Spielte man im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wirklich Florence Price „Rainbow Waltz“?
Im Netz kursiert derzeit die Frage: Spielte man im Neujahrskonzert am 01.01.2026 der Wiener Philharmoniker wirklich Florence Prices „Rainbow Waltz“? Vollmundig wurde dies als eines der ersten Stücke einer Komponistin im Programm des global übertragenen Marketingereignisses der Wiener Philharmoniker angepriesen. Jetzt sah sich das Katherine Needleman genauer an. Genauso John Michael Cooper, der sich intensivst mit dem Schaffen der afroamerikanischen Pionierin amerikanischer Komposition auseinandersetzt. Beide kommen zu dem Schluss, dass die Wiener Philharmoniker mit Yannick Nézet-Séguin, der eigentlich als Experte zumindest für seine Sinfonieeinspielungen von Florence Price galt, und dem Arrangement von Wolfgang Dörner mutmasslich ein anderes Werk aufführten.
Machen wir den Hörtest! In dieser Klavierversion gespielt von Kevin Wayne Bumpers nach der Ausgabe von Dr. Barbara Garvey Jackson hört man zu Beginn über der Basshandquint Des-As eine aufsteigende Des-Dur-Akkordbrechung, spielend mit dem sixte ajouteé Reiz des hinzugefügten B, nach drei Takten abkadenzierend mit As Dur und dem Vorhalt b-des zu c-es, damit den sixte ajouteé Reiz fortführend in anderer harmonischer Beleuchtung. In der nun ansetzenden Wiederholung folgen leichte, nun chromatische Vorhalte als Reizerweiterungen, als träfe hier Jazz des 20. Jahrhunderts auf walzerselige Eleganz des 19. Jahrhunderts.
Jetzt das Arrangement der Wiener Philharmoniker: Harfenarpeggio, Bläserakkord, aber kein Spiel mit dem sixte ajouteé Reiz der Klavierfassung. Ab Sekunde 10 Holzbläservorhalte, aber nicht wie in der Klavierfassung. Da scheint eine Introduktion hinzugekommen zu sein. Dieser Anfang entspricht so gar nicht im Hören der Klaviereinspielung von Prof. Bumpers und deren Beginn, die der Walzerbeginn zu sein scheint. Im Wiener Arrangement nun Tremoli der Streicher, Oboen-, Flöten- und Geigenleid, auf fanfarenhaft kündendes Blech, auftrumpfende Überleitung. Ab Minute 1:08 ein Beginn des Walzers. Doch auch das klingt anders als der Soforteinstieg der Klavieredition. Ab 1:16 eine Geigenmelodie, die aber bei Price in der Klavierfassung gar nicht vorkommt. Das schmachtende 2. Thema ab ca. 2:00 hat nichts gemeinsam mit dem Blue-Note-haften 2. Thema ab 0:40 der Klavierfassung.
Das passt nicht zusammen. Die Partitur und das Manuskript von Price sind ein vollkommen andere Werk. Nichts davon hat mit dem Beginn des 1. Themas der Orchestrierung zu tun. Ich selbst habe einmal zwei Stücke von Price für das Rainbow Sound Orchestra Munich gesetzt und folgte dabei dicht dem Notentext und wäre das auch, hätte ich eine eigene Introduktion dazu entworfen. Wenn man allerdings zum ersten Mal ein Werk von Price überhaupt der Klassikwelt, weltweit durch den ORF übertragen, in einer Orchesterfassung der originalen Klavierkomposition vorsetzt, dann eigentlich ohne jegliches Beiwerk. Der ORF verweist in einer Anfrage an die Wiener Philharmoniker. Die antworteten auf Anfrage, ob auch sie nicht ein anderes Werk in der originalen Klavierfassung als in der Orchestrierung erkennen lapidar „Ja“ und verweisen auf demnächst angelsächsische Zeitungsrecherchen. Dörner schweigt sich aus. Genauso bisher Sony Classical, die das noch weltweit anbieten. Und das Philadelphia Orchester, eines der Orchester von Yannick Nézet-Séguin kündigt für 2027 eine neue Orchestration an. Wenn es nicht so sehr eine Veräppelung der ganzen Musikwelt wäre, könnte man sagen: am 01.01.2026 war dann wohl schon der 01.04.2026.
Komponist*in
