Abschlussbericht des Patienten E. (Abenteuer im ZKM, 11. und letzter Teil)

Einmal muss Sperrstund sein, meine Freunde…
Einmal is aus.

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Zumindest die Proben in Karlsruhe. Auch wenn es morgen noch einen halben Tag Abschlussproben gibt, ist es schon jetzt möglich, ein letztes Resümee der Proben in Karlsruhe zu machen, bevor dann Ende April in München die Endproben anstehen.

Der ZKM-Teil besteht aus drei Teilen: einem Prolog mit Sängern und Bühne, einer „Amazonaskonferenz“ mit dem Schamanen, Wissenschaftlerin, Ökonom und Politiker, unterbrochen vom Chor, schließlich ein Schlussteil mit „Zurückwurf“ aufs Publikum und einem abschließenden Chor.
Einen Großteil der Zeit verbrachten wir mit der Amazonaskonferenz, den Tücken des iphone-Tisches, damit, die Textmassen zu reduzieren. Im Laufe der Proben haben wir diesen Teil ernst, didaktisch, ironisch, verrückt, ausgeflippt, komisch, abartig, versponnen, bieder, spacig und trashig ausprobiert (was das Sprechen des Textes angeht). Bis heute wissen wir nicht, welche Version davon wir in München machen werden.

Musikalisch haben wir erst sehr spät angefangen zu proben, eigentlich erst, als die Sänger der Tato Taborda-Produktion dazu kamen. Dies war sicherlich die schwierigste Probenphase, weil sich Empfindlichkeiten auf allen Seiten, zum Teil auch verursacht durch die sehr späte Verteilung der Noten (was wiederum mit einem sehr spät vorhandenen Text zu tun hatte) gegenseitig hochschaukelten bis kurz zur Aufgabe der Produktion. Verschiedenste Lösungen wurden durchprobiert, weil man feststellen musste, dass die Liverealisierung der Vokalpartitur wegen derer Natur nach nicht klappen würde. Daher wurden die letzten Tage absolut alle musikalischen Teile im Studio aufgenommen (und zwar von jedem Sänger einzeln). Heute haben wir den ersten „zusammengesetzten“ Teil gehört, der sicherlich wesentlich näher dem kommt, was sich Ludger Brümmer vorgestellt hat. Inwieweit wir jetzt dazu live singen werden ist unklar, ebenso, was wir im ersten Teil des Stückes eigentlich machen werden.
Der zweite Teil mit improvisierten Zwischenchören hat schon ganz gut geklappt heute, obwohl es immer noch Unklarheiten über die generelle Ästhetik gibt. Der dritte Teil schliesslich besteht momentan aus einem rhythmischen Heraufklettern auf die Bühnentreppe, dann einem rhythmischen Skandieren der bisher gesungenen Texte (während die gesungenen Texte vom Band kommen) auf Zeichen (Weibel heute: „Ich zähle bis drei, genau auf drei setzen Sie bitte ein!“).
Dann nehmen wir große weiße Reflektorschirme und halten sie uns vors Gesicht. Darauf werden nun Gesichter von Zuschauern oder auch unsere eigenen projiziert. Die Gesichter wandern nach unten, wir versuchen ebenfalls nach unten zu gehen und die Gesichter weiterhin einzufangen. Dabei skandieren wir dutzende Mal den Schlußsatz des Werkes: „Der Nihilismus des Kapitalismus ist der neue Terrorismus. Der Nihilismus des Kapitalismus ist der neue Terrorismus. Der Nihilismus des Kapitalismus ist der neue Terrorismus..“
Dann ist das Stück irgendwie aus.

Besondere Momente heute:

– Sowohl Tilman Broszat von der Biennale und Peter Weibel entschuldigen sich für die schwierigen Probenbedingungen. Man schenkt uns ein Schachtel Pralinen.
– Peter Weibel bricht beim Besteigen eines Bühnenelements durch den Boden, verletzt sich aber gottseidank nicht.
– Ludger Brümmer schaut wieder etwas entspannter, nachdem sein „Chor vom Band“ sehr gelobt wird

Und hiermit schließe ich diesen Blog fürs Erste, eine Fortsetzung wird es geben, wenn die UA in München naht (8. Mai), dann erzähle ich euch, WAS wir letztlich auf die Bühne gebracht haben.
Einen großen Dank an das stets freundliche und nette ZKM-Team, allen voran unsere direkten Betreuer Julia Gerlach und Jan Gericke, natürlich auch unsere „Gehülfin“, Julia Gottschalk. An Sebastian vom Ton, und das gesamte Technikteam des Kubus, zu viele Namen, um sie hier aufzuzählen, aber alle eine dufte und nette Truppe.
Und natürlich auch an Ludger Brümmer und Peter Weibel, für ihre Geduld und ihre stets überraschenden Ideen. Vor allem aber auch ein Dank an meine tollen Kollegen, Mafalda, Jochen und Christian, sowie den „Chor“ mit Starbesetzung.
Und danke an Alle, die bis hierhin Geduld hatten und mitgelesen haben.
Ein Dank auch an die LBS, bei der ich 2x umsonst gegessen habe, weil mir nicht klar war, dass man die Essensmarke abgeben muss. Heute hab‘ ich es aber richtig gemacht!

