Ich und du, Müllers Kuh

Ich und du, Müllers Kuh

Werbung

Ein sehr bekannter und erfolgreicher Komponistenkollege aus London schrieb neulich auf Facebook darüber, was er denkt, wenn ihn bestimmte Orchester bitten, eine Petition zu ihrer Rettung zu unterschreiben. Nämlich: „ihr habt mich bisher nie aufgeführt oder euch einen Dreck für mich interessiert – und jetzt soll ausgerechnet ich euch aus der Patsche helfen?“.

Er schloss seine Gedanken dann damit, dass er dennoch die Petition am Ende unterschreibt, aus einem Pflichtbewusstsein heraus. Denn seine eigene Beleidigung durch dieses Orchester solle weniger wiegen als die Notwendigkeit dessen Erhalts.

Anders ein weiterer Kollege: Als die Diskussion um die Kürzung der Rundfunkorchester hochkochte fand sich ein ähnlicher Kommentar unter meinem Artikel hierzu: „Genau diese Rundfunkorchester haben mich bisher als Komponisten komplett ignoriert und sogar bewusst ausgebremst. Sie sind also selbst schuld, wenn sie jetzt abgeschafft werden, ich weine ihnen keine Träne nach!“. Dieser Kommentar erzeugte Wogen der Entrüstung, war aber wenigstens ehrlich.

Ein anderer Kollege und Freund beschwerte sich bei mir, dass ihn eine bestimmte Konzertreihe schon seit Jahrzehnten komplett mit Aufträgen ignoriere und er deswegen nun beschlossen hat, dort nicht mehr hinzugehen. Ich riet ihm, sich nicht zu grämen, da selbst die Berühmtesten der Berühmten Konzertreihen kennen, in denen sie ignoriert werden. Und auch die größten Stars nicht auf jeder Oscarverleihung eingeladen sind.

Das sind einige Beispiele für die seltenen Situationen, in denen Kolleg:innen offen äußern, wo sie sich „zu kurz gekommen“ fühlen. Meistens wird nämlich aus „taktischen“ Gründen darüber geschwiegen, denn wer ständig Unzufriedenheit äußert (vor allem, wenn er/sie von den meisten eher als erfolgreich wahrgenommen wird) riskiert, anderen entweder auf den Wecker zu gehen oder als gierig wahrgenommen zu werden. Wenn wir absolut ehrlich sind und uns selbstkritisch betrachten, müssen wir aber alle gestehen, schon ähnliche Gedanken gehabt zu haben.  Wir kennen alle das Gefühl zur Schulzeit, wenn man zu einer bestimmten Party nicht eingeladen wurde und das so nebenbei erfährt. Wir kennen alle das Gefühl, ignoriert zu werden, und dieser Schmerz sitzt tief.

Wir tendieren daher alle dazu, ein bestimmtes Bild von uns selbst zu haben, das auch beinhaltet, wie uns die Umwelt möglicherweise unterschätzt oder unsere Fähigkeiten nicht richtig würdigt. Wenn jemand einen Erfolg feiert, den wir als unverdient empfinden und den wir gerne selbst gehabt hätten, empfinden wir immer einen Stich.

Je erfolgreicher wir werden, desto mehr wachsen diesbezüglich unsere Ansprüche. Man wird nie „satt“, was die Erfüllung dieser Erwartungen angeht. Egal wie groß der Preis ist, den man gerade bekommen hat, es wird sicher jemanden geben, der einen höherdotierten Preis bekommt und den man als „unverdient“ empfindet. Daher macht es auch am Ende unglücklich, sein ganzes Leben nach solchen Belohnungen auszurichten, denn sie sind so flüchtig wie Sand im Wind. Man bekommt auch nie genug, da man sich über erhaltene Würdigungen zwar freut, aber sie viel zu schnell abhakt mit Blick auf die Würdigungen, die einem bisher entgingen. Das ist ungefähr so wie Bayern München, die ständig die Bundesliga gewinnen, aber eigentlich immer nur über die Champions League reden, während für einen anderen Verein der Klassenerhalt der große Erfolg ist, den man einem anderen Verein neidet.

