Too Much Too Young
Vor kaum einem Termin hatte ich so viel Muffensausen wie vor diesem Vortrag letzte Woche in meiner ehemaligen Frankfurter Schule, dem Heinrich-von-Gagern-Gymnasium. Warum das so war, sollte beim Lesen des Textes klar werden, den ich hier in seiner Gänze veröffentliche.
Too Much Too Young
(„Too Much too Young“ kurz am Klavier gespielt)
So, da stehe ich hier nun, eingeladen vom lieben Eckart Nickel, und ich glaube vor keinem Termin wie vor diesem hatte ich so viel Angst in den letzten Monaten. Und dennoch wusste ich: ich muss das machen. Ich muss mich meinen inneren Traumata stellen. Und vielleicht ist jetzt – mit 60 Jahren – der richtige Moment.
Wir alle haben unsere eigenen Erinnerungen an die Schulzeit, und ich bin ziemlich sicher, dass ihr, liebe Zuhörer, nicht immer nur gute Tage in der Schule hattet. Ich zum Beispiel hatte im Gagern einige der absolut grauenhaftesten Tage meines Lebens.
Das ist jetzt nicht die Schuld dieser speziellen Institution, sondern es lag an einer ganz bestimmten Mischung von Menschen und Umständen. Man kann da Glück oder Pech haben. Und wenn ich sage, dass ich da – zumindest am Anfang meiner Zeit hier – sehr viel Pech hatte, ist mir absolut bewusst, dass es Mitschülerinnen und Mitschüler gab, denen es noch viel beschissener ging. Ich will mir nicht im Geringsten anmaßen, auch für diese zu sprechen, aber da ich nun mal hier stehe und eine Stimme habe, ist es besser, zumindest einen unvollständigen Einblick in meine Schulerlebnisse zu geben, anstatt einfach nur einen lustigen Vortrag zu halten und nachher trinkt man ein Glas Sekt. Mir ist bewusst, dass ich dabei Gefahr laufe, einige der überzeugtesten Gagern-Anhänger gegen mich aufzubringen, aber als Komponist zeitgenössischer Musik bin ich sehr, sehr viel gewohnt, was Kritik angeht, das macht mir also keine Angst.
Am Anfang habe ich ein paar Takte von „Too Much Too Young“ von den Specials gespielt, und den Titel habe ich gewählt, da das ziemlich genau meine Zeit im Gagern beschreibt: zu viel zu jung. Heute würde ich das übrigens so komponieren:
(spielt Klavier)
Es ist für meine Geschichte wichtig zu verstehen, dass ich gar nicht aus Frankfurt komme, sondern aus Heidelberg, wo ich behütet bei meiner Oma unter Arbeiterkindern im Pfaffengrund aufwuchs, am Wochenende aber bei meiner Mutter und unter Künstlerkindern in Mannheim. Meine Oma war nicht mehr berufstätig und ihr Hobby war, mir schon sehr früh Lesen und Schreiben beizubringen. Dies führte bei mir – ohne dass hier irgendein besonderer Genius meinerseits vorlag – zu einer um zwei Jahre verkürzten Grundschulzeit, die mich schon mit 8 Jahren ins Gymnasium brachte, und zwar ins Kurfürst-Friedrich-Gymnasium in Heidelberg. Dort war ich zwar der Kleinste und kriegte das auch ab und zu mal zu spüren, aber wir hatten eine sehr gute Klassenlehrerin, Frau Specht, die für einen guten Zusammenhalt sorgte. Ich hatte eine schöne Zeit dort, auch wenn ich bis heute nicht verstanden habe, warum es in meinem Fall unbedingt ein humanistisches Gymnasium sein musste.
Als wir wegen der Anstellung meiner Mutter an der Frankfurter Oper 1975 nach Frankfurt zogen, war also die Option von Schulen schon allein dadurch begrenzt, dass ich dringend weiter lernen musste, was der Agricola auf seinem Praedium alles noch so treibt, obwohl mich das persönlich eher einen Scheißdreck interessierte. Aufgrund dieser simplen Tatsache landete ich also schicksalshaft im Gagern.
