Deutschland im Herbst ( II ): Die Familie Weißbart
Die Entdeckung war ein Schock. Meine Frau hörte den Namen in den Nachrichten: „Du, so häufig ist der doch nicht – kann das denn sein?“ Ich versuchte auszuweichen: „ Das ist bestimmt ein Bruder oder irgendwie ein anderer Verwandter“. Aber dann gab uns das Internet in kürzester Zeit Gewissheit. Unsere ehemals lieben Nachbarn Weißbarts, vor Jahren aus der Stadt und unserer Nachbarschaft verzogen, wurden dort als völkische Rechtsradikale aufgeführt.
Wir konnten es nicht fassen. Unsere Kinder waren gemeinsam in die Schule gegangen. Klar, uns war die altmodische Kleidung von Weißbarts aufgefallen. Aber sie hatten eben viele Kinder, eine kleine Wohnung. Wir fanden es damals eher bewundernswert, wie adrett und ordentlich sie in der Schule auftraten. Ja, und auch das soll gesagt sein, wir mochten an ihrem Verhalten auch eine gewisse Unangepasstheit. Die Kinder beteiligten sich nicht an Mobbing, hielten sich aus Konflikten in der Schule strikt heraus. Sie waren zuverlässig, ruhig und bedachtsam. Es waren sympathische Kinder. Ebenso ihre Mutter Margarete. Sie hatte auf Lehramt studiert, aber widmete sich ganz der Erziehung ihrer vier Kinder. Jeden Tag sahen wir die Familie wie eine kleine Prozession durchs Grüne gehen, an die frische Luft.
Den Vater Michael sahen wir nicht so häufig. Er studierte Jura und war nach Gretes Auskunft häufig auf dem Bauernhof auf dem Land, von wo er kam und wo er sich zu kümmern hatte. Auch Michael war eine adrette Erscheinung, groß gewachsen, etwas dicklich, jungenhaft. Wenn er da war, war er Teil der kleinen Prozession, häufig stürmisch energisch vorangehend.
Da er noch studierte, vermuteten wir, dass sie zum Leben nicht so viel Geld zur Verfügung hatten. Trotzdem pflegten sie die Musik. Grete lieh uns zum Beispiel bereitwillig eine Geige aus, als das Instrument unseres Sohnes mal für Wochen in Reparatur war. Auch spielten unsere Kinder gemeinsam auf der Weihnachtsfeier der Klasse, was sie zuvor einträchtig einstudiert hatten. Grete war das irgendwie ein Anliegen, dass etwas Schönes auch mal passierte in dieser Klasse, wo ansonsten viel Streit war. „Das können sie doch mal machen“, sagte sie nicht laut, aber energisch.
Kurz bevor unsere Kinder aufs Gymnasium kamen, zogen Weißbarts in eine kleine Stadt in die Provinz. Es hatte irgendwie mit der Familie von Michael zu tun, und sie konnten dort in ein großes Haus ziehen. „Besucht uns doch mal, wir haben viel Platz!“, sagte Grete bei unserem letzten Zusammentreffen auf der Straße. Aber wie das so ist, der Kontakt ist dann über die Entfernung abgerissen.
Doch wir haben häufig an sie gedacht, wenn wir an ihrer kleinen ehemaligen Wohnung vorbeigingen. Diese befand sich in einem alten einstöckigen preußischen Wohnhaus im ehemaligen Dorfkern unseres Stadtteils bei einem Handwerksbetrieb zur Untermiete. In dem kleinen Vorgarten vor den Gardinen in den beiden Fenstern standen und stehen immer noch drei gepflegte Blumenbüsche, Flieder und Hibiskus in zwei Farbtönen. Durch die Einstöckigkeit des Hauses und die Gepflegtheit der Anlage haben sie einen irgendwie prominenten Platz, und wir verfolgen mit ihrer im Frühjahr und Sommer einsetzenden Blüte den Gang der Jahreszeiten. Und manchmal haben wir bei ihrem Anblick eben gedacht, was Weißbarts wohl jetzt machen.
