Kreidlers „Audioguide“ – Auflistung der verfügbaren Videomaterialien

Nach und nach stellt Johannes Kreidler zur Zeit Ausschnitte aus seinem Musiktheater, seiner Performance über Musik, „Audioguide“ online. Auf das Video der ganzen Aufführung muss man wohl noch warten. Wer nicht am 15.9.14 nach Oslo reisen kann, um die norwegische Erstaufführung anlässlich des Ultima Festivals mitzuerleben, konnte sich bisher auf Kreidlers Blog „kulturtechno“ peu a peu einen Eindruck vermitteln. Hier nun in der Rangfolge ihres Erscheinens alle bis heute verfügbaren Ausschnitte. Möge dies die Diskussion befeuern! Ich persönlich bin vor allem daran interessiert, ob die Reenactements von Momenten der Musikgeschichte in der Performance „funktionieren“ bzw. ob Musik-Reenactements überhaupt möglich sind jenseits von der Annahme, dass jede Aufführung komponierter Musik in Teilen ein Reenactements der Uraufführung sein könnten oder konkret musikhistorische Vorgänge wie Interviews oder dadaistische oder fluxushafte Performances wiederholt werden. Zu klären wäre, was denn ein „Reenactement in Musik“ wäre, ob man statt „in“ besser „mit/über“ schreiben sollte. Oder ob z.B. einfacher Gesang genauso eindringlich wie eine schauspielerische oder mit echten Personen der Zeitgschichte besetzte Reenactement-Aufführung ist und somit sich Reenactement für das Musiktheater erübrigt. Aber da stehen wir noch am Anfang! Zum Überbrücken also diese überaus lohnende Videolektüre, die garantiert jedem was bietet, von der Sofa-Diskussion bis zu kurzen, nur klingender Musik gewidmeter Momenten.

1.) Audioguide – Trailer

2.) #Audioguide – Lame hand piano piece

3.) #Audioguide – Scale

4.) #Audioguide – Clarinet Piece

5.) Audioguide – Piano piece (scales)

6.) #Audioguide – Mp3

7.) Stockhausen 9/11 Sync

8.) #Audioguide – Destruction (auf die durchaus rhythmischen Momente achten, bevor „Keine-Musik“ oder „Frevel“ gerufen wird, zuvor dann 8. ansehen!)

9.) #Audioguide – The Donaueschingen Discussion

10.) #Audioguide – Anonymous Composer Entrepreneur

11.) #Audioguide – Violin Study & Windmills

12.) #Audioguide – Diving & Piano Study

13.) #Audioguide – Keyboard Cards & Mouth Sheet Music

14.) #Audioguide – Presence

15.) #Audioguide – Intermezzo

16.) #Audioguide – Stockhausen / 9/11 / Hypermodern Art

17.) #Audioguide – Bomben auf Engelland

18.) #Audioguide – Talk mit Fricke (schade, dass nicht über die Einstellung der Berliner Reihe „Unerhörte Musik“ gesprochen wurde! Zur Erinnerung, Herr Fricke war ja in der Jury, die die Mittelkürzung ab 2015 beschloss. Aber o.k., als Juror unterliegt man da der Schweigepflicht…)

19.) #Audioguide – Waldgang

Fortzusetzen…

Besetzung:
Tammo Messow (Moderator)
Tom Pilath (Sidekick)
Andrea Seitz (Psychologin)
Peer Blank (Programmierer)
Stefan Fricke und Johannes Kreidler (Gäste)
Wieland Hoban und Philipp Blume (Übersetzer)
Eric Moreira und Ruben Mattia Santorsa (Gitarren)
Felix Dreher (Sound und Video)
Ensemble neoN
Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik 2014

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
Komponist |

Komponist

13 Antworten

  1. @Alexander: Danke für die Übersicht :-) Für mich ist „Audioguide“ eine Art Werkzeugkasten mit unterschiedlich interessanten Materialien – man muss selber was draus machen. Wer sich zurücklehnt und „große Kunst“ oder sowas erwartet, wird enttäuscht werden.

