildung, Kultur ausstrahlen, Andockmöglichkeiten bieten. Das gibt es bereits auch bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, wie z.B. auf BR Klassik, die Formate für Jüngere anbieten. Das gab es aber schon immer in der reinen Existenz des nachkriegszeitlichen Rundfunks und Fernsehens, da sie qua Auftrag immer schon solche Andockstellen darstellten, eine Möglichkeit, auf die man rein zufällig stossen kann oder die ganz bewusst auf einen zukommt. Man denke an das reine – z.T. auch durchaus leider immer seltenere anspruchsvolle Unterhaltungsprogramm, speziellere Kultursendungen (und sei es das immer sonntägliche Orchesterklassikkonzert) und sogar echte Bildungssendungen wie „Tele-Kolleg“ oder selbst „Meisterwerke der Kunst“ oder dgl. angebliche Langweiligkeiten. Durch deren einfaches Vorhandensein waren und sind sie z.T. noch ein simples Angebot, an das jeder Andocken kann. So wenig es auch dann sein mögen, um jede „Seele“ ist zu kämpfen… Wenn dies im Verbund mit all den Musikschulen, musikpädagogischen Projekten innerhalb und ausserhalb von Schulen und eben auch Angeboten, die einfach nur da sind oder nur über persönliche Begegnungen erfolgen, dann erfüllt ein Rundfunk sehr wohl seinen Bildungsauftrag.

    Im Musikbereich wurden dazu Kooperationen mit Festivals, eigene Reihen, Chöre und Orchester geschaffen, die mitunter auch für die Neue Musik die wichtigsten Partner waren und sind. Wie oben beschrieben sind das durchaus mächtige Mittel, die die Neue Musik dann selbst wie aber auch potentielles Publikum ermöglichen und zusammenführen.

    Gemeinsam all diesen Bemühungen ist leider, dass sie langfristig erfolgen müssen, länger als Olympiaden und Legislaturperioden dauern, tatsächlich so etwas wie soziale Nachhaltigkeit sind und in der Planung erfordern. Und Bildung ist eben teuer, sie ist sogar um ein grosses Vielfaches teurer als Kultur, bei der von 0,5 bis 5,0 Prozent Ausgaben in öffentlichen Haushalten die Rede ist, derweil Bildungsausgaben in ihrer Gesamtheit – dazu gehören dann auch die Sender – ja 10 Prozent des BIP ausmachen sollen, so die Planung und Versprechen der Politik! Dazu kommen natürlich für die öffentlich-rechtlichen Sender Gebühren und Werbeeinnahmen.

    Wenn nun die Sender allerdings z.B. wegen steigender Personalkosten und sonstiger Fixkosten anfangen, besonders in nachhaltigkeitserforderlichen Bereichen kürzen zu wollen, andererseits aber verstärkt auf kurzfristiger planbare Events wie Grand Prix d’Eurovision oder Sportsenderechte setzen – letztere wuchsen in den letzten Jahren ja exorbitant in die Höhe – dann wird es eben sehr eng und durchaus an der Zeit, zu den Waffen zu greifen.

    Kürzungen oder Kürzungsversuche gab und gibt es ja schon die letzten 10 Jahre immer wieder. Donaueschingen sollte verschwinden, der Kammerchor des SWR, die Beteiligung an eclat, die Musica Viva sollte hier eingedampft werden, das Rundfunkorchester, welches ein ambitioniertes und gut besuchtes Programm wagt, ausgegeliedert oder ganz eingestellt werden, die Sender-Chöre und -Orchester in Berlin stehen immer auf der Kippe, BR Klassik sollte ein reines Onlineformat werden und weitere solche Grausamkeiten, wie ein schleichender Rückzug aus der Weite der kleineren Provinzfestivals, Verschiebung von Sonderprogrammen auf Zeiten nach Mitternacht, etc. etc. Das ist z.T. in seinen Ansätzen sehr zynisch gewesen oder wird es immer wieder sein, konnte abgewehrt werden, wird aber immer wieder versucht.

    Wenn nun ein neuer Rundfunkstaatsvertrag ansteht, soll ja den Sendern etliches an Werbe- und Onlinemöglichkeiten genommen werden, höchstwahrscheinlich sogar hier und da zurecht, ohne das jetzt näher zu beleuchten. Die Sender bzw. deren Verantwortliche aus Politik und Rundfunklobby werden aber wohl weiterhin auf kurzfristige Glanzlichter setzen. Um die dann zu finanzieren, werden die Kürzungsversuche im Nachhaltigkeitsbereich wieder angestrengt werden. Also müsste man z.B. die Sender in solch einem Staatsvertrag gerade auf den erneuernden Ausbau des Kulturauftrags verpflichten, dazu ggf. massiv durchaus auftragsgerecht das Internet öffnen, die Orchester und Chöre noch mehr in die Region schicken, dort vernetzen. Wie auch immer, ich bin da kein Spezialist ausser ggf. in puncto Neue Musik/Klassik, ist es aber an der Zeit, nach all den Jahren weitere Anschläge im Kulturbereich der Sender hinzunehmen.

    Und warum lächle ich nicht einfach über Moritz‘ Verknüpfung von Eurovision und Neuer Musik – ein wahrlich erstrebenswerter Traum, auch wenn es etwas unwirklich aus der Neuen Musik im jetzigen Zustand heraus wirkt? Weil ich mich doch – trotz selbstverordneter bewusster Abstinenz – den Songs des Wettbewerbs nachträglich aussetzte. Und dabei so abgetörnt worden bin, abseits jeglicher Lena-Hysterie im Freundeskreis, gelangweilt durch das öder Songformat, die schlechten Texte, die ewig abgenutzten Arrangements, das Busenschütteln im kleinen schwarzen der Frau L.! Das ist nicht Unterhaltung, das ist nicht Kultur! Es sei denn, der ganze Senderapparat in Verbund mit den anderen europäischen Anstalten hypt mit aller Macht den Wahnsinn, vielleicht war es diesmal der eigene douze-points-Zauber des Formats. Aber der Inhalt…

    Letztes Jahr setzte ich mich bewusst dem Geschehen aus, fand den deutschen Beitrag wirklich schlecht, das war ja nicht mal der Busenschüttler im kleinen Schwarzen, nein das war Frankfurt Bahnhofsviertel – wie genial sind dagegen die Outfits der Lady Gaga… Aber es fand dann in diesem Hype doch ein Zauber statt: der norwegisch-weissrussische singende Geigenknabe mit seiner Fairytale, der so Hobbitscharm und Harry-Potter-Erotik ausstrahlte. Da gönnte man dem Formformat diese Inhaltsform. Allerdings: wenn man dann dieses „Wunderkind“ verfolgte und dann so seine Auftritte in Minsk in Anwesenheit des Präsidenten Lukaschenko sah, da verging einem Alles und diese Holy-Happy-Lustigmaske der gesamten Eurovision (eben auch einer leichtfertig simulierten europäischen Idee…) fiel in den Schlamm des Politmissbrauchs.