Wie inhuman dieses „humanistische“ Gymnasium dann zeitweise für mich werden sollte, konnte ich noch nicht wissen, als ich mich in der siebten Klasse bei Herrn Kaiser – Spitzname Kaischer – wiederfand. Ich muss mich hier entschuldigen, dass ich im Folgenden immer die damals gängigen Spitznamen der Lehrerinnen und Lehrer erwähne, das ist einfach bei mir so drin. Und Herr Kaiser ist nun wirklich jemand, der immer sehr fair zu mir war und den ich nicht im Geringsten in schlechter Erinnerung habe, das soll hier schon vorab erwähnt werden.
Sofort fiel mir als verweichlichtem Heidelberger Bub auf, dass der Ton auf einem Frankfurter Schulhof von einer mir bis dahin unbekannten Rauheit geprägt war. Innerhalb der ersten Tage lernte ich daher zahlreiche neue Fäkalausdrücke und Schimpfwörter allein dadurch, dass sie wiederholt gegen mich angewendet wurden.
Nun fiel ich in der damaligen Klasse sicherlich in vieler Weise negativ auf – zuerst einmal war ich unglaublich blond und hatte als Hippie-Theaterkind natürlich auch sehr lange Haare und trug meistens irgendwelche freakigen 70s-Klamotten, in die mich meine Mutter gegen meinen Willen gesteckt hatte. Zumindest bis diese von meinen Klassenkameraden zerrissen oder auf andere Weise zerstört wurden, zusammen mit einer ganzen Reihe von Schulranzen, die entweder aus dem Fenster geworfen oder anderweitig malträtiert wurden.
Zweitens war ich unglaublich frech und vorlaut, altklug und vermutlich auch ein bisschen anstrengend, alles Attribute die ich mangels negativer Erfahrungen in Heidelberg immer voll ausgelebt hatte, die aber im Gagern ganz anders ankamen.
Mit dem Lehrstoff war ich den Hessen weit voraus – Baden-Württemberg hatte damals ein wesentlich strengeres Schulsystem als Hessen, wahrscheinlich heute auch noch – daher fand ich den Unterricht zuerst einmal lächerlich simpel und zeigte das vermutlich auch. Das war ein Fehler, denn schnell hatte ich den Ruf des blöden Strebers weg. Anders als andere Streber war ich aber auch noch sehr klein, schwach und wehrlos und daher leichte Beute für all die frustrierten Bullys, die es in jeder Klasse gibt, deren Prozentsatz aber in meiner Klasse aus irgendeinem Grund ganz besonders hoch lag. Das lag vielleicht auch an der besonders niedrigen Frauenquote – gerade mal zwei (mich komplett ignorierende) Mitschülerinnen hatte ich, der Rest waren Jungs, die meisten davon schon von ersten Testosteronschüben ziemlich pumped und von der besonders sinnlosen Aggressivität erfüllt, wie sie nur Jungen in einem bestimmten Alter zu eigen ist.
In Heidelberg hatte ich mich ab und zu mal wehren können, weil ich Freunde auf meiner Seite hatte. In Frankfurt dagegen hatte ich keine Chance und war vollkommen allein. Daher erlebte ich sehr bald, wie es sich anfühlt, über die Balustrade im dritten Stock gehängt zu werden und um mein Leben zu fürchten. Oder auch, wie viel Platz man im Mülleimer im Schulhof hat. Solche Dinge geschahen täglich.

Der Schulhof des Gagern – links die Balkone, rechts die Kittstein-Halle
Ich erzählte davon zu Hause nicht viel, da ich natürlich Angst hatte, dass Verweise die Täter noch wütender machen würden. Stattdessen lernte ich schnell, möglichst unauffällig zu werden und den Mund nicht mehr aufzumachen.
