Wer sitzt am Drücker? Eine Opernreise nach Yale
Wer sitzt am Drücker? Eine Opernreise nach Yale
Die amerikanische Regisseurin und Librettistin Amy Stebbins sowie der deutsche Komponist Hauke Berheide sind Menschen, die mir sehr lieb sind. Wenn sie mich also zu den „New Opera Dialogues“ rufen (die sie seit einigen Jahren veranstalten und die zu einem Hotspot der internationalen Opernschaffenden geworden sind), komme ich gerne, selbst wenn sie in einem Land stattfinden, dass weltweit die Gemüter erregt, die Nachrichten dominiert, in Europa für wahnsinnigen Frust sorgt und eigentlich inzwischen so gut wie niemanden mehr hereinlassen will.
Natürlich spreche ich von den USA.
In diesem Jahr fanden die NOD also in Yale statt, der amerikanischen Eliteuniversität in der Nähe von New York. An dieser Universität studierten einige der einflussreichsten Amerikaner, deswegen ranken sich um geheime Studentenverbindungen wie Skull and Bones auch allerlei Verschwörungsmythen. „Die Initiationsriten werden geheim gehalten. Es soll sich um ausgiebige Lebensbeichten einschließlich Berichten über sämtliche sexuelle Erfahrungen des Neuaufgenommenen handeln.[4] Ebenfalls geheim gehalten wird die Innenausstattung des tomb. Klar ist nur, dass Schädel und menschliche Knochen dabei eine Rolle spielen.“ (Quelle: wikipedia).
Wie in einer Inszenierung von Einar Schleef also…
Wie bei vielem Seltsamen in Amerika stecken hinter S&B tatsächlich deutsche Bräuche– einer der Gründer hatte in Deutschland studiert und bei unseren Studentenverbindungen vieles abgeschaut.
Als Komponist einer Verschwörungsoper war Yale für mich also ein sehr attraktiver Ort für ein Treffen!
Mit Sorge erfüllte mich allerdings die Einreise in die USA, die sich seit den letzten Jahren für Musiker zunehmend schwierig bis unmöglich gestaltet (vor allem, wen man bezahlte Konzerte spielt oder irgendwelche Jobs in den USA hat). Bei meinem letzten Besuch im Eastman College of Music wurde mir eine Hilfskraft zugeteilt, die mir eine Woche lang half, die endlosen Formulare für ein Arbeitsvisum auszufüllen. Unter anderem musste ich die Wohnadresse meiner Grundschullehrerin angeben (die schon seit vielen Jahren nicht mehr lebt).
Dieses Mal war das aber nicht notwendig, da ich „nur“ eine Konferenz besuchte und kein Geld bekam. Aber wie sah es mit meinen Social-Media-Aktivitäten aus, die inzwischen von KIs durchforstet werden? Hatte ich irgendwann auf einem Foto das falsche Trump-T-Shirt an (Kenner wissen, welches ich meine)? Man muss inzwischen auch beim gängigen ESTA-Visum für Touristen ausführliche Angaben zu Social Media – Accounts machen – ich wählte LinkedIn als meine unverdächtigste Plattform.
Erstaunlicherweise bekam ich innerhalb von Stunden eine Zusage für mein Visum, zusammen mit der Bitte, den ESTA-Prozess zu bewerten. Ich gab tatsächlich 5 Sterne, da die Kommunikation sehr professionell und klar war und man sich auch Mühe gab, sich für die Maßnahmen in „schwierigen Zeiten“ ein wenig zu entschuldigen.
Erwartungsvoll bestieg ich also den Flieger nach New York, wo ich mich nach leicht verspäteter Reise und langem Zusammenklauben verschiedener versprengter Passagiere bald in einem Shuttle Richtung New Haven befand, eine ca. 2-stündige Fahrt durch Staus und verstopfte Highways.

Von New Haven hatte ich von amerikanischen Freunden oft gehört, und das vor allem in Hinblick darauf, dass es sich um eine in gewisser Weise bemerkenswerte Konstellation handelt: Elite-Uni auf der einen Seite – eine der führenden Verbrechensstädte der USA auf der anderen. Das Risiko, dort einem Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen, ist 21 Mal so hoch wie in den meisten anderen Städten und liegt nur knapp unter der Statistik von New York. Anders als New York ist in New Haven das Stadtbild recht kompakt und klein – der New Yorker meidet ganze Viertel weiträumig, wogegen in New Haven das problematische Viertel quasi direkt um die Ecke liegen und man jederzeit hineinstolpern kann. Die Uni ist da mittendrin – so wurden wir von einer Mitreisenden gleich nach der Ankunft im Hotel gewarnt, man solle keineswegs „nach links“ gehen, wenn man das Hotel verlässt. Für mich als Europäer war nicht zu erkennen, was genau jetzt als gefährlich zu erkennen sei, aber lange diese Straße heruntergewagt habe ich mich dann angesichts stets eher menschenleerer Straßen und allgegenwärtigen Sicherheitskameras an öffentlichen Gebäuden dann auch nicht. Anscheinend war dort vor ein paar Wochen jemand erschossen worden.

