Zwischen Marktlogik und Kulturauftrag: Die strategische Neuverortung der GEMA im digitalen Zeitalter vor der Kulturreform und nach dem Verkauf von Zebralution
Die Transformation der Musikindustrie durch Digitalisierung, Plattformökonomie und Datenverarbeitung stellt Verwertungsgesellschaften vor Herausforderungen, die weit über technische Modernisierung hinausgehen. Auch die GEMA beschreibt sich selbst weiterhin als treuhänderisch handelnde Organisation ihrer Mitglieder; zugleich hat sie in den vergangenen Jahren ein Netz aus internationalen, digitalen und technologischen Aktivitäten ausgebaut, das genau zeigt, wie stark sich ihr Handlungsfeld verändert hat. Mehr als 100.000 Mitglieder, die Generalversammlung als höchstes Organ, der von ihr beschlossene Verteilungsplan und ein Geflecht aus Tochtergesellschaften und internationalen Vertretungsverträgen markieren heute eine Institution, die traditioneller Interessenvertretung und strategischer Systemsteuerung zugleich verpflichtet ist.
Digitalisierung als Strukturbruch
Zwei Entwicklungen machen diese Spannung besonders sichtbar. Zum einen die Beteiligung an Zebralution und ihr späterer Verkauf, zum anderen die Reformen der Verteilungs- und Förderlogik innerhalb der GEMA. Auf den ersten Blick haben diese Themen wenig miteinander zu tun.
Man kann diese beiden Entwicklungen allerdings auch bewusst voneinander trennen. Aus dieser Perspektive betreffen sie unterschiedliche Handlungsfelder: hier eine wirtschaftlich-strategische Entscheidung über eine Beteiligung, dort die interne Ausgestaltung von Verteilungs- und Fördermechanismen. Die Verbindung entsteht dann weniger auf der operativen Ebene als in der übergeordneten Frage, wie sich eine Verwertungsgesellschaft zugleich ökonomisch handlungsfähig und kulturell legitimiert positioniert.
Hier der Einstieg in einen Digitalvertrieb, dort Teilkulturen, neue Punktesysteme und Bewertungsmaßstäbe sowie die Frage, wie kulturelle Förderung künftig organisiert werden soll. Bei näherem Hinsehen geht es aber in beiden Fällen um dieselbe Grundfrage: Wie weit darf oder muss sich eine Verwertungsgesellschaft in Richtung datenbasierter Markt- und Steuerungslogiken bewegen, ohne ihren eigenen Charakter zu verändern?
Historisch waren Verwertungsgesellschaften aus einer relativ klaren Logik heraus entstanden. Sie bündeln Rechte, lizenzieren Nutzung und verteilen Einnahmen. Gerade in diesem Modell lag eine Form institutioneller Unschärfe, die nicht nur Nachteil war. Die Systeme waren oft grob, teilweise schwer verständlich und keineswegs in jedem Detail gerecht. Aber genau diese Grobheit bedeutete auch, dass nicht alles sofort nach Marktstärke, Reichweite oder institutioneller Sichtbarkeit sortiert wurde. Mit der Digitalisierung ändert sich diese Lage grundlegend.
Nutzung wird heute nicht nur erfasst, sondern zunehmend präzise vermessen, kategorisiert, abgeglichen und in Echtzeit ausgewertet. Es ist deshalb kein Zufall, dass die GEMA ihr organisatorisches Umfeld um Software-, Matching-, Lizenzierungs- und Recognition-Firmen erweitert hat und selbst den Ausbau digitaler Dienste als Teil ihrer Strategie beschreibt.