Herr Kaiser wunderte sich also, dass meine anfangs vielversprechenden Leistungen sehr schnell nachließen, vor allem im Mündlichen. Er suchte auch glaube ich das eine oder andere Mal das Gespräch, aber ich hatte zu viel Angst, irgendjemanden zu verpetzen. Ich ging in die innere Emigration und in die innere Verdummung, aus purem Überlebensinstinkt. Bis heute reagiere ich daher sehr empfindlich darauf, wenn mir freie Rede verboten wird, denn das damalige erzwungene Verstummen hallt bis heute nach.
Nicht nur die Klasse, sondern auch der Schulweg an sich konnte zur Tortur werden. So passierte ich einmal im Treppenhaus dieser Schule ein paar Abiturienten, als einer von diesen mir plötzlich und aus heiterem Himmel mit der Faust auf den Kopf schlug, und zwar so dass es richtig RICHTIG weh tat und ich kaum meine Tränen unterdrücken konnte, während er nur hämisch lachte. Bis heute weiß ich nicht, was der Grund war, denn ich hatte weder etwas gesagt noch den Abiturienten angeschaut, ging einfach nur vorbei, aber dass es grundlose Gewalt gibt, wissen wir alle, dazu müssen wir nur den Fernseher anmachen.

Ich bin sicher, einige von euch haben mal ähnliches erlebt, und wer es erlebt hat, wird es nie vergessen, dieses tiefe Gefühl der Ungerechtigkeit, das einen vollkommen lähmen kann. Ich zumindest habe diesen Moment nie vergessen, keinen einzigen Tag. Ich trage ihn – mit vielen anderen ähnlichen Momenten – mit mir, ein Leben lang.
Auch die Stadt Frankfurt war nicht ohne Gefahren. Mein Vater Herbert Heckmann – den ich erst sehr spät kennenlernte – traf mich regelmäßig am Frankfurter Hauptbahnhof zum Essen, da er aus Darmstadt oder Offenbach kam. Er pflegte mir das Taschengeld danach stets auf der Straße in Bargeld zu überreichen.
Was soll ich sagen, schon als 11-Jähriger wusste ich, dass ältere Herren am Frankfurter Hauptbahnhof aus ganz anderen Gründen Kindern Geld überreichen, und ich schämte mich unendlich dafür, dass alle dies sicher über mich dachten. Nicht überraschend wurde mir daher auf einem meiner Spaziergänge dann auch einmal Heroin in einem Aktenkoffer angeboten. Ich war zu diesem Zeitpunkt zwar innerlich kaputt, aber gottseidank noch vernünftig genug, diesem Angebot zu widerstehen. Solche typischen Frankfurter Momente sollten noch mehrmals vorkommen, wie auch wildfremde Jugendliche einen auf der Straße angingen oder verprügelten, das konnte jederzeit passieren.
Das erste Jahr im Gagern war also die Hölle, und wenn es einen ganz besonders schlimmen Kreis dieser Hölle im Gagern gibt und gab, dann muss man die Turnhalle nennen.
Ja, mir ist absolut bewusst, dass ein Gebäude hier nach demjenigen benannt ist, der meinen größten Peiniger darstellte und dessen Anblick mich damals sofort in Schockstarre versetzte, Herr Kittstein, Spitzname Kittschwein.
Vielleicht haben einige hier wunderbare und rosige Erinnerungen an diesen Menschen, der sicherlich auch seine eigenen Dämonen hatte und vielleicht auch nur ein Opfer war. Bei mir kam aber nur an, dass er mich vom ersten Tag an hasste und eine ganz besondere Befriedigung darin fand, mich zu erniedrigen, und das am liebsten vor allen anderen Schülern, die mich dies dann in diversen weiteren Quälereien in der Umkleidekabine noch einmal spüren ließen. Einmal schaute er ungerührt zu, wie einer der größten Bullys meiner Klasse mein Gesicht in eine vollgespuckte Scheibe rieb, ich glaube er fand es sogar ziemlich cool, denn er griff in keiner Weise ein.