    Meine Favoriten: #16 (Stockhausen – 9/11 – Hypermodern Art) und #18 (Talk mit Fricke). Die #16 habe ich hier kommentiert:

    http://stefanhetzel.wordpress.com/2014/08/31/johannes-kreidler-stockhausen-911-hypermodern-art-2014/

    Zur #18 gab es Anfang diesen Monats eine längere Diskussion auf der „Weltsicht“, an der sich Kreidler auch selbst beteiligte:

    http://stefanhetzel.wordpress.com/2014/09/02/johannes-kreidler-talk-mit-fricke-2014/

  2. Thomas sagt:

    Johannes Kreidler scheint, neben seinem Pendant Jonathan Meese, tatsächlich der Mann der Stunde zu sein.

    Doch fragt man sich dabei doch erstaunt, wie es passieren konnte, dass das Projekt „Neue Musik“, das lange Zeit der Hort stolz elitären Intellektualismus war, nun in der mittigsten Mitte des gesellschaftlichen Mainstreams, nämlich auf dem heutigen Weltmarktplatz YouTube landen konnte.

    Ja, bei manchem Video muss ich auch schmunzeln, doch das schaffen auch andere YouTube Videos, ja viele andere Videos sind nicht nur witztiger sondern auch schräger und hintersinniger als die am Ende doch ziemlich offensichtlichen Blödeleien Kreidlers. Und wenn man diesem Klamauk noch irgendein intellektuellen Tanga von wegen Konzeptualismus andichten kann, dann kann man das auch mit jedem anderen beliebigen YouTube Video.

    Und natürlich fragen sich tausende YouTube Nutzer, warum sie für ihren Quatsch keine öffentliche Förderung bekommen. Und warum Moritz Eggert irgendwelchen Orchestern und Konservatorien hinterher heult, die man für ein wenig konzeptuellen Schwachsinn sowieso nicht braucht.

  3. Werter „Thomas“ – oder doch Thomas? Zwecks letztem Satz müsste ich Ihren Beitrag zum entspr. Thread verschieben lassen. Aber ich nehme einfach mal eine von Ihnen mir unterjubelte Generalzuständigkeit zur Kenntnis bzw. ist es immer schöner dort zu kommentieren, wo mindestens einer bereits was hinschrieb, da sinkt die Hemmschwelle, schwillt der Kamm um so röter. Zum letzten Satz bzgl. der baden-württembergischen Musikhochschulen sehe ich gerade eine „Thomas von Woauchimmer“-Youtube-Nutzer-Massendemo. Wie vor ein paar Jahren dort das A von GEMA mit dem zweiten e von Gemeinheit zu sichten war, tragen die Teilnehmer Ihrer Youtube-Co-Nutzer Schilder, wo die letzten fünf Buchstaben von Orchester gestrichen sind und mit „ideen“ ersetzt sind. Nun denn, immerhin achten Sie darauf, dass kein Teilnehmer mit Bart und schwarzer Sportjacke und drei goldenen Streifen mitmarschiert, was angesichts des Niveaus einiger, weniger Youtube-Nutzer schwieriger werden wird als das richtige Demo-Motto zu finden…

    Oops, nun bin ich aber mit einem Teil meines eigentlichen Gedankens mies oder mees, ich habe da ein Aussprech- und Schreibproblem, abgschweift. Also, vergessen Sie meine Anheimstellungen, nun zum Kern des Pudels, der Erde, des Schwarzen Lochs mit den drei goldenen Streifen – wieder abgewichen. Nun: das mit Kreidler und Meese müssen Sie mir genauer darlegen. Angesichts des Parolenstils und vielleicht der Weigerung, meiner Abschweifung zu folge, werden Sie statt kurz oder abschweifend dies mir nicht länger erklären wollen. Ach, lassen Sie mich der blinde Thomas sein, der in ihre fünf Wunden fassen darf, um zumindest ein Quentchen der Gedankengänge Ihres Vergleichs habhaft zu werden…

  4. @Thomas: Man kann Johannes Kreidler ja viel vorwerfen, aber mit Meeses „Diktatur der Kunst“-Strategien hat er rein gar nichts zu tun, eher schon mit Schlingensiefs Neo-Fluxus, nur sind Kreidlers Arbeiten sicherlich viel spröder.

