„Wir wollen ein junges Publikum ansprechen (und anfassen lol)“ – Intendant Sebastian Korrdmann-Ott im Interview

Sebastian Korrdmann-Ott (c) Felix Blöde
Sebastian Korrdmann-Ott (c) Felix Blöde
Sebastian Korrdmann-Ott (c) Felix Blöde

Sebastian Korrdmann-Ott (c) Felix Blöde

Sebastian Korrdmann-Ott (Jahrgang 1974) studierte Betriebswirtschaftslehre in Tübingen, Heidelberg und Marburg, ist Alter Herr einer schlagenden Adels-Studentenverbindung in Heidelberg und Mitglied der FDP. Nach seinem Studium machte der begeisterte Hobby-Organist ein zweiwöchiges Praktikum bei der Deutschen Grammophon. Daraufhin wurde er Intendant der Rummelsburger Schweinskonzerte, wo er vor allem mit neuen Marketingideen begeisterte. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre für eine Unternehmensberatung in London und als Programing Creative Senior Executive Producer Director auf der AIDA. Wir haben den neunfachen Familienvater – natürlich mit Abstand – bei einem Spaziergang in den herrlichen Zitronenbäumen vor Schloss Spritzelsberg zu einem Interview getroffen.

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Herr Korrdmann-Ott, Sie sind seit Mai 2021 der neue Intendant der Spritzelsberger Schlossfestspiele. Wie begeistern Sie ein junges Publikum für ihre Konzerte?

[guckt sich nervös um] Wessen Konzerte? [deutet auf eine – natürlich mit Abstand – vorbeilaufende Herde von Menschen in der Nähe] Sie meinen die Konzerte von denen da drüben?

Wie bitte?

Na, Sie haben „ihre“ gesagt. Sie meinen sicher „Ihre“?

Verzeihen Sie. Nochmal: Wie begeistern Sie ein junges Publikum für Ihre Konzerte?

Nein, nein, nein, nicht „nochmal“. Das war ja jetzt semantisch eine ganz andere Fragestellung als eben, nech?

Bitte, können wir dieses Interview einfach ganz normal führen? Also: Wie begeistern Sie ein junges Publikum für Ihre Konzerte?

Formulieren Sie die Frage doch einmal anders.

Wie locken Sie das Publikum an?

Wie meinen Sie das: „anlocken“?

Ähm…

Achso! [lacht] Ich dachte schon, sie meinten mit „anlocken“… Na, Sie wissen schon. [lacht]

Könnten Sie bitte wieder auf Abstand gehen?

[lacht] Ach, kommen Sie…

Zurück zu meiner Ausgangsfrage: Wie begeistern Sie ein junges Publikum für die Programme der traditionellen Spritzelsberger Schlossfestspiele?

Ich habe jahrelang bei einer Unternehmensberatung gearbeitet. Dort habe ich gelernt, meine Seele zu verkau… ähm, wie man gewinnmaximierende Strategien entwickelt und die als „menschlich“ und „spannend“ verkauft. Und derartige fantastische Ideen kann man durchaus auf die Klassik übertragen und zum Beispiel fragen, wie man es auch mit Mozart, Beethoven und Co. schaffen kann, die Säle zu füllen! Denn immer mehr Menschen interessieren sich immer weniger für Klassik! Und Klassik ist vor allem eine Sache des älteren Publikums… Mit unserem Format „Stars@Books“…

Entschuldigen Sie, aber könnten Sie beim Thema bleiben?

[flüstert] Meine PR-Tussi hatte mir zugesichert, dass Sie mir keine kritischen Fragen stellen!

Ich habe Ihnen doch gar keine kritischen Fragen gestellt! Noch einmal: Wie begeistern Sie ein junges Publikum für die Programme der traditionellen Spritzelsberger Schlossfestspiele?

[wieder normal laut] Wie gesagt: Ich habe bei einer Unternehmensberatung gearbeitet. Und da haben wir vor allem viel gekok… [niest] … Entschuldigung. Dort habe ich vor allem gelernt, zu optimieren. Wissen Sie, wenn ich in einem leeren Konzert mit unbekannten Werken von Johan Brahms sitze, dann bin ich traurig. Ich will aber begeistert sein! Ich will volle Säle – und, klar, meine Vertragsverlängerung! [lacht] Wir brauchen einfach mehr Impact und ein anderes Wording in der Ansprache eines jungen Publikums. Deshalb übertragen wir jedes Konzert ab der neuen Spielzeit – wenn es Corona zulässt! [lacht] – bei Knuddels und bei Twitch. Die Kids und die jungen Dudes können sich außerdem – bei unserem bundesmittelgeförderten Projekt „classic@cool“ – während der gerade einmal zehnminütigen Sinfonie-Konzerte mit der Philharmonie der Nationen unter Justus Frans VR-Brillen aufsetzen, mit denen sie gleichzeitig informative Bilder zu den gerade in diesem Moment gespielten Werken sehen können. Niemand braucht mehr Konzerteinführungen oder Blidung! [lacht] Huch, jetzt habe ich „Blidung“ gesagt. Ich meine natürlich „Bildnug“!