Ich hatte panische Angst vor Kittstein und ich hatte panische Angst vor unserer Umkleidekabine. Es hat lange gedauert, bis ich als Erwachsener Fitnessstudios betreten konnte, denn dieser spezielle Geruch erzeugte in mir sofortige Übelkeit. In Heidelberg war ich recht sportlich gewesen, hatte Schwimm- und sogar erfolgreich Rugby-Training gehabt, Kittstein aber deklarierte mich vom ersten Tag an zum Versager, weil ich nicht auf demselben Level mit den anderen, um zwei Jahre älteren Jungs mithalten konnte. Es machte ihm auch eine besondere Freude, mich bei der Teamauswahl in absolut allen Mannschaftssportarten als letzten und ins Tor gewählt zu sehen, wo ich vor allem beim Handball als menschliche Zielscheibe herhalten musste.
Für mich hat das für viele, viele Jahre jegliche Freude am Sport komplett zerstört. Erst sehr viel später konnte ich eine Art Genugtuung erleben, als ich in der Weltmeisterschaft eines Fitnesswettbewerbs in (ausgerechnet) Las Vegas tatsächlich den zweiten Platz in meiner Altersklasse machte, dabei jede einzelne Sekunde an Kittstein und seine Erniedrigungen denkend. Vielleicht hat er das ja beabsichtigt, vielleicht war das ja sein eigentliches Genie. Aber ich glaube nicht an schwarze Pädagogik, ich glaube nicht daran, dass man Schülerinnen und Schüler quälen und peinigen muss, um etwas aus ihnen herauszuholen. Ich mache heute gerne Sport TROTZ Kittstein, nicht wegen ihm.
Es dauerte eine lange Zeit, bis ich in meiner Klasse Freunde fand, aber gottseidank gab es sie. Und es überrascht nicht, dass ich als Underdog natürlich die Underdogs suchte, genau die Nerds, denen es ähnlich wie mir ging, die aber einfach ein bisschen größer waren. Ihre Namen sollen genannt werden: Erik Wolff, Oliver Sodemann, Markus Kutscher, Eike Otto und Andreas Kuhnert. Ohne diese Freunde, Mondbasis Alpha, Fantasy-Rollenspiele, Kung-Fu-Filme, Science-Fiction-Romane, Gespenster-Geschichten-Comics und die ersten Computerspiele hätte ich diese Jahre nicht überlebt. Vielleicht habe ich daher bis heute ein sehr großes Herz für Freaks, Misfits und Nerds aller Arten, weil ich genau weiß, warum sie so sind, wie sie sind, warum sie Star-Trek-Kostüme anziehen und Klingonisch lernen.
Der Grund ist ganz einfach, sie waren erstens sensibel und zweitens: sie gingen zur Schule. Heute verklärt man es, schaut „Stranger Things“ und findet es cool, aber ich kann nur sagen: damals war es sehr, sehr uncool, diese Hobbies zu haben. Man wurde verhöhnt und ausgelacht.
Die Jahre gingen dahin, und es wurde nicht wirklich besser. Als 11-Jähriger mit 13-Jährigen zu tun zu haben ist schon doof, daher wusste ich, dass es keine positive Wendung darstellen würde, es als 14-Jähriger mit 16-Jährigen zu tun zu bekommen. Verprügeln wird nicht besser, wenn der andere schon Bartwuchs hat, im Gegenteil.