    Und da sieht man das eigentliche: Missbrauch! Wenn also Sender nur noch in das kurzfristige setzen, dann geht es v.a. darum, daß Sendermacher quasi Manager schnell eine neue Kerbe in ihre Vita einbrennen und nach ihrem Weiterzug nichts als Ödnis hinterlassen, also Kultureinrichtungen geschrumpft und fast vernichtet haben, und nicht mal die einlullende Vorspiegelung einer Eurovision bleibt. Es drängt sich allgemein auf, daß bei den jetzt anstehenden Rundfunkstaatsvertragsverhandlungen heftig eingeschränkt wird, aber nicht Ketten verteilt werden, die die Macher in ihren Wahn einschränken, genauso wie unser Staat dies bei der Bankenrettung und deren Manager verpasste.

    So werden wir also wieder von WM zu EM zu Eurovision zu Fernsehpreis gegaukelt, hypen selbst mit, statt mal wieder das Ruder in die Hand zu nehmen durch einfachen Konsumentenstreik: „Bin ich es noch, die Streik verkünden wird? Mensch ruft Streik, Natur ruft Streik! Mir ists, als bellts der Hund, der an mir aufspringt,
    Betrete ich mein Haus… Als gischtet Streik der Strom!“ (E. Toller)

  7. Erich Hermann sagt:

    @querstand: Das liest sich in der Tat alles sehr vernünftig und durchdacht, was Sie schreiben. Möglicherweise ist genau das das Problem daran: die Argumentation liest sich wie für eine Stadtratssitzung konzipiert und kann und wird ja auch immer wieder von professionellen Politikern ausgehebelt. Das ist relativ einfach, indem man in den Raum stellt, was der (im Normalfall nicht gerade Kultur-, geschweige denn Neue-Musik-affine) Steuerzahler zurückbekommt, wenn er sein sauer verdientes Geld in irgendwelche Sinfonieorchester oder Chöre oder Festivals steckt. Natürlich ist das bigott, während im gleichen Atemzug Milliarden für die „Rettung“ von Banken oder ganzen Ländern verschleudert werden. Aber so ist es nun mal. Und schon ist man ruck-zuck bei Auslastungszahlen, Einschaltquoten und dergleichen Firlefanz, mit anderen Worten: das System verleibt sich ein, was sich außerhalb des Systems wähnt und behandelt es nach seinen Maßstäben und Regeln, welche im Moment diejenigen eines zunehmend verrohenden Kapitalmarktes sind. Man begibt sich also in die Höhle des Löwen und wundert sich dann, daß er sich nicht streicheln läßt. Dann versteift man sich darauf, das wenige zu retten, was man noch retten zu können glaubt und wird permanent von den Politprofis über den Tisch gezogen. Ich vermisse einfach eine langfristige Perspektive (man könnte auch sagen: Utopie), die darüber hinausreicht, gerade mal Theater X oder Orchester Y vor dem Untergang zu bewahren (wobei ich selbst mich schon oft genug an irgendwelchen einschlägigen Unterschriftenlisten, Petitionen etc. beteiligt habe, wo nachher das schale Gefühl zurückgeblieben ist, den Politikern genau die Macht und genau das Überlegenheitsgefühl geliefert zu haben, das man ihnen doch eigentlich abgewöhnen sollte).
    Und müssen wir einander wirklich immer wieder vorkauen, wie stumpfsinnig 99,9% aller Popsongs sind? Das wissen wir doch schon längst und es bringt keinerlei Erkenntnisgewinn, das wieder und wieder durchzudeklinieren. Die Kehrseite davon ist, daß man zwangsläufig in die Gefahr gerät, diejenigen Menschen nicht ernst zu nehmen, die so etwas hören und die man zu mehr Kultur und mehr Bildung erziehen will. Die sind ja eh doof und wissen gar nicht, was eigentlich gut für sie wäre. Soll sich die alleinerziehende, arbeitende Mutter (ja, ich bemühe sie hier einmal) abends noch ins Konzert setzen und sich dann in einem von ihrem Steuergeld mitfinanzierten Auftragswerk von Lachenmann oder Ferneyhough oder sonst einer der Koryphäen neue Hörgewohnheiten aufzeigen (vulgo: sich ihre Dummheit vor Augen führen) lassen? Was steckt dahinter eigentlich für ein Menschenbild? Kunstmusik war und ist in meinen Augen eine Angelegenheit von einigen sehr wenigen für einige etwas mehr wenige. Die kulturelle Breitenwirkung ist immer sekundär gewesen, durch langsames Einsickern von einzelnen Werken in einen populären Kontext. Ich weiß gar nicht, woher der Drang ausgerechnet der Neuen Musik kommt, die Massen erreichen zu wollen.
    Bei aller Sympathie für einen Komsumenten-Generalstreik (wie viele Bereiche des Lebens müßten eigentlich bestreikt werden?): Er würde voraussetzen, daß das kulturelle Niveau schon vorhanden ist, dessen Erreichen er erst bewirken soll.

  8. @ Liebster Herr Herrmann,

    Sie scheinen mir Ihr Fähnchen etwas nach dem jeweiligen Wind zu richten, um geschickt der Kritik zu entgehen. Zuerst werfen Sie u.a. mir implizit das angeblich „typische intellektuell-Überlegenheitsdenken“
    der „Neuen Musik“ vor, wenn sie z.B. bloggen:

    Diese ganze überhebliche Pose, die vorgeblich die “Massen” (ja, ich benutze mal wieder die Anführungszeichen) vor der Verdummung retten will, in Wahrheit aber nichts als Verachtung für sie übrig hat, gerade weil sie so dumm sind. Wie hilft denn ausgerechnet Neue Musik dabei, klüger zu werden (nach neuesten Erkenntnissen tut’s ja noch nicht mal Mozart)?

    Dann liest man neuerdings bei IHNEN SELBST u.a. dies:

    Wer von sich weiß, daß er dem anderen überlegen ist (und darum geht’s ja wohl, auch wenn es keiner ausspricht), der redet nicht ständig drüber. Es ist vielleicht nicht wirklich sinnvoll, davon zu reden was “die Neue Musik” (ja, ich weiß) soll und darf, trotzdem finde ich, die Neue Musik sollte sich auf ihre eigenen Stärken besinnen und sich nicht auf das Niveau eines ganz und gar ungleichen Gegners begeben.

    Entlarvt! Also, wenn Sie – wie ich annehme – selbst vielleicht Komponist oder zunmindest Neue Musik-Anhänger sind, dann haben Sie hier ihr eigenes Überlegenheitsdenken
    und ein „Bloß nicht auf die Neue Musik-Unerfahrenen zu gehen“ gekonnt unter Beweis gestellt. Also? Sollen wir uns mit dem „ungleichen Gegner“ gar nicht beschäftigen?
    Und: Sie sprechen auf einmal von „Gegner“. Ich dagegen meinte Menschen, Mitmenschen, Lernfähige, intelligente Wesen, eine (gerade die jüngere Generation!) die eben durch Maschinerien wie Google, Youtube und Medienkonzerne immer mehr dauer-berieselt, zu gemüllt wird und ohne es zu merken immer weniger urteilsfähig gemacht wird (aber das wird eben nicht funktionieren auf Dauer, weil der Mensch dazu doch zu intelligent ist und eben doch auch Dauer vom „Genuss“-Tamagouchi-Tierchen unterschieden ist). Das ist doch ein Unterschied, finde ich.

