Musizieren in Zeiten von Omikron

 

Musizieren in Zeiten von Omikron

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Musikmachen in diesen Zeiten ist ein bisschen wie ein Aufenthalt in einem Schützengraben des Ersten Weltkriegs – man weiß nie, wen es am nächsten erwischt und links und rechts schlagen Granaten ein. Um diese hoffentlich letzte Pandemiephase zu überstehen, braucht man neben dem natürlich immer benötigten Verstand einen eisernen Kampfeswillen und eine gehörige Prise Galgenhumor. So oder ähnlich sind die folgenden Szenen absolut aus dem Leben gegriffen und basieren auf Selbsterlebtem:

 

AM TELEFON

A: Oh Hallo, wie geht es Dir? Du hattest doch vor ein paar Monaten Corona, oder?

B: Nicht so gut.

A: Um Gottes Willen, was ist los?

B: Stell Dir vor: vor einer Woche wache ich auf und höre nichts mehr, außerdem läuft mir Blut aus dem Ohr.

A: What???

B: Und stell Dir vor: Ich gehe zum Arzt, und der sagt mir, dass das eine ganz normale Post-Covid-Erscheinung ist! Und ich solle mir keine Sorgen machen!

A: Danke, jetzt mache ich mir Sorgen!

 

BEIM LIEDKURS

C: Ich habe eine schlechte Nachricht.

D: Was ist los?

C: Also, das Duo, dass ursprünglich mit diesem Lied auftreten sollte, musste absagen, da die Pianistin Corona hat. Aber gottseidank haben wir ein neues Duo gefunden, die haben die Noten aber erst seit drei Tagen.

C: Ok, wird schon…

(Einen Tag später)

C: Schon wieder eine schlechte Nachricht.

D: Was ist denn?

C: Das zweite Duo musste auch absagen, da hier die Sängerin einen positiven Test hatte. Außerdem müssen nun alle diejenigen, die die Sängerin begleitet haben sowie alle, die mit ihr in der Kantine saßen, einen Test machen. Quasi die gesamte Hochschule. Die können also alle erst einmal nicht kommen.

D: Und was machen wir jetzt?

C: Wir haben ein neues Duo gefunden – die sind super, die spielen quasi vom Blatt!

D: Na denn…

(Ein paar Tage später)

C: Ich sag’s ja ungern, aber…

D: Was ist denn jetzt?

C: Duo Nummer drei musste gerade absagen, beide haben Corona.

D: Oh Gott, was machen wir jetzt, das Konzert ist morgen?

C: Keine Sorge, morgen läuft die Quarantäne der Pianistin von Duo 1 ab. Dann können die auftreten.

D: Also die, die es ohnehin ursprünglich machen sollten?

C: Ganz genau.

D: (seufzt)

 

BEI DER PROBE EINES MODERNEN STÜCKS MIT SUBTILEN INSIDE-PIANO-EFFEKTEN

E: So, liebe Musiker:innen, hier haben wir den Komponisten per Zoom zugeschaltet, er kann leider nicht kommen, da er in Quarantäne ist.

F und G: (winken fröhlich in die Kamera) Hallo!

Komponist: (nach 5 Sekunden Standbild und starken Verzerrungen) Äh, Hallo!

F und G: (spielen das Stück vor)

E: Und, wie fandest Du die Interpretation? Kannst Du dazu etwas sagen?

Komponist: (Bild ist eingefroren, Verbindung muss wieder hergestellt werden, dann) Äh, ich habe nichts gehört.

F und G (traurig): Gar nichts?

Komponist: Naja, fast nichts. Hast Du denn die Flageolette in Takt 7 gespielt?

F: Ja!

E: Ja, sie hat sie ganz toll gespielt!

Komponist: Spiel noch mal.

F: (spielt Flageolette)

Komponist: Ich höre nichts.

E: Sie hat sie gespielt, heiliges Ehrenwort!

F: Ich schwör’s!

Komponist (traurig): Ich glaube euch, aber hier höre ich immer nur das Rauschen der Klimaanlage.

E: Hier ist gar keine Klimaanlage. Aber apropos: Wir sollten mal wieder lüften! (macht das Fenster auf)

E (erneut zum Computer): So, wir versuchen es noch einmal.

G: Er ist weg. Verbindung unterbrochen.

H: Ich glaube, es liegt am WLAN.

 

BEI DER OPERNPROBE

Regisseur (nimmt das Mikrophon): Liebe Mitwirkenden, ich muss euch ein paar Mitteilungen machen.

Mitwirkende (raunen): oooh…

Regisseur: Leider ist unser Inspizient in Quarantäne. Netterweise haben wir aber Ersatz gefunden – wenn aber heute alles nicht so glatt läuft, habt bitte Verständnis.

Mitwirkende: Klar, geht in Ordnung!

Regisseur: Außerdem ist meine Regieassistentin ebenfalls erkrankt.

Mitwirkender: Oh nein, wer macht jetzt den Kaffee! (erntet giftige Blicke)

Regisseur: Das heißt im Moment kann niemand Notizen machen und ich bin auf mich allein gestellt. Ich werde aber mein Bestes geben!