Die Verbrechensstatistik von Yale. Da wo es am dunkelsten ist („most dangerous“) befindet sich die Uni Yale.
Der Titel der Konferenz – „Who’s Calling The Shots?“ (nomen war gottseidank nicht omen) – bekam durch dieses Ambiente eine neue Bedeutung, obwohl es eigentlich um „Aesthetics & Power in Contemporary Opera“ ging. Es versprach sehr spannend zu werden – Amy und Hauke war es zusammen mit der deutschen Yale-Professorin Gundula Kreuzer gelungen, eine beeindruckende Runde zusammenzubekommen, darunter viele der größten Namen im amerikanischen Musiktheater, wie z.B. Jeanine Tresori und Kevin Puts (Komposition) oder Mark Campbell und George Brant (Libretto). Aber auch der Nachwuchs stand im Zentrum, mit Komponistinnen wie Diana Syrse und Frances Pollock, dem mexikanischen Librettisten Carlos Sámano und der polnischen Regisseurin Ewa Rucinska z.B.

In diesen ehrwürdigen Hallen hat übrigens auch Charles Ives studiert!
Ich fand auch die anderen Teilnehmer und ihre jeweiligen Perspektiven (die volle Liste findet sich hier) hochinteressant und habe selten eine Konferenz erlebt, in der man so gerne und aufmerksam jedem einzelnen Vortrag lauschte oder sich in die Diskussion begab. Alle Teilnehmer bekamen Gelegenheit für eine kurze Präsentation oder einen Vortrag, im Anschluss daran gab es Gespräche oder auch Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen.
Natürlich war das Thema sehr bewusst gewählt und verortet – in den USA ist die Frage nach der Kunstfreiheit und der Abhängigkeit von der Politik eine sehr drängende. Und natürlich sind das Umstände, die uns auch in Europa politisch drohen – in den USA sind sie momentan schon an der Tagesordnung.
Bei vielen Vorträgen schwang eine gewisse Vorsicht mit. Manche Vortragenden betonten sogar, dass sie als Repräsentanten bestimmter Institutionen nicht komplett frei sprechen können, da sie sonst Gefahr laufen würden, bei der Diskussion bestimmter Themen gegen den öffentlichen Kurs anzuecken, was Geldgeber verärgern könnte. Man muss das im Kontext von z.B. der Übernahme des Kennedy-Centers durch Republikaner sehen, die in der Kunstszene für Schlagzeilen gesorgt hat. DEI (Diversion, Inclusion, Equality) ist in den USA ein hochpolitisches Thema geworden, das von der republikanischen Seite gezielt unterdrückt wird. Das sorgt gerade im Bereich der Oper – einer traditionellen Hochburg von LGBT+ – für zunehmende Ängste, manch errungene wichtige Freiheiten wieder zu verlieren.