    Nein: ich wollte mit meinem Blogbeitrag bestimmt nicht die Jüngere Generation oder generell die Popmusik verteufeln! Nur wollte ich darauf hin weisen dass durch Dinge wie der Medienhype neulich eben andere Dinge zwangsläufig noch mehr in den Hintergrund gedrängt werden.

    Dass man sich über eine Sache/den Anderen noch AUFREGT zeigt, dass man noch darauf hofft, dass sich – irgendwann – was ÄNDERN kann…

    Dadurch, dass immer mehr Vertreter der „Neuen Musik“ nun in der Gesellschaft mit Reden, sich einmischen würden und auch – ja, warum nicht? – auch neue, breitere Schichten, Menschen erreichen wollen und mehr Förderung und Möglichkeiten für sich beanspruchen. Dadurch zeigt die Szene gerade (gerade durch Proteste wie von querstand und anderen hier), dass sie eben KEIN Sichabfinden mit altem Elitaritätsdenken und Elfenbeinturm mehr will sondern sich gerne mehr einbringen will. Ein Bsp. z.B. die FZML, die dazu sogar nicht scheut, in Burger King-Filialen zu gehen mit Projekten. Und auch ich selbst engagiere mich an der Basis durch Vereinsarbeit und Konzerte etc., war und bin selbst auch musikpädagogisch tätig. Also eben: Keine Neue Musik- Ferneyhough-Spezialisten-Konzerte mehr, in die eh keine allein erziehdende Mutter geht…

    Und GERADE DAS (das Herausholen aus dem Elfenbeinturm) geht ja nur mit MEHR FÖRDERUNG, MEHR BEACHTUNG durch die Kulturpolitik und nicht durch immer weniger. Und gerade dadurch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien wenigstens (die eben hier DOCH ihren Bildungsauftrag und Verantwortung haben, nämlich das NICHT-Quoten-Bringende mehr zu BEWAHREN(nicht nur in neuesten „Spartensendern“) bis wieder mehr Hunger nach Vielfalt und Ausgefallenerem kommt!). DAHER meine Aufregung.

    Sie aber plädieren doch eher implizit für ein Weiter-So im Sinne des Elitaritäts-bewussten Abtauchens, des Sichabfindens. Dies merkt man nicht nur an Ihrem Statement „alles wird in die Bankenrettung gesteckt – das ist halt so…“

    Man kann natürlich gerne eine solche Haltung für sich vertreten, wenn man sich dabei wirklich besser fühlt.
    Aber hilft DAS uns weiter?

    Denn: natürlich ist unsere drohende Kulturkrise im nicht Unwesentlichen ein RESULTAT der SYSTEMKRISE bzw. der Verlogenheit in der Selbsterhaltung eines selbstdestruktiven Systems, Herr Herrmann. Das werden Ihnen sicher viele Sozialwissenschaftler, Philosophen etc. bestätigen. Aber anscheinend wird dies fatalerweise erst dann von VIELEN bemerkt, wenn das System (fast)
    kollabiert ist.

    Ich meine damit: wir müssen ja nicht alle zu Radikal-Marxisten oder Ultralinken (denn der bin ich keineswegs) mutieren, um dies zu spüren. Keine Angst,Herr Herrmann.

    @querstand und an moritz (schade, dass Ballack, die „geile Schnitte“ (um ein Werktitel von Dir zu zitieren) ausfällt übrigens):
    Ja, lasst uns streiken: KEIN Fußballspiel gucken bei der WM und die Fernseher zum Fenster hinaus werfen und heimlich in die Sommernacht-lauen Stadtparks gehen und (fernab vom „Public Viewing“, aber den fernen Jubel des nahenden „Sommermärchens 2010“ hörend)unsere „Außenseiter“-Werke zu Papier bringen-…, gerade weil wir Neue Musik-„Schelme“ doch auch im innersten zum „gemeinen Volk“ auch bissel dazu gehören möchten…

    :-)

  9. querstand sagt:

    @ janson & eggy: Also, ein bisschen Fussball sollte man sich schon gönnen. Eben ORF, DRS, meinetwegen sogar RTL… Das mit dem Konsumentenstreik: ja, irgendwie meine ich es ernst, da ich den horror vacui der bevorstehenden Sparentscheidungen im Zuge des neuen Rundfunkstaatsvertrags erahne, unabhängig von all dem Sparstumpfsinn, der uns jetzt um die Ohren gehauen wird, statt das Geld mal bei den geretteten Banken und Unternehmen abzuholen, gerade wenn die jetzt wieder fröhlich Gewinne machen wie vor der Krise. Es wäre doch nicht falsch, von den Herrschaften jetzt eine Gebühr für die Maßnahmen zu verlangen, die im Sinne der Allgemeinheit erfolgten… Gebührenfreiheit gibt es eigentlich nur im Sozialrecht oder bei Aufhebung und Widerruf von Verwaltungsakten oder bei manchen begünstigenden Bescheiden. Oder waren die Rettungsschirme rein begünstigende Akte? Dann sollten doch die Unternehmen zu mehr Begünstigung der Allgemeinheit im kommutaristischen Sinne veranlaßt werden, wenigstens… statt mal wieder Kopfpauschalen hier und da zu erhöhen, Urlaub zu streichen, etc. Das gehört ja Alles nicht hier her…

    Ich komme mir angesichts des hiesigen Dauerregens echt wie eine Spassbremse vor, wäre ich doch bei Sonnenlicht wenigstens eine schmerzhaft stechende Pferdebremse.

    Quintessenz: wenn die Banker gebührenfrei auskommen, dann zahlen wir keine Gebühren für die Sender mehr? Damit sägten wir aber mal wieder am Neue-Musik-Subventionsnapf.

    Die einzige richtige Lösung wäre dann: wenn hier mancher schon WM-Musiken machte, so sollten wir doch auch Eurovisionsmusiken schreiben. Ha, statt den Wildecker Herzbuben werden Janson und Strauch sich versöhnen und eine Neue-Musik-Hardcore-Gemeinschaftskomposition vom Stapel lassen, selbst singen, mit etlichen Mensuralkanons im Verhältnis 4 zu 7, echt intonierten Mikrotönen – nicht falsch gesungen – , Geräuschen, daß Euch die Ohren wegfliegen und selbst Schedl ganz leise im Verhältnis dazu sein wird, den ganzen Kreidler in einer Zwangsigstel Nanosekunde als HiHat-Ersatz zitieren, und ich sage Euch, dazu hätte ich wirklich Lust!! Nicht eine Fr. L. wird den Busen schütteln, nein – BH’s werden uns entgegenfliegen und das arme Lieschen Müller vom Müllermarkt wird die ganze Zeit unseren Song als Dauerbeschallung während der Arbeitszeit hören. Lieber Hr. Hermann, da wird sie um Ferneyhough betteln…