    Natürlich richtet sich Kreidlers Ansatz exakt *gegen* jene Art Neuer Musik, die sich weiterhin – in mittlerweile leider unfreiwillig komischer Art – als „Hort stolz elitären Intellektualismus“ versteht. In einer detaillierten Analyse eines Textes von Claus-Steffen Mahnkopf habe ich vor 2 Jahren mal genauer ausgeführt, wie schwurbelig post- bzw. pseudo-adornitisch dieser Diskurs mittlerweile daherkommt:

    http://stefanhetzel.de/mahnkopf.html

    *Dagegen* wirken Kreidlers „offensichtliche Blödeleien“, die ich eher „ernste Scherze“ nennen würde, ausgesprochen befreiend und belebend.

    Kreidler hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn die durch YouTube erst möglich gewordene Mashup-Videokultur zu einigen seiner Arbeiten angeregt hat, ihr Vorwurf läuft also ins Leere. Genausogut könnte man Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts vorwerfen, dass sie sich von der (damaligen) „Bordellmusik“ Jazz haben beeinflussen lassen. Igitt, Jazz, wie kann man nur! Igitt, YouTube, wie kann man nur! Etc.

    Was den „intellektuellen Tanga“ Neuer Konzeptualismus betrifft, so verweise ich sie gerne auf meine Diskussion mit Kreidler und Harry Lehmann aus dem März letzten Jahres

    http://stefanhetzel.wordpress.com/2013/03/17/kreidlers-konzept-kommentiert/

    sowie auf die Online-Diskussion zum Thema, die ich mit Patrick Frank und Serena Schranz im September letzten Jahres führte:

    http://stefanhetzel.wordpress.com/2013/09/21/neo-konzeptualismus-oder-neuer-konzeptualismus/

    Eine hervorragende Zusammenfassung des gesamten „angedichteten intellektuellen Tangas“ bietet diese wissenschaftliche Arbeit des Komponisten Florian Käune:

    http://florian-kaeune.de/app/download/5798068142/Florian+K%C3%A4une+-+Studie+zum+Neuen+Konzeptualismus.pdf

    Lieber Thomas, bitte listen Sie doch einfach eine beliebige Anzahl von YouTube-Videos auf, die das Niveau von Kreidlers „Charts Music“ erreichen – ich bin gespannt.

    Weiterhin bitte ich Sie, mir wenigstens ein paar YouTube-Nutzer zu nennen, die glauben, dass ihre YouTube-Arbeiten förderungswürdige Neue Musik seien.

    Dann reden wir weiter.

  5. Thomas sagt:

    Ich verstehe gar nicht warum ihr beim Jonathan Meese Vergleich so nervös werdet. Dabei sind die Parallelen offensichtlich. Ihr glaubt doch wohl nicht wirklich, dass er ein Nazi ist. Hitler ist schlicht einer der letzten verbliebenen Erregungsbereiche der deutschen Gesellschaft. Splatter, Pornographie und Politikbeleidung, was bei Schlingensief noch ganz gut funktioniert hat, hat seine Erregungspotenziale einfach verloren.

    Ob Dada, Fluxus, John Cage oder von mir aus auch Gulda. Natürlich gehören die alle zur selben Familie wie Schlingensief, Meese und Kreidler. Wie der Narr am königlichen Hof haben solche Gestalten und Bewegungen eine hygienische Entlastungsfunktion. Der anarchische Infantilismus hat etwas befreiendes und erfrischendes, der gewissermaßen die Verspannungen der gesellschaftlichen Konditionierungen und Ritualisierungen löst.

    Ich habe nicht das geringste gegen Kreidler und das, was er macht, übrigens auch nicht gegen Moritz Eggert.

    Was ich kritisiere und was mir wirklich den Kamm schwellen lässt, ist die mangelnde existenzielle Ernsthaftigkeit der ganzen Neuen Musik. Ob das neue Hornkonzert von Wolfgang Rihm oder die performance von Kreidler. Ist ja alles schön und gut, doch dass es mich im Grunde am nächsten Tag nicht mehr die Bohne interessiert, das ist es eigentlich, was mich aufregt.

