Der Stand der Dinge (Juli 2022)

Der Stand der Dinge – Juli 2022

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Wie war das noch vor gar nicht so langer Zeit? Macht alles auf anstatt dicht! Konzerte sind coronasicher! Sperrt doch nur die alte Bevölkerung weg, die Jungen sind immun! Wir müssen aufstehen für die Kunst!

Wie viele Videos und Appelle mussten wir ertragen, in denen immer wieder nicht so wirklich wissenschaftlich „bewiesen“ wurde, dass es doch vollkommen unbedenklich sei, das Konzert- und Veranstaltungsleben einfach weiter laufen zu lassen.

Nun, jetzt ist alles offen, und wir haben den Salat. Man sieht nämlich, dass es dann doch nicht so einfach ist. Konzerte und Opernaufführungen werden zuhauf abgesagt, weil vor allem die Mitwirkenden sich anstecken und dann jeweils wochenlang außer Gefecht sind (oder schlimmeres). Auch das Publikum traut dem Braten nicht so ganz – viele hatten sich an den Besuch von Konzerten gewöhnt, bei denen sie allein in einer Reihe sitzen wegen Abstandsregeln, nun erleben sie wieder eine neue Unbedenklichkeit und sind psychologisch überfordert.

Wie ein bedingungsloses Offenhalten des Kulturbetriebs am Beginn der Pandemie ausgesehen hätte bei einer ungeimpften und noch nie dem Virus ausgesetzten Bevölkerung, zudem mit wesentlich tödlicheren Varianten als den momentan grassierenden, kann man sich angesichts der heutigen Erfahrungen relativ leicht ausmalen. Vielleicht sind deswegen die einst lauten Initiativen alle verstummt und manche werden ungern daran erinnert, dass sie besonders laut dafür kämpften. Das ist alles verzeihlich – niemand konnte perfekt in die Zukunft sehen. Aber die Unbelehrbaren werden natürlich weiterhin dem Präventionsparadox erliegen und unerschütterlich behaupten, dass es sicherlich nicht so schlimm gewesen wäre. Wobei es doch klar ist, dass es immer nur deswegen nicht schlimmer wurde, weil man etwas dagegen tat, und das mit allen Kräften, enormen Anstrengungen und Entbehrungen. Und vor allem: es IST ja immer noch schlimm.

Denn es gibt eine paradoxe Umkehrung der vorherigen Situation – die Politik will die Maßnahmen in dieser auch noch aus Kriegsgründen schwierigen Zeit nicht verschärfen, solange die Krankenhäuser noch nicht aus allen Nähten platzen. Wie lange die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln noch gefordert werden wird, ist offen, denn als einzige Maßnahme richtet sie dann auch nicht mehr so viel aus, wenn ansonsten alle fröhlich feiern und kuscheln und – vollkommen verständlich angesichts eines drohenden kalten Winters – den Sommer genießen wollen. Nun sind es aber die Veranstalter, die sich freiwillig den strengsten Coronaregeln bis hin zu 2G+ unterwerfen, einfach weil das immer noch die bessere Alternative ist als eine teure Veranstaltungsabsage. Immer wieder erfährt man von spektakulären Ausfällen ganzer Tourneen, die Millionenverluste bedeuten und Opernpremieren werden gleich zu Dernieren, weil direkt nach der vielleicht etwas zu lockeren Premierenfeier große Teile des Ensembles erkranken. Es überrascht also nicht, dass immer mehr wieder strengere Tests gefordert werden von gerade denen, die zuerst davon genervt waren.

Mein Respekt für die Menschen, die in dieser Situation Entscheidungen treffen müssen (Politiker wie Veranstalter:innen), ist in den vergangenen Wochen noch gewachsen. Wie man es macht, ist es falsch – ist man zu streng, fürchtet man das Publikum zu vergraulen, ist man zu lasch, gibt es zwar Publikum aber keine Veranstaltung mehr. Und natürlich können sich Menschen auch weiterhin überall anderswo anstecken, wer kann das verhindern?

Und wer erinnert sich noch an die endlosen Aufrufe in den sozialen Medien: „Kennt ihr überhaupt jemanden, der von Corona betroffen ist? Das ist doch alles fake, ich kenne niemanden!“. Inzwischen müsste man die letzten zwei Jahre allein auf einer Südseeinsel gelebt haben, um von niemandem gehört zu haben, der Covid-19 hatte oder im schlimmsten Fall verstarb. Die meisten von uns hatten die Krankheit, viele schon zwei- oder dreimal. Viele haben Glück und sind kaum betroffen, können aber auch nicht sicher davon ausgehen, dass die nächste Variante nicht unangenehmer für sie sein könnte. Und dann schiebt sich das Thema Long Covid immer mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit – ich kenne in meinem persönlichen Bekanntenkreis inzwischen dutzende, die davon betroffen sind, zum Teil mit so schweren Symptomen, dass sie in Reha gehen müssen. Das alles ist keineswegs ein Spaß und es ist auch noch lange nicht vorbei.