    Oder nochmals ein wenig anders: ja, die Neue-Musik wird sich, wie auch immer verändern, und sie wird dank all der Bemühungen in Zepernick und Hellersdorf, all der Musik zum Anfassen und JeKis, also all der Basisarbeit, dem vielleicht doch etwas zur Vernunft kommenden Rundfunk und auch des etwas gebändigteren Internets, den offeneren Ohren auch in Landplörren, an ungewohnten Orten erklingen, Spass und Ernst vermitteln, eben als das ganz Grosse, was sie sein kann und sein will. Es geht auch ohne Korngoldepigonen und E-Gitarrenflimklimbim, in uns Allen stecken doch Alban Bergs und Hendricks, die nur mal wieder rauskommen müssen… Dann wird Fr. L. vielleicht durch gewaltigere Stimmen ersetzt werden – warum nicht mal eine Anna Gabler nach Berlin? Singt wunderbar bereits in Bayreuth. Wenn die Montserrat sich immer mal wieder ins U-Feld traut, so könnte man doch mal auf solch einem Parkett eine echte Sängerin zeigen? Oder warum nicht den rappenden Klaus Schedl? Ich halte das Alles für durchaus möglich und sehr relevant… Und ich sage Euch, der Tag wird kommen, ich sah schon die Anfänge, auch wenn sie im Amazonas-Projekt etwas vergeudet waren………..

  10. Erich Hermann sagt:

    @Erik Janson: Zu „entlarven“ gab’s bei mir nix, weil ich ja alles so hingeschrieben habe, wie ich’s gemeint hab‘. Ansonsten finde ich diese ganze neue Musikvermittlungsschiene ziemlich kleingärtnerhaft: jeder bekommt eine Parzelle zugewiesen, die er dann möglichst gut in Schuss zu halten hat, und wehe wenn nicht, dann gibt’s vom obersten Gutmenschenvorsitzenden eins auf die Finger. Ist das wirklich der Raum, in den die zeitgenössische Musik sich einsperren lassen will, einer Art von mit sehr dünnem, schon an vielen Stellen abgeblättertem Gold verzierten Käfig?
    Aber bestimmt wird unter dem neuen Bundespräsidenten alles besser…

  11. @eggy,

    Gratulation zu dieser profunden und mit sehr feinem Humor gewürzten Analyse!

    – wechselstrom –

  12. @ Erich Hermann,

    Es ist doch völlig klar und unzweifelhaft richtig, dass die Neue Musik der gängigen U-Musik a la Songcontest, Bayern 3, Ö3, RTL und RTL+ … HAUSHOCH überlegen ist. Und das völlig unabhängig davon, ob es sich um die Richtung „Ingenieure komponieren“, also Darmstadt, Donaueschingen, Witten … oder um die Richtung „Zurück nach Vorne“, also DeAvantgarde, Eggy und co. handelt.

    Die U-Musik macht doch nichts anderes, als das auszuschlachten, was 50 Jahre vorher von den E-Komponisten entwickelt wurde, und das damals belächelt wurde.
    Die einzige Kreativleisung der U-Komponisten liegt dann noch darin, das vorher Frei-Rhythmische in einen durchgängigen 4/4-Takt einzufügen und das Ganze in eine AABA-Form zu pressen.
    Es ist im besten Fall vergleichbar mit der technischen Leistung eines Glockengießers.

    Die Beschäftigung mit Moderner Musik macht selbstverständlich intelligent (ebenso wie die Beschäftigung mit Kunst überhaupt), man muss damit aber früh beginnen.
    Im Erwachsenenalter, ab spätestens 30 ist es vorbei – keine Chance mehr.
    Natürlich können Sie auch ab 30 noch mit dem Hören Neuer Musik oder dem Betrachten aktueller Bilder beginnen, aber der segensreiche Einfluss auf das Gehirn und die Gehirnentwicklung ist dann nur noch marginal.

    Beste Grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –

  13. Erich Hermann sagt:

    @ wechselstrom

    Es ist doch völlig klar und unzweifelhaft richtig, dass die Neue Musik der gängigen U-Musik a la Songcontest, Bayern 3, Ö3, RTL und RTL+ … HAUSHOCH überlegen ist. Und das völlig unabhängig davon, ob es sich um die Richtung “Ingenieure komponieren”, also Darmstadt, Donaueschingen, Witten … oder um die Richtung “Zurück nach Vorne”, also DeAvantgarde, Eggy und co. handelt.

    Die U-Musik macht doch nichts anderes, als das auszuschlachten, was 50 Jahre vorher von den E-Komponisten entwickelt wurde, und das damals belächelt wurde.
    Die einzige Kreativleisung der U-Komponisten liegt dann noch darin, das vorher Frei-Rhythmische in einen durchgängigen 4/4-Takt einzufügen und das Ganze in eine AABA-Form zu pressen.
    Es ist im besten Fall vergleichbar mit der technischen Leistung eines Glockengießers.

    Meine Rede.

    Die Beschäftigung mit Moderner Musik macht selbstverständlich intelligent (ebenso wie die Beschäftigung mit Kunst überhaupt), man muss damit aber früh beginnen.

    Kunst macht sicher nicht intelligent (im Sinne einer messbaren IQ-Steigerung), davon abgesehen, daß so eine Sichtweise die Gefahr birgt (wie ja in der letzten Zeit zu beobachten an den „Mozart-Babys“), die Kunst zu einem bloßen Hilfsinstrument, einem Dopingmittel für Gehirne verkommen zu lassen. Vielmehr kann sie aber den seelischen und im besten Falle auch geistigen Horizont desjenigen erweitern, der sich mit ihr beschäftigt. Das aber ist der Punkt: Es erfordert ernsthafte Beschäftigung, weder ist es mit bloßem Konsum, noch mit selbstergriffenem Schwelgen in romantisch verklärten Vorstellungen davon, was Kunst ist, getan. Zudem bräuchte man ein breites öffentliches Forum, in dem ästhetische Fragen (vielleicht nicht immer auf allerhöchstem Niveau, manchmal tut’s es ja auch zwei Stockwerke tiefer) aufgeworfen und diskutiert werden, so daß es der Kunst nicht mehr möglich ist, sich in ihre Spezialistenkreise zurückzuziehen, wo man alles mögliche behaupten kann, was ja nicht zu stimmen braucht. Aber die Strahlkraft der Neuen Musik ist mittlerweile so gering, daß sich noch nichtmal die anderen Künste in irgendeiner Form von ihr anregen lassen, während so ziemlich jede andere Kunst sowohl in der medialen Präsenz wie auch im Einfluß auf die Neue Musik Welten voraus ist.

  14. @querstand,

    statt den Wildecker Herzbuben werden Janson und Strauch sich versöhnen und eine Neue-Musik-Hardcore-Gemeinschaftskomposition vom Stapel lassen, selbst singen, mit etlichen Mensuralkanons im Verhältnis 4 zu 7, echt intonierten Mikrotönen – nicht falsch gesungen – , Geräuschen, daß Euch die Ohren wegfliegen und selbst Schedl ganz leise im Verhältnis dazu sein wird, den ganzen Kreidler in einer Zwangsigstel Nanosekunde als HiHat-Ersatz zitieren, und ich sage Euch, dazu hätte ich wirklich Lust!!