  6. Ihre „existentielle Ernsthaftigkeit“ werden Sie heute weder im Sprech- und Musiktheater noch in der Bildenden Kunst wiederfinden, wenn Sie dies vielleicht in etwa mit „humanistischen Pathos“ korrelieren sollten. Wenn Sie „Neue Musik“ an sich für unfähig zu Ernsthaftigkeit halten, dann ist die Diskussion eine reine des Geschmacks. Sollten Sie z.B. Ansätze als existentiell und ernsthaft betrachten, die ähnlich klingen und strukturieren wie die selbst wiederum doch sehr unterschiedlichen die bereits verstorbenen Komponisten Henze, B.A. Zimmermann, Nono, Cage, Feldman, Scelsi oder alten Personen wie die beiden Hubers, Ferneyhough und Lachenmann, dann wäre das zumindest ein Hinweis. Denn so unterschiedlich diese Personen ihr Material gestalteten, so dick oder zurückgenommen ihr Pathos ist, und das haben ALLE dieser Genannten. Denn „Leidenschaft“ in der Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz an sich strahlen diese allesamt für mich aus. Selbst wenn jetzt jemand aufschreit, Henze, Cage, Ferneyhough und Lachenmann in einen Topf geworfen zu sehen, verbindet diese ein Tenebroso für Humanismus, wie man es in den 60/70er finden konnte: entweder mit Megaphon und Demo oder Selbsterfahrung und Yoga für Revolte und Weltfrieden zugleich.

    Das fehlt momentan Alles in dieser gewohnten Form. Heute spannt sich eben das Feld zwischen Understatement bis hin zum Witze reissen. Das verquirlt die Alten, zieht aber auch weiterhin Politik, Missstände, etc. durch den Kakao. Und ist auch wieder pathetisch. Im Material war Pathos bis vor kurzem entweder die grosse Geste mit kleinen Nonen und Septen oder die auskomponierte oder geräuschhafte oder notenfreie Anweisung in sich hineinzuhorchen. Das finden Sie heute auch alles noch zwischen André, Moguillansky bis hin zu Verdu und Schreier. An die Stelle von Stille oder geballtem Material ist bei manchem folgendes getreten: der eigene Auftritt im eigenem Stück, also durchaus ein Schlingensiefsches Element. Und statt der akustischen Reduktion, die immerhin noch leise vor sich hinsingt oder raunt, das zeitlich ungebundene, quasi tagelange Abgrasen aller Buchstaben aller Gedichte oder Texte von Klassikern bis zum letzten Satzzeichen. Oder der Blick in die Kiste des Nachbarn, wo man im Privaten eine Tragödie von galaktischer Größe entdeckt. Ob Ablinger, Kreidler, Schüttler, Seidl, Marcoll: da steckt doch letztlich auch Leidenschaft drinnen wie bei den Zeitgenossen Biro und Thomalla, eben alle mit anderen Mitteln, mal unglaublich grell, mal zurückgefahren.

    Selbst bei im ersten Moment nicht ganz so politisch Motivierten ist im manchmal nur „Spasshaftem“ immerhin die Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte selbst oder abseitigeren Phänomenen immanent, wie man es z.B. Im J.Klein-Verlag vorfindet. Und das ältere Pathos, das finden Sie heute v.a. in Filmen eingesetzt, um massig das Klischee von Leidenschaft anzukurbeln und Geld zu machen. Diese Leidenschaft ernsthaft recyceln? Ich sehe es so: nach dem Geigen zerschlagen und den sinnlosen Versuchen, Kreidler gegen Schüttler auszuspielen, sollte man nach diesem ultimativen Geigenschreddern einfach etwas schlichter weitermachen. Denn an all der vorhandenen und sich doch noch weiter entpuppenden Materialfülle gibt es noch viel mehr Abseitiges zu kombi/ponieren als 12! …

  7. @Thomas: Na, jetzt klingt ihre Konzeptualismuskritik aber jetzt plötzlich ganz anders :-) „Mangelnde existenzielle Ernsthaftigkeit“ – nun ja. Gegenfrage: Vermissen sie diese bsp.weise auch in Steve Reichs „Piano Phase“ oder Terry Rileys „In C“? Falls ja, gibt’s da tatsächlich ein tieferliegendes ästhetisches Problem (nicht bei Ihnen natürlich, aber in der Kunstmusik).

