Wer war Hans Heinrich Eggebrecht?

Oder: Das Zwei-Welten-Modell mal ganz anders…

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Laut Pressemeldungen (im September 2009 wurde bereits im SWR darüber berichtet; die Reaktionen der kulturellen Öffentlichkeit waren aber noch zaghaft bzw. blieben fast gänzlich aus) soll der legendäre Freiburger Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht (1919-1999) 1941 an der Ermordung von fast 15.000 Juden beteiligt gewesen sein.

Eine Meldung, die – wenn sie sich bewahrheitet – die Musikwissenschaftswelt erschüttern wird.

Ich habe in Freiburg einen Teil meines Musikwissenschaftsstudiums absolviert (2001-2003). Es war übrigens dort durchaus nicht so, dass der Geist des heiligen St. HaHa Eggebrecht immer noch über dem Seminar schwebte, wie es der Freiburger Musikwissenschaft manchmal vorgeworfen wurde/wird. Man hatte sich größtenteils längst an ihm abgearbeitet – einige Dozenten nahmen ihn kaum noch Ernst. (Ich sowieso nicht. Mir ging seine Heiligkeit immer gehörig auf den Zeiger.)

In seinem – noch heute viel gelesenen – Werk „Musik im Abendland“ (1996) treffen wir fast ganz am Ende auf den Abschnitt „Reflexion XV: Wer bin ich?“. An einer Stelle des Buches, an der Eggebrecht gerade das Lied „Wo die schönen Trompeten blasen“ von Gustav Mahler abgehandelt hatte. Ein Lied, das Eggebrecht immer wieder zum Anlaß nahm, auf sich selbst und im gleichen Zug auf Mahler zu sprechen zu kommen. (Mich veranlasste das 2005 dazu, fast 150 Seiten nur über dieses Lied zu schreiben. Der Betreuer dieser Arbeit, Hermann Danuser, war anfangs skeptisch, ob ein einziges Lied als Thema ausreichen würde. Im Gutachten findet sich dann der Hinweis: „Vielleicht war der Platz für dieses Thema ein wenig eng.“ Nun gut. Im nächsten Jahr erscheint diese Arbeit. Vermutlich im Verlag Peter Lang. Darin findet sich eine harsche Eggebrecht-Kritik. Ich weiß, das tut hier eigentlich nichts zur Sache.)

Zurück zu „Wer bin ich?“. Natürlich lesen sich diese Zeilen jetzt sehr gruselig.

Auf Seite 741 heißt es: „Nun glaube ich – und beim Schreiben jetzt wird es sich wohl herausstellen -, daß […] [es] nur sehr bedingt möglich ist [die Frage zu beantworten: wie denn mein Ich, das hier Geschichte schreibt, strukturiert ist und wie diese Strukturierung ihrerseits womöglich biographisch und durch die Biographie hindurch geschichtlich zu erklären ist], auch wenn ich es noch so ehrlich und intensiv versuche. Als erstes jedenfalls bin ich davon überzeugt, daß es nicht hilfreich sein würde, wenn ich hier meine Biographie erzähle: Denn wie all das in meiner Art des wissenschaftlichen Denkens, Schreibens und Lehrens wirksam wurde, was auch unzählige andere erlebt haben, zum Beispiel die Jugendbewegung vor 1933, den Nationalsozialismus, Krieg und Verwundung, Nachkriegszeit, Studentenrevolte und Restauration, das ist schon in mir angelegt gewesen, bevor es mich betraf.“

Danke jedenfalls für den Link, Johannes.

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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9 Antworten

  1. Das sind wirklich „Bad News“ – in jeder Hinsicht. Ich kann mich auch noch erinnern, in den 80er Jahren, als die Studierenden der Musikwissenschaft anfingen, eigene Treffen in Deutschland zu organisieren, wie eine Ausgabe der Studentenzeitung des Freiburger Instituts kursierte mit dem Titel „Der diskrete Charme der Theorie“, wo es um die Rolle der Freiburger Musikwissenschaft im Nationalsozialismus ging. Am Ende ein Interview mit Eggebrecht. (Irgendwo liegt sie noch in einem Umzugskarton. Vielleicht finde ich sie noch.) Im Zentrum damals natürlich eher Leute wie Gurlitt, Besseler(?), Müller-Blattau etc.

  2. eggy sagt:

    Wahnsinn – Als Unteroffizier ist es höchst unwahrscheinlich, dass er sich vor Erschiessungen oder zumindest dem Befehl zu Erschiessungen drücken konnte.
    Finde doch mal den Umzugskarton, Martin, das wäre schon interessant!

