Bedingungslose Kunst oder bedingungsloses Grundeinkommen?

Komponieren ohne den Druck, Geld damit zu verdienen oder überhaupt nur Komponieren zu können, ohne sich über Geldverdienen Sorgen machen zu müssen. Klingt zuerst sehr passabel. Die Rede ist vom bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Und was das für den künstlerischen Beruf bedeuten würde. Bei einem prekären Einkommen von gerade mal 800 Euro als Künstler klingen 200 Euro mehr nach einm Fünftel mehr Lebensqualität. Denn 1000 Euro soll das bedingungslose BGE betragen. An diesem Punkt könnte die Frage, ob das wirklich gut ist, gleich mit einem Ja beantwortet werden.

Geht man allerdings von einem Leben in nicht ganz so Spitzwegscher Selbstbescheidenheit aus, von Arbeitern und Angestellten oder Selbständigen, die sich mit 1000 Euro nicht über Wasser halten könnten, die nicht durch tolle Projekte an anderen Orten wirken können, keine Netzwerke von befreundeten Künstlern haben, die mit Schlafplatz und Kollegialität aushelfen können, dann ist eines klar: das propagierte Grundeinkommen ist zu niedrig.

Selbst mit Hartz IV liegt man heute in einer Stadt wie München bei 600 Euro Mietübernahme für ein Singleloch plus einem Regelsatz von 409 Euro „vom Amt“ bereits leicht über 1000 Euro BGE. ÖPNV-Nutzung geht nur mit Sozialticket nach 9 Uhr. Und der Esstisch wird mit Spenden von der Tafel aufgebessert. Es darf nichts kaputt gehen, kein Rechner den Geist aufgeben. Und alle 6 Monate geht der Antragsstress von vorne los.

Beim BGE würde Letzteres wegfallen. Obendrein könnte man uneingeschränkt dazu verdienen. Das klingt vielversprechend. Dennoch muss man davon ausgehen, dass es eben Personen gibt, die nichts dazuverdienen können. Es müsste also eine BGE von vielleicht mindestens 1500 Euro her. Oder ein regional abgestuftes, was aber dem Grundgedanken der Gleichheit und Freiheit hinter dem BGE widersprechen würde.

Alles lösbar, verhandelbar, wenn sich die Gesellschaft über die Finanzierung und Einführung des BGE einig wäre. Wobei davon auszugehen ist, dass es eben doch nicht gerade zum sorgenfreien Leben reichen wird, dass der bereits heute sozial abgehängte Dauerarbeitslose der Arbeitsunfähige weiterhin nicht seine Freiheit voll und ganz auskosten können wird. Z.B. weiterhin auf Spenden angewiesen sein wird, Mehrbedarfe doch mit einer Sozialbehörde ausfechten muss. Aber diese sollen ja dann auch passé sein.

Mögen die aktuellen Regelsätze und ihre Beantragung schwer verbesserungswürdig, zu erhöhen sein. In Betrachtung des Bedarfs sind sie grundsätzlich auf den Einzelfall bezogen und nicht pauschal ausgelegt. Würden Leistungskürzungen und Zwang zu Wohnungswechsel z.B. wegfallen, in einem Zwischenschritt von 409 auf 500 bis 550 Euro der Regelsatz für einen Alleinstehenden erhöht, wäre viel gewonnen.

Aber passt eine Grundalimentierung wirklich zum Berufsbild des freischaffenden, freiberuflichen Künstlers? Für die durch die Robotisierung wegfallenden Arbeitsplätze mag das ein Notnagel sein. Aber eigentlich ist es ein Armutszeugnis, wenn eine „Kreativität“ hochhaltende Gesellschaft es nicht schafft, sich neue Beschäftigungen selbst für Paketcenter-Hilfsarbeiter einfallen zu lassen.

Geld: Unglück und Glück

Das Urbild des Künstlers in einer demokratisch-freiheitlichen und sozialen Gesellschaft ist das einer Person, die sich aus den Erwartungen der Gesellschaft und elterlichen Familie herauslöst. Ein Mensch, der so viel Phantasie und Kraft besitzt, nicht nur Kunstwerke zu schaffen, sondern die innerhalb Systems, sei es frei oder förderungsgeregelt, auch zu Geld zu machen. Und wenn es den Markt dazu nicht gibt, sich diesen zu schaffen.

