Currentzis‘ Sperenzien

Currentzis‘ Sperenzien

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Vor einiger Zeit habe ich hier einen offenen Brief an Teodor Currentzis geschrieben, auf den ich nicht wirklich eine Antwort erwartet habe. Denn es braucht ja keine – was seine Motivation ist, liegt klar auf der Hand. Es braucht kein Kaffeesatzlesen oder die Zuhilfenahme eines Horoskops, um zu verstehen, was Currentzis so umtreibt. Man kann es ja sehen: Konzerte in Russland, direkt in Diensten von Putin oder von sanktionierten Institutionen finanziert, dann Konzerte in Europa mit exakt den gleichen Programmen und teilweise auch Ensembles. Das ist effizient und spart Probenzeit. Dass dann Mitglieder dieser Ensembles regelmäßig ihre hiesigen Gastgeber (also zum Beispiel Deutschland) auf sozialen Medien verhöhnen oder lauthals die Vernichtung der Ukraine fordern, ist dann auch schon nicht mehr erstaunlich. Es verwundert nur, dass sowohl der SWR als auch Markus Hinterhäuser von den Salzburger Festspielen immer noch nicht zu verstehen scheinen, was für eine dienende Rolle sie im privaten Kosmos des Maestros spielen.

Currentzis ist – bei allem löblichen Einsatz für zeitgenössisches Repertoire – sein eigener Mittelpunkt. Es geht ihm weniger um die Musik, die er aufführt, als um eine immer wieder neue Inszenierung seiner selbst. Diese Eitelkeit hat die russische Kulturpropaganda schon lange erkannt und nutzt sie gnadenlos aus.

Dass er viel dirigieren will, daran ist nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, wie sehr man sich dabei zum Aushängeschild von etwas machen möchte, dass man als einigermaßen friedliebender Mensch nicht unterstützen kann, wenn man sich noch in den Spiegel schauen möchte.

Grundsätzlich geht es darum: ist grenzenloser Opportunismus etwas, das man sich einfach wegzwinkert, weil man nach Ansicht mancher ein „Genie“ ist, oder darf daran Kritik geübt werden? Ich denke letzteres ist wichtig, wenn wir als Gesellschaft nicht vollkommen verrohen wollen. Denn Opportunismus ist der beste Wegbereiter für Korruption, die schnell ein Land an den Abgrund bringen kann. Man darf daher Opportunisten nicht applaudieren.

Es ist absolut verständlich, dass nicht jede/r russische Künstler/in das Land verlassen kann. Es ist auch klar, dass man von den Kollegen dort nicht verlangen kann, dass sie sich offen gegen Putin wenden, denn es drohte Gefängnis oder Schlimmeres. Die Anständigen überleben irgendwie, halten vielleicht still, um Freunde und Familie zu schützen. Die Anständigen dingen sich aber auch nicht extra an, machen sich nicht zur offensichtlichen Handpuppe von Putin, wie es Currentzis ganz offensichtlich tut, wenn man seine Aktivitäten in Russland verfolgt. Denn zu dieser Untertänigkeit zwingt ihn als gebürtigen Griechen tatsächlich niemand.

Für einen Künstler seines Status wäre es jederzeit möglich gewesen, Russland den Rücken zu kehren und den ganzen Propagandascheiß nicht mitzumachen. Genügend Unterstützung hätte er dafür im Westen von seinen Fans sicher bekommen. Zahlt die sanktionierte VTB-Bank am Ende mehr als der SWR oder sogar die Salzburger Festspiele? Davon kann man sicher ausgehen.

Finden wir es im Ernst gut, wie sich Karajan damals untertänigst bei den Nazis einschleimte und die Karriereleiter erklomm, dann später alles leugnete und abstritt, als es nicht mehr opportun war? Oder wie sich der einst allseits geschätzte Bratschist Yuri Bashmet mit Anbruch der Krim-Krise zum Kriegsfanatiker wandelte, und als Dank dafür mit Ehrungen und Pöstchen überhäuft wurde? Ebenso wie Gergiev? Kann man das korrupt nennen? Kann man Currentzis korrupt nennen? Ich denke ja.

Wie tief muss man als Musiker eigentlich gesunken sein, um sich der unerbittlichen Propagandamaschine eines Landes anzudienen, das Dissidenten nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit ermorden/einsperren/kaltstellen lässt? Einem Land, das ganz offen weltweit rechtspopulistische Parteien und Influencer fördert, um Demokratien zu destabilisieren?