Zebralution: Marktnähe als Strategie
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Beteiligung an Zebralution durchaus nachvollziehen. Die GEMA teilte 2019 selbst mit, sie habe eine Mehrheitsbeteiligung an Zebralution erworben, einem „innovativen und wirtschaftlich erfolgreichen“ Digitalvertrieb. Sie begründete dies ausdrücklich mit „Wachstum und Digitalisierung“, mit der vorausgegangenen Bildung von ICE und mit dem Ziel, Mitgliedern beim digitalen Vertrieb ihrer Werke helfen und die Relevanz der GEMA im digitalen Musikmarkt erhöhen zu können. Zebralution wiederum wurde auf der GEMA-Seite als erster Digitalvertrieb für unabhängige Labels in Europa beschrieben, mit mehr als 1.000 Labels und Hörbuchverlagen weltweit. Die strategische Logik dahinter lag offen zutage: mehr Datennähe, mehr Marktkenntnis, mehr Anschluss an die Plattformrealität. (gema.de)
Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie – insbesondere Services wie dem MusicHub – verbleibt jedoch auch nach dem Verkauf bei der GEMA und verweist darauf, dass nicht sämtliche aus der Beteiligung entstandenen Strukturen aufgegeben wurden, sondern gezielt in den Mitgliederservice überführt werden.
Genau darin lag aber auch der Konflikt. Ein Distributor sitzt am Anfang digitaler Wertschöpfungsketten. Dort entstehen Sichtbarkeit, Plattformzugang, Datenströme und Marktinformationen. Für eine Verwertungsgesellschaft kann das attraktiv sein, weil es den Blick auf reale Nutzung vertieft und Abhängigkeiten von Dritten reduziert. Zugleich verschiebt sich damit die Rollenwahrnehmung. Wer selbst in einem kommerziellen Frontend-Bereich agiert, wird schwerer als bloß neutrale Treuhänderin wahrgenommen. Dass diese Wahrnehmung keineswegs nur theoretisch war, zeigt die jüngste öffentliche Debatte um den Verkauf von Zebralution.
Die WirtschaftsWoche berichtete Ende März 2026, der Verkauf der Tochterfirma habe intern Ärger ausgelöst; im Raum standen schwere Vorwürfe und sogar der Begriff eines „kulturpolitischen Skandals“, während die GEMA der Kritik widersprach. Schon diese Konstellation zeigt, wie stark dieselbe Entscheidung gegensätzlich gelesen werden kann: als Rückzug auf den Kernauftrag oder als Aufgabe eines strategischen Instruments. (WirtschaftsWoche)
Öffentliche Debatten über solche Reformen greifen dabei nicht selten auf stark zugespitzte Deutungen zurück, die komplexe interne Entscheidungsprozesse vereinfachen oder personalisieren. Gerade in konflikthaften Transformationsphasen entsteht so leicht ein Spannungsverhältnis zwischen interner Verfahrenslogik und externer Wahrnehmung.
Zwischen Wahrnehmung und Systemlogik
Gleichzeitig lässt sich die Beteiligung – und auch ihr Verkauf – aus einer anderen Perspektive als wirtschaftlich konsistentes Erfolgsmodell lesen: Die GEMA gewann in einer entscheidenden Phase Zugang zu Plattformdaten, Marktmechaniken und angrenzenden Rechten, während das Unternehmen selbst über den gesamten Zeitraum hinweg profitabel arbeitete. Der spätere Verkauf erfolgte unter Bedingungen, die finanziell deutlich über dem Marktwert der Struktur lagen und damit einen unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteil für die Mitglieder generierten, der über den reinen strategischen Nutzen hinausging.
Bemerkenswert ist, dass die GEMA den Verkauf selbst nicht als Scheitern, sondern als Fokussierung darstellt. Auf ihrer Organisationsseite heißt es, der Verkauf der Beteiligung an Zebralution entspreche der Unternehmensstrategie, den Fokus auf das Kerngeschäft der kollektiven Rechtewahrnehmung weiter zu schärfen, Mitgliederservices auszubauen und die internationale Lizenzierung voranzutreiben. Das ist eine wichtige Formulierung. Sie macht klar, dass es nicht um einen einfachen Rückzug aus der Digitalisierung geht, sondern um eine Neujustierung: weg von einer besonders sichtbaren Marktrolle, hin zu jenen Bereichen, in denen die GEMA ihre eigentliche Stärke sieht.
Der Zeitpunkt des Verkaufs lässt sich zudem als Ausdruck einer veränderten strategischen Lage verstehen: Was in einer früheren Phase der Plattformökonomie einen erheblichen Erkenntnis- und Infrastrukturgewinn darstellte, verliert an Bedeutung, sobald entsprechende Kompetenzen intern aufgebaut oder anderweitig gesichert sind. Die eigentliche strategische Verschiebung wird jedoch erst im nächsten Schritt sichtbar.
