Das Bild der Neuen Musik in der Öffentlichkeit Teil 4: Die Rezeption von Alex Ross‘ „The Rest is Noise“

Adorno

Es ist zwar schon eine Weile her, aber dieser Zeit-Online-Artikel von „ThomasW.70“ ist dennoch ein paar Zeilen wert (danke an unseren Leser Martin Geyer für den Hinweis)…

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Wieder einmal geht es um Alex Ross‘ „The Rest is Noise“, den meiner Ansicht nach gelungenenVersuch einer stil-und ortsübergreifenden Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.  In dem Zeit-Online-Kommentar vom 4.12. fallen dazu ein paar Sätze, die ich kommentierenswert finde (Zeitartikel in „blockquote“, meine Kommentare dazu normal):

Das vielleicht größte Verdienst dieses Buches ist der Blick aus einer größeren Perspektive, der oft auf verblüffende Weise erleuchtet wie eng politische und gesellschaftliche Strömungen mit künstlerischen Entwicklungen Hand in Hand gehen.

Recht hat er – und wir sind gespannt, ob Patrick Hahn Alex Ross tatsächlich in NY getroffen hat (wie geplant)….
Aber dann:

Es ist kein Zufall, dass Thomas Manns „Doktor Faustus“ in diesem Buch eine quasi leitmotivische Rolle spielt, denn dieser Roman, etwa um die Mitte geschrieben, beschreibt die kulturelle und gesellschaftliche Krise des gesamten 20. Jahrhunderts. Denn die Symptome dieser Krise setzten sich auch noch nach 1945 fort.

Einige Kritiker wendeten gegen Ross ein, dass seine Lesart von „Doktor Faustus“, nämlich dass dieser Schönbergs 12-Ton Technik mit dem Totalitarismus gleichsetzte, nicht legitim sei. Doch Ross hat vollkommen Recht. Ja am Ende ist die vielleicht größte Schwäche von Ross‘ Buch, dass er „Doktor Faustus“ nicht noch ernster in all seinen Analysen und Implikationen genommen hat. Denn Thomas Mann sah in der Krise des 20. Jahrhunderts einen quasi unabwendbaren katastrophischen Endpunkt der gesamten Geistesgeschichte seit der Renaissance. Wie er in Briefen schrieb, war für ihn Adrian Leverkühn nicht das widerständige Genie sondern, wie das Vorbild dieser Figur Friedrich Nietzsche, der Vollstrecker eines unheilvollen aber unvermeidlichen Schicksals.

Man muß dazu anmerken, dass Ross durchaus viel Text dem „Doktor Faustus“ widmet (mehr wäre bei der Größe seines Themas nicht drin gewesen). Obwohl der Vergleich der 12-Ton-Technik mit dem Totalitarismus durchaus in vielen Punkten hinkt (geht es doch im Totalitarismus immer um „eine diktatorische Form von Herrschaft“, wogegen die 12-Tontechnik eher die Gleichberechtigung der Töne fordert – man könnte genausogut Tonalität „totalitär“ nennen, weil eine Tonika vorherrscht), wurde die Theorie der seriellen Musik immer wieder durch Allmachtsphantasien der Überlegenheit verunstaltet. Man kann darin auch eine Art psychologische Reaktion auf die Greuel der Naziherrschaft sehen – mir scheint es oft so, als habe man sich daran unbewußt abgearbeitet, denn mit der fast schon neurotisch anmutenden Ausgrenzung bestimmter Arten von Musik imitierte man letztlich die erlittene Ungerechtigkeit der „Entarteten Musik“. Freud hätte seine Freud‘ dran gehabt….