Dies gelingt natürlich nur wenigen. Zudem ist der finanzielle Erfolg oder auch nur die Möglichkeit, davon einigermassen leben zu können, von öffentlicher Förderung oder Mäzenaten abhängig. Quasi bedingungslose Auszeiten sind z.B. Residenzstipendien. Nur muss man sich da auch zu Präsenz und Erfüllung eines Arbeitsvorhabens verpflichten, wobei Letzteres oft großzügig ausgelegt wird und das Ergebnis sehr fragmentarisch sein kann.

Die Frage ist, ob man nicht eher auf Verbesserung von Honoraren setzen sollte, auf offenere und breitere Förderung setzen sollte, auf mehr Staats- oder Rundfunkaufträge. Oder die Möglichkeit, einerseits in gut bezahlter Teilzeit arbeiten zu können, wenn es mit dem familiären Rückhalt und dem Erfolg nicht so klappt, andererseits dadurch druckfreier Kunst produzieren zu können. Für Komponisten der Kunstmusik ist es sowieso Realität, dass sie auch in kommerzielleren Genres tätig sind, Musiker und Dozent sind oder anderweitig jobben. Wichtig wäre, im Brotjob wie im Kunstberuf Regelungen zu finden, die statt eines Stipendiums eine Art Sabbatical ermöglichen.

So schön es ist, sich frei von finanziellen Nöten nur der Kunstproduktion widmen zu können. So fehlt da aber auch etwas: der Einblick ins reale Leben. Oder in ganz andere Bereiche als die eigene Szene. Das ist durch die o.g. Doppelberufe möglich. Oder man muss sich bewusst sein, dass Kunst und Geld verdienen harte Arbeit bedeutet, ohne Pausen, nur vielleicht mal Stipendien zum durchatmen.

So betrachtet ist der Künstlerberuf in seiner Tradition und Wirksamkeit, damit Kunst dringlich bleibt, ein Argument gegen das bedingungslose Grundeinkommen. Wenn die Ökonomie und Arbeitswelt tatsächlich keine neuen Jobs zustande bringt, dann ist es ein Notnagel für die dann Arbeitslosen.

Dass es aber doch einfallsreicher weitergeht, dafür steht wiederum der Komponist: gab es früher nur den Kunstmusikschaffenden, so gab es bald den Filmkomponisten, den Schlagerkomponisten, bis hin zum heutigen und schon wieder verschwindenden Klingeltonkomponisten. Oder wer dachte noch vor 30 Jahren, dass DJ ein kreativer Berufszweig der Komposition werden könnte? Zudem sind Komponisten heute wieder vermehrt auch Musiker. Oder sie werden zum Theatermacher.

Oder was auch immer. Aber wie sollte man schon den Studierenden sagen? Wartet nicht darauf, dass Euch jemand entdeckt, sondern ent-deckt die Welt, macht was Neues. Klingt in Krisenzeiten etwas utopisch. Anders wird es kaum gehen, es sei denn, man versteht sich als rein sakrale Kunsterscheinung. Das aber ist eine andere Geschichte.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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1 Reaktion

  1. Jundurg sagt:

    Also die Argumentation, dass Künstler ihre Prekarität oder Doppelberufigkeit brauchen würden, kann ich nicht nachvollziehen… zumindest als Gegenargument gegen Bedingungsloses Grundeinkommen. Im Gegenteil beobachte ich gerade bei denen, die als Komponisten/Musiker arbeiten, eine ziemliche Interessenseinschränkung, und kaum Offenheit für andere Kunstsparten, oder Philosophie, oder Naturwissenschaften, … – Das sollte sich meines Erachtens auch ändern, aber das Geld spielt da nicht wirklich eine Rolle, oder eher die gegenteilige, indem es Menschen in ihren engeren Rollen festhält.

    Und auch den Markt schafft niemand so leicht ab (auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass wir ihn für die Kunst so dringend brauchen) – es ist halt so, dass es eine große Zahl Künstler gibt, und eine kleine Zahl Namen, die man sich merken kann; eine kleine Anzahl also, die sich „einen Namen machen“ können. Und der Rest geht dann halt leer aus.

    Was für mich das entscheidende (aber lösbare!) Problem am Bed. Grundeinkommen ist, ist die Frage, ob sich die Produktivität auch unter Bedingungen von geringerem Druck und „wenn ich’s nicht tue, überlebe ich auch“ erhalten lässt. Dafür gibt es natürlich nur individuelle Lösungen, die Menschen sind ja verschieden, und das Problem betrifft ja nicht nur die Künstler, sondern alle.

    Und der Leidensdruck der Künstler… darum muss sich niemand Sorgen machen, in Zeiten von AfD, FPÖ und Trump gibt es genügend Weltprobleme.

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