Das Erbe von Harald Schmidt wird beschädigt

Ich bin mit der „Harald Schmidt Show“ aufgewachsen. Jeden Tag schauten die alten weißen Männer meiner Generation das. (Ich war damals noch ein junger weißer Mann.)

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Jetzt ist vor ein paar Wochen ein Podcast erschienen, über den ich mich beim Lesen des Titels erst einmal gefreut habe. Ich nenne den Namen des Podcasts nicht. Aus Gründen. Aber unter anderem wirkt ein ehemaliger Sidekick von Schmidt mit. (Wer die Show damals auf Sat1 regelmäßig schaute, der weiß, um wen es sich handelt.)
Die Vorzeichen für den Podcast fand ich hervorragend: Man spricht über uralte Folgen der Show, über besondere Ereignisse, Gäste und Inhalte.

Leider ist dieser Podcast sehr schlecht. Und nicht nur dies. In den ersten sechs Folgen hat offenbar das Mikrofon nicht funktioniert. So, dass die beiden, die diesen Podcast betreiben, tatsächlich offenbar die Not-Aufnahme mit dem zwei Meter weiter weg liegenden Smartphone verwendet haben. Die Tonqualität ist während der ersten Folgen also absolut unterirdisch.

Zudem ist der Podcast rassistisch, frauenfeindlich und unlustig. Würde ich meine empathischen Ressourcen anzapfen: Man könnte irgendwie auch Mitleid mit dem ehemaligen Schmidt-Sidekick haben. Denn seine Ehe ist gescheitert (wie der Sidekick en passant einmal erwähnt). Das tut einem natürlich leid. Offenbar ist daraus aber bei ihm eine frauenfeindliche Haltung erwachsen, die mehrfach darin negativ kulminiert, dass der besagte Sidekick sehr schlecht und herabwürdigend über Frauen spricht. Bisweilen wird das „F“-Wort verwendet. In anderen Folgen – eine der Episoden enthält diesen Passus sogar im Titel – spricht man mehrfach das „N“-Wort aus. Immer ein bisschen „witzelnd“ darüber, „dass man das ja heute nicht mehr sagen darf.“ Das ist jämmerlich.

Ich würde mir einen Schmidt-Podcast wünschen, der mit Leidenschaft und gutem Abstand die Nostalgie im Rückblick auf damaligen Zeiten feiert. Doch bei diesem Podcast ist diese Haltung für den Hörer überhaupt nicht möglich. Denn der Sidekick lässt eine Uhr mitlaufen, die die Folgen zeitlich beschränkt. Sehr wahrscheinlich, weil er immer nur für eine bestimmte Minutenanzahl bezahlt wird. In der neuesten Folge macht er dies sogar zum Thema, weil man die runterlaufende Uhr zu Beginn vergessen hat anzuschalten. So nimmt das Maß an Lustlosigkeit noch zu.

Auch Harald Schmidt hat sich in den letzten Jahren darin gefallen, gegen „Sankt Wokistan“ zu wettern. Das hat er aber meistens mit spitzer, kluger Zunge getan. Und jeweils mit der Ankündigung: „So, jetzt halte ich euch mal den Spiegel vor.“ Und inzwischen moderiert Harald Schmidt, den ich weiterhin liebe und dem ich viel verdanke, sogar einen Podcast über das Thema Depression. Und das ohne falsche Rücksicht, mit überraschend großer Sensibilität und Empathie. So kann es auch gehen.

Man muss nur eben klug genug sein. Und das sind die beiden Schmidt-Podcaster leider nicht. Also: überhaupt rein gar nicht. Schade!

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

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