    Was Minimal music und Neuer Konzeptualismus gemeinsam haben, ist eine grundlegend subjektlose Non-Expressivität (vgl. Gerhard Richters konzeptualistisches Kölner Domfenster und die aus traditioneller theologischer Sicht *völlig berechtigte* Kritik des ehem. Kardinals Meisner daran): Beim Zuhören von musikalischen Prozessen, in die nicht eingegriffen werden darf, zeigt sich natürlich per definitionem kein kompositorisches Ich *direkt* (so wie etwa in der von Alexander korrekt aufgelisteten Neuen Musik diverser Spielarten: hier spricht immer das allgewaltige schöpferische Subjekt KOMPONIST).

    Dies ist auch der Grund, warum konzeptualistische bzw. minimalistische Kompositionen den typischen Neue Musik-Hörer entsetzlich langweilen bzw. er sich – früher oder später – *immer* fragen wird, „ob das denn überhaupt Musik ist“: Er empfindet diese vorstrukturierten Prozesse als seelen- und deshalb auch sinnlos.

    Spätestens seit den 60er Jahren des verg. Jahrhunderts aber ist prozessuale Kunst einfach Teil des Diskurses. Bizarr ist nur, dass das speziell im deutschsprachigen Soziotop „Neue Musik“ immer noch ignoriert wird. Ich keine *keinen* deutschsprachigen Komponisten, der sich *jemals* als „Minimalist“ bezeichnet hätte (in Holland, England, Ungarn und Italien ist das anders). Pointiert gesagt, die Option der ästhetischen Exklusion des komponierenden Subjekts wurde im deutschsprachigen Kunstmusik-Diskurs selber exkludiert (Cage wurde zwar bestaunt und vermutlich sogar ernsthaft verehrt, aber *in seinen Kompositionsmethoden* vom Mainstream der NM-Komponisten – nach meinem Kenntnisstand, Alexander weiß das sicher besser – *in keinster Weise* nachgeahmt).

    Klar sind die Parallelen zwischen der Minimal music der 1960er Jahre und dem Neuen Konzeptualismus der 2000er Jahre begrenzt (v. a., was das Ausmaß der Politisierung angeht, auch hören sich beide Stile natürlich „anders an“) – was sie aber m. E. sicherlich gemeinsam haben, ist ihre Infragestellung des herkömmlichen Komponistensubjekts bzw. sogar dessen ästhetisch motivierte Exklusion aus dem klingenden Werk. Dieser Ansatz scheint – ganz offenbar – *Sie* „nervös zu machen“, nicht?

  8. Thomas sagt:

    @Strauch: Was ist denn das für eine Argumentation. Die anderen bringen nichts zustande, also brauch ich auch nichts zustande zu bringen.

    Das ist ja genau diese Passivität, die ich meine. Wenn man sagt, es geht ja doch nichts mehr, man nur noch müde auf irgendwelche Zeitgeist Themen reagiert und es zu mehr als albernen Witzchen über Adorno oder Stockhausen nicht langt, dann kann man den Laden auch dicht machen.

    Mit Ernsthaftigkeit meine ich keineswegs Pathos oder irgendetwas spezifisch stilistisches. Sehr verschiedene Künstler können ernsthaft sein und einige von Ihnen genannte waren es ohne Zweifel.

    Sachen durch den Kakao ziehen, das wird im Fernsehen und auf YouTube ja bis zum Abwinken gemacht. Dazu brauche ich nun wirklich keine „Avantgarde“.

    @Hetzel: meine Interesse für Minimal Music dauerte ungefähr 2 Wochen. Seitdem habe ich praktisch nichts mehr gehört. Auch das will ich gar nicht verurteilen. Wie Kreidler und Meese waren eben auch Reich, Glass und Riley Phänomene, die durchaus einen Zeitgeist zum Ausdruck brachten. Doch auch da habe ich irgendwann einfach mit der Schulter gezuckt, weil es nichts gab, was mir an dieser Klangtapete tiefer interessieren würde.

  9. Und wer ist z.B. von den heute sonst auch in Darmstadt Vertretenen in Ihrem Sinne wahrhaft, meiner Formulierung „leidenschaftlich“?

