Der Preis ist heiss

Berlin–Tegel. 29.5.2009. Es ist windig und die Maschine schlingert auf die Landebahn. Meine (eh nicht vorhandene)  Frisur hält auch ohne 3-Wetter-Taft, aber mein Koffer kommt erst einmal nicht.

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Was mache ich überhaupt in „Tegel – Du verdammtes Tor zur Welt“ (Klaus Hoffmann)? Als Juryvorsitzender einer wild divergenten Jury bestehend aus Lukas Hilbert, Dirk Darmstaedter, Annette Focks, Michael Holm, Isabel Mundry und Thorsten Brötzmann hatte ich 2 ganze Tage mit den Anderen darum gekämpft, Nominierungslisten aus einer ebenso wilden Auswahl von Komponisten und Textern aller Genres zu erstellen. Heute sollen die Früchte geerntet werden – eine große Publicityaktion der GEMA, die im Moment verstärkt um ein gutes Image angesichts zunehmender Interesselosigkeit gegenüber Urheberrechtsbelangen kämpft und wieder die „Autoren“ in den Mittelpunkt rücken will – mit dem Deutschen Musikautorenpreis.

Kaum im Hotel angekommen, sehe ich schon Udo Lindenberg, einen der Nominierten, in gewohnter Montur mit Hut und Brille einen an der Hotelbar kippen. Hat ihn je jemand ohne diese Utensilien gesehen? Wie wäre das? So wie Heinz Holliger ohne klebende Haarsträhne – es gibt einfach Acessoires die gehören dazu.

Schon bin ich auf dem Weg zum Axica-Gebäude, „nur 800 Meter Luftlinie“ vom Hyatt entfernt, wie mir der spezielle Chauffeur stolz erzählt. Aus irgendeinem Grund sieht er mich als Berlinneuling  und zeigt mir die wichtigsten „Landmarks“. „Und links sehen wir det Mahnmal für den Holocaust“. „Und det is det Brandenburjer Tor“. Ok, kenne ich, irgendwie. Und da sind wir schon. Ich steige aus und stehe mitten vorm Eingang zum neuen Gebäude der Berliner Akademie. Sollte das nicht irgendwas mit Axica…? Egal, ich gehe rein, steure ratlos auf eine sinnlos im Raum hängende hässliche Freitreppe zu und werde schon von einem Wachmann aufgehalten „Was wollen Sie hier?“. Hinter mir schnauft einer der GEMA-Betreuer hinterher: „Äh, Sie müssen in das Gebäude nebenan, nicht hier…“. Ich hatte mich schon gewundert, warum es so leer war….na klar, Berliner Akademie der Künste, wie soll es auch anders sein!

Mit leicht ungutem Gefühl steuere ich auf einen roten Teppich  zu – bin ich in meinem knittrigen Konzertanzug (mein einziger der im Moment passt) eventuell underdressed hier? Akkreditierung: „Herr Eggert? Hier entlang. Und erschrecken Sie nicht….“. Und siehe da: Ich schreite auf einen Kordon von ungefähr 30 Fotografen zu. Die warten natürlich nicht auf mich, sondern auf Fettes Brot, die Fantastischen Vier, oder vielleicht auch Lady Bitch Ray, also einfach durch.

Falsch.

HALT! STEHENBLEIBEN! (klick) HIERHER! HIERHER!!!! (klick) LÄCHELN! HAND ANS REVERS BITTE (klick, klickediklick, blitz, zapp) HIER OBEN!!!! (klick)

Vollkommen unvermutet werde ich einem Blitzlichsturm ausgesetzt, der sich gewaschen hat. Jetzt verstehe ich, warum Udo Lindenberg sich immer verkleidet. Mit Hut und Brille würde ich mich jetzt auch wohler fühlen. Bin ich jetzt plötzlich berühmt? Jegliches Aufkommen von Eitelkeit wird durch die Frage eines der Fotografen relativiert: „Äh, wie wird den Eggert eigentlich geschrieben? Mit T und H am Ende???“  „Wer issen det überhaupt? Wat macht’n der?“ Nun, in die Gala (Zeitschrift) werde ich mit meinem Knitteranzug sicher nicht kommen…eher ins nächste GEMA-Jahrbuch. Vielleicht ist dieser Abend auch dazu da, um die Fotobestände des DKV zu vergrössern, unvergessen die berühmten grünen „Verbrecheralben“ dieses Verbands, Wolfgang Rihm darin bis heute ohne Foto.