    Über eine Strauch-Jansonsche Versöhnungskomposition kann man durchaus nachdenken. Lass uns mal Lena fragen, ob sie vielleicht was von uns singt. Hast DU ihre Nummer. Sie ist doch so unkompliziert. Hat vielleicht jetzt bissel mit ihrem „Abi“ zu tun, aber wir werden ihr schon trotzdem unsere „schrägen Zwölftonreihen“ einbimsen..

    Dann werden wir armen Schlucker auf einen Schlag berühmt… Strauch-Janson mit Lena in Donaueschingen.
    Das wird ein Spaß.

    Apropos: Hardcorde-Komposition? Arbeite ich gerade dran, aber mehr wird nicht verraten…

    @ Herr Herrmann:
    Dieses Gejammere über den „Elfenbeinturm Neue MUsik“
    und dass diese keinen anderen mehr inspiriere,
    das ist ziemlicher Käse. Das bringt KEINEN weiter.
    Was wollen Sie denn damit sagen? Dass nun die Neue Musik endgültig platt gespart werden soll, damit noch weniger Chancen für deren Wahrnehmung bestehen?

    Die zeitgenössische Musik macht ein ANGEBOT an alle Hörerschichten, nicht mehr nicht weniger.
    Wir befinden uns längst im Umbruch.

    UNd sicher missverstehen Sie hier Wechselstrom, der sicher nicht „Neue Musik als Gehirnjogging“ einführen will.

  15. Erich Hermann sagt:

    @ Erik Janson: Möglicherweise liege ich ja total falsch und alles ist viel besser, als ich es so wahrnehme. Wenn nur die zeitgenössische Musik im Schnitt halb so interessant wäre wie das von querstand im Trotz vorgeschlagene Konzept, das wohl leider nie verwirklicht wird…
    Aber die Diskussion läuft mittlerweile ins Leere, möglicherweise liegt das auch an dem kleinen Kästchen, in das man seine Kommentare hier eintippen muss und das irgendwie eine gewisse Kurzatmigkeit der Gedanken zur Folge zu haben scheint.

  16. Ich kann nur allen raten: Schreibt die Musik, die euch am Herzen liegt, und nicht die, die die Besatzer (der CIA, der Mossad etc.) von euch verlangen.
    Deutschland ist sowieso ein besetztes und geknebeltes Land, da braucht es keine Speichellecker mehr, die den Okkupanten den After lecken.
    Das Schwert des Parsifal durchbricht die Knoten für die Freiheit unseres Vaterlandes

  17. Erich Hermann sagt:

    @ Art-Oliver Simon: Eigentlich wollte ich ja Erik Janson vorwerfen, er vertrete eine simple Weltsicht, aber es geht tatsächlich noch simpler… (es sei denn, das soll Ironie sein, dann fehlt aber ein entscheidendes Zeichen von Ironie: ein wenn auch noch so vager Bezug zu irgendeiner Realität)
    @ Erik Janson: Nein, so kann ich das dann doch nicht stehen lassen: Ich erkläre mich nicht bereit, in Ihrem relativ (s.o) einfachen Weltbild die Rolle des Pappkameraden zu übernehmen. Wenn manche meiner Aussagen auf den ersten Blick widersprüchlich scheinen, so ist das der Tatsache geschuldet, daß ich keine fertigen Antworten parat habe, sondern sozusagen con alcune licenze meine Gedanken sich entspinnen lasse.
    1. Nirgendwo habe ich behauptet, daß die Neue Musik oder die Kunst- oder Kultureinrichtungen „kaputtgespart“ werden sollen. Ich kritisiere lediglich eine gewisse Versorgungsmentalität und damit einhergehend auch Blindheit für die dahinterliegenden Vorgänge unter Künstlern. Nur als Beispiel möchte ich die Föderalismusdebatte anführen, die mit dem immergleichen Argument totgetrampelt wird, daß nämlich der Föderalismus erst das überaus reiche Kulturleben bei uns ermögliche. Hierbei werden in meinen Augen immer zwei Sachen miteinander vermischt: der historische Föderalismus, der in der Tat zu dieser vielfältigen Ausprägung der Stadttheater und -orchester, Rundfunkstationen etc. geführt hat; und der gegenwärtige Föderalismus, der es den Regierenden ermöglicht, ihre Kürzungs- und Streichungsangriffe auf so viele Fronten zu verteilen, daß unweigerlich die Übersicht verloren geht und man in viele kleine Stellungskriege gezwungen wird, die zu gewinnen auf Dauer aussichtslos ist. Noch einmal andersherum: Die Konzentration auf die bloße Bestandserhaltung von der „Kulturseite“ erleichtert den Kulturabschaffern ihre Arbeit.
    2. „Wir befinden uns längst im Umbruch.“
    In den letzten Jahren ist tatsächlich so etwas wie ein neuer Wind aufgefrischt, vielleicht im Moment noch ein Lüftchen, aber wer weiß. Aber: Er weht beständig um den Mainstream der Neuen Musik herum. Will heißen: in den Randgebieten gibt es unheimlich aufregende Entwicklungen, werden viele Versprechen, die die Neue Musik in den letzten, sagen wir mal 70 Jahren gegeben hat, eingelöst und neue Versprechen werden gegeben. Aber schaltet man das Radio ein, geht man in die Festivals und Konzerte, sieht man sich die Verlagsprogramme an, dann streicht einem der immergleiche, abgestandene Geruch um die Nase. Immer noch wurstelt sich da ein spahlinger durch seine aus nur halbverstandenem Hegel zusammengeschusterten Programmtexte, redet ein musikalisch beinahe schon altersmilde gewordener Lachenmann immer noch von neuen Hörgewohnheiten, blasen sich Ferneyhough und Konsorten mit ihrer pseudo-Complexity auf, romantisiert sich Widmann durch die leicht aufgepeppte Orchesterliteratur des 19. Jahrhunderts. Alles weder inspirierend noch eigentlich etwas, über das man sich aufregen müßte (leider tue ich’s manchmal doch noch). Und alles Ergebnis einer akademisierten, vom Alltag abgeschnittenen „Kultur“, die zu einem nicht unbeträchtlichen Teil mit der von mir unter 1. beschriebenen Mentalität zusammenhängt. Denn natürlich werden junge Komponisten, die die alten Herren endlich mal von ihrem allzu hohen Sockel stoßen könnten, frühzeitig in deren Verteilungssystem integriert und damit auf Dauer mundtot gemacht.
    Was ich also zu guter Letzt damit sagen will: Beim Nachdenken darüber, was alles anders sein könnte und müßte, darf es keine Tabus geben. Wer sich selbst unter Denkzensur stellt, spielt immer dem anderen in die Hände.

  18. Stefan sagt:

    Herrlich hier :D

  19. Das Einzige, was man den alten Säcken der Neuen Musik wirklich vorwerfen muss, ist deren penetrante Dozierhaltung.
    Von Disskussion keine Spur. — Oder auch: keine Spur mehr.