Der Sänger und Dozent Albert Lee mit einem Plädoyer für die Oper
Es war auch zu spüren, dass die Kollegen zunehmend sehnsüchtig nach Europa schauen. Als ich eine Szene aus meiner Oper „Freax“ zeigte, in der eine Transperson singt und ihr Leid thematisiert, ging ein fast schon sehnsüchtiges Raunen durch die Zuschauer. Später sagte mir ein amerikanischer Kollege (der Librettist Mark Campbell): „Das wäre hier im Moment nicht möglich“. Im nächsten Satz erzählte er mir von seinen Plänen, nach Berlin auszuwandern, ein Sehnsuchtsort für ihn.
Aus der europäischen Perspektive sehr fremd ist der sehr kommerziell geprägte Blick auf die Kultur, der in den USA vorherrscht. Michael Bobbitt (ab dem 1.1.2026 Präsident von OPERA America) erklärte uns begeistert von seinen Ansatz, vollkommen andere Vermarktungstechniken für klassische Musik zu verwenden, in seinem Fall zum Beispiel die erfolgreiche Idee, Oper für Krankenkassenpatienten im Rahmen einer Therapie anzubieten (und damit Plätze zu verkaufen). Das würde in Europa komisch klingen, in den USA werden solche Gedanken aber sehr ernst genommen. Den Satz „Wir müssen von Starbucks lernen“ hörte ich mehrmals auch von anderen Teilnehmern. Das hat etwas Fatalistisches wie auch Realistisches.
Bei einem Vortrag wie zum Beispiel dem von Olaf Roth (Chefdramaturg Bayerische Staatsoper) merkte man, dass die europäische Art, Oper zu machen und zu finanzieren, in den USA kaum bekannt ist und ein gewisses Staunen hervorruft. Aber genau dies ist ja das Spannende an so einer Konferenz – voneinander zu lernen und einander zuzuhören, auch wenn einem einiges fremd vorkommt.
Ich persönlich werde wiederum neidisch, wenn ich höre, dass die Met in New York inzwischen Spielzeiten hat, in denen fast ausschließlich Werke von lebenden Autor:innen gespielt werden. Wenn man die Werke dann hört, wird das wieder relativiert, denn manches klingt schon arg gestrig, aber man muss das alles auch in dem oben erwähnten Starbucks-Kontext sehen – vieles was bei uns möglich wäre und eher an der Tagesordnung ist (z.B. experimentelle Ansätze aller Art oder die Verweigerung einer dechiffrierbaren Geschichte) ist dort schlicht und einfach unmöglich.

New Haven Freitag Nachmittag, Zentrum, Downtown. Kein Mensch auf der Straße.
Natürlich gibt es aber genauso viel Talent in den USA wie anderswo auch, und wie diese Kolleginnen und Kollegen als Künstler überleben, wie sie ihre Themen wählen und wie sie ihre Kleinen Fluchten der Freiheit finden war für mich äußerst spannend zu erleben. Als Konferenz war „Who’s Calling the Shots“ daher außerordentlich gelungen – man begegnete sich respektvoll, auf Augenhöhe und alle der vielen Vorträge gingen in sehr interessante Diskussionen über. So sollte es eigentlich immer sein.
Während unser Feuilleton mal wieder das Ende der Kunstform Oper ausruft, ist die Oper weltweit sehr lebendig. Europa ist nicht mehr das einzige Zentrum – die Zukunft gehört auch den südamerikanischen, den asiatischen und ganz sicher auch einmal den afrikanischen Kolleginnen und Kollegen. Die große Frage ist aber, wie vernetzt wir in Zukunft sein werden. Wenn immer mehr Länder sich nur noch nationalen und fremdenfeindlichen Agenden widmen, wird es kulturell immer stiller in der Welt, denn Kultur lebt von Austausch, von gegenseitiger Aneignung von Ideen und vor allem von Orten, an denen sich vielfältige Talente aus aller Welt zusammenfinden, so wie es musikhistorisch an Orten wie Wien, Venedig und Berlin einmal passierte.
Wie würden wir aber agieren, wenn die AfD an der Macht wäre und alle Kulturförderungen streichen würde, vor allem für Ausländer? Wenn wir Opern nur noch unter der Berücksichtigung von knallharten kommerziellen Interessen komponieren können?
Ob die Antwort dann Starbucks oder Dreigroschenoper sein wird, muss sich noch zeigen, ich hoffe letzteres.
Zuletzt ist noch die Geschichte meiner Rückreise zu erzählen. Mit Amy und Hauke verbrachte ich noch einen bezaubernden kurzen Nachmittag in New York. Mich beruhigte es in gewisser Weise, dass die resilienten New Yorker zumindest am Times Square (der sich zunehmend zu einem an „Blade Runner“ gemahnenden futuristischen Spektakel entwickelt, was die Größe der animierten Billboards angeht) noch die Alten schienen. Dann machte ich mich auf dem Weg zu JFK-Airport. Verrückte in der U-Bahn kennt man auch aus früheren Besuchen, dass man an manchen Stationen gesagt bekommt, dass Polizei anwesend ist, um die Aussteigenden zu schützen, nicht. Aber insgesamt soll das Verbrechen in NY zurückgegangen sein.