An genau dieser Stelle wird ICE zentral. Die Europäische Kommission genehmigte 2015 das Joint Venture von PRS for Music, STIM und GEMA für die grenzüberschreitende Online-Lizenzierung. Das Projekt wurde von den Partnern als integrierter Licensing- und Processing-Hub beschrieben; ältere PRS/STIM/GEMA-Mitteilungen sprachen von einem Service für über 250.000 Songwriter, die Kommission betonte die Mehrgebietslizenzierung für Online-Musikdienste. PRS hebt bis heute hervor, dass ICE mit einer konsolidierten Datenbasis, einem gemeinsamen Rechnungslauf und einer zentralen Verarbeitung arbeitet; STIM beschreibt dieselbe Kooperation als Instrument, um grenzüberschreitende Lizenzierung und Rechteverwaltung zu straffen. Anders gesagt: Die zentrale digitale Antwort der GEMA bestand nie nur in einem Vorstoß Richtung Distribution, sondern vor allem im Aufbau von Infrastruktur, Datenverarbeitung und internationaler Lizenzierungsfähigkeit. (Europäische Union)
Europäische Modelle zwischen Effizienz und Kulturpolitik
Gerade der Vergleich mit anderen europäischen CMOs ist deshalb aufschlussreich. PRS und STIM stehen beispielhaft für ein Modell, das technologische Stärke primär im Backend sucht: bei Daten, Processing, Matching, Mehrgebietslizenzen und Effizienz. SACEM wiederum verbindet eine stark digitale, international wachsende Strategie mit einem deutlich sichtbaren kulturpolitischen Selbstbild. Im offiziellen SACEM-Umfeld ist von mehr als 3.600 geförderten künstlerischen Projekten im Jahr 2024 und von 20,3 Millionen Euro für kulturelle Initiativen die Rede; zugleich stellte SACEM 2024/25 gemeinsam mit Deezer das „artist-centric“-Modell als wichtigen Schritt zu fairerer Redistribution und zur Bekämpfung von Betrug, „white noise“ und rein KI-generierten Inhalten heraus. Damit wird ein doppeltes Signal gesetzt: Digitalisierung und Sichtbarkeit am Markt werden nicht gegen kulturelle Sichtbarkeit ausgespielt, sondern miteinander verschränkt. (createursediteurs.sacem.fr)
Gerade dieses Beispiel zeigt aber auch, dass Sichtbarkeit selbst ein umkämpfter Begriff bleibt. Denn Sichtbarkeit gibt es auf mindestens zwei Ebenen. Es gibt die Sichtbarkeit am Markt: Streams, Plattformpräsenz, Datenpunkte, Fan-Engagement, internationale Mandate, digitale Reichweite. Und es gibt die Sichtbarkeit kultureller Förderung: Förderprogramme, Ausgleichsmechanismen, Kuration, institutionelle Anerkennung, regionale und ästhetische Vielfalt. SACEM versucht, beides zugleich zu kommunizieren, also digitale Stärke und kulturpolitische Legitimation. Das ist strategisch klug, beseitigt die Spannung aber nicht. Wer sichtbar gefördert wird, ist immer auch Ergebnis einer Auswahl. Und wer über Daten besonders sichtbar ist, wird im Zweifel leichter in Systeme integriert als das lokal, randständig oder schwer klassifizierbar Bleibende. (rapportannuel2024.sacem.fr)
Genau hier setzt die GEMA-interne Reformdebatte an. Die GEMA erklärt selbst, dass ihre Wertungsverfahren in E und U auf einem aufkommensbezogenen Zuschlagsverfahren mit Punktesystem beruhen und dass beim Gesamtschaffen der Wertungsausschuss entscheidet, ein von der Mitgliederversammlung gewähltes Gremium aus GEMA-Mitgliedern. Parallel dazu ist auf Organisationsebene klar festgelegt, dass die Generalversammlung das höchste Organ ist, den Verteilungsplan beschließt und den Aufsichtsrat turnusmäßig wählt. Diese Struktur ist wichtig, weil sie zeigt, dass die GEMA nicht einfach ein Top-down gesteuertes Datenunternehmen ist, sondern eine Mitgliederorganisation mit formalen Selbstverwaltungsrechten und gewählten Gremien.