In der Zwischenzeit waren meine schulischen Leistungen miserabel geworden, allein das Fach Musik bei Herrn Mahr – Spitzname fällt mir nicht mehr ein – war eine Art Lichtblick, auch wenn sich meine musikalischen Fähigkeiten damals eher auf das stümperhafte Spielen der damals gängigen Filmmusiken beschränkte, was zumindest meine Nerdfreunde enorm beeindruckte. Das klang dann ungefähr so:
(STAR WARS, dann Anekdote über die Ähnlichkeit von John Williams-Themen)
Irgendwann war aber der Widerwillen, den Schulweg anzutreten immer größer, und meine diversen Nerdaktivitäten – unter anderem die Redaktion diverser Fanzines und die Organisation von Fantasy-Fanclubs – nahmen zunehmend überhand. Gleichzeitig waren aber die Quälereien in der Klasse nicht weniger geworden. Neue traumatische Erlebnisse waren hinzugekommen – so wurde ich einmal fälschlicherweise gemeinsam mit meinen Nerd-Freunden als vermeintlicher RAF-Terrorist verhaftet, weil wir auf das Baugerüst einer Grundschule gestiegen waren, passenderweise die Schule, in der wir immer Schwimmunterricht hatten, was mir fortan aufgrund eines Hausverbots nicht mehr möglich war. Der Hausmeister hatte auch gedacht, es sei eine gute Idee, auf einen 12-Jährigen mit einer Schreckschusspistole zu schießen, während dieser versucht über das Dach der Schwimmhalle zu entkommen (das war ich), aber das ist eine andere Geschichte.
Sicher ist nur eins: wenn man einmal den Status des Prügelknaben einer Klasse erlangt hat, bleibt es meistens dabei. Es gibt nichts, das man daran ändern kann. ich hielt mich in dieser Zeit für komplett unfähig, hässlich, klein und dumm, konnte aber problemlos den gesamten Dialog von Star Wars auswendig aufsagen oder Passagen aus dem Herrn der Ringe zitieren. Zudem litt ich unter der aufkommenden Pubertät und der schon beschriebenen Dürre an weiblichen Objekten der Anbetung in meiner Klasse.
Daher fasste ich einen schicksalshaften Entschluss: freiwillig ein Schuljahr zu wiederholen. Meine Mutter und meine Oma versuchten gar nicht, mich lange zu überreden, sie sahen mein Leid.
Und hier ist der Punkt an dem meine Geschichte eine unverhoffte Wendung nimmt. Zuerst schien es so, als sollte mir auch in der Neuen 10. Klasse wieder das Schicksal eines Nerd-Außenseiters zuteil werden. Doch gab es tatsächlich erst einmal wesentlich mehr Mädchen, was sich ungemein positiv auf die Klassendynamik auswirkte. Und die fanden mich vermutlich drollig mit meinen Superman-Buttons und dem blauen Plastikkoffer, der in dieser Zeit eine Art Markenzeichen von mir war.
Die Stimmung in meiner neuen Klasse war nicht perfekt, aber deutlich besser als in der vorherigen. Und ich hatte plötzlich ganz neue Freunde – nicht nur aus der Schule, sondern auch aus der Nachbarschaft. Und über diese bekam ich wieder weitere Freunde und wieder weitere Freunde, und plötzlich fand ich, dass es mir wesentlich wichtiger war mit den Punks an der Frankfurter Hauptwache herumzuhängen, als irgendetwas für die Schule zu tun. In dieser Zeit waren die Specials, Mods, Punks und ja, sogar die Skinheads (viele von diesen damals übrigens strikt Antifa, andere leider nicht) meine Helden. Ich hörte ganz neue Musik, zum Beispiel die am Anfang gespielte, und begann mich ganz anders zu kleiden und zu stylen, was von meinen Schulkameraden erstaunlich wohlwollend aufgenommen wurde. Plötzlich trug ich die Haare sehr kurz und trug Anzug und Krawatte, was mir den Spitznamen „Ska-Fisch“ einbrachte. Ich trug ihn mit Stolz.
Über diese Zeit könnte ich viel erzählen und sicherlich habe ich die eine oder andere Drogen- und Absturzgefahr mit ein bisschen Glück vermieden, aber sie war wichtig und prägend.