Aber zurück zu dem, was der englische Kollege geschrieben hat. Denn darin steckte die Erkenntnis, dass es größere Zusammenhänge gibt, die wichtiger sind als eigene Frustrationen. Wenn man erst einmal erkennt, dass im Grunde wir alle diese Frustrationen kennen, gelingt vielleicht der Blick aufs größere Ganze, den es im Moment dringender braucht, denn je.

Und in diesem fehlenden Blick aufs Ganze liegt das eigentliche Problem des Kommentars zu den Rundfunkorchestern. Was ist das für eine narzisstische Begründung: „Weil sie mich nicht spielen und ignoriert haben, fehlt ihnen der Sinn“? Das ist nämlich Quatsch: es gibt tausende von Dingen in unserem Leben, die für uns persönlich keine Rolle spielen, und die dennoch sinnvoll sind. Da könnte man auch sagen, dass man Brillen abschaffen sollte, nur weil man selbst keine braucht, oder Rampen für Rollstuhlfahrer, nur weil man selbst nicht im Rollstuhl sitzt. Was andere brauchen ist ebenso wichtig wie das, was man selbst braucht.

Wenn wir Kultur – was essenziell ist – als Reichhaltigkeit und Vielfalt verstehen, dann ist eine Welt mit mehr Orchestern, möglichst vielen Konzertreihen und Entfaltungsmöglichkeiten für unterschiedlichste künstlerische Ansätze auf jeden Fall besser als eine Welt, in der diese Möglichkeiten zunehmend beschränkt und reduziert sind. Für mich persönlich heißt das: Selbst, wenn mich dieses und jenes Orchester oder dieses und jenes Festival lebenslang ignoriert hat, werde ich dennoch wie ein Löwe für dessen Erhalt kämpfen. Denn am Ende geht es nicht um mich, auch wenn mir das mein Stammhirn ständig einreden will. Wir sind wie in einem großen Garten: jeden Tag sterben Blumen und Gewächse, aber wir geben unser Bestes, das zu verhindern und hegen alles, was wächst.

Gerade in diesen schwierigen Zeiten sollte uns der „Blick aufs Ganze“ wichtiger denn je sein. Es wäre fatal, uns gegenseitig eifersüchtige Vorwürfe zu machen, während schon die Rettungsboote ausgefahren werden. Wir müssen größer werden als unsere inneren Verletzungen und Frustrationen.

Ich widme daher diesen Artikel den Donaueschinger Musiktagen und dem Münchener Kammerorchester. Sie werden genau wissen, warum, haben sie mich doch bisher aus mir vollkommen unerfindlichen Gründen und vollkommen ungerecht…

Aber halt!

In Wirklichkeit will ich euch nur sagen: ich habe euch lieb! Egal, ob ihr mich aufführt oder nicht.

So wie jede andere Blume in unserem Garten.

 

 

Moritz Eggert

 

 

 

 

 

Verwandte Artikel

Eine Antwort

  1. Ta Schei sagt:

    Ich mag die Auseinandersetzungen von Herrn Eggert mit dem aktuellen Geschehen. Auch wenn ich seiner Sichtweise nicht immer zustimme, eröffnet es mir in solchen Fällen eine neue Perspektive, die ich vielleicht bisher außer Acht ließ.
    Diesen Appell möchte ich besonders unterstützen!! Nicht nur, sollten wir das „Große Ganze“ öfter im Blick haben. Wir sollten uns auch weniger mit – vor allem negativen – Dingen beschäftigen, die man ohnehin nicht mehr ändern kann! Wenn der Preis (vielleicht zu unrecht) bereits vergeben ist, was nützt es darüber immer und immer wieder nachzudenken oder noch schlimmer zu lamentieren? Was bedeutet es denn, wenn ein Komponist den Rundfunkorchestern den Sinn abspricht, weil er nicht aufs Programm genommen wurde? Dass die Werke, die von den Orchestern programmiert wurden allesamt weniger wert sind als die seinen? Das eine tun und das andere nicht lassen hat mein früherer Chef immer gesagt. Also ja, Orchester und Festivals retten, weil sie schon Wunderbares tun – und trotzdem auch dafür kämpfen selbst gehört zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.