Zugleich ist offenkundig, dass die innere Logik des Systems sich verändert.
Teilkulturen, Punktesysteme, Kontextsignale und perspektivisch auch stärker daten- oder KI-gestützte Zuordnungen verfolgen das Ziel, Unterschiede genauer abzubilden. Das ist aus Sicht der Modernisierung plausibel. Musiknutzung ist komplexer geworden, also müssen auch ihre Modelle komplexer werden. Man kann überzeugend argumentieren, dass pauschale und grobe Verfahren in einer digitalen Umwelt weder gerecht noch effizient genug sind. Mehr Daten, mehr Differenzierung und bessere Zuordnung klingen deshalb zunächst wie ein Fortschritt.
Präzision als Problem: Neue Ungleichheiten
Die Kritik beginnt an einem anderen Punkt. Sie richtet sich weniger gegen Technik als gegen die Verschiebung der Maßstäbe. Denn wenn zusätzliche Kriterien eingeführt werden, wächst der Topf nicht automatisch mit. Mehr Differenzierung bedeutet deshalb nicht zwingend mehr Gerechtigkeit, sondern zunächst einmal feinere Konkurrenz um begrenzte Mittel. Wo Kontext, institutionelle Einbindung, kulturelle Sichtbarkeit oder algorithmische Erfassbarkeit stärker gewichtet werden, gewinnen strukturelle Vorteile an Bedeutung. Was gut sichtbar, gut dokumentiert, gut klassifizierbar oder gut vernetzt ist, lässt sich leichter in ein solches System einbauen als das lokaler, schwerer erfassbarer oder ästhetisch sperriger Bleibende. Diese Kritik ist nicht technikfeindlich; sie benennt einen Zielkonflikt zwischen Präzision und Offenheit.
Damit verschiebt sich auch die eigentliche Frage. Es geht nicht mehr nur darum, wer entscheidet, sondern darum, was überhaupt als entscheidbar und messbar erscheint. Nutzungsdaten, Strukturmerkmale, Matching-Prozesse und Erkennungstechnologien lassen sich systematisch verarbeiten. Kontextuelle Bedeutung, lokale Relevanz, langfristige ästhetische Wirkung oder die Eigenlogik kleiner Szenen sind sehr viel schwerer in Daten zu überführen.
Dass GEMA in diesem Feld weiter investiert, zeigt auch die Übernahme der niederländischen SoundAware Group im Jahr 2023. GEMA begründete den Schritt mit der zentralen Bedeutung von Musikidentifikation für korrekt nutzungsbezogene Lizenzierung und Ausschüttung und sprach von einem wichtigen Kompetenzgewinn im Bereich digitaler Musikidentifikation. Das ist logisch und folgerichtig. Es zeigt aber eben auch, wie stark sich die Frage nach kulturellem Wert heute an Fragen der Erkennung, Messbarkeit und Systemintegration bindet. (gema.de)
Die gemeinsame Logik hinter unterschiedlichen Entwicklungen
Der Zusammenhang zwischen Zebralution und der Kulturreform liegt deshalb nicht auf der operativen Ebene, sondern in der zugrunde liegenden Denkweise. Zebralution stand für Datennähe, Plattformzugang, Marktanschluss und die Hoffnung, die GEMA relevanter im digitalen Musikmarkt zu machen. Die Reformen der Verteilungs- und Förderlogik stehen für Datennähe, Differenzierung, Kontextbezug und die Hoffnung, Verteilung genauer und gerechter zu machen. In beiden Fällen geht es um die Übersetzung komplexer Musikwirklichkeit in steuerbare Systeme. Dass die GEMA den einen Weg – die sichtbare Marktrolle via Distributor – zurückgenommen hat, heißt deshalb noch nicht, dass die grundlegende Rationalität verschwunden wäre. Sie ist vielmehr tiefer ins Innere des Systems gewandert.