Meine bescheidenen Klavierkenntnisse fanden bald neue Anwendungen in einer Schulband, zu der mich ein Freund überredet hatte. Und schnell merkte ich Dinge, die mich selbst überraschten. Obwohl mir als einziger Berufsweg bisher Fantasy-Autor oder Horrorfilmregisseur als richtig erschienen war, merkte ich nun, wie die Liebe zur Musik immer wichtiger wurde. Und das Herumhängen mit den Punks immer unwichtiger. Und ich begann – zum ersten Mal in meinem Leben – Klavier zu üben. Und wenn ich sage, Üben, dann meine ich wirklich ÜBEN, also 8-10 Stunden am Tag. Mit meinem guten Bandkollegen und Freund Marcus Deml – heute erfolgreicher Gitarrist – führte ich damals einen Wettbewerb, wer länger und krasser üben konnte. Das ging natürlich nur, wenn man die Schule komplett schwänzte. Und das tat ich, mit großer Leidenschaft. Manchmal besuchte ich sogar andere Schulen, um in den Schulklassen meiner besten Freunde irgendwelchen Unsinn zu treiben – was natürlich ging, denn da ich gar nicht Schüler dieser Schulen war, konnte mich ein Verweis nicht schrecken.
Ich begann auch zum ersten Mal richtig zu komponieren, nachdem mich die Musik von erst Erik Satie und dann Charles Ives zunehmend zu faszinieren begonnen hatte. In diesen Jahren entstand eine meiner ersten Kompositionen überhaupt, der Liebe zu einem Mädchen namens Heike Bauer, Spitzname „Den Heisch“, geschuldet, „Geschichten vom Bauer Heisch“. Das klang dann ungefähr so:
(Spielen)
Heike erhörte mich trotz dieser Komposition nicht, dafür aber ihre Schwester Ute, genannt Üti, Spitzname „Den Ud“ (fragt nicht), das machte natürlich Mut zu weiteren Kompositionen.
Nicht überraschend wurde also das wiederholte Schuljahr zu einer kompletten Katastrophe, was meine schulischen Leistungen angeht. Tatsächlich wurde ich damals zu einem Präzedenzfall, denn noch nie hatte ein Schüler eine Klasse freiwillig wiederholt, um dann sitzenzubleiben. Der damalige Rektor – Spitzname „Der Dicke“ – hatte trotz einer gewissen preußischen Strenge ein Einsehen und ließ mich erstaunlicherweise passieren, vielleicht hatte er auch mitbekommen, dass meine Wangen wieder etwas rosiger und die tiefen Augenringe von durchweinten Nächten wieder etwas zurückgegangen waren.
Und nun kommt die überraschende Wendung, was mein Verhältnis zum Gagern angeht, plötzlich ging ich zunehmend gerne in die Schule. Vor allem wegen meiner neuen guten Freunde in der Klasse und später im Kurssystem (einige davon sind heute Abend hier und wir lieben uns immer noch). Ich war auch nicht mehr so einsam wie früher, denn meine musikalischen Aktivitäten hatten Interesse beim anderen Geschlecht geweckt. Zu meiner großen Freude trugen diese neuen Umstände sehr zur Verbesserung meiner Lebensqualität bei. Es gab auch – und das wird euch freuen – plötzlich Lehrer, die mich irgendwie wahrnahmen und förderten, Wolfgang Gierke – Spitzname wenig überraschend „Gurke“ – zum Beispiel, mit dem ich bis heute in Kontakt bin und der mir fast täglich seine wirklich guten Gedichte schickt. Und viele andere, die mir verzeihen mögen, wenn ich sie hier nicht erwähne. Gerne denke ich auch an unsere hübsche Biologielehrerin Baumann, Spitzname Saumann, die daran Schuld ist, dass ich in Biologie nie etwas mitbekommen habe und die mir sogar einmal tatsächlich das Leben gerettet hat (was sie vermutlich gar nicht weiß), denn sie warnte mich einmal rechtzeitig vor einem heranfahrenden Auto, das ich stupide adoleszent ignoriert hatte.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen – ich war immer noch nicht sehr gut in der Schule. Aber nun ging ich vor allem aus sozialen Gründen hin, um Freunde zu treffen, um nachher mit ihnen im Café zu setzen und Kakerlaken in der geschäumten Milch zu entdecken und um hemmungslos auf dem Schulhof zu knutschen bis einen „Der Dicke“ mit strafendem Blick trennte.