gema-1Unten im schicken Axica angekommen, begrüßt mich mein geschätzter Kollege Tobias PM Schneid und erzählt mir von einem Riesenfilmmusikauftrag, der ihm Tausende von Euro eingebracht hätte, den er aber nun hingeschmissen hat, weil er sich nicht länger von den stets über die Musik streitenden Produktionsgesellschaften herumkommandieren lassen wollte. Erinnerungen an meine eigenen Erfahrungen bei der WM und mit André Heller werden wach – bei anderen Kollegen würde diese Story arrogant wirken, die Unkorrumpierbarkeit gestellt – bei Tobias ist das echt, er ist wirklich unkorrumpierbar. Das habe ich hier gesagt und das werde ich jederzeit wieder sagen. Mit Schrecken wird mir bewußt, dass ich ihn mitnominiert habe für die Gattung „Sinfonik“, er aber leider nicht gewählt wurde, nur weiß er das im Moment nicht, und ich weiß es. Plötzlich ist mir alles unheimlich peinlich. Nun gut, bis auf einen „Nachwuchspreis“ mit 10.000 Ocken gibt es kein Geld, es ist also reine Ehre, der Neid sollte sich also in Grenzen halten…Neid ist Scheisse, ganz ehrlich.

Nun taucht auch Detlev Glanert auf, Preisträger in der Kategorie „Oper“, ebenso gut gelaunt mit charmanter Begleitung. „Hier!“, stolz streckt er mir die Broschüre des diesjährigen Cantiere d’Arte Montepulciano entgegen, den er seit einiger Zeit leitet, als Erbe von Henze sozusagen. Wo ist Lady Bitch Ray? Die wollte ich schon immer mal sehen. „Ach, die kommt nicht, Burn-Out-Syndrom“. Das ist die schnellebige Popwelt – so etwas gibt es bei „uns“ E-Kompos nicht. Nein, wir sind alle geistig und körperlich völlig gesund und müssen auch nie anonyme Frustpostings machen, um uns wieder aufzubauen. Niemals! Vielleicht brechen aber bald neue Zeiten an, und man nennt sich nicht mehr Matthias Pintscher, sondern MATT BITCH und verschenkt Schamhaare bei Schmidt und Pocher. Vielleicht ist das die letzte Hoffnung der Neuen Musik?

Und schon geht’s los – der fabelhafte Dieter Moor führt intelligent und nicht dampfplaudernd durch den Abend, das ist schon einmal ein Plus. Meine Verlegercrew von Sikorski sitzt bei mir am Tisch, das ist auch sehr nett. Ob die arme Dagmar Sikorski weiß, dass hier im Blog ein „Sickorski“ sein Unwesen treibt? Ich denke an die Tausend Ämter von Peter Hanser-Strecker, die hier im Forum diskutiert wurden und teile einfach die ihm zur Verfügung stehende Zeit durch die Anzahl seiner Ämter und begreife, wie viel Zeit er jedem dieser Ämter im Jahr widmen kann. Ich schätze mal, man kommt auf einen Durchschnitt von 2,8 Sekunden pro Amt, irgendwann muß der Arme ja auch mal Essen und Schlafen.

gema-2Kulturstaatsminister Bernd Neumann ist auch da und hält eine flammende Rede wider die Mißachtung des Copyrights und wider die Kulturflatrate (Johannes Kreidler, aufgepasst!). Auch Christian Bruhn, GEMA-Urgestein („Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Bruhn nie nicht“) stimmt kämpferisch mit ein. Zitat: „Wir zahlen beim Bäcker für die Brezel, beim Floristen für die Blumen, warum also nicht auch für Musik?“. Eine unlösbare Fragestellung tut sich hier auf, man will eigentlich ein zweites Internet erfinden, nämlich eins in dem keiner anonym sein darf und alles mit rechten Dingen zugeht und schön abgerechnet werden kann, und ein weiteres in dem es keine Limits gibt und die Freiheit erhalten bleibt, auch für „Russen“ und „Sickorskis“. Wenn das ginge, wären dann nicht alle glücklich? Ich muß diese Idee mal weiter entwickeln: Internet 1 und Internet 2. Ich habe es hier als erster gesagt, und will auf jeden Fall Tantiemen dafür kassieren. Mist, das geht natürlich nur im Internet 1, das Internet 2 klaut diese Idee einfach und macht dann wieder ein Internet 2a und 2b auf. Und so weiter. Alles wird nur noch geklaut, niemand kriegt mehr für irgendetwas Geld, so kaputt sind wird schon.