  3. Habe alles durchgekramt, ist ja nicht so viel. Leider nur den alten Studienführer gefunden. Der Autor war jedenfalls Eckhard John. (In dessen Publikationsliste findet sich aber kein Hinweis auf sein Interview.)

  4. Ich habe jetzt allerdings auch Informationen erhalten, dass „die Sache“ hochgekocht werden will, obwohl es vielleicht nicht einmal etwas zu kochen gäbe.

    So weit ich gehört habe, steht es eben nicht fest, dass Eggebrecht beteiligt gewesen wäre – wer kennt die Quellen, wer kann sie bewerten.

    Und dass jemand seinen Nachlass vernichtet, darf ihm keinesfalls so ausgelegt werden, als habe sich dort Verdächtiges befunden. Mein normaler Menschenverstand sagt mir, dass ich so etwas doch nicht mit mir das Leben lang herumschleppe, um es am Ende erst zu vernichten, wie es der Bericht der Badischen Zeitung nahelegt.

    Festzustehen scheint im Moment eher, dass da nichts feststeht.

  5. querstand sagt:

    @ all
    Wenn man die Berichterstattung und Kommentierung um die Enthüllungen von Hakens bezüglich der Feldgendarmerie Hans Heinrich Eggebrechts ansieht, dann ergibt sich für mich kein wirklich klares Bild. Richtig schauderhaft wird es bei dem Foto in der „Zeit“ mit der Unterzeile, daß darauf Eggebrecht fehlen würde. Das zieht das Ganze ins Boulevardeske. Wenn nun jedes Foto so interpretiert würde, auf dem man fehlt, daß gerade dies ex negativo der Beweis für eine unterschobene Anwesenheit sei, dann muß man ja immer überall da sein, wo man gar nicht ist. Etwas verwirrend.

    Die Mahlerrezeption Eggebrechts nun auch aufgrund der Enthüllung von anders gelesenen, sehr spärlichen Stellen auf ganz andere Beine zu stellen, also auf antisemitische, das ist doch auch sehr schwierig. Aber dazu wurde an anderer Stelle von Berufeneren schon viel mehr gesagt. Der Sühnecharakter der Äusserungen Eggebrechts zu den verwendeten Soldatenlieder Mahlers als nicht-opponierend ließe sich auch schwächer auslegen, denn als direkter, aber verhüllter Bußruf: wie Eggebrecht nun an den Tagen des Massakers beteiligt war, ob er die Eisenstange brachial schwang oder nur „stupsend“, ob er eben im Lager blieb und gar nicht am Ort des Grauens sich aufhielt – Alles nicht ganz klar. Aber daß er wohl vor Ort gewesen ist und wußte, was um ihn herum geschah, woran er gar nicht, oder nur gering oder brutal beteiligt gewesen ist, das muß ihm auch Jahrzehnte später noch mehr oder minder klar gewesen sein. Sogesehen kann man da die Reue in die Soldatenliederepisode hineininterpretieren.

    Ob dann aber Eggebrechts Kritik an der Veni Creator Spiritus Vertonung Mahlers Achter wirklich ins antisemitische abgleitet oder der Rahmen jetzt einfach ma tendenziell abgesteckt wird, das scheint mir äußerst problematisch zu sein. Das einzig wirklich traurige wäre, daß Eggebrecht über die Jahre trotz seines Reue-Anklangs nun soviel Übermut gefunden hätte, die alten, längst abgelegt geglaubten Haltungen seiner Jugend wieder aufkochen zu lassen, oder sie sich eben wieder freie Bahn geschlagen hätten nach all den Jahren der Verdrängung. Es ist ja sowieso bemerkenswert wie die alten Damen und Herren des Zweiten Weltkriegs im Gewand des Wiederaufbaus Alles unliebsame verdrängen konnten, sogar wirklich bessere Menschen geworden sind, nach aussen hin. Dann aber bei Fieberattacken im Rentenalter die Luftangriffe oder eben auch andere selbst zu verantwortende begangene Unmenschlichkeiten an die Oberfläche der Erinnerung schiessen.

    Ich frage mich, wie man nun generell solche postmortem stark anzuzweifelnden deutsche Nachkriegslebensläufe beurteilen muß. Es gibt ja noch immer die Leute, die direkt an solchen menschenverachtenden Verbrechen beteiligt gewesen sind und das heute gerade erst oder schon längst eingestanden haben, mit und ohne Reue, mal verurteilt, mal den Gerichten entgangen, in allen Kombinationen.