Was nun folgte, waren also ein paar ziemlich gute Jahre, mit Christoph Kremer, Kirsten Brückmann, Gabi Brecher, Reinhard Gabriel, Annette Kühnlein, Katja Liebetruth, Claudia Zwilling, Steffen Wintjes, Petra Hass und vielen, vielen mehr. Jahre mit Dirk Paschke und Jo Preissner (Gott habe diese beiden selig), und mit Simon Borowiak, der damals noch Simone Borowiak hieß und mit dem ich bis heute übers Gagern und Kittstein rede, weil uns das gemeinsame Trauma und vieles mehr tief verbindet und wir beide in einem künstlerischen Beruf arbeiten. Manche lernte ich sogar erst nach unserer Schulzeit so richtig kennen, bei den Klassentreffen, Rolf Mayr zum Beispiel, Spitzname Bibo, der größte Mensch Deutschlands, damals schüchtern, heute cool.
Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich die Klassentreffen meiner Klasse davor nicht besuchen kann und werde, aus oben genannten Gründen, auch wenn einige der Freunde von damals vielleicht ok waren und ich ihnen das Beste wünsche. Manche Wunden sitzen zu tief.
Man kommt bei Klassentreffen oder Feierlichkeiten wie diesen gerne zusammen, badet in Nostalgie und erzählt sich im schlimmsten Fall von irgendwelchen gescheiterten Abistreichen. Und vielleicht bemerkt man diejenigen gar nicht, die nicht gekommen sind, die auf der Strecke geblieben sind oder die es gar nicht mehr gibt. Diejenigen, die jetzt nicht hier stehen, und davon erzählen können, wie es ihnen erging. Ich denke hier zum Beispiel an Jens Weineck, einst Gagern-Schüler, dann wegen Drogenkonsums und nach Schulverweis in einem Jugendheim, dann bei der Flucht von diesem mit 15 Jahren von einem Auto überfahren. Jens, Du warst damals einer der ganz wenigen, die immer nett zu mir waren. Du warst wild und gefährdet, aber Du warst im Grunde Deines Herzens…sehr ok. Und vor allem niemand, der seinen Zorn an Schwächeren ausließ.
Oder Eva Huth, einst verliebt auch in Jens, die unsere Klasse früh verließ und dann ihren Weg ging, mit viel weiterem Liebeskummer der in eigener Vernachlässigung und viel zu frühem Tod endete. Ich denke oft an beide, es gibt aber noch viele weitere dieser Geschichten. Wir müssen uns an diese Geschichten erinnern, ihr alle kennt sie.
Ich glaube, wir müssen uns bei aller Verklärung der Schulzeit stets besonders diese Geschichten vergegenwärtigen, denn auch heute in diesem Moment und an dieser Schule wird es sie geben, ohne dass es irgendjemand will und ohne, dass irgendjemand speziell daran Schuld hat, einfach nur aus dem Grund, dass irgendwann mal ein Mensch gegenüber einem anderen Menschen grausam war, und diese beschissene Grausamkeit und menschliche Kälte von Generation zu Generation weitergegeben wird wie ein Fluch, manchmal von Eltern und anderen Aufsichtspersonen, wissentlich und unwissentlich, auf den Schlachtfeldern der Kriege, auf einer ICE-Razzia, auf einer fucking Remigrations-Demo.