Gibt es weitere neue, innovative Formate während Ihrer ersten Saison als Intendant?

Wir müssen natürlich erst einmal schauen, wie das mit dieser Corona-Krise jetzt weitergeht. Aber wir werden im Grunde ganz neue Klassik-Erlebnisse bieten! Wissen Sie, ich will begeistert sein, ich will volle Säle, ich…

Aber das sagten Sie doch bereits?

…ich will neue Formate, klar! In meinem ersten Jahr als Intendant wird es die Premiere unseres neuen Formats „Stars@Books“ geben. Und wenn Sie nach Komponistinnen fragen…

Habe ich doch gar nicht!

Ja, aber so, wie ich Sie kenne, werden Sie das! Also, natürlich haben wir auch Komponistinnen mit am Start! In unser Premiere von „Stars@Books“ wird Matthias Schweighöfer Briefe von Clara und Robert Schumann lesen. Dazu spielt das… hier dieses eine Quartett Werke von Robert Schumann. Außerdem konnte ich durch meine internationalen Kontakte die Schauspielerin Katja Riemann gewinnen, alle Konzerte der Spritzelsberger Schlossfestspiele zu moderieren. Natürlich locker – und nicht so steif! Denn, und das ist mir als Intendant ganz besonders wichtig: Wir müssen uns öffnen! Auch zum Beispiel für die Musik von Ludovico Einaudi. Damit erreichen wir ein viel größeres Publikum! Und: Auch diese Musik muss gut gespielt werden! Man muss sich eben mal drauf einlassen! Wir wollen einfach über den Tellerrand gucken. Für mich ein absolutes Highlight! Wissen Sie, ich will begeistert sein, ich will volle…

Sie wiederholen sich!

Wissen Sie, ich bin enttäuscht von Ihnen. Ich dachte, ich könnte mich mit Ihnen über meine Liebe zu vollen Sälen und über die Liebe zu meiner eigenen Begeisterung unterhalten!

Themenwechsel: Welche Künstler*innen werden denn bei der ersten Ausgabe Ihres Festivals auftreten?

Vor allem junge Künstler! Denn wir wollen ja auch ein junges Publikum anziehen! [plötzlich flüsternd] Und nicht nur „anziehen“, wenn Sie verstehen, was ich… [wieder laut] Wir haben zum Beispiel unser Dress Code Concept ganz neu justiert. Bei uns braucht man keinen Anzug und kein Abendkleid zum Konzertbesuch tragen! [flüstert] Und untenrum eh nichts… [lacht] Entschuldigung. [wieder laut] Ich habe vorhin schon mit ein paar Sponsoren ein, zwei Sektchen getrunken… [lacht] Also, wir sind ganz nah dran an Klassik-Topstars wie Johannes Kaufmann und Anne Sophie von Motter. Auch, wenn wir denen halt 80.000 bis 120.000 Euros pro Abend in den Rachen werfen müssen. Ich schaff das mit meinen Sponsoren-Kontakten schon. [lacht] Außerdem werden wir ja vom Land und vom Bund gefördert! [lacht] Bei den kleineren Ensembles können wir natürlich nur 200 bis 300 Euro pro Person zahlen, klar. Aber Kaufmann und Motter: Das sind eben die jungen Stars, die die Leute wollen. Das zeigen auch unsere Evaluationen…

Was für Evaluationen?

Ich habe mit großem Aufwand Leute von der Unternehmensberatung, bei der ich mal gearbeitet habe, ins Haus geholt. Und die haben über Monate bekokst in ihren Büros ona… ähm, die haben herausgefunden, dass die Leute vor allem Hits wollen wie „Die kleine Nachtmusik“ und „Für Elise“. Und genau das geben wir unserem Publikum jetzt! Außerdem wird Barbara Schöneberger die „Zauberflöte“ inszenieren. Das Irre ist: Barbara wird die Rezitative dieser Oper sprechen lassen. Von Schauspielern wie Katharina Thalbach, Moritz Bleibtreu, Axel Prahl und Sebastian Koch. Eine „Zauberflöte“ ohne nervige Rezitative! Ein ganz neues Regie-Konzept, auf das ich mich sehr freue! Wissen Sie, ich liebe volle Säle, ich liebe es, begeistert zu sein, wenn ich begeistert bin. Klassik ist viel zu elitär. Unser Publikum will sich auch mal eine Bratwurst in die Fresse quetschen, während drinnen noch die Siebte von Tschaikowski läuft. Ich will das Haus öffnen!

Das habe ich jetzt noch nicht verstanden. Wie genau wollen Sie das Haus öffnen?

Ähm, mit meinem… Schlüssel.

Sie sprachen eben von Barbara Schönebergers „Zauberflöten“-Inszenierung auf der großen Bühne vor dem Schloss Spritzelsberg. Eigentlich ist die „Zauberflöte“ ja ein Singspiel, in dem es gar keine Rezitative gibt…

Wissen Sie, was mir nicht gefällt? Diese Negativität von euch Journalisten! Immer müsst ihr kritisieren und alles miesmachen. Machen Sie sich doch mal locker! Wissen Sie: Ich liebe voll Brü…

[Abbruch des Interviews]

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.