    Also lassen wir die Alten Säcke doch einfach beiseite. Sie sollen ihren verdienten Lebensabend genießen, und, na ja, sie dürfen auch noch dem Hegel hinterherschwärmen.

    In der Neuen Musik selbst ist derzeit kein Blumentopf mehr zu gewinnen – die Sache ist längst gegessen, neue Hörgewohnheiten hin oder her – ich kann mir auch nur schwer vorstellen, dass sich irgendjemand heute noch wegen Dissonanzanhäufungen, Komplexität und dergleichen aufregt.

    Aber um die Neue Musik herum spielt sich viel mehr ab, als z.Zt. von den Medien wahrgenommen wird, das kann ich Ihnen, Herr Hermann bestätigen.
    Es ist auch fraglich, ob klassische Verlage, klassische Periodika wie die nmz oder klassische Institutionen wie Darmstadt hier die richtigen Ansprechpartner sind.
    Dort findet man dann auch Leute wie den Schmusemusikanten Christian Fennesz oder den Kreisverkehrdramaturgen Bernhard Lang.

    Beste Grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –

  20. Die Versorgungsmentalität der Neuen Musik gehört DEFINITIV abgeschafft (steht auch schon auf meiner Seite http://www.simon-artmusik.de), denn um die Fördergelder herum (zahlenmäßig immer weniger bekommen sie, dafür aber umso üppiger, so z.B. in Berlin über den Hauptstadtkulturfonds, Kulturstiftung des Bundes) rankt sich inzwischen eine ganze After-Industrie, die diese Verteilung organisiert und von ihr profitiert, all die ästhetischen Hochglanzmagazine, die über ihre mit falschen Doktortiteln dekorierten Musikkwissenschaftler die verschiedenen Trends und Komponisten hochjazzen und dann wieder kaputtreden/-schreiben, eine künstliche Welt, die mit dem realen Musikleben überhaupt nichts zu tun hat. Lasst bitte endlich das Publikum sprechen bzw. fangt endlich an, mit ihm aktiv zu arbeiten (natürlich ist das Publikum zumindest teilweise tendenziell immer etwas bequem, aber meiner Meinung nach unbedingt lernfähig, und auf jeden Fall neugierig) anstatt es ständig zu belehren!
    Die Neue Musik als selbstreferentieller Kreisel hat ausgedient, was nach 1945 in Deutschand eine natürliche moralische Berechtigung hatte (deutsche Musiktradition=Naziideologie, so wurde das damals gesehen. Neue Musik war gleichbedeutend mit Internationalität), das schmeckt heute nur noch schal, und es wird höchste Zeit, dass wir uns von dieser Lebenslüge jetzt verabschieden und die Musik schreiben, auf die wir Lust haben.

  21. @ Herr Herrmann,

    ob Ihres letzten Beitrages hier. Da gehe ich ja größtenteils d´accord mit Ihnen. Zum „Pappkameraden“, der für „Streichungen“ plädiert oder auf den hier stellvertretend „eingedroschen“ werden solle, wollte ich Sie wirklich nicht machen. Wenn das so rüber kam, dann Entschuldigung.

    Dann habe ich Sie vielleicht missverstanden oder Sie hätten vielleicht besser oder anders formulieren können in Ihren ERSTEN Beiträgen davor, dass es Ihnen anscheinend nicht um ein zynisches „dann soll die Neue Musik weiter wenig gefördert/ignoriert werden“ geht.

  22. querstand sagt:

    @all: Was bedeutet hier eigentlich wir seien „besetzt“? Da komme ich mir gleich wie die Innenstruktur einer Klospülung mit vorgebautem Bretterverschlag vor. Nun, unsere Jodeldiplome alias „Master, Diplom oder sonst vergleichbarer Abschluss einer deutschen Kunsthochschule“ hängen da eben so gut wie die Gesellschaft unsere Werke dorthinten abhängt. Das geht aber ohne „CIA“, eher mit „C&A“, der mir mit seiner Billigkonfektion den Körper kleidet oder „Mossad“, eher Mozart mit Sprachfehler ausgesprochen.

    In dem so gerne vom Ende der Neuen Musik in Depression geprochen wird, setzt man sie doch eigentlich im gleichen Atemzug fort: ist nicht „Abgesang“, Dauernostalgie eines der Hauptthemen der Moderne dessen Januskopf so leicht mit der Wortpaarung „Aufbruch/Abgesang“ umrissen ist? Zuerst schimpfte man auf die Neue Musik in Form eines Abgesangs auf Neoklassizismus und Spätestromantik, jetzt wird sie immer öfters so gerne selbst Gegenstand von Ab-Reden, witzigerweise aber ohne Gegnerschaft eines Auf-Rede-würdigen Gegenstands.

    Die Totalität der Emanzipation hat in ihrer Permanenz dafür gesorgt, daß die Neue Musik schlechthin nichts mehr hat, wogegen sie anrennen, sich absetzen kann. Vielmehr integriert sie doch Alles, sei es das aussereuropäische, sei es das Zitat, sei es letzte volksmusikverhaftete Instrumente oder selbst die Scheinantagonisten Klassik und Populärmusik. Sie beraubt diese Gegenstände ihrer psuedoklaren Klischeegrenzen, saugt sie in diesem Zustand auf und entindividualisiert sie. Andererseits wird sie selbst so wenig begrifflich einschränkbar, daß der bisherige an sie gebundene „Neue-Musik-Komponist“ nicht mehr als Bestandteil einer Untergruppe der Gruppierung „Neue Musik“ firmieren kann, sondern sich eigentlich total emanzipiert wie die Musik selbst extrem auf seine Individualität zurückgeworfen vorfindet.

    Nur macht ihn diese Freiheit erstmal unglücklich. Und so sucht er nach Theorien, warum die Neue Musik sich plötzlich von ihm abzuwenden scheint. Entweder sind es die bösen Postmodernen oder auf der anderen Seite die Komplexisten. Oder eben eine begriffliche Irrationalisierung der eigenen Individualität muß herhalten, als ob Blitze wieder Ereignisse von Götterzorn würden, aller Aufklärung zum Trotz.

    Neue Musik ist also als Begriff vielleicht mit der kosmischen Hintergrundstrahlung vergleichbar: der Begriff lässt sich eigentlich auf alle Phänomene der zeitgenössischen Musikereignisse beziehen, da sie alle ohne die Errungenschaften der Neuen Musik nicht denkbar wären. Provokant betrachtet ist doch beispielsweise selbst der simpelste Popsong Neue Musik: in der harmonischen Einfachheit ziemlich emanzipiert von dem Modulationswahn des 19. Jahrhunderts, der Rhythmus voller afro-amerikanischer, also aussereuropäischer Einflüsse, durchaus selten aber doch vorhanden komplexe Binnenstrukturen, eine elektronische Instrumentation, die doch immer wieder zu den direkten Vorvätern und Vätern der Neuen Musik führt (Varese, Cage, Stockhausen, Trautwein, Moog), Texte die ab und zu doch auch mal an Dada oder Peter Altenberg erinnern.