Schönberg war gewissermaßen der Prototyp des idealistischen Geistes und wäre er nicht dummerweise Jude gewesen und seine Methode zu esoterisch, er hätte wie die Idealisten Pfitzner und Furtwängler auch deren Fluch anheim fallen können. Die Oper „Moses und Aaron“ zeigt geradezu gespenstische Parallelen zur Machtergreifung. Der Tanz um das Goldene Kalb als Kult des Lebens spiegelt das moralische Delirium der 20ger Jahre, das vom Ideologen Moses, der nur an den reinen Gedanken glaubt, handstreichartig beendet wird. Im unkomponierten 3. Akt glaubt man seinen Augen nicht zu trauen. Dass Aaron einfach tot umfällt, um im höheren Interesse aus dem Weg geräumt werden und sich an der Seite Moses Schergen formieren um das geistige Gesetz durchzusetzen, könnte kaum deutlicher sein.

Das mit dem „dummerweise Jude“ klingt – mit Verlaub – doch etwas merkwürdig. Was ist daran dumm, Jude zu sein? Auch ist es wohl falsch, die doch wohl sehr vielseitig interpretierbare „Goldene-Kalb-Szene“ so einseitig zu deuten – hier wird der typische Fehler gemacht, die Motivation des Autoren mit der Motivation der Figuren zu verwechseln.

Ähnliches gilt für Adorno und die Entwicklungen nach 1945. Wenn Adorno in seinen musikphilosophischen Schriften apodiktisch feststellt, wie die „richtige“ Musik auszusehen habe, tut er damit, wenn auch auf intellektuell unvergleichlich höherem Niveau, dasselbe wie Stalin?

Na ja, alle Behauptungen darüber, wie „Musik zu sein hätte“ sind angreifbar und fragwürdig (und das genaue Gegenteil dieser Behauptungen fühlt sich herausgefordert). Es kommt aber ganz aufs Umfeld an: Wenn ein Stalin dies tut und ein Schostakowitsch lebenslang fürchten muß, deswegen in einen Gulag gesteckt zu werden ist es etwas sehr anderes als wenn ein Adorno es in einer letztlich demokratischen Kultur des Streitens und der Dialektik tut. Adorno vertritt nichts weiter als eine Meinung, Stalin setzt seine Meinung mit Gewalt durch, das ist ein Riesenunterschied!

Eine Meinung darf man schon mal haben, denke ich.

Eng damit verknüpft ist auch der Mythos der Moderne, der selbst heute noch soviel Strahlkraft hat, dass selbst drittklassige Kritiker das Wort beständig im Munde führen. Dabei sah Thomas Mann darin eben jenen Pakt mit dem Teufel. Das Versprechen der Befreiung und Überwindung von Konventionen durch Mut und Können im trügerischen Versprechen einer utopischen Neuen Welt ist das süße syphilitische Gift, was Heerscharen von Lemmingen dazu trieb sich ins Meer des Unbekannten zu stürzen. Doch wie Thomas Mann hellsichtig erkannte führte das nicht zu etwas konstruktiv oder produktiv Neuem sondern zu Selbstauflösung und Paralyse.

Hier wird’s immer blumiger: „Befreiung und Überwindung von Konventionen durch Mut und Können“ – was kann daran schlecht sein? Ach so, im „trügerischen Versprechen einer utopischen Neuen Welt“ ist es dann böse! Nicht dass Meisterwerke wie z.B. „Wozzeck“ das fordern würden- zwar mit der „bösen“ 12-Ton-Technik geschrieben, aber ganz und gar am Leben dran, aber das übersieht der Kommentator hier. Methode und Absicht sind dann doch zwei sehr verschiedene Dinge…

Alex Ross betrachtet die orgiastisch in bunten Farben schillernde Kulmination dieses Vorgangs mit einer gewissen frivolen Faszination des außenstehenden Beobachters, sieht darin aber eher eine bizarre tour de mode, als dass er die vielen kulturhistorischen und nationalen Vorgeschichten realisieren würde.

Mit diesem Blickwinkel gleicht er übrigens auch den vielen amerikanischen Komponisten, die zum größten Teil keinen Begriff von der Geschichtsbeladenheit von Kultur haben und naiv eklektizistisch Kompositions- und Instrumentationstechnik adaptieren. Wenn in Tom und Jerry 12 Ton Musik vorkommt bleibt es dem Wesen nach trotzdem Cartoonmusik und hat nicht das Geringste mit Schönberg zu tun.

