Mahnen über die Oper

New Opera Dialogues in Yale/USA, 2025, Foto: Moritz Eggert

Alle Jahre wieder wird der drohende Tod der Kunstform Oper ausgerufen, so auch dieses Jahr pünktlich zum Beginn des Jahres, von Jürgen Kesting in der FAZ:

Dass das Genre zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt ist, ist keine Frage, und Jürgen Kesting benennt viele Probleme korrekt. Krankt die Oper aber wirklich allein an fehlenden großen Stimmen oder zu wenigen Wiederentdeckungen aus der Barock-Zeit? Ist es nicht eher so, dass die Oper eher an einer zunehmend anachronistischen Produktionsmaschinerie leidet, die sich auf ein zunehmend kleiner werdendes historisches Repertoire eingeschossen hat und an der Gegenwart und vor allem an einem in der Gegenwart lebenden, denkenden und fühlenden Publikum immer weniger Interesse hat?

Das denken nicht nur ich, sondern auch die Autorin und Regisseurin Amy Stebbins und der Komponist Hauke Berheide, die mit New Opera Dialogues einen bemerkenswerten Think-Tank internationaler Opernschaffender ins Leben gerufen haben, über den hier noch mehr zu lesen sein wird. Hier ihre Antwort auf den Artikel von Jürgen Kesting:

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Die Oper, findet Jürgen Kesting in der FAZ, sei gefährdet – und sucht ihre Zukunft in der Vergangenheit. Beim Lesen seines aktuellen Artikels „Was wird aus der Oper?“ wird die Unsicherheit deutlich, was Oper im 21. Jahrhundert eigentlich sein wird. Selbst ein so verdienstvoller Kritiker übersieht hier, aus Gewohnheit vielleicht, das eigentliche Problem:

Kesting macht vor allem die Sänger verantwortlich für die Gefährdung der Kunstform, nämlich weil ihre Stimmen kleiner geworden seien. Diese Sicht wirkt etwas fehlgeleitet in einer Zeit, in der wir von großartigen Sänger:innen umgeben sind – Künstler:innen mit außergewöhnlicher technischer Bandbreite, stilistischer Virtuosität und szenischer Präsenz –, die heute zudem exzellente Schauspieler:innen, Athlet:innen und, nach Möglichkeit, auch noch Sexsymbole zu sein haben.

Was kaum untersucht wird, ist die zentrale Frage: das anhaltende Führungsversagen der Theaterleitungen, Strukturen zu schaffen, unter denen neue Werke entstehen, die tatsächlich ins Repertoire gelangen können. Nicht Prestige-Uraufführungen, nicht Festival-Experimente, sondern zeitgenössische Opern, für die Institutionen frühzeitig und langfristig Verantwortung übernehmen, die sie wiederaufführen und über längere Zeiträume etablieren.

Es ist keine Krise des Talents. Es ist eine Krise der Führung – von Institutionen, die den Niedergang managen, indem sie zurückblicken und behaupten, das Publikum von früher sei besser gewesen. Um es mit Brecht zu sagen: Das Publikum hat sich das Vertrauen der Theater verscherzt. Wäre es da nicht besser, die Leitungen lösten das Publikum auf und wählten sich ein anderes? Man gewinnt den Eindruck, künstlerische Leitungen wären heute weniger daran interessiert, neues Repertoire zu entwickeln, als daran, ein neues Publikum für die alten Stücke zu finden – und zwar eines, das dem von früher möglichst ähnlich zu sein hat.

Wenn die Oper erschöpft oder veraltet wirkt, dann deshalb, weil die Entscheidungsträger:innen sich weigern, deren Zukunft überhaupt zu denken. Solange neue Werke nicht zum Herzschlag der Opernhäuser werden, wird die öffentliche Unterstützung weiter schwinden – und die Institutionen werden dahinsiechen und zusammengestrichen, ganz wie Kesting selbst feststellt.

Genau deshalb haben wir New Opera Dialogues gegründet: um Gespräche über Macht, Urheberschaft, Arbeit und Infrastruktur zu führen – darüber, wer die Zukunft der Form gestalten darf und unter welchen Bedingungen. Oper braucht keine Beerdigungsreden über ihre große Vergangenheit. Sie braucht Vision und Übernahme von Verantwortung

Amy Stebbins
Hauke Berheide
New Opera Dialogues

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Eine Antwort

  1. Thomas.w70 sagt:

    Natürlich gibt es eine ästhetische Krise der Oper. Die am Ende des Tages eben auch nur ästhetisch gelöst werden kann. Alle Künstler, Komponisten, Sänger und Regisseure müssen letztendlich das Publikum mit ihrer Arbeit gewinnen. Und es ist einfach mit Händen zu greifen, dass das immer weniger gelingt.

    Schuldzuweisungen wie hier bringen überhaupt nichts.

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