New York – business as usual am Times Square
Am Flughafen angekommen, machte ich mich gleich auf den Weg zur Sicherheitskontrolle, da ich nur Handgepäck und schon eine Bordkarte hatte. Die enorme Schlange wand sich um mehrere Ecken und verlangsamte sich zusehends. Obwohl ich 3 Stunden vor Abflug da war, rückte das Boarding bedrohlich näher – ich hatte schon eine Stunde in der Schlange verbracht und als verbleibende Zeit wurden anderthalb Stunden genannt, jede Sekunde kamen ein paar Minuten dazu. Rettung nahte in Form von Sicherheitsbeamten, die den hinteren Teil der Schlange mittels hochgehaltener Schilder durch den halben Flughafen lotsten, hinab in dunkle Keller, in denen man eine neue Sicherheitskontrolle aufgemacht hatte. Aber auch diese näherte sich erst sehr langsam, denn die dortige Schlange war genauso schlimm. Aber immerhin hatte ich es irgendwann geschafft und stand vor dem Beamten, der den Reisepass kontrolliert und ein Foto macht. ALARM! Plötzlich blinkte ein rotes Licht neben seinem Computer und ein lautes Signal ertönte, direkt nach meinem Foto. “I can’t let you through, you have a BPA signal“, sagte er mir. Ich fragte ihn natürlich, was das bedeutete. „I can’t tell you. Perhaps you have entered a wrong birth date. You have to go back to the desk of your airline and check with them“.
Mein Herz rutschte in die Hose – nach 2 Stunden Sicherheitskontrolle das alles also noch einmal von vorne? Mitleidig beobachteten mich die anderen Reisenden, als ich traurig mit meinem kleinen Koffer von dannen zog.
In Momenten wie diesen bin ich immer recht froh, dass ich für Ultras trainiere, denn ein bisschen Rennen ist nicht etwas, das mich komplett aus der Puste bringt. Aber Rennen musste ich natürlich, denn die Schalter von Delta Airlines waren einen Kilometer von dieser neuen Sicherheitskontrolle entfernt. Und natürlich waren dort ebenso endlose Schlangen wie bei der Sicherheitskontrolle. Verzweifelt suchte ich nach einem Schalter mit einer weniger langen Schlange und fand schließlich einen, mit Flügen in die Dominikanische Republik. Da vermutlich inzwischen fast alle aus diesem Land ausgewiesen worden waren, standen nur wenige Menschen dort, und diese ließen mich auch höflich vor. Verzweifelt schilderte ich der Dame am Schalter meine Situation – sie checkte meine Daten im Computer und schüttelte den Kopf: „I can see no problem here – everything is ok“.
Nun reichte mir das als Information für die Sicherheitskontrolle nicht, denn es bestand ja wieder das Risiko, dass man mich gleich wieder zur ihr schicken könnte. Inständig bat ich sie, mir doch bitte zu helfen.
Wie oft in den USA begegnet man in den schlimmsten Situationen wahnsinnig hilfreichen und lieben Menschen, auch diese Frau erwies sich als Engel. Tatsächlich begleitete sie mich tapfer durch die Sicherheitskontrolle, vorbei an dutzenden von grimmig starrenden First-Class-Geschäftsreisenden, an denen ich vorbeigelotst wurde. Schließlich stand ich wieder an der besagten Kamera und einem Mann am Computer. Wieder dieselbe Prozedur: ich zeigte mein freundlichstes europäisches und vermutlich dekadentes Lächeln in die Kamera, aber wieder kam das rote Alarmsignal.
Die nette Dame von Delta Airlines war schon auf dem Weg zurück zum Schalter, aber ich konnte sie gerade noch erwischen und bat sie, den Sicherheitsbeamten noch einmal zu erklären, dass Delta Airlines nichts an meiner Beförderung zu beanstanden hatte.
Diese starrten weiterhin kopfschüttelnd auf ihren geheimnisvollen Computer, der anscheinend – wie in der legendären Serie „Little Britain“ – einfach nur „nein“ sagte, ohne genau zu erklären warum.
Unter Unmutsbekundungen in der Schlange hinter mir wurde nun in einer aufwändigen Prozedur der Sicherheitschef des gesamten Flughafens gerufen, ein imposanter Hüne, der sich dann ebenfalls kopfschüttelnd über den Computer beugte.
Aber er hatte irgendeine Autorität, die die Beamten vorher nicht hatten. Nachdem er mich von Kopf bis Fuß gemustert hatte, um einzuschätzen, ob ich eine Gefahr für die USA darstellte, wenn ich doch gerade dabei war, das Land zu verlassen, tippte er irgendeinen Override ins System. Das rote Licht ging aus und ich durfte durch die Kontrolle, zur Erleichterung aller. Nach einem weiteren Sprint durch kilometerlange Wartehallen erreichte ich noch so gerade den Flug als letzter möglicher Passagier und sank erschöpft in meinen Sitz.
Ja, es war eine schöne, spannende und erhellende USA-Reise. Aber ob ich jemals dorthin zurückkehren darf? Die Zukunft wird es zeigen…
Moritz Eggert

Hauke und Amy
Komponist