Dass solche Reformen Kritik hervorrufen, ist nicht nur erwartbar, sondern in gewisser Weise gesund. Auch jenseits der GEMA wird über neue Streaming- und Verteilungsmodelle heftig gestritten. Die wissenschaftliche Literatur beschreibt anhaltende Unzufriedenheit mit Streaming-Zahlungssystemen, Proteste von Künstlern und kollektive Auseinandersetzungen über Alternativmodelle. Selbst beim von SACEM und Deezer propagierten „artist-centric“-Ansatz wurde öffentlich darauf hingewiesen, dass Schwellenwerte und Boost-Mechanismen bestimmte Tracks benachteiligen können, wenn sie die festgelegten Kriterien nicht erreichen. Modernisierung beseitigt den Konflikt nicht – sie verlagert ihn und macht ihn zugleich präziser sichtbar. (Musikindustrin)
Governance zwischen Selbstverwaltung und Steuerung
Gerade deshalb wird die Governance-Frage so wichtig. Solange Wertungsfragen, Verteilungsfragen und kulturelle Förderung in stark mitgliedsgebundenen Gremien verhandelt werden, bleibt die Konfliktzone offen sichtbar. Die offizielle GEMA-Struktur weist der Generalversammlung eine herausgehobene Rolle zu; zugleich ist der Wertungsausschuss ausdrücklich ein von der Mitgliederversammlung gewähltes Gremium. In dieser Konstellation liegt ein anderes Organisationsverständnis als in einer rein managerialen oder aufsichtsratgetriebenen Steuerung.
Daraus lässt sich, als Schlussfolgerung, ein sensibler Punkt ableiten: Jede Vereinfachung oder Verlagerung von Entscheidungen weg von fachlich und mitgliedsnah legitimierten Gremien hin zu stärker zentralisierten Aufsichts- oder Vorstandsebenen würde wahrscheinlich als Zunahme politischer Steuerbarkeit und als Verlust langfristiger Erwartbarkeit gelesen werden.
Umgekehrt zeigt gerade der Fall Zebralution, dass auch wirtschaftliche Entscheidungen in einer solchen Struktur unter treuhänderischen Gesichtspunkten getroffen werden müssen: Wenn sich für eine Beteiligung ein deutlich über dem Marktwert liegendes Angebot ergibt, kann es im Sinne der Mitglieder rational geboten sein, diese Gelegenheit wahrzunehmen. Diese Sorge ist nicht antiquiert, sondern folgt direkt aus der Logik einer Autorengesellschaft, die ihre Legitimation gerade aus Selbstverwaltung und Aushandlung bezieht.
Modernisierung als Aushandlungsprozess
Damit ist man bei dem Punkt, an dem die Debatte konstruktiv werden kann. Die notwendige Modernisierung der GEMA lässt sich kaum bestreiten. Ohne Digitalisierung, ohne internationale Lizenzierungsfähigkeit, ohne bessere Datenverarbeitung und ohne technologische Kompetenz würde sie real an Handlungsfähigkeit verlieren. Ebenso wenig lässt sich aber bestreiten, dass jede Modernisierung Gewinner und Verlierer produziert, Erwartungen verschiebt und neue Unsicherheiten schafft. Umbruchsängste, Widerstand und Kritik sind deshalb nicht bloß Störungen eines angeblich objektiven Reformprozesses. Sie sind Teil der Selbstverständigung darüber, wie weit eine solche Organisation gehen will und unter welchen Bedingungen ihre Mitglieder diese Bewegung mittragen können.
Vielleicht liegt genau darin das besondere Potenzial der GEMA. Sie ist groß, konfliktfähig und als Autorengesellschaft stärker politisch und kulturell aufgeladen als viele rein funktional betrachtete Rechteverwaltungsmodelle. Ihre Stärke besteht nicht darin, dass sie keine Kritik hervorbringt, sondern darin, dass Kritik in ihr nicht nur gegen etwas gerichtet ist, sondern oft versucht, an der Form des Systems mitzuwirken. Zwischen Marktlogik und Kulturauftrag, zwischen Sichtbarkeit am Markt und Sichtbarkeit kultureller Förderung, zwischen Effizienz und Erwartbarkeit muss diese Balance immer wieder neu austariert werden. Gerade weil die GEMA keine bloße Plattform, sondern eine Mitgliederorganisation ist, bleibt diese Aushandlung nicht Randgeräusch, sondern Kern ihrer Legitimation.
Komponist*in