  10. Eberhard Klotz sagt:

    Zu Thomas um 14.19:
    kann hier nur zustimmen, lieber Thomas. Wir haben ja auch (fast) den gleichen Icon…
    Ich finde all die Kommentare und Diskussionen, die dieser „Schwachsinn“ wie es Thomas nennt ausgelöst hat, ungleich interessanter, vielschichtiger und inhaltsreicher, als den Gegenstand selbst, um den sie kreisen. Habe grad Zemlinskys Lyrische Symphonie vor mir: bei den Worten „Ich riß die Rubinenkette von meinem Hals“ spielen 1. 2 . Viol. , Vla, Vlc., Kb, dazu zwei Soloviolinen (mit Dämpfer, ohne Ausdruck) und eine Soloviola im Orchester. Kurz, es gibt noch andere Dinge, mit denen man sich beschäftigen könnte…

  11. Diese Stelle aus der „Lyrischen“ ist ein echter Gegenentwurf! Aber leider auch eine andere Zeit. Was Rubine sind, wird mancher kaum noch wissen. Was con sord. ist, wird für manchen heute nur ein Filtereffekt sein. Fürwahr, fürwahr. Um nun mal Farbe anderweitig zu bekennen: aus all den Darmstadtsachen suche ich mir selbst sehr wohl manches raus, eher Seitenaspekte. Verarbeitet wird es dann klassisch komponiert, für Cello und Klavier oder was auch immer Bekanntem… Wer suchet…

  12. @Thomas: „Mein Interesse für Minimal Music dauerte ungefähr 2 Wochen. Seitdem habe ich praktisch nichts mehr gehört.“ – Selbst wenn Sie sich bsp.weise für moderne Architektur nicht interessieren, so müssen Sie doch damit leben. Klar können Sie sagen: Hochhäuser, was für eine langweilige Architekturtapete, interessiert mich nicht. Aber Sie haben keine Wahl, als im Alltag damit umzugehen. Genauso ist es mit der Minimal music (dem „musikalischen Hochhaus“) – so sehr man sie auch ignorieren möchte, sie prägt substantielle Teile unseres akustischen Alltags (freilich nicht in Form von Steve Reichs Werken, sondern als Techno, Ambient Music, New Age Music, Weltmusik etc.). Also halte ich es für notwendig, sich ernsthaft mit den Bauprinzipien dieser kulturellen Strömung zu beschäftigen. Außer natürlich, man benutzt Musik, um der Gegenwart zu entfliehen bzw. man interessiert sich sowieso nicht für 99% der aktuellen Musik (bei Anhängern der „Neuen Musik“ kein seltenes Phänomen, wie ich zu meinem großen Bedauern erfahren musste).

    @Thomas: „Wie Kreidler und Meese waren eben auch Reich, Glass und Riley Phänomene, die durchaus einen Zeitgeist zum Ausdruck brachten.“ – Auch Helene Fischer bringt den Zeitgeist zum Ausdruck (Zemlinsky übrigens auch, wenn auch einen anderen). Das ist also kein Argument, auch keins *für* Minimal music bzw. den Neuen Konzeptualismus.

    @Eberhard Klotz: „Ich finde all die Kommentare und Diskussionen, die dieser «Schwachsinn» wie es Thomas nennt ausgelöst hat, ungleich interessanter, vielschichtiger und inhaltsreicher, als den Gegenstand selbst, um den sie kreisen.“ – Ups, das nehm ich jetzt einfach mal als Kompliment.

    @Thomas und Eberhard Klotz: Freilich werde ich Sie nicht davon überzeugen können, „unpersönliche“ Kompositionstechniken zu *lieben*. Aber sollten wir nicht über Polemiken hinaussein, wie sie bsp.weise Clytus Gottwald 1975 in „Melos“ gegen die Musik von Steve Reich abschoss: „Sicherlich partizipiert Steve Reichs Musik … an der Übermacht der heute produzierten Industriemusik, wie diese reflektiert sie die Neurosen des Maschinenzeitalters.“?

    (Meine komplette Analyse von Gottwalds Polemik, die m. E. ein signifikantes Licht auf die *heutige* Debatte um den Neuen Konzeptualismus wirft, gibt’s hier:

    http://stefanhetzel.wordpress.com/2014/02/09/ubersprungene-geschichte-gedanken-zu-lehmanns-musikphilosophie-9/

    )

  1. 20. September 2014

    […] Audioguide Über Kreidlers Audioguide wurde hier im Badblog, und auch hier, bereits zu Genüge gestritten. Was man aus der Ferne aufgrund der hier auch […]

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