Mitwirkende: Bravo!

Regisseur: Nun zur heutigen Probe. Die eine Hälfte des Chors hat ihre Tests noch nicht zurück, daher müssen sie in Maske singen. Die andere Hälfte wird ebenfalls eine Maske tragen, um sich zu schützen. Orchester sollte also bitte etwas leiser spielen!

Dirigent: Wir spielen eh leiser, denn bei uns fehlen heute fast alle Blechbläser sowie das komplette Schlagzeug!

Regisseur: Danke, notiert! Nun zu den Solisten: Frau H wird wie gewohnt gleichzeitig zu ihrer eigenen Rolle die Rolle von Frau I übernehmen, die noch nicht aus der Quarantäne zurück ist.

H: Mache ich doch gerne! (Applaus)

Regisseur: Und da nach wie vor Herr J nicht aus der Quarantäne zurück ist, werden seine 4 Partien allesamt von Herrn K übernommen werden.

K: Ich kann aber nicht gleichzeitig Klavier spielen und singen!

L: Dann übernehme ich den Klavierpart! (Applaus).

Regisseur: Super! Wenn nun also der Chor eingesungen ist, können wir mit der Probe beginnen. Alle auf die Startpositionen! Ach ja, Kostüme gibt es heute auch nicht.

Chorist: Mmhmhmmmhmhbl!

Regisseur: Was ist denn? Ich verstehe Sie nicht?

Chorist (nimmt kurz die Maske ab): Wir haben eben gerade die Meldung bekommen, dass unser Chorleiter krank ist und zuhause bleiben muss! Wer dirigiert uns jetzt hinter der Bühne?

Regisseur: (schlägt die Hände über dem Kopf zusammen)

Intendant: Will jemand einen Kaffee? Ich habe gerade einen aufgebrüht, weil ich ganz allein in unseren Büros bin…

 

NACH DER PREMIERENFEIER, IN DER WHATSAPP-GRUPPE

M: Hey, Leute, ich wollte euch nur mitteilen, dass meine Freundin gerade einen positiven Test bekommen hat. Ich mache jetzt auch mal einen…

Gruppe: „Arrrgh!“ „Panik!“ „Test!“ „Freiwillige Selbstquarantäne!“ „Neben der saß ich doch!“ „Wir waren fünfzig Menschen in einem kleinen unbelüfteten Raum!“ „Wir werden alle sterben!!!!“

Zwei Stunden später:

M: Entwarnung – zweiter Test von Freundin war negativ. Meine beiden Tests auch!

Gruppe: (kollektiver lauter Seufzer)

 

VOR DEM RESTAURANT

N: Kennst Du das auch?

O: Was denn?

N: Diese Scham, wenn man seine Corona-App öffnet, um sie dem Wirt zu zeigen, und die erste Seite mit den Kontaktwarnungen ist schon seit Wochen tiefrot und er schaut einen misstrauisch an?

O: Klar, kenne ich. Geht doch jeder und jedem so.

N: Und was machst Du?

O: Schon vorher auf die Schaltfläche „Zertifikate“ tippen, bevor ich das Handy hinhalte.

N: Ach so, habe ich noch gar nicht dran gedacht…

 

BEI DER PREMIERE

Intendant (tritt vor den Vorhang): Liebes Publikum, ich muss Ihnen heute einige Ansagen machen. Frau P wird heute nicht wie gewohnt die Hauptrolle spielen, stattdessen springt dankenswerterweise Frau Q ein, die in ihrer Rolle von Frau R ersetzt wird. Frau R’s Rolle wiederum wird heute ausnahmsweise von Herrn S übernommen, allerdings im Falsett. Des Weiteren fehlen heute die Herren T, U und V, sowie die Damen X, Y und Z. Ihre Rollen werden teilweise von der Dirigentin sowie auch von mir persönlich von der Seite eingesungen, während unsere Korrepetitoren sich dankenswerterweise das Dirigat teilen. Auf das Ballett und den Chor müssen wir heute leider komplett verzichten. Leider fehlt auch die Hälfte der Bühnenarbeiter, sodass wir heute auf alle Umbauten verzichten werden. Wir werden die Musik dann jeweils anhalten und unsere wunderbare Souffleuse wird Ihnen genau beschreiben, was es zu sehen gegeben hätte. Und bevor Sie jetzt rebellieren und Ihre Karten zurückhaben wollen – Denken Sie sich einfach, dass Sie vom heutigen Abend noch Ihren Enkeln erzählen können, denn sowas gab es noch nie und wird es auch nie wieder geben!

Stimme aus dem Publikum: Erst bei der nächsten Pandemie! (alle buhen ihn aus).

 

Moritz Eggert

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Eine Antwort

  1. 20. Februar 2022

    […] Situation an, werden Veranstaltungen doch nicht aus Gründen des Infektionsschutzgesetzes abgesagt, sondern weil beispielsweise unter den Künstler:innen Erkrankungen auftreten, die dann eben nicht zu…. Nach wie vor ist sicher häufiger die Absage eine Folge von Krankheitsgeschehen als Folge einer […]

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