Inzwischen kommt auch die Vorspeise – alles vom Feinsten, die GEMA lässt sich das etwas kosten. Hoffentlich wird das alles von den erschwindelten Einnahmen von GEMA-Betrügern bezahlt und diesen abgezogen, dann würde ich mich am wohlsten fühlen. Es gibt sogar Vulkansalz („Der letzte Schrei“, Axel Sikorski), das auf dem Teller mit der Soße zu einer seltsam schwarzen Masse zusammenkleistert – vielleicht als bildliche Mahnung gegen Schwarzkopien?

Und los geht’s: Der Preis für die beste Filmmusik geht an…..schon beim Hören der berühmten Streicherklänge weiß man, dass es nur einen geben kann: Martin Böttcher (Winnetou). Ist alles schon ein bißchen her, aber der Mann hat auch noch danach sehr viel gemacht und ist ein bei Filmmusikkollegen hoch geschätzter „Grand Seigneur“. Komposition Independent? Niels Frevert. Bernd Begemann wäre auch gut gewesen, der ist legendär. Leider bin ich nicht allein in der Jury gewesen. Immerhin kommt Bernd noch 2 mal auf die Bühne, als Laudator und als Nominierter für „Text Pop-Rock“. Die anderen Preisträger? Hier ist ein kurzer Überblick, der sich dadurch auszeichnet, dass die beiden einzigen E-Komponisten, die an diesem Abend etwas gewonnen haben, nicht vorkommen:

Berliner Zeitung VERMISCHTES

Zwischendrin nämlich: Irritation, Verwirrung! Fremde Klänge! Dissonanzen! Um Gottes Willen! Ich stolpere auf die Bühne, schnellvorher  gepudert (äh, nicht das was ihr denkt, ihr Unholde) von einer zwei Meter großen schwarzen Maskenbildnerin und kündige dem milde gebannten Publikum die Kategorie „Sinfonik“ an. Ich schwafele irgendetwas von der „Königsgattung der E-Musik“ und dem notwendigen „Gefühl für den komplexen Klangkörper des Orchesters“ und was haben die Verleger der Nominierten jeweils herausgesucht? Geile Aufnahmen aus dem Archiv der musica viva? Oboen und Fagotte in Großaufnahmen? Nein – Bei Unsuk Chin Ausschnitte aus ihrer Oper „Alice“, und zwar die Bilder mit der tanzenden Riesenalice, bei Jörg Widmann Bilder von irgendeinem Vokalwerk, gesungen von den Stuttgartern  glaube ich, aber man kann es nicht erkennen, weil der Ausschnitt nur 3 Sekunden dauert, vielleicht, weil die GEMA Angst hat, bei ihrer eigenen Veranstaltung GEMA zu zahlen. Was denkt jetzt das Publikum – dass Sinfonik heute irgendwie aus theatralischen Aktionen von hysterisch kreischenden Sängern auf einer leeren Bühne besteht? Nun, vielleicht stimmt das ja auch ein bißchen, obwohl es oft eher die Dirigenten sind, die kreischen…

gema-3Nach meiner Laudatio kommt Manfred Trojahn sichtlich erheitert auf die Bühne – jetzt nur die Trophäe für ihn im Trophäenschrank finden. Huch, die klingelt! Auf keinen Fall die falsche nehmen….am Ende zieht er sonst mit der Trophäe für den besten „Hip-Hop-Text“ von dannen – nun, wäre auch irgendwie cool….so, geschafft. Schon ein bißchen Oscar-Stress hier. Puh, gottseidank alles richtig gemacht. Ich kann mich wieder zurücklehnen und den Rest der Veranstaltung bei Rotwein leicht angesäuselt an mir vorüberziehen lassen.

Genial der gr0ße Auftritt von Peter Thomas, legendärer Lieblingskomponist von Quentin Tarantino – er redet sich bei seinem frei mit Berliner Schnauze vorgetragenen Dankesvortrag so wild gestikulierend über die Raubkopierer sowie „google“, „youtube“, „pootube“  und „pookle“ auf, dass er mit einer Handbewegung das Mikrophon köpft. Jan Josef Liefers, der vorher eine wirklich schöne Laudatio gehalten hat, sowie dem Publikum verschlägt es hier im positiven Sinn die Sprache. Irgendwie ist diese ganze Diskussion Hauptthema des Abends – wenn das Mikrophonnoppel jetzt auch noch im Munde von Brigitte Zypries gelandet wäre, wäre der Abend perfekt gewesen, so bleibt nur eine vage Hoffnung, dass dies irgendwann mal geschähe.