    So bleiben zwei Betrachtungsweisen: wenn man den eigentlich sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitenden Begriff Neue Musik als entschwunden betrachten möchte, zerrieselt die subjektive Auffassung der eigenen Kunst schnell ohne ein Gegenüber, welches Dich aufreibt. Oder man sieht seine eigene Musik, seine Neue Musik, als Teil der riesigen Neuen Musik. Dann kann man sich wenigstens an individuell/gesamt reiben, Energie daraus ziehen, oder an individuell/individuell.

    Das ist zugegebenermassen ein riesiger „Relativismus“. Der macht Angst, so wie man heute vor Institutionen vielleicht aus dem Individualismus heraus vielmehr Angst hat, als wenn man sich als Teil einer grossen Gemeinschaft fühlend auf eine andere Gemeinschaft stürzt. Das erklärt einerseits auch, warum Künstler heutzutage institutionell, v.a. kulturpolitisch und kuratorisch an die Hand genommen werden wollen, die Suggestion einer neuen Gemeinschaftlichkeit zur Wahrung und Hebung der reinen Existenz. Andererseits kann man aber ebenfalls ein Missbehagen gegenüber alten Gemeinschaften wie „GEMA“ oder „Darmstadt“ oder „Oper“ beobachten, da sie immer irgendwie voremanzipatorisch wirken. Dabei sind sie doch musikalisch mitunter die Hauptstationen der totalen Emanzipation. Sie sind aber gleichzeitig schon wieder Tradition, an die man sich einerseits klammert, da etwas „Neues“ nicht mehr sichtbar ist, andererseits man sie verflucht, da sie letzte Züge von Bindung und Hierachie zeigen, die man doch so gerne hinter sich gelassen haben möchte.

    Und in dieser neuen emanzipierten Individualität kommt man sich doch vor allem als eines vor: allein, einsam und weltverloren. So ist Neue Musik heute die künstlereigene Balance zwischen aufklärerischer Freiheit und nostalgischem Gebundensein. Weder Aufklärung noch Nostalgie allein sind echt. Sie treten immer zusammen auf und sind als eigene Paarung zu verstehen. So entsteht eigentlich ein Dreisprung: eigene Individualität mit/gegen eigene Indiviudalität mit/gegen die Gesamtheit. Das macht Angst, was dann Stagnation bedeutet.

    Das kann aber auch bedeuten, daß ein Komponist reiner Neuer Musik mit den unendlichen Mitteln der integrativen Neuen Musik auch einen Grand Prix d’Eurovision gewinnen könnte wie den Musica-Viva-Wettbewerb, die ja beide von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ausgerichtet werden. Neue Musik ist eben nicht nur Darmstadt oder Musica Viva, sie ist tatsächlich auch bar jeglicher Satire Grand Prix d’Eurovision oder Rock am Ring. So ist jeder Musikschreibende heute in seinen modernen Wurzeln Neue Musik. Es geht nur darum, wie er sich zu sich selbst, der Musik und dem Leben um ihn herum stellt. Es geht um den eigenverantwortlichen Umgang mit Aufklärung und Depression, da offenbart sich dann wahrlich der Blues der Neuen Musik oder er verbirgt sich und macht Angst…

  23. Dank erstmal an „querstand“: Hervorragende Zustandsbeschreibung, douze points. Was meine ich mit „besetzt“: Eigentlich die z.Zt. spezielle Berliner Situation. Da werden dann ein Haufen Fördergelder öffentlich ausgeschrieben, und eine Armee von Komponisten zieht dann eigens dafür schnell offiziell nach Berlin (Mark André und Sidney Corbett sind dafür ein gutes Beispiel), die hatten vorher nie etwas mit Berlin am Hut, sondern sie waren v.a in Stuttgart oder Frankfurt-M., dort sind aber jetzt die Kuhweiden abgegrast, also muss es jetzt Berlin sein, und da man schon vorher ordentlich Gras gefressen hat, ist man jetzt inzwischen ein Prachtexemplar, und das muss dann kohlemäßig gewürdigt werden. Übertragbar ist diese Situation dann auch auf Deutschland als Ganzes. Lange Rede kurzer Sinn: Wer zahlt eigentlich wofür? Und muss ich, um als förderungswürdiger Komponist zu überleben, alle 5 Monate meinen Wohnsitz wechseln? Ich meine nein, weshalb ich dafür bin, diesen Förder-Wahnsinn-Schwachsinn schnellstens zu beenden. Ich bin mittlerweile dafür, dass der Staat vornehmlich in die Bereitstellung professioneller kulturelle Strukturen investiert, die dann im demokratischen Sinne von verschiedenen Künstlern genutzt werden können, als blinde Bonbons an Einzelpersonen zu verteilen, die sich im Laufe der Zeit höchstclever organisiert haben. Das Gleiche könnte man auch von den ominösen EU-Fördertöpfen sagen, die dann einige mit ihren professionellen Anwaltskanzleien und Informanten abgreifen, zum Schaden anderer, die künstlerisch vielleicht viel zu sagen haben, aber logistisch nicht so gut aufgestellt sind, und dann leer ausgehen.
    Am Ende ist das alles sowieso für die Katz, denn einen guten kreativen Kopf kann man bekanntlich nicht kaufen, und wahrscheinlich auch nicht kaputtmachen, egal wie man ihn versucht, auszubremsen. Also: Liberté, Fraternité, Ègalité, es ist doch am Ende eigentlich ziemlich einfach.

  24. Es gibt Komponisten, und Art-Oliver Simon zählt zu dieser Gattung, die graben sich in ein Loch, blicken sich um, und behaupten ein Riesengebirge erschaffen zu haben.

    Leider nimmt das niemand zur Kenntnis, da kaum sichtbar, bis man per Zufall über den Erdhaufen (besser: das Häuflein) stolpert.
    Dann ist Vorsicht geboten, denn dann läuft man Gefahr von einem häßlichen und ausgehungerten Zwerg in ein Erdloch gezogen zu werden, in dem man es sich zwar gemütlich einrichten kann, aus dem man aber nur schwer wieder herauskommt.

    Für all die Qualen, quälenden Zurückweisungen, Erfolglosigkeiten, die man als Komponist erlebt sind dann die anderen schuld.
    Man behauptet „Heimatrecht“, erklärt seine Geburtsstadt zur no-go-area, in die niemand von aussen eintreten darf, und alle, die nicht den gleichen Stallgeruch besitzen werden bei Bedarf als Nestbeschmutzer diffamiert.