Es ist meine naive Hoffnung, dass wir diesen Teufelskreis irgendwann überwinden, ich denke es ist unser aller Traum, dass es einmal so ist. Ich bin mir heute als lehrende Person der Verantwortung sehr bewusst, dass ein falsches Wort fatale Folgen für meine Studierenden haben kann. Ich möchte sie nach Möglichkeit schützen und stärken.
Und ja, mich gibt es noch – trotz oder vielleicht sogar wegen des Gagerns. Das, was ich erlebt habe, ist vermutlich in keiner Weise besonders und ich will mir auch nicht anmaßen, irgendetwas Besonderes zu sein.
Meine Geschichte hatte am Ende ein Happy-End, Abi Note unspektakulär 2,9, mehr ging einfach nicht bei 10 Stunden Üben, und mit einer lustigen Wendung.
Denn ich stehe hier als Komponist und Musiker der sein ganzes Leben vor allem klassische Musik gemacht, Opern und Orchesterwerke geschrieben hat und sich in diesem Fach vielleicht ein ganz klein bisschen auskennt…
Und der dennoch als letzte Note in Musik am Gagern 5 Punkte bekommen hat, bei Herrn Strugalle, Spitzname Strullala, der mir damals nicht glaubte, dass ich mein Referat über Erik Satie selbst geschrieben hatte und es mir durchgestrichen mit 0 Punkten zurückgab. Ich habe dann noch nicht einmal mehr Musik Leistungskurs gemacht aus lauter Frust, was bei meinem Beruf wirklich vollkommen absurd ist, denn ich habe schon damals quasi nur noch Musik gemacht.
Lieber Herr Strugalla – ich habe jedes einzelne Wort dieses Referat selbst geschrieben und wochenlang daran gearbeitet, und wenn ich ihre Adresse hätte, dann hätte ich Ihnen jede einzelne später veröffentlichte CD von mir geschickt, ohne Kommentar, genauso wie es der amerikanische Schriftsteller Harlan Ellison mit seinem Englischlehrer und mit vielen, vielen von ihm veröffentlichten Büchern getan hat. Der Englischlehrer hatte ihn für einen unbegabten Versager gehalten und ihm dies auch immer wieder gesagt. Die Antwort von Ellison zeigt, dass es ihm eine Freude war, es dem Englischlehrer immer wieder zu beweisen, dass er falsch gelegen hatte.
Ja, auch ich habe aus den Frustrationen meiner Schulzeit eine Art heiligen Zorn gemacht. Sehr oft habe ich Motivation in meinem Beruf daraus genommen, zumindest so lange, bis mir der Beruf auch ohne diese Motivation Spaß gemacht hat. Und es ist sehr wichtig, diesen Punkt zu erreichen, denn so ruhmreich diese Motivation klingt, am Ende ist sie nicht gesund und am Ende hätte ich auch gerne darauf verzichtet und lieber gleich Musik gemacht, anstatt von Arschlöchern aus dem Fenster des dritten Stocks gehängt zu werden.
Wer ganz genau hin schaut, wird dennoch Elemente des Gagern in meiner Musik anklingen hören, so zum Beispiel in diesem kurzen Stück, mit dem ich den Vortrag beenden möchte. Es ist der Geruch von Umkleidekabinen, von Mülleimern und zahllosen Erniedrigungen, aus denen Wildheit, Sehnsucht nach Freiheit und Grenzüberschreitung erwuchs. Grenzüberschreitung, die nur möglich ist, wenn man auch einmal Grenzen kennengelernt hat, eigene Grenzen und Grenzen, die einem gesetzt wurden.
Nicht nur dafür ist sie da…unsere verdammte Schulzeit.
(spielt „Hämmerklavier III: One Man Band“)
Moritz Eggert
25.1.2026

Die besten Freunde: Katja Liebetruth, Annette Kühnlein, Reinhard Gabriel, Claudia Zwilling, Christoph Kremer, irgendein Komponist, Kirsten Brückmann

Komponist