Was Putins Traum ist, liegt auf der Hand: Schwächung des westlichen Zusammenhalts durch Überschwemmung mit dümmster Propaganda (was wesentlich billiger ist, als Panzer zu bauen), Sieg über eine Ukraine, die dadurch immer weniger Rückendeckung bekommt, dann ein knallhartes Regime im besiegten Land, Millionen von Flüchtlingen überschwemmen Westeuropa, weil sie ihres Lebens im Heimatland nicht mehr sicher sein können, noch mehr Destabilisierung des Westens in der Folge. Dann wäre der Weg frei, sich weitere Länder des ehemaligen Ostblocks einzuverleiben, denn irgendein Argument dafür, dass sie irgendwie „russisch“ sind, wird Putin ganz sicher finden. Und wir sollten uns nichts vormachen, auch Deutschland kann ganz schnell zu Russland „gehören“.

Und zu dieser Pfeife des Terrors tanzt Currentzis sichtlich und bewusst gerne, für ein bisschen Ruhm und noch ein paar mehr Konzerte.

Auf den Schultern von Opportunisten wie ihm wurden schon immer Imperien gebaut. Denn wenn man in einer Diktatur die Kultur im eigenen Land kontrollieren will, gibt es dafür eine einzige und immer funktionierende Taktik: man überhäuft einen kleinen und dafür empfänglichen (=korrumpierbaren) Kreis von Protagonisten wie Currentzis mit Ehrungen, Ämtern und Machtpositionen, da diese dann durch allumfassende Dominanz automatisch dafür sorgen, dass eventuelle Gegner des Regimes möglichst wenig zu sagen haben und am Rande der Aufmerksamkeit versauern.

Ich bin sicher, dass sich Currentzis schon lange wundert, warum er überhaupt noch Konzerte in Westeuropa hat, denn in seiner privaten Karriereplanung ist schon lange klar, auf welche Seite er sich geschlagen hat, nämlich dorthin, wo schneller Ruhm, Macht und viel Geld lockt. Aber er sagt natürlich auch nicht nein, wenn er weiterhin eingeladen wird, denn dies bringt nicht nur ihm, sondern auch seinen treuen Musiker:innen Devisen, die ihnen das Leben in Russland erleichtern.

Jeder, der auch nur einmal in Russland war, weiß, dass sich die Supermärkte, die der Stiefellecker Tucker Carlson bei seinem Putin-Besuch stolz seinen amerikanischen Landsleuten präsentierte, anders als deren Äquivalente im Westen nur von den Reichsten der Reichen besucht werden können. Und nicht alle von diesen Reichen verdienen ihr Geld auf legale Weise. Das hier ist die russische Realität: Das russische Durchschnittseinkommen fällt im Moment und liegt bei 900,-USD. Es ist vollkommen klar, dass selbst wenige kleine Konzerthonorare aus Europa eine Familie in Russland monatelang versorgen können.

Und deswegen spielen Currentzis und seine Freunde dieses Spiel mit, solange es irgendwie geht. Warum sollten sie dazu nein sagen? Sie nehmen es halt, solange man das zahlt, das ist die menschliche Natur. Und wenn man das Ganze irgendwie als „Friedenskonzert“ verkauft, läuft das alles noch viel besser. Und man muss dazu noch nicht einmal lügen: auch Putin will den Frieden, nämlich den Frieden einer komplett unterworfenen Ukraine. Nur Pech, wenn diese offensichtliche Augenwischerei durchschaut wird.

Aber auch das schert Currentzis wahrscheinlich wenig, denn es gibt weiterhin genügend Menschen, die von seiner Heiligkeit so überzeugt sind, dass sie vergessen haben, wie man zwei und zwei addiert.

Solange es also immer noch ein paar nützliche Unterstützer wie den SWR oder die Salzburger Festspiele gibt, wird das auch so weitergehen. Insgeheim lacht sich Currentzis vermutlich kaputt darüber, erzählt den Verantwortlichen irgendwelche Märchen oder schweigt geheimnisvoll, aber so wahnsinnig geheimnisvoll ist das alles natürlich nicht.

Dass sich aber gestandene Intendant:innen und Redakteur:innen für dieses offensichtliche doppelte Spiel zu untertänigsten Gehilfen machen, ohne das im Geringsten nötig zu haben, das ist das eigentlich Überraschende daran. Wie lange will man sich diese Farce noch anschauen?

 

Moritz Eggert

 

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