Danach der Sturz in die Menge. Alle drängen nochmal auf die Bühne, wieder Blitzlichtgewitter. Begegnung mit Idol Bernd Begemann, kurzer Bauchvergleich, irgendwie ist er der schönere Dicke. Nein, Dünnere. Begemann erweist sich als Kenner der Neuen Musik: „Was sich da harmonisch auftut, ist der Wahnsinn“. Schön, wenn man das von außen so begeistert sehen kann – dieser „sense of wonder“ sollte einem ja erhalten bleiben.Wir vergessen das manchmal.

gem-5

Danach das Übliche: Mit jedem Getränk verschwindet ein Teil der Gäste in die Nacht hinaus. Detlev Glanert: „Kommst Du noch mit nebenan eine Zigarre rauchen?“ Lieber nicht, habe morgen ja Professurprobevorlesung in München. Tobias PM Schneid übrigens auch, aber der muß noch früher raus, mit dem Zug (Flugangst). Seit heute morgen habe ich auch Flugangst. In München werde ich unter anderem über die Desintegration von Sprache im modernen Lied sprechen – hier in Berlin findet jetzt auch so eine Art Desintegration statt.  Langes Gespräch mit Michael Hirsch, übrigens auch ein wirklich Guter, Eigenwilliger. Inhalt: „Passen E- und U-Musik überhaupt zusammen in so eine Veranstaltung? Sind wir E-Leute da nicht die Loser, wenn der kurze Popausschnitt auf der Leinwand funktioniert, aber der kurze Ausschnitt von Hölszky eben nicht?“. Ich denke an Begemann, dem gerade das Andere  an unseren Ausschnitten gefallen hat, und dennoch hat Michael Hirsch auch Recht.

Es gibt an diesem Abend viele Fragen, keine Antworten. Die GEMA feiert sich selbst, und vor allem einmal ihre Autoren (um ein kurzes Statement dazu gefragt schrieb ich: „Endlich geht es bei der GEMA mal NICHT um Geld“), man mag das dekadent finden, aber irgendwie ist das auch richtig, wenn man alles nicht so ernst nimmt und vor allem die Unmöglichkeit einer für jeden gerechten Preisvergabe nicht als Katastrophe empfindet. Es gibt keine gerechten Preise – irgendjemand findet jeden Preis irgendwann mal ungerecht. Außer er bekommt ihn selber. Wie vergleiche ich Aribert Reimann mit Udo Lindenberg, wie Harald Weiss mit Annette Humpe? Schön, dass hier wenigstens mal so getan wird, als ob das ginge, dem Feuilleton fehlt dafür das Vokabular, die kennen nur entweder Diederich Diederichsen oder Adorno, nie beides.

Warum eigentlich?

Diesen Artikel widme ich allen Baddies, die glauben, dass die gesamte Musikszene nur eine einzige verrottete Vetternwirtschaft ist. Peace! Have Fun!

Und Annette Humpe, die eine sehr nette Frau ist und mir noch schnell ein Autogramm für die Tochter von Tobias PM Schneid gab, obwohl sie eigentlich schon weg wollte.

Euer

Moritz Eggert

4 Antworten

  1. Zumindest als Ergänzung: Die Trophäe näherbetrachtet und YouTube ebenso.

    Interessant aber auch, dass jedenfalls bis gestern die verknüpfte Suche nach Trojahn und Musikautorenpreis relativ erfolglos war.

  2. „Diesen Artikel widme ich allen Baddies, die glauben, dass die gesamte Musikszene nur eine einzige verrottete Vetternwirtschaft ist. Peace! Have Fun!“

    (Fun=Spaß) werden wir Baddies auch bald haben, indem wir wieder eine Mauer bauen für alle Gooddies, die müssen dann ein Visum beantragen und Zwangsumtausch zahlen, um unsere Musik hören zu dürfen (hehe).

  3. kreidler sagt:

    Neumann hat ja auch Recht – für die meiste GEMA-Musik braucht’s nicht eine Kulturflatrate, sondern eine Unkulturflatrate.

  4. Da haben Sie ausnahmsweise einmal Recht, Herr Kreidler, allerdings eine Unkulturminusflatrate (die wird dann nach jeder mißlungenen Uraufführung auf das Konto der STAATSBANK (das ehemalige Gebäude ist in der Französischen Straße am Gendarmenmakrt) überwiesen.