Zuerst einmal ist die weniger vorhandene „Geschichtsbeladenheit“ von amerikanischen Komponisten natürlich auch ein Vorteil – nicht umsonst kommen viele entscheidende Impulse in der Musik des 20.Jahrhunderts aus Amerika – es ist kein falscher Nationalstolz von Alex Ross wenn er das in seinem Buch feststellt. Dann hat der Kommentator eine unduldbar herablassende Vorstellung von „Tom und Jerry“: Tatsächlich handelte es sich bei den ersten Tom und Jerry – Cartoons (nicht die heruntergekommenen 70er Jahre-Versionen) um unglaublich experimentelle Meisterwerke, nicht zuletzt auch durch die fantastische Musik von Scott Bradley, klassisch ausgebildeter Komponist, der „akademisch“ 12-Ton-Technik studiert hatte und sie begeistert einsetzte. Es hat also sehr wohl etwas mit Schönberg zu tun – die Musik wurde quasi von einem Schüler Schönbergs geschrieben!

Amerika erschien zu spät auf der kulturellen Landkarte, um eine echte Rolle in der Tradition der sogenannten Klassischen Musik zu spielen. Alex Ross gibt sich einer gewissen Selbsttäuschung hin, wenn er glaubt, das sei der Fall. Vielmehr entwickelte Amerika, nach 1945 auch mit immer mehr Selbstbewusstsein, seine eigene Kultur, die man wohl landläufig als Populärkultur bezeichnen würde. Zwar mag bei neueren Amerikanischen Komponisten wie Reich, Glass oder John Adams noch immer latent eine Sehnsucht nach der Anbindung an die europäische Klassische Musik vorhanden sein, doch dem Wesen nach gehören sie bereits vollkommen Amerikanischer Populärkultur an. Die vielen Berührungspunkte zur Jazz-, Pop oder Rockmusik aber auch Medien wie Kino oder Fernsehen, die Ross referiert zeigen, dass sich die Spannungsfelder dahin verschoben haben.

Blödsinn: Populärkultur ist keine amerikanische Erfindung. Populärkultur gab es auch schon vor der Erfindung der Medien, die sie heute dominanter machen als früher. Im 17. Jahrhundert wurde der so genannte Massengeschmack nicht permanent im Supermarkt gespielt – es gab halt weder Supermärkte noch Lautsprecher – aber einen Massengeschmack gab es durchaus. Moden, Trends, Vereinfachungen von vormals Sublimen – das alles gibt es so lange es die Menschheit gibt. Schon die alten Ägypter kannten zwei Kunsstile : die „hohe“ Kunst für ihre Grabmäler und repräsentativen Kunstwerke, und die „Volkskunst“, die wesentlich einfacher aber dafür auch schneller hergestellt wurde.

Doch jetzt kommt’s:

Für mich besteht überhaupt kein Zweifel, dass die Tradition der Klassischen Musik im 20. Jahrhundert zu Ende gegangen ist und das was wir Moderne nennen lediglich eine makabre Feier dieses Endes war.

Amerikanische Populärkultur ist die bestimmende Kultur unserer Zeit und ist auch längst erwachsen geworden. TV-Serien wie die Sopranos oder Filme von Michael Thomas Anderson oder Woody Allen sind, unter Anwendung völlig anderer Mittel in ihrem tiefen Interesse am menschlichen doch viel näher an Shakespeare als fast alles was unter dem Label der Hochkultur heute hervorgebracht wird.

Alex Ross hat zwar Recht damit, dass institutionell die Klassische Musik nach wie vor durchaus stark vertreten ist, auch wenn zu neunzig Prozent “alte” Musik gespielt wird. Doch ist das ein wenig wie mit den Königshäusern. Mit Monarchie hat das nichts mehr zu tun. Eher ist es eine liebgewonnene Folklore, die sicher noch einige Jahrhunderte fortbestehen wird. So wird es wohl auch der Klassischen Musik ergehen.