    Na, „lieber“ Herr Simon: Sind wir wieder soweit – – – – – haben Sie heute schon ihre Tabletten genommen?

    fragt

    wechselstrom

  25. querstand sagt:

    Angst, Angst, allüberall Angst… Immer die Rede vom „Ende“… Angesichts „Krise“, „Wandel“, „Umwelt“ kann einem wirklich Angst und Bange werden. Aber diese sollte Kräfte, Instinkte, Gedanken freisetzen, die man bisher nicht kannte. Irgendwo muß doch ein kleiner, eigener Widerstand einsetzen, der sich schöpferisch entfaltet. Oder es bleiben nur Tabletten. Dann hat man aber seine emphatische künstlerische Aufgabe, „Funktion“ nicht begriffen: die Balance eben zwischen Aufklärung und Depression, die wache Selbstbeschau. Das kann dann schon mal ulkig werden, wenn man sich irrt, der Blick daneben geht. Auch das Wissen um eine eigene gewisse Bedeutungslosigkeit, die hier ja die meisten betrifft, ist daraus resultierend. Aber bitte nicht davon einen Wahnsinn innerer, „wahrer“ Grösse ableiten. Dann ist man Künstler gewesen und ein Fall für die dicken Herren in weissen Kitteln – das sind NICHT Strauch und/oder Janson! Nein, das ist dann Stein-Aua-real, nicht blog-fatal. Das ist dann Shutter Island, nur eben echter denn als Film. Diesen Blues hört man dann nur ganz allein. Wenn man aber Künstler ist, muß es immer ein wenig nach aussen gehen, mit Offenheit und einem klein Maß richtiger Abschottung, die nicht das Hauptthema sein sollte. Und Kollegen mögen einen ärgern, der wahre „Feind“ ist man aber sich selbst oder doch ein ganz konkreter, grosser wie „Wirtschaft“ und „Politik“, die ganz ohne CIA und Mossad ganz simpel und fatal die Welt sich zunutze machen, Streichlisten feiern und würdigen als seien es Stipendienbegründungen… Das ist der echte Feind. Es gibt da zwar auch Leute, die wirklich der Kunst nicht hineinreden wollen, wirklich nur sympathisch Infrastruktur hinstellen wollen. Das ist aber die gleiche Gieskanne wie annodazumal, das gibt dem Rückzug aus den noch bestehenden Strukturen einen ästhetischen Anstrich, auf den nichts folgt. Alles was folgt ist entweder viel kleiner für die Gesamtheit der Betroffenen als das Bisherige, viel einfältiger, auf ein Objekt reduziert, wo sich dann das bisher Verteilte als ein Netzwerk wiederfindet. Und schlimmstenfalls einfach nur protzig für die Erbauer und unbrauchbar für den Rest. Bestandsschutz ist leider inzwischen nicht nur eine ökologische Losung, sondern auch eine kulturelle. Die erstere Losung hat sogar Verfassungsrang – damit kann man Wähler gewinnen. Die letztere noch nicht. Vielleicht ist das sogar besser. So kann man wenigstens immer wieder darauf aufmerksam machen und Sachen einfordern, die dann irgendwann mal auf Verfassungspapier gebracht als eingelöst gelten…

  26. @Wechselstrom,

    soviel ich weiß ist BERLIN gar nicht Herr Simons „Heimatstadt“: er ist aus Hamburg zu gereist, jedenfalls
    bei Leibe kein Ur-Berliner.

    Dagegen bin ich waschechter Rheinländer
    aus Podolski-Land… 4:0 Jungs!

    Nächste Badblog-Gemeinschaftskomposition:
    Wechselstrom-Strauch-Simon-Janson:

    Quartett für 4 Wuwuselas: Tröööööt!

    Buona notte

  27. Auf die Meinung gewisser stromlinienförmiger Kollegen, die den zaghaften Versuch einer sozialen Umfeldanalyse mit dem Griff zur Tablette denunzierend gleichsetzen und sich selber ohne evident erwiesene fachliche Kompetenz anschicken, den Beruf des Psychiaters als zweites berufliches Standbein auszubauen, habe ich fürderhin nichts gemein, halte diese Spezies zudem für absolut entbehrlich, weil sie nichts zur Lösung des Dopplungsproblems beiträgt und nur gewohnheitsmäßig gelernt hat, von ihrer Pepertuierung zu profitieren, möchte auch noch nicht sagen, gefährlich, weil doch für die Außenwelt allzu leicht ausrechenbar.
    Ja, Herr Janson, braucht er denn ein läppisches WM-Vorrundenländerspiel gegen die Ossies, um sein Nationalgefühl wieder zu entdecken. Ich habe mir in der Zeit eine Brahmssinfonie vorgenommen und mir außerdem vorgestellt, was man mit den FIFA-Einnahmen so kulturell alles bewegen könnte.

  28. Natürlich – und alle die ihn kennen wissen es – ist Herr Simon nicht stromlinienförmig, weshalb seine Versuche gegen den Strom zu schwimmen auch regelmäßig zum Scheitern verurteilt sind.

    Auch ist bekannt, dass Herr Simon von seiner politischen Ausrichtung her ein waschechter Sozialist ist … aber eben kein internationaler.

    Und während der eine über Quartette nachdenkt, onaniert ein anderer vor einem Jugendfoto von Leni Riefenstahl.

    wechselstrom

  29. @ O-Ton Art Oliver Simon:

    Da werden dann ein Haufen Fördergelder öffentlich ausgeschrieben, und eine Armee von Komponisten zieht dann eigens dafür schnell offiziell nach Berlin (Mark André und Sidney Corbett sind dafür ein gutes Beispiel), die hatten vorher nie etwas mit Berlin am Hut, sondern sie waren v.a in Stuttgart oder Frankfurt-M., dort sind aber jetzt die Kuhweiden abgegrast, also muss es jetzt Berlin sein, und da man schon vorher ordentlich Gras gefressen hat, ist man jetzt inzwischen ein Prachtexemplar, und das muss dann kohlemäßig gewürdigt werden. Übertragbar ist diese Situation dann auch auf Deutschland als Ganzes. Lange Rede kurzer Sinn: Wer zahlt eigentlich wofür? Und muss ich, um als förderungswürdiger Komponist zu überleben, alle 5 Monate meinen Wohnsitz wechseln? Ich meine nein, weshalb ich dafür bin, diesen Förder-Wahnsinn-Schwachsinn schnellstens zu beenden. Ich bin mittlerweile dafür, dass der Staat vornehmlich in die Bereitstellung professioneller kulturelle Strukturen investiert, die dann im demokratischen Sinne von verschiedenen Künstlern genutzt werden können, als blinde Bonbons an Einzelpersonen zu verteilen, die sich im Laufe der Zeit höchstclever organisiert haben.

    Zitat Ende:
    Und SO schreibt hier ausgerechnet jemand, der selbst vor noch nicht langer Zeit das Eötvös-Stipendium (für den mehrmonatigen Aufenthalt im Herrenhaus Edenkoben) bekommen hat und selbst insgeheim froh ist, wenn er mal das Glück hat, persönlich gefördert zu werden, also von den von ihm selbst hier verurteilten „blinden Bonbons“ profitiert.

    Förder-„Wahnsinn“ ist es für solche Leute dann offiziell sicher immer nur dann, wenn mal nicht sie selbst solche Förderungen erhalten.

    „Förder-Wahnsinn“? Nein, sage ich. Dieses ewige Gerede vom angeblichen „Förder-Wahnsinn“,gerade von Komponisten selbst, denen es bestens geht, ist schal geworden. Es zeigt, wie an diese BSp., immer wieder seine relative Scheinheiligkeit.