    Durch welches Nadelöhr muß nun ein Mensch gehen, der mittelbar oder unmittelbar an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war? Gibt es nur den Weg über die Justiz, der ja der formal Augenscheinlichste zu sein scheint, auch wenn hier die Justiz gerade in den ersten Jahtzehnten nach 1945 immer wieder bewußt oder unbewußt grandiose Fehlurteile ablieferte? Oder kann man auch über einen wie auch immer gearteten sich von der zur Schuld führenden Weltanschauung absetzenden Lebenslauf Reue zeigen, sich ändern, zu einer besseren Weltsicht beitragen?

    Dazu war ja der Schnitt der Neuen Musik Anfang der Fünfziger sowie die politische Revolte der Achtundsechziger besonders geeignet. Nur – eine mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit belastete Existenz wird sich da auch niemals bis zur totalen Selbstverleugnung wenden können, nach außen vielleicht schauspielerisch perfekt, sogar weitgehend oder vollkommen ernst gemeint. Das Stolpern über das Mahlerzitat läßt da dann doch aufhorchen. Aber ob dies dem oben genannten Fieberwahn der Erinnerung der Alten entspricht oder sich doch eine bessere weltanschauliche Schicht bei Eggebrecht herangebildet hat, durch die die alte belastete Welt, nicht offen gesühnt, hindurchschimmert… Einfach wird es nicht sein einerseits Licht zur Gänze in die Causa Eggebrecht zu bekommen, ohne Spekulationsbrücken.

    Die grössere Frage wird aber sein, ob man – auch unter Abstrichen und Neulesung – das musikwissenschaftliche Werk dennoch ernst nehmen muß, jenseits jeglicher Lust zur Verdammung. Sein Werk einfach in Bausch und Bogen in den Papierkorb der Musikwissenschaft zu stecken sollte nicht die Antwort sein. Sonst kommen wieder irgendwelche französischen Philosophen und adaptieren wieder einen NS-Belasteten zu einer Grundfeste ihrer Philosophie, siehe Heidegger. Wir werden uns wohl angewöhnen müssen, die Schichten Eggebrechts und Anderer schon aufzuschälen, zu beschauen und sehr unterschiedlich zu bewerten. Und fast postmodern das nicht zu Verbindende als Ganzes auf uns Wirken zu lassen. Vielleicht kann da die Kunst der Wissenschaft ja mal helfen, postmortem postmodern, als Devise nun für die anbrechenden Zehnerjahre!

  6. peh sagt:

    Heute in Natur und Wissenschaften der FAZ: Drei Artikel zum Thema Eggebrecht. http://tinyurl.com/ygydlmw

  7. peh sagt:

    jetzt auch ohne abo freigeschaltet:
    FAZ über Eggebrecht

  8. Was der Aly da macht, ist genau das, was für einen bestimmten Verdachtsstil steht, der nun aber auch bekannt ist. Mit seinen Argumenten kann man genau jeden in jeder Ecke anstellen. Denn „typisch“ ist ein ganz typisches Merkmal für misslungene Typisierung. Und ganz miese Psychologie, mehr nicht. Und alles passend zusammengedacht mit dem „Unser Kampf“-Buch, das die manifeste Ähnlichkeit der Generation 68 mit 33 zur Darstellung bringen will.

    Geigers Aufsatz scheint dagegen angenehm unaufgeregt und, wäre die Wendung am Ende nicht, die den Karbusicky plötzlich ins Spiel bringt, dessen Buch „Wie deutsch ist das Abendland“ einfach ebenso daneben geht wie Eggebrechts „Musik des Abendlandes“. Wohl aber ist Karbusicky ein guter Zeuge, als er natürlich anzeigt, dass es derartige Kritik an Eggebrechts dicker Schwarte längst gegeben hat.

    Man kann die Dinge aber auch heraufbeschwören. (Da fehlt ein ganz gehöriges Stück DDR übrigens, meinen Mikrokosmos habe ich gern gehabt, ebenso die Bartók Stücke in der Violinschule von den Dofleins.) Egal, ist auch nicht so wichtig. Man kann natürlich fragen, wie national ist Musikgeschichtschreibung an sich. Der US-Amerikaner oder Mexikaner wird das anders beantworten als ein Iraner oder Österreicher, und die anders als Finnen oder Japaner oder Nigerianer.

  9. Lampen sagt:

    sehr schöner blog gefällt mir richtig gut.