Und wisst ihr was – auch wenn das eine extrem streitbare These ist, und ich hundert Gegenargumente bringen könnte, gibt es in mir einen Teil, der Angst hat, dass er Recht hat.
Zuerst einmal muß man aber feststellen, dass weder Sopranos noch Woody Allen „Massenkultur“ sind – auch wenn beide erfolgreich sind, wird hier doch eindeutig eine intellektuellere Klientel bedient. „Sopranos“ waren nur im anspruchsvollen Bezahlsender HBO möglich, und Woody Allen’s Kinofilme werden mühsam und mit großem Risiko für alle Beteiligten produziert (die Schauspieler spielen sehr oft für Minimalgagen). Aber tatsächlich versuchen beide auch anspruchsvolle Kunst zu sein/machen – in einem Umfeld, in dem das schwer ist. Das ist der Vorbildcharakter, nicht, dass es angeblich Popularkultur ist (was einfach nicht stimmt). Woody Allen hat mehrmals öffentlich festgestellt, dass er nur durch seine Fans in Europa die Freiheit hat, seine Filme zu machen (alleingelassen in Amerika wäre das nicht möglich). Nun gebe ich dem Kommentatoren recht, wenn er hier indirekt den Dünkel anspricht, der gerade hierzulande allem entgegengebracht wird, das auch unterhaltend, komisch, spannend oder lebendig ist (also das Gegenteil fast aller Neuen Musik), aber ist daraus abzuleiten, dass alles was nicht so ist, nur noch „museal“ fortbestehen soll?

Warum ich hier über diesen Artikel schreibe? Weil der Kommentator mit seiner Meinung über die museale Zukunft klassischer Musik (und er meint damit auch zeitgenössische klassische Musik) nicht alleine ist – tatsächlich höre ich diese Argumentation immer öfter. Und irgendwie fände ich es falsch, sich ihr gegenüber komplett taub zu stellen. Denn die angesprochene Gefahr besteht.
Es gibt aber eine Chance – Königshäuser sind museal, weil sie nicht mehr relevant sind. Sie sind das Ritual der Macht ohne diese Macht zu besitzen.
Kunst dagegen kann immer relevant sein, woher immer sie auch kommt, in welchem Genre auch immer sie sich herumtreibt.

Es liegt also an allein uns, diese Relevanz nicht nur zu erzeugen, sondern sie auch einzufordern.

Euer
Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. So wenig sich dechiffrieren läßt, was Musik eigentlich sei, so wenig existiert eine, die es ganz schon wäre. Besser, das einzugestehen, als, was sie zu sein hätte, dadurch aufs neue zu verbauen, daß man irgendeine auswählt, die das ominöse Positive darstelle.
    [Band 16: Musikalische Schriften I-III: III Finale. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, GS 16, S. 540.]

    Ich muss gestehen, so richtig stalistisch klingt das in meinen Ohren nicht. Auch nicht auf höherem Niveau. Freilich hat Adorno immer versucht, darzustellen, wie die Musik vielleicht besser nicht aussehen sollte – und war darin nicht immer zu sehr präzise. Er ergänzte seine Vorstellung etwas:

    Die informelle Musik ist ein wenig wie der ewige Frieden Kants, den dieser als reale, konkrete Möglichkeit dachte, die verwirklicht werden kann, und doch auch wiederum als Idee. [ebd.]

    Überhaupt wird diese Schönberg/Mann-Kiste vollkommen überbewertet.

  2. Nur eine sachliche Anmerkung zum weiter oben Stehenden: Alban Berg hat seine Oper „Wozzeck“ nicht in 12-Ton-Technik komponiert, sondern lediglich in mehr oder weniger freier Atonalität. Der musikalisch gewichtige Orchester-Epilog „Invention üder eine Tonart (d-moll)“, der früher als der Rest entstand (wahrscheinlich sogar vor 1910), ist sogar tonal – und könnte fast von Mahler sein. Bergs erste 12-Ton-Komposition war das 2. Storm-lied „Schließe mir die Augen beide“ von 1925. Die Komposition seines „Wozzeck“ hatte Berg bereits im April 1921 beendet.