Die Entdeckung war ein Schock, wie ich sagte. Im Zuge der Wahlerfolge der rechten Partei wurde berichtet über Personen in ihren Reihen, und da fiel am Rande der Name: Michael Weißbart war mittlerweile Bürgermeister in einer Kleinstadt. Das aber war für uns nicht der eigentliche Schock. Regelrecht fassungslos machte uns die weitere Aufdeckung , dass er vor zwanzig Jahren eine rechtsradikale, völkische Jugendorganisation geleitet hatte. Und, das machte es jetzt vollends unbegreiflich für uns: Grete hatte gleichzeitig eine hohe Position in dieser Organisation bekleidet.
Diese Mitgliedschaft bestimmte anscheinend ihr gesamtes Leben, denn auch ihre Eltern waren nach den Berichten bereits in diesen Kreisen aktiv, und wahrscheinlich hatten beide sich auch dort kennengelernt und wahrscheinlich auch dort mit einer der in dem Bericht abgebildeten völkischen Hochzeiten der Gemeinschaft geheiratet. Aber das gehörte ja alles nur zu den Spekulationen, wie sie gleich bei uns einsetzten.
Was uns so bestürzte: Dieses alles fand direkt statt, bevor und während wir sie hier in unserem Stadtteil kennenlernten. Ja, während wir unsere Schulfreundschaft pflegten, mussten sie diese Aktivitäten weitergeführt haben, und hatte anscheinend der Verfassungsschutz schon Razzien auch in ihrer Wohnung durchgeführt. Nichts davon hatten wir bemerkt. Dieser ganze Teil ihres Lebens war uns komplett verborgen geblieben. Wenn ich in meiner Erinnerung nach irgendeinem Anzeichen, von heute aus gesehen, nachforsche, so ist mir allenfalls ein gelegentlicher, plötzlicher ernst-abwesender Blick von Grete in Erinnerung, wenn das Gespräch auf die Schule kam. Aber das kann bei einer Mutter von vier Kindern ja viele andere Gründe haben. Und vielleicht ihre eingangs geschilderte unangepasste Bestimmtheit, die in sich zu ruhen schien. Die Familie wirkte eben entschieden wertkonservativ, aber das war in unserem Stadtteil ja ganz normal und da hatten wir ja überhaupt nichts dagegen.
Wir leben schließlich in einem freien Land. Jede und jeder kann sich anziehen, wie er möchte. Auch alte Kleidung, Trachten, Röcke, Lederhosen – alles ist erlaubt. Natürlich dürfen sich auch Pfadfinder treffen, meinetwegen auch obskure Riten pflegen. Menschengruppen dürfen zusammen feiern, sie dürfen sich gegenseitig Halt und Freude geben. Lieder mit der Gitarre singen in Gemeinschaft, das kann aufbauen, wie man so schön sagt. Weißbarts haben mittlerweile noch mehr Kinder. Sie leben in liebevoller Ehe miteinander, wie wir nur vermuten können, getragen von gemeinsamen Überzeugungen und Lebenseinstellungen. Was daran ist Ideologie?
Wo kippt es in Schmerz um? Wo beginnt das Verbrechen? Wo richtet sich der Fanatismus einer Glaubensgemeinschaft gegen Einzelne? Wo beginnt die Ausgrenzung? Wo beginnt die Lüge in dieser heilen Welt der Gemeinschaft? Was passiert mit denen, die nicht mehr mitmachen wollen?
Denn irgendwo muss hier die Lüge sein. Um das zu verstehen, muss viel grundsätzlicher hingeblickt und hingespürt werden. Was ist hinter den heilen Fassaden?
In der völkischen Jugendorganisation wird die Erziehung der Nazis fortgeführt. Nachdem sie vor mehr als zehn Jahren verboten wurde, bildete sich sogleich eine geheime Nachfolgeorganisation, die nach einem NS-Propagandafilm sich nennt. In dieser Organisation, so haben wir nun entsetzt gelesen, sind wiederum die Kinder der Weißbarts auch wieder aktiv.