Leaving the ZKM

Leaving the ZKM

Bei der Pressekonferenz nahm mich Peter Ruzicka zur Seite und sagte nur „Halten Sie durch!“.
Das wünsche ich uns Allen,

In diesem Sinne,
Euer
Moritz Eggert

Und hier könnt ihr sehen, wie Mafalda ein letztes Mal den Blues of the Regenwald singt, click this text an

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3 Antworten

  1. Beckmesser sagt:

    Der Bad Blog wird ja immer spannender, was jetzt nicht ironisch gemeint ist. Schamane E. sollte noch ein Extrahonorar der Biennale für den originellsten Vorbericht bekommen. Wenn alle Pressemitteilungen, die einem zu irgendwelchen Veranstaltungen (ich meine jetzt gar nicht speziell die MüBiMu) per Mail vorab zugeschickt werden, so unterhaltsam gemacht wären, würde man sie sogar lesen bzw. anschauen/anhören.

    Aber wie ist das eigentlich: Heute lese ich im Spiegel Online unter dem Titel „Die Wolkenschieber“, dass der Glaube an den Weltuntergang durch CO2 langsam schwindet (das hat sich ja in den letzten Monaten zunehmend herumgesprochen). Nicht nur die sogenannten wissenschaftlichen Experten, die als Statistik-Fälscher geoutet wurden, sondern auch der Ober-Guru vom UNO-Weltklimarat, Rajendra Pachauri, dessen Klimaschutz-Aktivitäten vor allem der Ankurbelung seiner eigenen Geschäfte dienen, haben dafür gesorgt, dass sich die credibility gap in der Klimaforschung inzwischen mit derjenigen der deutschen Reformpädagogik aufnehmen kann. Und nun trägt eine Sängerin im „Amazonas“-Projekt wieder das Lamento von den Rinderfürzen vor, die den Weltuntergang beschleunigen. Irgendwie kommt die sog. Musik-Avantgarde einfach immer einen Tick zu spät…

    Wie der Blog hier verrät, scheint das Amazonas-Projekt ja sicher eine durchaus kurzweilige und ambitioniert gemachte Produktion zu werden. Aber da die Musikkritik, wie ihr Name sagt, sich ja nur mit Musik befasst, wird es vermutlich als aufrüttelndes Manifest zur Rettung des Planeten gefeiert werden. Ideologisch korrekt, fortschrittlich besorgt und stets auf der sicheren Seite, d.h. kompatibel mit den Parolen des UNO-Weltklimarats (Präsident, äh: Rajendra Pachauri). Schon die Schweinegrippe hat gezeigt: Nichts ist so einträglich wie die heile Welt des medial geschürten Aberglaubens. Aber das gilt selbstverständlich nur für die der Gesundheit verpflichtete Pharmaindustrie und keinesfalls für die der Aufklärung verpflichtete neue Musik… (NB: Ironieblocker abgeschaltet.)

  2. @ all

    gestern die letzte Note geschrieben heute die letzten Korrekturen gelesen.
    – nach 3 Monaten und 2 Wochen mit der Oper (Titel: Re-Entry) fertig
    – Premiere in ca. 3 Wochen:
    – 25. April 2010, 17h (2. Vorstellung: 21h)
    – Dauer: ca. 1 Std. 40 Min.
    – Staatstheater Oldenburg – im Rahmen des Festivals PAZZ –

    – Das Team:
    Musikalische Leitung: Jonathan Kaell • Projektleitung: Karen Witthuhn • Regie: Renate Pittroff • Ausstattung: Lisa Maline Busse • Dramaturgie: Sebastian Hanusa • Darsteller: Eva-Maria Pichler, Patrizia Wapinska, Thomas Burger, Max Schäfer, Oldenburgisches Staatsorchester

    – Schön, dass so etwas noch möglich ist: Schnelle Realisation, ohne die übliche Vorlaufzeit für Opernprojekte von 3-4 Jahren.

    Herzliche Einladung an alle!

    – wechselstrom –

    p.s: eigentlich sind es 2 Opern, die parallel laufen – mehr soll man nicht verraten.

  3. Glückwunsch Lieber Christoph!
    Darauf trink mer a Achterl, wenn ich wieder in Wien aufschlage.

    Wünsche Dir viel Erfolg für Deine Oper und werde sehen
    zu kommen aber weiß nicht ob ich es schaffe, da ich selbst am Tag drauf ganz früh nach Weimar zu den Frühjahrstagen reise.

    Allos: also gibt es hier auch für einige der Bloggercomunity doch noch ab und an auch ganz unbürokratisch und ohne Vorlaufzeiten etc. die Chance,
    was zu realisieren. Und das Durchhalten (Zitat Ruzicka an Moritz) lohnt sich irgendwann für jeden.
    Zu hoffen ist, dass sich das Durchhalten für uns alle auch noch länger lohnt.

    Herzliche Grüße @ all und ans LABOR