Abschied von Michael Hirsch
Dass er nun nicht mehr unter uns ist, ist wahrlich überraschend. Seine Präsenz hat eine wohltuende Kontinuität: dieser kleine Mann, der so gut zuhören konnte und hinter seiner Brille immer leicht schielte.
Honorarverhandlungen sind nicht Jedermanns Sache. Das Selbstwertgefühl von Komponisten ist durch jahrelang eingetrichtertes Minderwertigkeitsgefühl und fehlendes Selbstbewusstsein bzgl. des öffentlichen Wertes der eigenen Musik meist angeknackst, und sie gehen in Verhandlungen wie kleine eingeschüchterte Pudel. Ja, es gibt sogar Komponisten, die dafür zahlen würden, dass ihre Werke aufgeführt werden.
Mir ist natürlich klar, dass man nicht als junger aufstrebender Komponist an einem kleineren Haus mit strengen Budgetvorgaben ein gigantisches Honorar verlangen kann, und natürlich spielt die eigene Lust auf ein Projekt eine große Rolle bei den Honorarverhandlungen. Aber man muss sich dann auch klar machen, dass es sich hier nur noch um ein „symbolisches“ Honorar handelt, wogegen jeder einzelne weitere Mitarbeiter an dem Theater bis hin zu den Pförtnern, Nachtwächtern und Putzkräften sehr wohl reelle Honorare erhält.
Ebenso wie die Band „Rihm“, von der es eben diese megageile Hans Henny Jahnn-Vertonung gibt, die ihr, liebe ARTE-Verwantwortlichen, lieber der Welt vorenthalten wollt, denn die könnte ja vielleicht irgendwie verstört werden und womöglich den ganzen Elbphilharmonie-Hype nicht mehr so gut finden.
Aber dennoch: ich mag dieses kleine Stück, das sich irgendwie hartnäckig weigert, in der Schublade zu verschwinden. Ein Stück über Menschen, die als „Missgeburten“ beschimpft wurden, welches wiederum selber als „Missgeburt“ beschimpft wurde. Das hat eine gewisse Ironie.
Aus der Neuen Musik ist sie wohl „ausgetreten“, wie so viele. Nun muss man sich fragen, ob es „Neue Musik“ überhaupt noch wirklich gibt und ob man da austreten kann. Aber was man immer kann, ist: seinem inneren Drang zu folgen und das aufzuschreiben, was einem Freude macht. Daran ist nichts Falsches, es kann aber sein, dass das dann auch nicht sehr spannend ist. Dieses Risiko gibt es immer.
Nach dem großen Erfolg der Beethovenanalyse unseres Bloggers Arno Lücker starten wir nun eine neue Reihe: Jede einzelne Sekunde des Hauptwerkes von John Cage, dem nur scheinbar „stummen“ Klavierstück von Helmut Lachenmanns Lieblingskomponisten (John Cage) mit dem Titel „4’33““ (von John Cage), soll analysiert werden.
Die reaktionären Kräfte können triumphieren oder einer neuen und tiefer verinnerlichten Offenheit weichen. Jeder Trend kennt Gegentrends. Aber auch Trendwenden bedürfen einer kollektiven Anstrengung und eines Bewusstseins für den Wert der Dinge die verloren gehen können. Und genau dieses Bewusstsein ist im Moment am Schwinden, im überwältigenden Schreichor der globalen Befindlichkeiten und Welterklärungen.
Wenn man sich die Szene anschaut, so ist für jeden „Neue Musik“-Komponisten ein Netzwerk an Kontakten von großer Wichtigkeit. Hierbei herrscht oft ein Prinzip des „wie du mir so ich dir“. Man lädt sich gegenseitig zu selbstgegründeten Festivals ein, vergibt „composer in residence“ – Posten in der Hoffnung später selber einer zu werden, engagiert sich für Kollegen. Die Komponistenlandschaft erweist sich im Gegensatz zum Beispiel zur Literaturszene als erstaunlich „sozial“, man ist auf gegenseitige Hilfe angewiesen (jedes „Konzert“, jede „Aufführung“ erfordert immer die Bündelung von vielen Interessen), also gibt man sich diese Hilfe auch. Soziale Kompetenz spielt hierbei eine große Rolle – ist man unkollegial, zu „pushy“ oder zu verschroben wird sich dies auch in geringeren Aufführungszahlen auswirken.
Wie virtuos die Neue Musik die Chancen des Internets nutzt, ohne in dessen Fallen der „15 Minutes of Fame“ zu tappen, wird die Zukunft dieser Musik bestimmen. Aber es könnte damit einhergehen, dass Neue Musik sich einreiht in den großen Pool generell künstlerisch avancierter Musik (z.B. Independent Pop, elektronische Musik, etc.) und damit ihren vor allem durch „Leitmedien“ ermöglichten Sonderstatus endgültig verliert.
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