Natürlich sind wir jetzt an dem Punkt, an dem wir „mit der Krankheit leben müssen“. Es ist zu hoffen, dass eine grundlegende Bevölkerungsimmunisierung irgendwann dafür sorgt, dass die Krankheitswellen keine dramatischen Effekte auf den Intensivstationen mehr haben. Aber geben wird es sie weiterhin, und sie werden immer wieder unverhofft etwas lahmlegen oder Disziplin von uns fordern, damit müssen wir uns abfinden.

Was auffällt ist, dass traditionell präsentierte klassische Konzerte nach wie vor mit Zuschauerzahlen kämpfen, während die Popkonzerte – wenn sie denn stattfinden – eher voll sind. Dass das überwiegend ältere Publikum der klassischen Konzerte eher Angst vor den gelockerten Maßnahmen hat, mag teilweise zutreffen, erklärt aber nicht den Trend. Die Gründe hierfür sind komplexer und das Resultat von langjährigen Entwicklungen, die durch die Pandemie beschleunigt wurden.

Es ist zu spüren, dass die Programmgestaltungsdiskussion verschärft geführt wird. Unterschiedlichste Rezepte liegen auf dem Tisch, aber eines wird klar: so wie bisher rumgewurschtelt wurde, geht es nicht weiter. Sicher sollte man wesentlich grundsätzlicher darüber nachdenken, wen man eigentlich wie und warum erreichen will. Geht es wirklich nur darum, den Laden auf Teufel komm raus voll zu bekommen, indem man dem Publikum nur etwas vorsetzt, was keineswegs zu aufregend ist? Oder wäre es nicht gerade jetzt an der Zeit, auch mal scheinbar riskanteren Ansätzen wie zum Beispiel einer wesentlich enthusiastischeren Hinwendung zu zeitgenössischerem (auch weiblicherem!) und lebendigerem Repertoire in sowohl Konzertsälen als auch Opernhäusern eine Chance zu geben? Was gäbe es zu verlieren?

Vielleicht müssen wir uns auch von weiteren heiligen Kühen verabschieden. Die anspruchsvolle zeitgenössische Kunstmusik hat es sich schon lange bequem in einer Stilistik eingerichtet, die zwar in klugen FAZ-Kritiken von z.B. Jan Brachmann mündet, aber nicht unbedingt darin, dass Hörerschichten außerhalb eines akademisch gebildeten Fachpublikums jemals dazu verführt werden, die komplexen ästhetischen Codes zu entschlüsseln. Typisches Zitat: „Frank Reinecke, der durch seine fesselnde Bühnenpräsenz eine Musik des Verschwindens zusammenhält, empfindet als Höhepunkt des Stückes das Herabstimmen der tiefsten Seite seines Instruments um eine ganze Oktave. Der Ton hat eine Frequenz von 20,5 Hertz und liegt damit nur knapp oberhalb der Infraschallgrenze. Reinecke kombiniert diese Frequenz mit einem Tremolo von sieben Impulsen pro Sekunde, was einer Frequenz von 21 Hertz nahekommt. Die Grenzerfahrung des Hörens nimmt die Gestalt des Zitterns an, wodurch die Furcht zu einer musikalisch induzierten, körperlich spürbaren Erfahrung wird.“

Als Fachmann kann ich verstehen, was Brachmann hier beschreibt und es auch wertschätzen, ob aber ein Publikum, dass nicht unbedingt als erstes nach einer „Gestalt des Zitterns“ in einem Konzert sucht mit solchen Sätzen neugierig gemacht wird, wage ich zu bezweifeln.

Gerade heute sehnt man sich aber doch nach einer Musik, die weder in seichte Easy Listening – Gefilde abdriftet wie ein Großteil der „Neoklassik“, noch den Charakter einer musikwissenschaftlichen Arbeit oder einer Stipendienbewerbung am Revers trägt. Ich glaube bedingungslos daran, dass man Musik komponieren kann, die weder in die eine noch in die andere Falle tappt. Um dieser Musik aber eine Chance zu geben, müsste sie auch gespielt werden, man müsste an sie glauben und ihr einen Platz geben, sowohl im Konzertsaal als auch in der Berichterstattung. Es ist deutlich zu spüren (so erlebe ich es bei unseren Studierenden), dass die junge Komponist:innengeneration an einer solchen Musik interessiert ist, daher sollten wir besonders gut auf sie hören in den kommenden Jahren.

Wie auch immer – es ist zwar ein Klischee, dass „Krisen auch Chancen“ sind, aber es erweist sich immer wieder als wahr. Die Zeiten sind hart – machen wir was draus.

 

Moritz Eggert

 

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